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Jüdische Korrespondenz · 1918-04-11 · 12 (11.4.1918) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
12 (11.4.1918)
Date
1918-04-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 12 Kongreß-Polen, auch diejenigen, unter denen bisher starke Gegensätze vorhanden waren, haben sich zu einem Aufruf zusammengeschlossen, der in ganz Polen inächtigen Eindruck macht. Der Ausruf, der am 1. Nissan veröffentlicht worden ist, fordert alle L>chlaume Emune Israel in jedem Orte auf, sich zu einer Aguda zusammenznschließen und alle Kräfte aufzubieten, um die Verbindung dieser örtlichen Vereine zu einer kraftvoll einheitlichen Organisation des orthodoxen Judentums in Polen herbeizuführen. Es heißt in dem Aufrufe alsdann weiter: Da I i s ch u w E r e z I i s r o e l eines der Gottesgebote ist, so ist cs Pflicht der Organisation, sich im Geiste der Thora durch reale und hingebungsvolle Arbeit auf diesem Gebiete zu betätigen. Wegen der Bedeutung des Gegenstandes ivird es angemessen sein, innerhalb der Gesamtorganisatio» der Orthodoxie eine besondere Abteilung für die ans ge setze Streuer Basis ruhen de Erez Jisroel-Arbeit zu begründeu. Ihr werden alle Einzelheiten der Arbeit mit Zustimmung der rabbinischen und iveltlichen Führer unserer Zeit obliegen. Offen müssen wir dabei anssprechen, daß Alles, was die Größen der Vergangenheit hinsichtlich der Zionisten und des Zionismus entschieden und veröffentlicht haben, noch immer in voller Kraft zu Recht besteht. Unsere Organisation muß daher in allen Einzelheiten absolut selbständig sein und sie hat keinerlei Beziehungen zumZionismnsundzumMisrachi. Und nun bitten wir alle unsere Brüder, „Vereinigt Euch und reicht Eure Hand der Aguda, jeder nach seiner Kraft und seinem Vermögen." Ans diesem Wege wird der grundlose gegenseitige Haß verschwinden können, der die Schuld unseres Golus ist. Immer wird man sich bemühen müssen, zu einer Uebereinstimmung auf den Boden des Friedens und der Liebe zu gelangen, damit die jüdische Religion, die Thora, Israel und unser heiliges Land groß und stark dastehen." Der Aufruf trügt die Unterschriften der Chassidimrebbes von Otwozk, Alexander, Ostrowzi, Gora-Kalvaria, Wierschvw, Nowominsk, Sokolow, Stryzow, Skierniwiece, Pielew, Kolbiel, Radsin, Radsimin, Radomsk, Siedlce, Lublin. In einem ausführlichen erläuternden Artikel zu dem Aufrufe weist das „Jüdische Wort" mit besonderem Nachdruck darauf hin, daß die auf gesetzestreuem Boden stehenden Massen nur den einen Wunsch Hütten, in der Organisationsarbeit von den anderen Parteien nicht gestört zu werden. Nicht der Kampf, sondern Friede sei die Tendenz der von den Rabbis eingeleiteten Bewegung. Noch einmal wird die Bitte ausgesprochen, daß man auf der Gegenseite nicht in dem Wunsche nach ungestörter Alleinherrschaft das Selbstbestimmnngsrecht der Orthodoxie negiere. Nach der Emanzipation der finnländischen Juden. Der Beschluß, die mittelalterlichen Beschränkungen gegen die Juden aufzuheben und diese als gleichberechtigte Bürger des finnischen Landes anzuerkennen, wurde bekanntlich erst nach langen Debatten und Kämpfen vom finnlünvischen Sejm gefaßt. Die altfinnische — suometarische — Partei versuchte noch in den letzlen Tagen der Verhandlungen, ihre alten Einwände gegen die jüdische Gleichberechtigung im Sejm zu erheben. Es handelte sich dabei aber nicht bloß um das Prinzip der jüdischen Gleichberechtigung, sondern um den Unterschied zwischen den alteingesessenen finnischen und den eingeivanderten, zumeist russischen Juden in Finnland. Unter den gegebenen Verhältnissen war es auch den judeufeindlichen Elementen des Sejms nicht leicht, ihren Standpunkt in seinem ganzen Umfang zu verteidigen, ohne daraus einen Widerfprnch zwischen den finnischen und der rnßländischen Gesetzgebung entstehen zu lassen. Sie waren gezwungen, zur Vermeidung etwaiger Konflikte und einer Gefährdung der Selbständigkeit Finnlands manche ihrer Bedenken zurückzustellen und für das Prinzip der Gleichberechtigung zu stimmen. Von besonderer Bedeutung für den Sieg der jüdischen Emanzipation >var aber in erster Linie die Stärkung des sozialistische» Elementes im Sejm und der sozialistischen Stimmung im finnischen Lande. Die Sozialdemokratie Finnlands war von jeher die einzige Partei, die die Sache der Gleichberechtigung der Juden zu der ihrigen machte, und den Kämpfern für die jüdische Emanzipation stets zur Seite stand. Jetzt, da sie an Macht und Einfluß im Lande gewann, trug auch die Emanzipation den Sieg davvn. Nachdem der Emanzipationsbeschluß vom 22. Dezember 1917 a. St. in Kraft getreten war, überreichte eine Deputation der finnischen Juden, bestehend aus dem tapferen Kämpfer für die jüdische Emanzipation Santcri Jacobson, Dr. Pergament