Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 21 (20.6.1918)
- Date
- 1918-06-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 Jüdische Korrespondenz. Seite 7 nahezu zur Hälfte aus Juden besteht, und deren gewerbliche Physiognomie rast ganz jüdisch ist. Im alten Litauen, dessen Bevölkerung »och nicht so stark vom jüdischen Eleinenl durchsetz: war, dürften die ersten jüdischen Handwerker wohl Schneider und Fleischer gewesen sein, entsprechend den Reügionsvorschriflen, die diese Berufe in der jüdischen Gemeindezu erfüllen hatten. Die Schneider hatten die Mischung von Gewebe aus Wolle und Leinen zu beachten, den Metzgern lag die Besorgung des rituellen Fleisches ob. Erst später, den wachsenden Bedürfnissen entsprechend, mögen sich diesen Handwerkern andere zugesellt habeil. Im allgemeinen entwickelte sich das jüdische Handwerk aber sehr langsam. In der ersten Zeit war das Verhältnis zu den christlichen Innungen recht gut, erst im 16. Jahrhundert trat hierin eine Aenderung eins es gab Reibereien und die christlichen Innungen verfolgten alle Fremden, die ihnen nicht angehörten. Die jüdischen Handwerker waren lediglich auf die Tätigkeit für ihre Glaubensgenossen angewiesen, denn die Christen hielten cs für eine Sünde, bei jüdischen Handwerkern zu kaufen. Ja, in einigen Städten gelang es den Innungen, jüdische Arbeiten von den Märkten fernzuhnlicn. Tie Bekämpfung der jüdischen Handwerker wurde damit begründet, daß die Juden keine Miigliedsbeiiräge an die die -ker alljährlich am Fronleichnamstage sechs polnische Gulden und zwei Pfund Pulver an die christliche» Innungen abzuführen hallen. Dafür wurde den Juden das Recht eingeräumk, ihr Handwerk auszuübsn und ihre Waren zu verkaufen. Im allgemeinen war die Lage der jüdischen Handwerker nicht allzu rosig, aber mit der Zeit wuchs die 'Nachfrage, und die Juden wandten sich auch dem Putz- und Lurusgeschäti zu. In dem Maße, in dem sich das jüdische Handwerk ausbreitete, wuchs auch das Bedürfnis des 'engeren Zusammenschlusses. So entstanden zu Anfang des 17. Jahrhunderts die jüdischen Innungen. Die Mitgliedschaft war an ganz bestimmte Gesetze gebunden: das autzunehmendö Mitglied mußte zwei Jahre als Lehrling und ein Jahr als Gehilfe beschäftigt gewesen sein. Nur Verheiratete konnten Jnnungsmilglieder werden. Drei Jahre lang mußie das neue Mitglied auf das Recht verzichten, Hilfsarbeiter und Lehrlinge einzustellen, auch war ihm das Rocht versagt, an den Wahlen tcilzunehmen. Die Jnnungsmitglieder mußten sich verpflichten, sich gegenseitig keine Konkurrenz zu bieten. In den Jnnungsstatuten war genau festgelegi. wieviel Hilfsarbeiter und Lehrlinge ein Mitglied beschäftigen durste: einen Gehilfen und zwei Lehrlinge. Dem benergestellten Handwerker war indessen gestattet. auch mehr Gehilfen zu beschäftigen. Die Gehilfen standen in Kost und Logis und erhielten auch etwas Geld, die Lehrlinge dagegen nur Kost. Tie eigenartige Berauickung des bürgerlichen Berufes mit der Ausübung der Religion, wie sie im allen Litauen herrschte 'und zum Teil bis in die letzte Vergangenheit' liinübergenominen wurde, tritt am besten ‘in der Stellung des Rabbiners zur Gemeinde in die Erscheinung. Der Rabbiner