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Jüdische Korrespondenz · 1918-07-25 · 24 (25.7.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
24 (25.7.1918)
Date
1918-07-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jfidischeiforrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K8, halbjährig K4, vierteljährig K 2. Einzelnummer 20 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion u. Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Nr. 24, Wien, 25. Juli 1918, IV. Jahrgang. Labinettswechsel in Gestenreich. Die einseitige Haltung gewisser parlamentarischer Gruppen hat zu einem Ministerwechsel in Oesterreich geführt. Im Besitze des höchsten Vertrauens der Krone, sich der weitgehendsten Unterstützung der erdrückenden Majorität der staatserhaltenden Parteien erfreuend, sah sich Ministerpräsident Dr. von Seidler veranlaßt, um die Enthebung vom Amte zu bitten, als er zur Ueberzeugung gelangte, daß die eigenartigen Verhältnisse im österreichischen Parlamente dazu geführt haben, daß seine Person ein Hindernis für die glatte Abwicklung der Arbeit bildet. Nur höchst ungerne sehen alle staatserhaltenden Elemente den bisherigen Ministerpräsidenten von seinem Amte scheiden. Selbst seine politischen Gegner anerkennen seinen guten Willen, seine aufopfernde Arbeit zum Wohle der Gesamtheit, sein ehrliches und aufrichtiges Streben, die parlamentarischen Verhältnisse zu sanieren und trotz aller Schwierigkeiten verfassungsmäßig zu regieren. Es waren sehr Gar manche ernste Krise gelangte zum Ausbruche und die Verhältnisse stellten an den leitenden Staatsmann die höchsten Anforderungen. Im weitesten Ausmaße ist der scheidende Ministerpräsident denselben gerecht geworden, und es war sicherlich nicht seine Schuld, wenn nicht alles so war, wie man es wünschen mochte. Im vierten Kriegsjahre geht es eben nicht immer nach Wunsch. Dr. v. Seidler kann von seinem Amte in dem Bewußtsein scheiden, unter allen Umständen seinen Mann gestellt zu haben. Die geplante Verfassungsreform, deren Grundzüge bereits fertiggestellt sind, dürfte über kurz oder lang zur Durchführung gelangen. Dann wird man wohl einsehen, von welchen Intentionen der scheidende Ministerpräsident geleitet war und wie segensreich seine Amtswirksamkeit hätte sein können, wäre es ihm gegönnt, das Werk zu vollenden. In dem Momente, da diese Zeilen geschrieben werden, ist die Ministerkrise noch nicht gelöst. Der ehemalige Kultus- und Unterrichtsminister Dr. Freiherr v. H u s s a r e k ist zum Ministerpräsidenten designiert, und es ist begründete Aussicht vorhanden, daß seine Mission gelingen wird. Der neue Ministerpräsident ist kein Homo novus in unserem öffentlichen Leben. Als mehrjähriger Kultus- und Unterrichtsminister in den Kabinetten Stürgkh, Körber und Clam-Martinic hatte Dr. Freiherr von Hussarek genug Gelegenheit, Beweise seines Könnens zu liefern und die Sympathien weitester Kreise zu erwerben. Streng konservativ, aber frei von jeder Einseitigkeit, ist Dr. Freiherr v. Hussarek allen gerechtfertigten Wünschen entgegengekommen, und seine absolute Gerechtigkeitsliebe sicherte ihm die Anerkennung aller Bevölkerungskreise. Sollte es dem designierten Ministerpräsidenten gelingen, seine Mission zu vollbringen und ein Kabinett zu bilden, dann dürfte der richtige Manu aus den richtigen Platz gestellt sein. Möge es dem neuen Ministerpräsidenten gelingen, der Schwierigkeiten Herr zu werden, die die gegenwärtigen Verhältnisse mit sich bringen. Die österreichische Judenschast hat allen Grund, das Scheiden des Dr. v. Seidler vom Amte lebhaft zu bedauern. Die Judcnheit der Monarchie fand während dessen Amtswirksamkeit an allen Amtsstellen die weitgehendste Berücksichtigung ihrer gerechten Wünsche. Wiederholt konferierte Dr. v. Seidler mit den Vertretern aller jüdischen Gruppen, deren Wünsche er näher kennen lernen wollte, und unvergessen wird es dem scheidenden Ministerpräsidenten bleiben, daß er seinen Entschluß kundgegeben hat, gelegentlich der geplanten Verfassungsrevision die Stellung der Juden in der Monarchie entsprechend zu regeln. Der designierte Ministerpräsident