Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 39-40 (15.5.1902)
- Date
- 1902-05-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449795-2449831--55915-3521545- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
$F ‘t u i 1111 O u*. Grzähkurrg von fSabdte Fried, Urcrg.; « ' > . „A so, ich weiß schon. Du suchst nach Nachrichten vom Manöver, weil der undankbare Mensch nichts von sich hören läßt. Dü Närrchen Du, meinst Du denn, da wird Don einem einfachen Soldaten, selbst wenn es ein Unteroffizier ist, was stehen? Ja, von einem General, oder von einem hohen Offizier, und. auch da nur, , wenn er sich besonders hervorthut, aber von einem gewöhnlichen Soldaten, und gar einem Juden? Keine Spur! — Und dann, Madel," rief Frau Esther mit Pathos, die eine Hand in die Seite stemmend undmit der anderen den Kochlöffel, mit dem sie eben hantirte, schwenkend, „Du denkst mir. zu viel an den Jungen. — Man weiß ja nicht, wer er ist — er ist nichts, er hat nichts. Das bissel schneidern, das er gelernt hat, kann seine Person allein nicht ernähren, und jetzt beim Militär wird er das auch noch vergessen. Früher wenigstens Hab* ich ihn noch für brav gehalten. Das letzte Mal schreibt er, was für Aufnahme er dort unten unter den Slovaken in einem jüdischen Meierhose gefunden, wie ihn die Frau gerne hat, und basta aus — weiter kein Wort von ihm schon drei Wochen, gewiß hat er mit der reichen Wittwe da unten angebandelt, da vergißt man seine Wohlth'äter im Vöhmerlande gar bald." Sophie wurde die Entgegnung, welche ihr ohnehin . sehr schwer angekommen wäre, erspart, denn das. Ryllen einer Kutsche wurde gehört, der Wagen stand plötzlich vor dem Hause still.' Der inzwischen aus der Synagoge heimgekehrte Neb Schlome war dem Insassen des Wagens beim Aussteigen behilflich. Es war dies der erwartete .Kreisrabbiner. Ehrerbietig führte Teinitz seinen ehrwürdigen Gast in das für ihn vorbereitete Zimmer, auf Hessen mit einem bunten Teppiche bedeckten Tische eine . Vase mit einem Strauße duftender Blumen stand. So einfach die Einrichtung dieses Zimmerchens war, so schimmerte alles darin durch größte Reinlichkeit und Ordnung. . ' Voller Behagen ließ sich der alte Herr in dem beauemen, mit großgeblumtem Kattun überzogenen Lehnsessel nieder, um von der Fahrt in der Sommerhitze auf der holperigen Landstraße auszuruhen. " - Nicht lange darnach erschien die Hausfrau, welche geschwind eine andere Haube aufgesetzt und eine frischgeplattete Schürze umgebunden ^tte, um sich dem verehrten Gaste vorzustellen und ihm eine schon vorbereitete Erfrischung anzubieten. : tj;/.*■■ Der alte Gelehrte sprach sehr freundlich mit der einfachen Frau, so daß diese bald ihre Befangenheit ab«, legte und auf alle Fragen, die er an sie richtete/frischweg Antwort, ertheilte. So erzählte sie ihm auch, daß ihr einstiger Pflegesohn beim Militär avancirt. sei; und sich überdies so herausgebildet habe, daß es ein Vergnügen sei, seine Briefe zu lesen. Er habe, bis jetzt, jede Woche geschrieben, doch nun drei Wochen nichts/, mehr von sich hören lassen. Er sei bei Gelegenheit der. Manöver bei einer reichen — jungen, ergänzte, ihre eigene Phantasie — Mittwr rinquartirt gewesen, und diese scheine seine ganze Zeit.und. .Aufmerksamkeit-^rart.rn 7 Anspruch zu nehmen, daß er.Wsie.alten'Areimd?.'ganz-- lich vergessen hat. ' . 7 \ . „Dies Letztere muß grade nicht der ' Fall sein," meinte entschuldigend der Gast, „er kann auch durch strenge Dienstpflichten vom Schreiben abgehalten worden sein. Wenn er aber dort in dem entlegenen Lande wirklich ein Familienglück und eine sichere Existenz findet, so ist es dem verwaisten jungen Manne wohl zu gönnen, der gänzlich ohne Familie ausgewachsen wäre, wenn Ihr, meine lieben Freunde, Euch nicht seiner angenommen hättet, was Euch der gerechte und gütige Gott gewiß an Eurem eigenen Kinde lohnen wird." 1 Der Raw machte und empfing am ersten Abend seines Verweilen? in Hlinov -keinerlei. Besuche, sondern verbrachte ihn im trauten Gespräche mü seinen Gastfreunden, deren einfache, jedoch liebenswürdige Gastfreundschaft ihm sehr wohl that und er fühlte sich sehr behaglich bei ihnen. \ iV Besonders war es Sophie, deren Änmüth und witzige Schlagfertigkeit den alten - Gelehrten ', fesselten. v vil. 1 .. Während andern Tages der Kreisrabbiner in der Religionsstunde die obligate Prüfung abhielt und . der Gemeindediener die große Düte voller in buntes Seidenpapier gefüllter Zetteln zum Vertheilen an die..Schuld bereit hielt, fand in der Teinitz'schen Wohnung ein Ereigniß statt, welches Mutter und Tochter.derart in Aufregung brachte, daß der für das Mittagsmahl. zu Ehren des Gastes vorbereitete Aepfelftrudel in Äefahr gerieth, in seiner Entwickelungsperiode gestört, jagänzlich verdorben zu werden.: ■•••<;- rV 1Mh\ Es war ein Brief an Se. Ehrwürden, den Herrn Rabbiner Salomon Teinitz in^linod.-gekoWA^geschrieben von einer ungelenken Hand, mit großen, altmodischen Buchstaben. Der Inhalt dieses-Briefes hätte die beiden Teinitz'schen Damen^gänz aus dem.Häuschen gebracht. - > - Frau Esther hatte es nur ihrer erprobten Geschick« lichkeit zu' dünken,-daß sie trotz der Aufreguüg' in.die sie durch diese Epistel versetzt wurde, dennoch das Wttagsmahl fertig machte, während auf Sophie'gar-'kein Verlaß war, ■ : :;;rv ,