Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 22 (27.6.1918)
- Date
- 1918-06-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 Jüdische Korrespondenz. Seite 7 GeschWen vom Radziwiüower. Bon Chaim Bloch (Delatyn), Rabbi Jizchak von Radziwillow (bei Brody), ein bekannter Chassidimsührer seines Zeitalters, starb um 1825. 1. Eine Denunziation. Die Offenbarung des Rabbi Jizchak von Radziwillow vollzog sich durch seltene Wunder, die er bewiesen halte. Als er noch in Nadwvrna wohnte, kam einst eine polnische Gräfin zu ihm und weinte bitter, ihr einziges zehnjähriges Söhnchen ist von einem Siechtum befallen, liege krank danieder, und jede ärztliche Hilfe hatte versagt; sie erklärte schluchzend, sie setze noch die einzige Hoffnung auf den Rabbi, da sie gehö^ habe, er wisse in solchen Dingen Rat, und durch seinen frommen Lebenswandel Gott näher stehe als jeder andere. Da sprach der Rabbi: „Schöpfer aller Welten, lasse den Knaben leben, vielleicht werde er einst einem Juden eine Gefälligkeit erweisen können"; und er versicherte der Gräfin, daß ihr Söhnchen gesunden werde. Der Knabe genas und wurde von seiner Mutter zum Rabbi gebracht, um sich bei ihm zu bedanken. Der Rabbi nahm den Knaben auf den Schoß und sprach zu ihm: „Als die wahre Dankbarkeit werde ich betrachten, wenn du meinen Glaubensgenossen gegenüber wohlwollend und gefällig sein werdest". Der Knabe erwiderte: „Ich werde den Juden immer gut und gefällig sein". Es vergingen viele Jahre, Der Knabe ward indessen groß geworden und zum Gerichtspräsidenten in Zyromir berufen, Rabbi Jizchak aber nach Radziwillow übersiedelt. Bald darauf wurde gegen ihn, Rabbi Mordchoj von Czernobel und Rabbi Israel von Ruzhin eine gefährliche Denunziation eingebracht, und sie wurden nach Zytomir vorgeladen um sich zu verteidigen und über ihre Aussagen einen Eid abzulegen. Als die drei Rabbis im Gerichtssaale erschienen, erkannte der Gerichtspräsident den Radziwillower; er eilte auf ihn zu und begrüßte ihn mit großer Ehrebietunq. Er sprach zu den Gerichtskollegen: ,Diesen Rabbi kenne ich als einen, der biedersten Männer", also .ward die Denunziation erfolglos. 2. Ein heiliger Selbstmörder. Rabbi Jizchak von Radziwillow und Rabbi Mendel von Kossow waren beide Jünger des Magids Rabbi Zwi-Pirsch von Nadwvrna. Als der Magid verschied, übernahmen die beiden Jünger die Führerschaft und wurden die Oberhäupter zweier mächtiger Chassidimgemeinden, Doch die Art ihres „Awoda" war ganz verschieden, sie gerieten in Gegensätzen zu einander, und man hörte hie und da den einen über den anderen ein tadelndes Wort, Tatsächlich waren sie aber verbrüdert und einer wollte dem anderen für seine Art bezwingen. Die Chassidim aber eiferten einander und schimpften gegenseitig auf ihre Führer, — Einst kam ein Anhänger des Rabbi Mendel geschäftshalber nach Nadwvrna, wo Rabbi Jizchak damals noch gewohnt hatte, und als er dort über Sabbat verblieb, begab er sich zur „dritten Mahlzeit", um des Radziwillowers Deutungen im Wochenabschnitte zu hören. In der Dunkelheit wurde er von niemanden gesehen. Und da hörte er, als vom Radziwillowers Munde ein ehrrühriges Wort über Rabbi Mendel fiel. Der Chassid war darüber so ungehalten als hätte ihm eine Schlange gebissen, und er schwor, die Ehre seines Meisters ül rächen. Da er schon am folgenden Tag die Reise in die Heimat antreten wollte, entschloß er sich, seine Rache noch im Laufe der Nacht zu nehmen. Als nun Rabbi Jizchak um Mitternacht in das Tauchbad ging, schlich der auf der Lauer gestandene Chassid nach, und als der Rabbi im Badehause war, schloß dieser schnell die Tür hinter chm. Er begab sich nun, da er seinen Unmut befriedigt hatte, ins Gasthaus, Da die Leute des Morgens in das Badhaus kamen, trafen sie den Rabbi in allen Gliedern zitternd, der die grausige Winternacht in das finstere Badehaus eingesperrt war, Rabbi Jizchak ließ eine Verwünschung fallen, daß der Mann, welcher ihm das antat, das Jüdischkeit nicht aushalten