Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 23 (11.7.1918)
- Date
- 1918-07-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bezugspreis: Ganzjährig K 8, halbjährig K4, vierteljährig K 2. Einzelnummer 20 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen Redakteur: Jonas Kreppei. | Redaktion u. Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. : Erscheint jeden Donnerstag. ■Ir. 23 Wien, 11. Juli 1918. IV. Jahrgang. Zeichnet Kriegsanleihe! N«r «och «>e«ige Lage wird die achte österreichische Kriegsanleihe zur Zeichnung anfliege«. Wer noch seine patriotische MMcht nicht erfüllt hat, beeile fich, das Merlaumte nachznhoke«. Der große Krfolg der Kriegsanleihe wird das Materland nicht bloß in den Stand sehen, den Kampf gegen die bösen Feinde, die noch immer vom Frieden nichts wissen wollen, bis znr Erzwingung des Friedens tortznsetze«, sondern wird anch die kräftigste Widerlegung all jener «nknnigen «nd absurde« Gerüchte sein, die die Feinde verbreiten, «m die Widerstandskraft der Monarchie in Frage zu stellen. Zeichnet Kriegsanleihe! — ist nach wie vor des Bürgers höchste «nd erhabenste Msticht! MWWW^WWPWWWWWWWWWWWWWWWM., 3um g. Ab. Heute trauert das jüdische Volk. Ob der Zerstörung seiner Herrlichkeit, ob der Schändung . seines Heiligtums, ob des Verlustes seines Glanzes trauert das jüdische Volk seit fast 2000 Jahren und der 9. Ab, der Tag, an dem das jüdische Volk zweimal vom Verhängnis ereilt wurde, ist seither ein Tag der Trauer, des Jammers und der Klage. In den Bethäusern versammeln sich die Söhne Israels, die Kinoth werden rezitiert, sowohl die Klagelieder Jeremias, als auch diejenigen späteren Datums, die ob der anderen Leiden, die das Volk zu erdulden hatte, verfaßt und in die Liturgie ausgenommen wurden. Das jüdische Volk weiß es, daß all seine Leiden in der Diaspora nur eine Folge jener trauerigen Ereignisse sind, die am 9. Ab beklagt werden. Wäre das Volk auf seinem Boden geblieben, — gar manches bliebe ihm erspart und es hätte wie alle Völker leben können. Die Rückkehr ins heilige Land, die Erlösung vom Golut ist daher die stärkste Sehnsucht des jüdischen Volkes. Darin sieht es das alleinige Heilmittel gegen alle seine Leiden. Nur im Lande seiner Väter kann Israel die frühere Ruhe und die frühere Herrlichkeit wieder erlangen. Im Golut kann die Judenfrage nie restlos gelöst werden. Es ist nur begreiflich, daß diejenigen, die sich dieses Gedankens bemächtigt haben, die die Wiederauflebung Zions und die Wiedererhebung Jerusalems auf ihrer Fahne geschrieben haben, nur zu leicht Anhang im Volke finden. .Das jüdische Volk, durch Leiden und Erfahrungen gewitzigt, sonst überaus mißtrauisch und kritisch veranlagt, ist wiederholt gewissenlosen Schwindlern aus den Leim gegangen, die sich als „Messiase" ausgegeben haben. Längst hat es das Volk verlernt, fälschen Propheten nachzujagen, längst hat es verstanden, Gutes von Bösem zu unterscheiden — aber nach einer Hinsicht ist es stets kindisch und naiv geblieben. In der Hoffnung auf Erlösung und Rückkehr ins heilige Land ist es leichtgläubig geblieben, mochte es sich um einen David Alroi, um einen Sabbati Zwi oder gar um einen Jakob Frank handeln. Jeder dieser Schwindler vermochte es, die jüdische Welt zu täuschen, weit und breit Anhänger zu finden und selbst nach seiner Entlarvung Unheil zu stiften. Es war natürlich nicht die Persönlichkeit dieser Männer, die da ausschlaggebend war, sondern die Sache, die sie sich zu eigen gemacht haben, die Sehnsucht und die Hoffnung Israels, mit welcher sie ihr Tun bemäntelten und die ihnen Glanz und Anhang verschafften. di? dje chff^n^ffs^j^^ La^use'd^Jahr^ Hunderte dem jüdischen Volle bereitet haben, die: schweren Leiden, die es deswegen zu erdulden hatte, brachten es mit sich, daß die ausreDeu und unverfälschten Juden schließlich "auch gegenüber all diesen Erlösungsmöglichkeiten und Plänen mißtrauisch geworden