gehörte, gleichviel, ob er in den betreffenden Zweigen zu Hause war oder nicht, jeder Innung an. Er, dem die richterliche Gemalt zusiand, hatte die Verträge zwischen Meister und Gehilfen festzulegen und die Geschäftsbücher der Innung in Ordnung zu halten: auch lag es ihm ob, alle Zwischenfalle zu schlichte». Reben den professionellen Interessen kümmerte sich die Innung auch um die religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder: der tägliche Besuch der Synagoge war obligatorisch. Religiöse und Familienfeste wurden gemeinsam begangen. Innungen entrichteten. In Grodno bestand Einrichtuna. wonach die iüdiichcn Handn» Line ostiüdliche Lunstkolonie in Lranken. Es dürfte kaum bekannt lein, daß in Deutschland, und zwar im bayerischen Franken, eine ziemlich ausgedehnte, aus Polen herübergckommene Kunstkolonie der Ostjuden besieht. Als im 18. Jahrhundert die bis dahin glänzenden Verhältnisse der Ostjuden wesentlich eingeschränkt wurden, wanderten, wie in den „Monatsheften für Kunstwissenschaft" mitgeteilt wird, einzelne Gemeinden aus und wandten sich nach Franken, der Heimat so vieler ihrer Vorfahren. (Man braucht nur an die Namen „Frank", „Frankel", „Frankel" zu erinnern.. Mit diesen Rückwanderern ging aber auch ihre Kunst nach der früheren Heimat. In kleinen Städten und Dörfern des oberen Maintales, so in Horb, Redwitz, in der Umgebung von Würzburg (zum Beispiel in Allersheim und Kirchheim), ferner in der Umgebung von Ausbach (Bechhofen) erbauten die aus' Polen Vertriebenen schmucklose, nüchterne Betstuben, die außen schcunenartig, innen aber nach dem Vorbilde der ostjüdischen Gotteshäuser reich beinall wurden. Diese farbenprächtigen Jnnenräume sind nun von dem Direktor des Düffeldorier Kunstgewerbemuseuins Fraudcrqer im Aufträge der „GeieUschatt zur Erforschung jüdischer KtinNdcnkmüler" anfgenommen worden. Bechhofen, das vollkommenste Beispiel, ist im Gegensatz zu den übrigen noch als Gotteshaus benützt: die anderen Bauwerte find dem Untergang geweiht. In Würdigung des kunsthiftorischen Wertes dieser Jnnenräume wurde jedoch Kirchhcim im bayerischen Llaat erworben und dem Luitpold-Museum zu Würzburg eiugereibt. Von Bechhofen und Horb ist auch der Name des Baumeisters und Malers erkalten. Er war Elieier, der Lohn des Salomo Sußmann, der sich die Vauwerle streng nach dem 'lUuttev polnischer Vorbilder errichtete. Bezcichnenderweijc sind aber beim Außenbau bereits starke Auklänge an die deutsche Umgebung fcstzusteUen Neue Sucher. „Tic füdslavische Frage und der Weltkrieg." Ucbersichtliche Tarstelluug des Gclamtvrob'lcms von L. v. Süßland. Mn drei Karten. Wien, 18H. Manzjchc Berlagsbuchvaiidlung. Preis K 20. ■— Tie südjlavijche Frage war eine der unmittelbaren Ursachen zum Weltkriege. Das Streben der Serben, ein Großserbien zu schaffen und die slavischen Provinzen der österreichischungarischen Monarchie an sich zu reißen, hat zunächst zum Mord von Sarajewo geführt, der den Anstoß zum nunmehr last vierjährigen Kriege gegeben Kai. Auch gegenwärtig bildet diese Frage eines der wichtigsten Probleme, sowohl innerpolitischer als auch interstaatlicher Natur, und beim Friedensschlüsse wird dasselbe noch viel Staub aufwirbeln. Nichtsdestoweniger scheint