Dr. Freierreichychen Judenschaft tont Vertrauen begrüßt werden. Während seiner Amtswirksamkeit als Kultusniinister hatte sie oft Gelegenheit, die Gerechtigkeitsliebe und das Wohlwollen dieses hervorragenden Mannes kennen zu lernen, und gar manche langjährigen Wünsche gelangten unter seiner Ministerschaft in Erfüllnng. Dies läßt auch für die Zukunft das Beste erwarten. Ganz besonders hat die glaubenstreue Judenschaft allen Grund, dem designierten Ministerpräsidenten Vertrauen entgegenzubringen. Als streng konservativer Politiker dürfte der neue Ministerpräsident ein erhöhtes Verständnis für die Wünsche der glaubenstreuen Judenheit aus religiösem Gebiete haben. In diesem Sinne begrüßen wir den neuen Regierungschef. Die Lonftantinopeler Verhandlungen über Palästina. Wie wir bereits in voriger Nummer berichtet haben, fanden in jüngster Zeit in Konstantinopel Verhandlungen über die Palästinafrage statt. Die Verhandlungen sind nunmehr bis zu einem gewissen Grade abgeschlossen und bedeuten einen wesentlichen Fortschritt in der Palästinasache. Da die Verhandlungen streng vertraulich waren, ist es momentan unmöglich, Einzelheiten darüber zu veröffentlichen. Demnächst soll aber seitens der türkischen Regierung eine offizielle Kundgebung erfolgen, wonach man imstande sein wird, das Erreichte näher kennen zu lernen. Die Verhandlungen haben über Einladung der türkischen Regierung stattgefunden. An denselben nahmen teil: Seitens der Orthodoxie aus den Staaten der Mittelmächte die Herren Jakob Rosenheim, Präsident der „Agudas Jisroel", Dr. I. Breuer-Frankfurt a. M., Dr. Moses Auerbach, gewesener Leiter der Schulen in Pessach-Tikrvah, Rabbiner Horowitz-Jerusalem und Herr Perlmutter-Konstantinvpel. Die Orthodoxie in Oesterreich, Ungarn und Polen hat ihr Einverständnis mit der Aktion erklärt. Die zionistische Organisation mar vertreten durch die Herren: Mitglied des E. A. C. Dr. Jakobsohn, Dr. Ruppin und Rechtsanwalt Rosenbaum-Wilno; im Namen der Bereinigung jüdischer Organisationen in Deutschland sBivd) der geschäftsführende Sekretär Dr. Bernhard Kahn; in Vertretung der österreichischen Palüstina-Hilfskvmmission Rabbiner Dr. Grunwald-Wien. Zunächst wurden unter den jüdischen Vertretern interne Verhandlungen geführt, zwecks Feststellung eines einheitlichen, bestimmten Programms. Diese Verhandlungen haben vielfach zu einer prinzipiellen Einigung geführt. Manche Details sollen noch bereinigt werden. Die diversen Delegationen verhandelten dann m Komstee und, nhsangen. Nach Abschluß der Verhandlungen fand ein gemeinsamer Empfang aller Delegierten durch den Großvesier statt, der bei dieser Gelegenheit eine offizielle Erklärung abgab, in welcher die Stellung der ottomanischen Regierung zur Palästinafrage näher präzisiert und die Konzessionen bekanntgegeben wurden, die die Türkei zu machen bereit sei, um die Schaffung eines jüdischen Zentrums in Palästina auf breiter Basis zu ermöglichen. Wie bereits erwähnt, wird in der nächsten Zeit eine diesbezügliche offizielle Erklärung seitens der türkischen Regierung veröffentlicht werden. So viel kann aber schon heute gesagt werden, daß es sich darum handelt, jüdischen Kolonialgesellschaften weitgehende wirtschaftliche Konzessionen zu erteilen, sowie den jüdischen Gemeinden eine breite Autonomie im Rahmen des türkischen Gemeindegesetzes zu gewähren, die ihnen die Möglichkeit bieten dürfte, alle religiösen und kulturellen Bedürfnisse zu befriedigen. Es ist auch die Schaffung einer gemeinsamen Landesrepräsentauz in Aussicht genommen. Die Einzelheiten und die äußere Form derselben sind aber im jüdischen Lager noch nicht genau festgestellt. Tie Angelegenheit soll in der Form erledigt werden, daß die türkische Kammer ein diesbezügliches Gesetz beschließen, die Sache somit verfassungsmäßig sichergestellt sein wird. Um die Einzelheiten festzusetzen und das bezügliche Gesetz durchzuführen, soll ein spezielles Komitee gebildet werden, dem Vertreter der türkischen Regierung, des Jungtürkischen Komitees sowie Vertreter der jüdischen Organisationen anzugehören hätten.

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