werde. Der Vorfall wurde bald in der ganzen Stadt bekannt, und man beneidete auch den Mann nicht, auf den die Verwünschung des Rabbi gefallen ist. Des Morgens überkam dem Chassid die Reue, und als «r von der Verwünschung hörte, erschrak er sehr. Er führ daher nicht nachhause, sondern nach Kossow, um seines Rabbis Rat zu hören. Als er dessen Gemach betrat, reichte ihm dieser die Hand zum Gruß, und da er ihn ins Gesicht schaute, sprach er erschrocken: „Um Gotteswillcn, sage schnell was du verbrochen hast, da dir doch ein Kreuz am Gesichte steht," Der Mann erschrak noch mehr, war zuerst ganz außer sich, faßte sich aber bald und erzählte dem Rabbi den Vorfall, und ein Strom von Tränen ergoß sich aus seinen Augen, Er bat: „Rabbi, helft mir!" Rabbi Mendel rang mit den Händen und sprach: „Was fiel dir ein,' du Tor, einen so großen Zadik anzutasten'{ Wenn ich mal über ihn ei» tadelndes Wort fallen lasse, ist dies nur deshalb, um die Engel, welche ihn beneiden, zu beschwichtigen. Wisse mein Sohn, als Rabbi Jizchak nachtsüber wegen der Unreinlichkeit kein Wort sprach, entstand im Himmel ein großer Wirbel und die Engel, welche dazu bestimmt sind, die Mitternachtsklagen emporzuheben, waren verlegen und klagten: „Weh uns, daß Rabbi Jizchak seine Klage nicht sprach und wir dadurch untere Pflicht nicht erfüllen können," Und der Satan ward gewahr, daß die Silage des Radziwillower am Himmel fehlt, da sammelte er seine Scharen, um seine Ausgabe zu erfüllen, und als der Morgen kam und Rabbi Jizchak wie gewöhnlich seinen Morgensegen nicht sprach, da ging ein Rauschen von einem Ende der Welt bis zum anderen, „Wehe uns, daß Rabbi Jizchak sein Morgengebet nicht sprach", jammerten die über die Segenssprüche gesetzten Engel. Beinahe hatte der Satan die Oberhand gewonnen und ein schweres Verhängnis wäre auf die Welt gekommen. Als sich die Tür des Badehauses öffnete, der Radziwilower den Ort der Unreinigkeit verlieb, sich die Hände wusch und den Morgensegen sprach, da ward wieder eine freudige Stimmung im Himmel, und der Satan und seine Suite mußten verschwinden." Also sprach Rabbi Mendel, Der Chassid, sonst ein biederer und sanftmütiger Mann, weinte unaufhörlich und bat Rabbi Mendel um Hilfe, daß der Fluch nicht in Erfüllung gehen soll, denn schon überkam ihn ein leiser Trieb, zum Christentum zu übertreten, Rabbi Mendel, von liesem Mitleid erregt, sprach: „Solange ich am Leben bin, wird Dir kein Böses widerfahren, doch nach meinem Tode vermag ich Dich nicht mehr zu schützen," Indessen vergingen viele Jahre, Rabbi Jizchak von Raüziwilow weilte nicht mehr unter den Lebenden und der Vorfall war in Vergessenheit geraten; selbst der übereifrige Chassid entsann sich der Sache nicht, als die Himmlischen die Irdischen besiegten und die Gotteslade in Gefangenschaft geriet: Rabbi Mendel von Kossöw verschied hochbetagt. Einige Tage nachher durchfuhr den Chassid ein stürmendes Verlangen, zum Christentum zu übertreten, — Er erinnerte sich an die Verwünschung des Radziwilower und an das Wort des Kossower, und er begriff, daß er nunmehr dem bösen Triebe nicht widerstehen können werde. Um der Taufe zu entgehen, beschloß er sich das Leben zu nehmen. Da er aber gelehrt war, erinnerte er sich an das Wort der Weisen: „Der Selbstmörder hat keinen Anteil an der kommenden Welt", das ihn zunächst von seinem bösen Vorhaben zurückhielt. Er begab sich zum damaligen Rabbiner von Maramoros-Sziget und bat ihn, ohne ahnen zu lassen, daß es sich um eine ernste Sache handelt, um die Entscheidung, ob ein Jude, der vom Triebe zur Taufe verfolgt werde, sich selbst richten darf. Dieser entschied, daß dies unzulässig sei, da der Selbstmord dem Uebertritt gleichkomme. Doch der Mann war mit dieser Entscheidung nicht zufrieden, er ging nach Hause und erhängte sich. Auf dem Tisch ließ er einen Zettel zurück der besagte: „Man beerdige mich nicht bis man nicht früher den Brief, welcher in der Lade aufbewahrt ist, dem Rabbiner übergibt," Als