die ösfcniliche Meinung dieser Frage bisher kein allzu großes Interesse 'gewidmet zu haben, was vielfach der Unkenntnis des Gegenstandes zuzuschreiben ist. Es is! nun sicherlich ein großes Verdienst des Autors, mit der vorliegenden'Schritt diesbezüglich eine wichtige Arbeit geleistel zu habe». Mir großer Sachkenntnis und mit der Zuhilfenahme eines reichen Quellen- und Tatsachenmaterials wird da das gesamte südflavische Problem dargeitellt. Tie Schritt enthalt folgende Abschnitte: Die Entstehung der Südslavcn, die Kroaten und ihre Slaaisbildung, die Serben und ihre Sraatsbildung, Bosnien und die bosnische Staatsbildung, Katholizismus und Orthodoxie, was ist der Kern der südslaviichen Frage, die Monarchie und die Südslaveii, die kroatisch-serbischen Eiiiheilsbestrebungen, die Lösung der südslaviichen Frage, verwendete Literatur — schon dieses Inhaltsverzeichnis zeigt von der Vielseitigkeit des Buches und von der Gründlichkeit der Arbeit. Nebst dem reichen Jnformalions- und Quellenmaterial enthält das Buch auch praktische Vorschläge zur Lösung des Problems, die vielfache Beachtung verdienen. „Deutsche Bücher über Polen." Ein Beitrag zu der Beziehung zweier Nationen. Von Tr. Paul Reiche. Breslau, Priebatschs Verlagsbuchhandlung, 1817. Preis Mt. 4. „Büchcrknnde zur Geschichte und Literatur des Königreiches Polen." Von Tr. W. Recke und Dr. A. M. Wagner. Warschau, Verlag der Deutschen Sraatsdruckereien i» Polen, 1818. — Zwei Bücher, die sich gegenteilig ergänzen und die ein Thema zum Gegenstände haben,' das gegenwärtig das Interesse der weitesten Kreise wachrutt. Beide Schritten stellen gediegene bibliographische Arbeiten dar, wenn sie auch das Material keineswegs erschöpfen. Sie bieten immerhin demjenigen, der sich mit dem polnischen Problem eingehend beschäftigen will,, sehr wichtige Behclte und enthalten reiches Quellenmarerial. „Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen." Zweiter Jahrgang. Nr. 1—3. Verlag R. Löwit, Wien. 1918. — Es war sicherlich ein guter Gedanke, diesem Gebiete der jüdischen Geschichte eine spezielle Zeitschrift zu widmen. Dieselbe, die mit Subvention der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Berlin erscheint, bat auch einen gediegenen Inhalt und wird ihrer Aufgabe voll und ganz gerecht. Auch das vorliegende Heu cm-- hält .'eine Reihe guter Arbeiten 'von berufener Seite, u. a. Dr. Wachstem. Braun, Zoller :e. „Im Reiche der Pharaonen." Von Michael Huber >t. 8. B. Mtt 64 Bildern und einer Karte. (Gehört zur Sammlung „Aus aller Welt".» Zivei Bände. 8" (XX und 562 5.) Freiburg 1818, Herdcrfchc Verlagshandlung.» Mk. 7 f>0; in Pappband Mt. Kr—. — Im Frühjahr vor dem Kriege hatte der Verfasser sich ant den Weg nach Aegypten gemacht, um jenes Wunderland als Sprungbrett für gelehrte orienlaliichc Studien besonders in Palästina und Kleinasic» zu benutzen. Als er sich aber im schönsten Forschen und Schauen befand, da ward er in Jerusalem, der Stadt des Friedens, von der bösen Weltkntastrophe überrasch! und blieb bis aus weiteres an Ort und Stelle gebanni. Erst im Frühjahr »915 öffnete sich ihm wieder der Weg in die Heimat, doch nicht übers Meer, wo die feindlichen Schiffe lauerten, sondern über den