und Rechtsanwalt Jonas Jacobson, ein Schreiben an den'Talman des Sejms, das in der nächsten Sitzung des Sejm zur Vorlesung gelangte. ..Im Namen der Juden Finnlands", hieß es in diesem Schreiben, „gestatten wir uns, dem finnischen Volke durch seine Vertretung unsere tiefe Genugtuung über das heute gefaßte Gesetz der jüdischen Gleichberechtigung auszusprechen. Dank diesem Gesetz find die Fesseln der jüdischen Rechtlosigkeit gefallen, die unser Schicksal der Beamtenwillkür auslieserten. Bist der Annahme dieses Gesetzes versetzte der Sejm der religiösen Intoleranz und den Vorurteilen, die die gesamte Judengesetzgebung Finnlands im Verlauf der letzten Zeit geleitet haben, den Todesstoß. Das freie selbständige Finnland erkannte endlich das Recht unserer Menschenwürde vor dem Gesetz. Heute, an diesem für das finnische Judentum historischen Tage möchten wir glauben, daß die gegenseitige Verständigung zwischen Juden und Finnen die Grundlage für eine gemeinsame Tätigkeit zum Besten unseres gemeinsamen Vaterlandes dienen wird. Es lebe das freie Finnland und die Gleichberechtigung der Nationalitäten!" Bald darauf fand in Wyborg. eine feierliche Sitzung der jüdischen Gemeinde statt, die der Würdigung der Emanzipation und den bevorstehenden Aufgaben des finnischen Judentums gewidmet war. In seinem Vortrag schilderte Dr. Gurewitsch die Geschichte des Kampfes um die Emanzipation in Finnland und die Verdienste des Vorfechters der jüdischen Befreiung, Sauteri Jacobsons, dieses Gabriel Riessers des finnischen Judentums. Im Jahre 1905, zur Zeit der ersten russischen Revolution, hatte es dieser Journalist und Sozialist unternommen, die finnländische Oeffentlichkeit über die Leiden der finnischen Juden und die Schandtaten der finnischen Polizei den Juden gegenüber aufznklären. Er reiste von Stadt zu Stadt, las überall in den Kreisen der Freiheitskämpfer Vorträge über die Lage und die Rechte der Inden, gewann die Unterstützung der sozialistischen Partei für die Sache der jüdischen Gleichberechtigung und versuchte das Interesse des Auslands auf diese Frage zu lenken. Bald stieß er und sein Kreis auf die Opposition der Antisemiten, die sich anfangs um den russischen Generalgouvcrnenr Finnlands Bobrikow und später um die altfinnische Partei konzentrierte. Ohne in finnischer Sprache auch nur ein einziges Buch über Juden und Judentum vorzufinden, ging Jacobson selbst ans Werk, um die nötige Literatur zu schaffen. Im Jahre 1907, als im Ausschuß des Sejm die Anfrage der Sozialdemokraten über die Judenbeschränknngen behandelt wurde, veröffenilichte Jacobson sein Buch „Die Judenfrage in Finnland". Im Jahre 1908 begann er die erste und einzige jüdische Zeitschrift „Den Finske Juden" („Der finnische Jude") in finnischer und schwedischer Sprache in Wyborg herauszugeben. Als die Reaktion in Rußland wuchs, mußte auch Jacobson seine „Vergehen" büßen. Er wurde von der russischen Regierung verhaftet und nach lomonatlichem Gefängnis nach der Narym-Gegend verschickt. Erst die neue Revolution führte den Kämpfer in seine Heimat zurück, wo er sich von neuem an die Spitze der Emanzipationsbewegung stellte. In Worten heißen Dankes huldigte die Versammlung dem anwesenden Jacobson.. Mißstände bei der Mazzotversorgung. Es mag wohl einigermaßen befremdend anmuten, nach Pessach die Mazzotfrage zu erörtern. Und doch muß dies geschehen. Die Organisation zur Versorgung der jüdischen Bevölkerung mit Mazzot hat sich diesmal noch weniger als im Vorjahre bewährt, und obwohl diesmal die Kopsquote wesentlich höher als im Vorjahre bemessen mar, war die Versorgung viel ungünstiger. In Wien ist es in den letzten Tagen vor Pessach vielfach zu Ansammlungen vor der Kultusgemeinde gekommen, die zu unerquicklichen Szenen führten. Viele Familien, die Bezugsscheine hatten, konnten keine Mazzor erhalten, und gar manche mußten sich mit einem minimalen Quantum begnügen und den Rest erst im Chol-Hameed erhalten. Auch aus der westösterreichischen Provinz kommen viele Klagen. Wir wollen uns zunächst jeder Anklage enthalten, — aber es muß konstatiert werden, daß sich leider wieder einmal bestätigt hat, daß unsere sogenannten „offiziellen" Kreise wenig Verständnis für das religiöse Empfinden der strenggläubigen Juden besitzen, sonst könnten die vielfachen Antworten: „Ißt Coomez!", die man den Klagenden zuteil werden ließ, nicht erfolgt sein. Es ist wahrlich beschämend, daß die religiösen Forderungen der Juden bei den staatlichen Behörden viel eher Berücksichtigung gefunden haben, da diesmal ein fast doppeltes Quantum per Kopf bewilligt wurde, als bei unseren Kultusgemcinden und ihren Organen, die die Sache scheinbar über die leichte Schulter nehmen zu dürfen glaubten.

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