der Rabbiner den Brief zu lesen beendet hatte, sprach er: „Der Mann hat Recht behalten und er gehört zu jenen Frommen, die den Namen des Herrn durch einen Märtyrertod heiligten". In diesem Brief erörterte der Selbstmörder die Frage, ob ein Jude, der vom Trieb, sich taufen zu lassen, verfolgt wird, zum Selbstmörder werden darf, und entschied — im Gegensatz zu der Entscheidung des Rabbiners — bejahend. Der Rabbiner beteiligte sich am Leichenbegängnisse und hielt eine ergreifende Trauerrede um den dahingegangenen Mann, in der er ihn als einen kühnen Märtyrer seines Glaubens bezeichnete. Zeichnet Kriegsanleihe! Aufruf. Unsere aus der Gefangenschaft heimkehrenden Krieger befinden sich zum'größten Teile in einem Zustand arger Verwahrlosung, Besonders hinsichtlich der Wasche herrscht die allerärgste Not, Die Heimkehrenden haben entweder gar keine, oder nur ganz zerlumpte Leibwäsche, welche als Trägerin von Ungeziefer und Jnfeklionskeimen geilen kann. Es besieht somit die Gefahr, daß durch die Heinikehrer Epidemien, insbesondere Fleckfieber, eingeschleppt werden. Es ist daher ein Gebot der allgemeinen Volkswohlfahrt, daß jeder zurückgekehrte'Sirieger so rasch als möglich mit gebrauchsfähiger, hygienisch einwandfreier Wüsche versehen werde. Abgesehen davon, verdienen es wohl die zurückgekehrten Krieger in erster Linie, daß sie baldigst wieder einem menschenwürdigen Dasein zugeführt werden. Bei dem drückenden Mangel au Textilprodukte» und dem ins Vielfache gesteigerten Bedarf für unsere Armee ist aber die Heeresverwaltung außerstande, nunmehr auch für die Heimkehrer Wäsche in ausreichender Weise aufzubrmgen. Das Kriegsfürsorgeami wendet sich daher an jene Teile der Bevölkerung, die in ihrem Haushalte »och über derartige Bestünde an Wäsche verfügen und in der Lage sind, irgend ein entbehrliches Wäschestück der nachstehend bezeichnetcn An abzugeben. Die Sammlung wird ausschließlich aus Männerhemden und Männerunterhoscn, und zwar in noch gebrauchsfähigem und gereinigtem Zustande beschränkt. Da möglicherweise der Fall eintreten könnte, daß die steigende Not an Wäsche für Zwecke der Volksbekleidung und des Heeresbedarfes es späterhin erforderlich macht, eine teilweise Inanspruchnahme der Wäschebestände in den besser versorgten Privathaushaltungen in Erwägung zu ziehen, wird Vorsorge getroffen, daß diejenigen, die sich an der Wäschesammlung für Heimkehrer durch geschenkweise oder entgeltliche Ueberlaffung von Wäschestücken beteiligen, späterhin von einer Heranziehung ihrer Vorräte an den betreffenden Wäschesorten befreit bleiben. Dies erfolgt in der Weise, daß jeder, der von je einem Dutzend Männerhemden oder Männerunierhosen je ein Stück kostenlos oder je zwei Stück gegen Bezahlung abgibt, eine besondere Bestätigung hierüber ausgestellt erhält. Im Falle der entgeltlichen Ueberlaffung wird für jedes brauchbare Männerhemd ein Betrag van K 12 — und für jede brauchbare Unterhose ein Betrag von K 8-— hgr vergütet. Ein Teil des Ergebnisses dieser Wäschesammlung wird Volksbekleidungszwecken zugeführt werden. Gaben von Wäsche werden jederzeit in Wien von der Sammelstelle, IX,, Währingerstraße 32 (Telephon 12,367), außerhalb Wiens von den Militürstationskommanden und den Gendarmeriepostenkommanden entgegengenommen; weiters von den Lokalkomitees, welche gewiß wieder mit patriotischem Eifer ihre Tätigkeit entfalten werden. In Wien werden die Wäschestücke auch nach vorherigem Aufruf vom Kricasfürsorgeamt des k, u, t, Kriegsministeriums, IX., Berggasie 20 (Telephon 14.171, 12.516, 14,575, 14.322), direkt bei den Besitzern abgeholt. Dorthin sind auch alle Anfragen und Mitteilungen zu richten. Zur Erlassung dieses Ausrufes und zur Veranstaltung der Sammlung hat das Handelsministerium im Sinne des § 28 der Ministerialverordnung vom 21, September 1917, R,-G,-Bi Nr, 383, die Bewilligung erteilt, Wien, im Mai 1918, Seiht, G, d, I,, m. p. soeben erscheint: „DER FRIEDE IIH OSTER“ fion l Hreppel. « Preis H 12