Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 34 (21.11.1918)
- Date
- 1918-11-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jfldische Korrespondenz Bezugspreis: GanzjährigK 12,halbjährig K6, vierteljährig K 3. Einzelnummer 30 Heller. | Wochenblatt für jüdische Interessen. I Redakteur: Jonäs Kreppei. Redaktion u. Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Nr. 34. Wien, 21. Noveihber 1918. IV. Jahrgang. Dringend etfttdjett wir unsere P. T. Abonnenten, deren Abonnement avgeknnfen ik, dasselbe umgehend zu erneuern, damit in der Zusendung des Plattes keine Unterbrechung eintritt. Die Adminiitration. Organisation der Juden Deutschösterreichs. (Von besonderer Seite.) Die österreichische Judenschaft ermangelte bisher einer einheitlichen, umfassenden Organisation. Gar manche Versuche, welche nach dieser Richtung in den letzten Dezennien unternommen wurden, haben fehlgeschlagen, teils aus Mangel an überragenden Person- MhtMG-WM-MSMSmitzEMM'MreNProgrammes, teils aber auch infolge der inneren Konstruktion der österreichischen Judenschaft, welche im Westen und im Osten verschiedene Bedürfnisse hatte und verschiedenen Zielen zustrebte. Die „Israelitische Allianz zu Wien" war wohl ursprünglich dazu bestimmt, die Gesamtjudenheit Oesterreichs zu vereinigen und zu repräsentieren, konnte aber ans vielfachen Gründen ihrem Ziele nicht näherkommen und entwickelte sich schließlich zu einer bloß charitativen Organisation, die in den Stunden der Not gewissermaßen mechanisch in Tätigkeit trat, sonst aber kaum ein Lebenszeichen von sich gab. Auch die „Oesterreichisch- Jsraelitische Union" steckte sich zunächst weite Ziele, blieb aber gleich zu Beginn ihrer Tätigkeit mitten im Wege stecken und beschränkte sich schließlich auf die Arbeit eines Rechtsschutzbureaus, das ebenfalls nur von Zeit zu Zeit in Aktion trat. Ohne die Kleinarbeit dieser Organisationen unterschätzen zu wollen, sei konstatiert, daß sie nach keiner Richtung hin ihren hellklingenden Titeln entsprachen. Die wiederholt im letzten Dezennium unternommenen Versuche, einen österreichisch-israelitischen Gemeindenbund ins Leben zu rufen, zeitigten ebenfalls kein positives Resultat. Die Gegensätze zwischen Ost und West waren zu stark, um ein gemeinsames Band um alle Gemeinden schlingen zu können, Orthodoxie und Fortschritt, die gerade im Gemeindeleben am heftigsten gegen einander gerieten, wollten und konnten sich nicht die Hand reichen. Schließlich war der Ruf der Kultusgemeinden als offizieller Repräsentanz der Judenschast infolge mannigfacher Umstände im Laufe der Zeit so sehr untergraben worden, daß selbst die Gründung eines solchen, Gemeindebundes kaum zum angestrebtcn Ziele hätte führen können. So war es denn gekomitien, daß die österreichische Judenheit in der ernsten Zeit, die wir jetzt durchleben, ohne Eigentliche Repräsentanz dasteht und Gefahk läuft, in ihren wichtigsten LebensinteresseN hintangesetzt zu werden. Die Gründe, die bisher die Schaffung einer umfassenden Organisation der österreichischen Judenschast behinderten, wögen mehr oder weniger gerechtfertigt sein; sie waren nun einmal da, und mit diesem Stande der Dinge mußte gerechnet werden. Heute stehen wir jedoch einer neuen Situation gegenüber. Der Zerfall des alten Oesterreich brachte es mit sich, daß in Deutschösterreich mehr vereinfachte Verhältnisse eingetreten sind. Die jüdischen Elemente sind mehr homogen, die Interessen viel einheitlicher und die Konzentration aller Kräfte viel leichter zu erzielen. Anderseits ist diese Konzentration um so dringender geboten, als in unserer Mitte eine kleim Gruppe, die einseitige Ziele verfolgt, sich allzu laut bemerkbar »acht und sich bestrebt, die Führung an sich zu reißen, ohne hiM weder vermöge ihrer Zahl noch ihres Programmes die Legitimation zu besitzen. Um Mißverständnisse zu vermeiden, sei ausdrücklich betont, daß an