wildromantischen Taurus, durch das nach so unwirtliche Kleinasieu, über Konstantinopel und das damals noch nicht offen feindselige Bukarest. Eine wiche glückliche mißglückte Reise 'durfte nicht der Vergeffeiihcit anheiing'egeben bleiben, sie mußte auch ins Woribild gekleidet werden. Leider haben es die Krtegsnmständc dem Verfasser nicht erlaubt, schon heute das ganze Wer! zu geben: nur der Reileablchnitt über „Aegypten", die zwei Bändchen „Im gleiche der Pharaonen", die noch tiefsten Frieden atmen, könne» letzt in die Kriegsüffeittlichicit treten. Der bereits erschienene Teil rütjrt uns in das alte Wunderland der Pharaonen am Nil, denen vergangene Pracht mit den Wunderwerten seiner Pyramiden, Sphinxe, Teinpel und Pharaonengräbcrn nicht bloß in Kairo und Umgegend, sondern auch droben im Tal Theben de, Luksor uns der Vertaner in der alten Herrlichkeit und im glühenden Farbenspiel der Sprache des Orients vor Augen führt. Doch findet daneben auch das moderne Aegypten die gleiche warme Berücksichtigung, so daß man durch die Lektüre dieses Buches über Altes und Neues gleichmäßigen Aufschluß erhält. Der gewaltige w'issenschastl'tche Stoff, der in dem Buch zusammcngcdrängt ist, wird in einer durchaus persönlichen und äußerst stimmungsvollen Darstellung geboten. Sven H e d i n, „Jerusalem". Fcldposiausgäbe. 160 Seiten Text mit 25 Abbildungen und einer Karle. (Leipzig, F. A. Brockhaus., 'Geheftet Mk. 1-50. — Was'wird aus Jerusalem 7 Tiesc Frage beschäftigt ganz Mitteleuropa, 'Nach der Niederwerfung Rußlands wurde Jerusalem der Brennpunkl des Krieges im Osten. Denn Palästina ist der Westpfeiler der Brücke, die der englische Militarismus von Aegypten über Land nach Indien zu schlagen dachte. Hcdin bereiste Palästina, nicht lauge bevor die Engländer gegen die heilige Stadt vorrückten. Was er in inner anregenden und unterhaltenden Erzählungstunst, die Millionen deutscher Leser längst etwas Heimatliches geivordcn ist. von seinen Erlebnissen in Palästina uns Syrien bis zur türkischen Westfront in der Nähe des Suczkanals und von den dortigen Zilstünden zu berichten weiß, triff: daher wieder einmal ins Schwarze des öffentlichen Jntereffes. Ebenso reich an fruchtbaren Gesichtspunkten ivie in iemem vorigen Werk „Bagdad, Babylon, Ninive". Imst Hedin auch hier als Hintergrund der lebendigen Gegenwart die Jahnautende alte Vergangenheit des gelobten Landes in gigantischen Baudenlmalcrn und Rutnen, in epochemachenden Ereignissen und Periönlichleiten der Weltgeschichte Wiedererstehen. Das uralte Tamaskus mit seiner Omaijadenmoschee. Baalbek mit seinen herrlichen Ruinen, aus griechisch-römischer Zeit, der See Genczareth mit Tiberias, Kapernaüm und all den Orten, 'Nazareth und Bethlehem, Jericho und das Tote Meer. Ein Besuch in den Jndenkolonicn de: Jana gibt Veranlassung zu einer aufschlußreichen Erörterung über den Zionismus, und zum Schluß führt dann ein Ausflug an die lürkit'ch-deuischc Front in Aegypten aus so viel Vergangenheit wieder in die nicht minder bedeutungsvolle Gegenwart zurück. „Kain." Ein Drama. Von Friedrich Hanta, Berlin. Erich Reih Verlag. — Eine interename Arbeit, «was mystisch wohl, aber spannend gehalten. Flott geschrieben, geistreiche Gedankenblitze.