sind. Besonders die glaubenstreue Judenschaft, die keinen Moment lang die Hoffnung ausgegeben hatte, daß der ewige Vater im Himmel sein Wort einlösen und seinem Volke Israel die Erlösung bringen werde, fand es als geboten, sich all jenen Bestrebungen gegenüber, die eine natürliche Erlösung des jüdischen Volkes auf diplomatischem und ökonomischem Wege im Auge hatten, ablehnend zu verhalten. Deswegen mußte auch die moderne zionistische Bewegung, die ja keineswegs mit jenen lächerlichen Messiaden in eine Reihe gestellt werden soll, im Lager der Orthodoxie auf eine scharfe Gegnerschaft stoßen. Das jüdische Volk ist im Laufe der Jahrhunderte zur Erkenntnis gelangt, daß es nicht genügt, sich um eine heilige Idee zu schaaren, um derselben wirklich zu dienen. Man muß vielmehr auch in ihrem unverfälschten Geiste tätig sein, wenn man Vertrauen verdienen will. Für die glaubenstreue Judenschaft kann die einfache Rückkehr ins heilige Land ohne gleichzeitiger Rückkehr in den Schoß des unverfälschten Judentums keine Erlösung darstellen.'Sie hat kein Vertrauen zu einer solchen Erlösung, die ihrer Ansicht nach nicht von Dauer sein kann. Unsere heilige Thora hat uns klar die Bedingungen angekündigt, unter welchen wir im Lande unserer Väter werden bleiben können. Nicht Diplomatie und nicht materielle Entwickelung sind die Bürgen hiefür, sondern das religiöse Leben. Diese Voraussagen haben auch in der Geschichte ihre Bestätigung gesunden. Jnsolange Israel seinem Gotte treu geblieben war, konnte es im heiligen Lande ruhig und friedlich leben; es mußte aber das Land verlassen, als cs abfällig wurde. Die glaubenstreue Judenschaft muß also annehmen, daß auch heute nur dieses Moment maßgebend ist. Die Rückkehr ins heilige Land bedingt die volle und restlose Rückkehr zum unverfälschten Judentum. Anders könnte von einer Erlösung in des Wortes vollster und eigentlichster Bedeutung keine Rede sein. Es muß gesagt werden, daß unsere nationalistischen Kreise es sich bisher wenig angelegen fein ließen, diesbezüglich dem Standpunkte der glaubenstreuen Judeuschaft gerecht zu werden. Das Mißtrauen derselben wurde als „Verrat" gebrandmarkt, als „Liebdienerei" für die „Assimilation" rc. qualifiziert. Man fand es auch nicht für geboten, den Wünschen der Orthodoxie im ausgiebigen Maße entes mit sich, daß gegenwärtig, da die Palästinafrage tatsächlich eines der brennendsten Weltprobleme darstellt, in dem Momente, da vielfache Aussicht vorhanden ist, im heiligen Lande ein starkes jüdisches Zentrum zu schaffen, das wohl noch nicht die Erlösung darstellen, aber immerhin einen wesentlichen Schritt nach vorwärts aus diesem Wege bedeuten würde, die Orthodoxie noch immer zum großen Teile abseits steht und ihr moralisches und zahlenmäßiges Gewicht nicht in die Wagschale wirft, um sich einen entsprechenden Einfluß zu sichern. Prinzipiell mögen diese orthodoxen Kreise sicherlich recht haben. Ein unreligiöses oder auch nur ein a-religiöses Palästina hat für sie keinen großen Wert. Aber anderseits mögen sie es sich gesagt sein lassen, daß sie mit dieser passiven Haltung allein nicht weit kommen werden. Die Leiden und Drangsale, die der Krieg mit sich gebracht, die unsichere Zukunft breiter jüdischer Bolksmassen rc. bewirkten es, daß der Erlöfungsgedanke auf diplomatischem Wege weite Kreise umfaßt, die dem Mißtraum und der Passivität der Orthodoxie verständnislos gegenüberstehen. Die angeblichen „Erfolge" der zionistischen Propaganda brauchen der Orthodoxie kaum zu imponieren, und selbst die diplomatischen Erklärungen, die hinsichtlich der Palästinasache erfolgt sind, dürfen kaum überschätzt werden. Ebensowenig kann das Auftauchen des „Erew-raw“, der Anschluß gewisser sonst ausgesprochen assimilatorischer Kreise zum Zionismus, irgend welchen nachhaltigen Eindruck machen. Im Gegenteil, unter Umständen müßte all dies nur das Mißtrauen Das Gebot des Tages: Zeichnet Kriegsanleihe!