dieser Stelle die prinzipielle Seite der Frage, inwiefern das nationale Moment im jüdischen Problem an die erste Stelle zu rücken sei, nicht näher erörtert werden soll. Es handelt sich vielmehr um Erwägungen realer Natur, und da muß gesagt werden, daß die Taktik unserer Nationalisten keineswegs zweckentsprechend und der Sache fördernd ist. In diesen Blättern ist in letzter Zeit wiederholt darauf hingewiesen worden, daß die Politik der Geschäftigkeit, die von nationalistischer Seite betrieben wird, keineswegs jene Erfolge aufzuweisen hat und aufweisen kann, deren sich ihre Exponenten rühmen zu dürfen glauben. Es ist geradezu absurd, anzunehmen, es bedeute für die jüdische Sache einen großen Fortschritt, wenn die Frage, ob die Juden in Deutschösterreich als eine besondere Nationalität anzuerkennen wären,' einen Zankapfel zwischen den Sozialdemokraten und den Deutschfteiheitlichen einerseits und den Christlichsozialen und Alldeutschen anderseits bildet. Das warme Interesse, das die „Reichspost" und die „Ostdeutsche Rundschau" diesem jüdischen Postulate widmen, und die Form, mittelst deren sie dasselbe begönnern, ist höchst verdächtig. Uebrigens machen die Christlichsozialen und die Alldeutschen gar kein Hehl daraus, wohin sie zielen. Es ist keineswegs das Gefühl der absoluten Gerechtigkeit und der wahren Demokratie, von dem sie beseelt sind, wenn sie den nationalistischen Postulaten das Wort reden. Offen und klar sagen sie, daß sie die Juden zu dem Endziele als fremdes Element im Staate gestempelt sehen möchten, um sie desto leichter entrechten zu können. Es ist nur komisch, anzunehmen, daß derselbe Herr £, der beispielsweise vor Jahresfrist eine Kampagne gegen Dr. Weiskirchner einleitete, weil er ihm zu wenig antisemitisch war, heute plötzlich in einen Apostel der Gerechtigkeit sich verwandelte, weil er in seiner neuen Staatsstellung eine jüdische Deputation empfing und derselben einige freundliche Worte zum besten gab. Es wirkt grotesk, glauben zu wollen, daß derselbe Herr D., der seit jeher die Einführung einer Prozentnorm für die Juden auf allen Gebieten des Lebens forderte, heute plötzlich den jüdischen Beamten Ausnahmskonzessionen zu gewähren bereit sei. Man kann sich leicht vorstellen, wohin diese Politik führen dürfte und welche Gefahren der Judenschast drohen, wenn diese Politik nach außen hin als der Ausdruck der jüdischen öffentlichen Meinung gelten sollte. Stunde^ d^^ch^a^^crnsten^^teM^dtt dW^ deutschösterreichischen Juden ralliieren, um zunächst die bürgerlichen und politischen Rechte der Juden gerade in dieser Uebergangszeit zu schützen. Die maßgebenden Stellen sollten es wissen, was die Juden verlangen und was ihnen frommt. Die innerjüdischen Fragen wollen wir zunächst im eigenen Lager zur Austragung bringen. Nach außen hin darf keine vereinzelte Gruppe sich das Recht anmaßen, im Namen der Gesamtheit zu sprechen. Eine Organisation tut not, die Schaffung derselben ist gegenwärtig viel leichter als jemals, und es darf nicht länger gezögert werden. Lhaos und Pogrome. Auf dem Gebiete der bisherigen österreichisch-ungarischen Monarchie herrscht ein Kampf Aller gegen Alle. Polen und Ukrainer, Magyaren und Slowaken liefern einander blutige Schlachten. Ukrainer und Rumänen, Deutsche und Tschechen, Magyaren und Rumänen, Slowenen und Italiener geraten aneinander und der Kleinkrieg ist bereits in bester Blüte. Da die Macht des bisherigen Zentralstaates nicht mehr da ist, um diese heterogenen Elemente auseinander zu halten und ihnen Ruhe zu gebieten, nimmt die Anarchie und das Chaos täglich mehr überhand, und allseitig wird die Entente herbeigerufen, um die kraft ihres Sieges gestörte Ordnung wieder herzustellen. Wer weiß, ob nicht in manchen Kreisen bereits der Gedanke sich durchringt, die Existenz des alten Donaustaates sei denn doch nicht ganz ohne Berechtigung gewesen und daß es sich unter