Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 5 (14.2.1918)
- Date
- 1918-02-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Korrespondenz Ganzjährig K 8, halbjährig K4, Einzelnummer 20 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion u. Administrati , VIII. Alscrstraße 55. Wien, 14. Februar 1918. IV. Jahrgang. Oie Konferenz der Orthodoxie in Oesterreich findet am Sonntag, den 17. und Montag, den 18. d. M., im Saale des Hotel Continental, II., Praterstraße 7, statt. Ab Sonntag vormittag wird dortsclbst ein Bureau eröffnet sein, in welchem die Delegierten alle Auskünfte erhalten. Nachmittags findet eine Vorberatung statt. Die eigentlichen Verhandlungen beginnen Montag vormittags. Sollte die Tagesordnung in den Montag- Verhandlungen nicht erschöpft sein, so ist für Dienstag die Fortsetzung der Konferenz in Aussicht genommen. Der Friede im Osten. Im 43. Kriegsmonate ist endlich der erste Friedensabschluß zustande gekommen. Im Osten, von wo die gewaltige europäische Verwicklung, die zum Ausbruch des Weltkrieges führte, ihren Ansgang genommen batte, ist auch zuerst die Waffenruhe und nunmehr der Friede eingetreten. Wenigstens an einer Front MM^MIkigen Weltenbrackdes ist das verheerende Feuer gelöscht, ist die Menschlichkeit wieder zur Geltung gekonimen. Ist es noch nicht alles, so ist es dennoch sehr viel. Aller Anfang ist schwer, und im Sinne des Gesetzes der Serie ist zu erwarten, daß der Friedensvertrag von Brest-Litowsk keine isolierte Erscheinung bleiben dürfte. Eigenartig, wie dieser Weltkrieg, ist auch der erste Friedensschluß. Das gewaltig-mächtige russische Reich, das seine ganze Kraft in die Wagschale des Krieges geworfen hatte, das mit seiner seither zur unrühmlichen Popularität gelangten „Dampfwalze" der Kulturwelt seinen Willen aufdrängen wollte, es ist beim Abschluß des Friedens nicht mehr intakt geblieben. Nicht bloß diejenigen Gebiete, die das scharfe Schwert der Mittelmächte erobert, sondern auch die Ukraine, eine Großmacht für sich, wollte nicht mehr der Botmäßigkeit der Herren in Petersburg unterstehen. Wenn Trotzky eigensinnig den Friedensschluß verzögern wollte, haben sich die Ukrainer entschlossen, den gordischen Knoten, der in Brest- Litowsk mittels einer spitzfindigen Rabulistik geschürzt wurde, mit einem energischen Kaiserschnitt zu durchhauen. Der Friede, die Sehnsucht und die Hoffnung von Millionen, hält seinen Einzug in die fast verzweifelnde Welt. Die eigenartige Form, in welcher sich der Friedensschluß abspielte, drückt dem Ereignis auch den Stempel auf und läßt dessen Tragweite in einem besonderen Lichte erscheinen. Gerade der Umstand, daß es kein einheitliches Rußland war, mit dem der Friede zustande kam, gibt der Sache eine erhöhte Bedeutung. Das zaristische Rußland mit seiner panslavistischen Expansion war immer eine Gefahr für den Frieden, für die Kultur, für die Humanität. Seit Iahrzcnten konnte die Kulturwelt nicht zur Ruhe kommen, und jede zornige Laune des Herrn von Zarskoje-Selo machte Staaten und Völker erzittern. Ein wohl geschlagenes, aber innerlich intakt gebliebenes Rußland würde weiterhin diese drohende Rolle gespielt haben, und selbst die größte Umwälzung könnte die Rückkehr des Zarisnins nicht für immer verhindern. Das aber, was jetzt geschehen ist, hat unappellable Tatsachen geschaffen. In das nunmehr zerrissene und zerstückelte Rußland kann nicht einmal ein Romanow jene Expansionspolitik wieder hineinbringen, die auf den Schlachtfeldern niedergerungen und durch das eigene Volk der Vernichtung preisgegeben wurde. Rußland hat aufgehört, der Welt gefährlich zu tverden, mögen die inneren Umwälzungen, die dort einander ablösen und hinsichtlich welcher das letzte Wort noch lange nicht gesprochen ist, welche Entwicklung immer nehmen und welch Endresultat immer haben; die nach Jahrhundertelanger Knechtschaft befreiten Randvölker'werden nicht mehr unter das Joch des Zarismus zurückkehren und damit ist — den äußersten Fall angenommen — selbst der Zarismus nicht mehr gefährlich. Der Bestie sind die Giftzähne ein für allemal ausgebrochen. Der expansionslüsterne Panslavismus ist ein überwundener Standpunkt. Und damit gelangen wir zu der großen Tragweite, den der nunmehrige Friede im Osten für uns Juden hat. Der Zarismus, der alle Welt bedrohte, bildete besonders für die Juden eine ungeheure Gefahr. Nicht bloß für die 6 Millionen unserer Brüder, die unter dem Joche Moskaus so furchtbar zu seufzen hatten, sondern auch die Juden aller anderen Länder hatten darunter recht sehr zu leiden. Materiell kostete das russische Judentum die Judenschaft der ganzen Welt unzählige Millionen und gewaltige Energien. Von Zeit zu Zeit, fast unaufhörlich, mußte die Judenheit aller Länder mit wehem Herzen, mit geballter Faust und offener Tasche stehen, um die Opfer der Pogrome zu schützen und ihnen Hilfe und Stütze angedeihen zu lassen. Es genügt, die Budgets aller unserer großen Hilfsorganisationen und Komitees durchzublicken, um sich Rechenschaft darüber geben zu können, was der Zarismus die Juden der ganzen Welt gekostet hat. Ein eigener Staat könnte fast damit ausgehalten werden. Nicht eingerechnet sind die unfeststellbaren Summen, die das russische Judentum selbst jahrjährlich zu entrichten hatte, sei es im Wege von Bestechungen an die Tschinowniki, um leben zu können, sei es im Wege von Strafgeldern, von direkten und indirekten Schäden. Es überläuft einen kalt, wenn man sich all das vor Augen führen will. Aber nicht bloß materiell -. wieviel unschuldig Blut hat der Zarismus von den Juden gefordert, wieviel Existenzen wurden ruiniert, wieviel Energien gingen zu Grunde, wieviel Arbeit nmßte anfgewendet werden, um da Abhilfe zu schaffen. Was hätten all diejenigen für das Judentum und für die Menschheit leisten können, die ihre ganze Tatkraft dazu verwenden mußten, den Opfern des Zarismus beiznstehcn. Damit noch nicht genug. Auch der Judenhaß in den anderen Ländern zog wesentlich seine Nahrung von dem Judenhass»- in Rußland. Das kleine Rumänien hätte es sicherlich nie gewagt, der Kulturwelt zu trotzen und seine Judenpolitik svrtznsctzen, könnte es sich nicht auf den Herrn in Petersburg berufen. Auch in den anderen Ländern konnte der Antisemitismus nur dank der Verhältnisse in Rußland sich entwickeln. Der Gistbanm tut Zarenreiche trug reiche Früchte für aller Herren Länder. Das ist nunmehr vorüber. Niedergerungen ist der Zarismus und kein Auferstehen harrt , seiner. Das gespaltene und geteilte, in Atome zerfallene Rußland ist für diejenige Reaktion, wie sie unter den Romanows geblüht hat, unrettbar verloren. Von Rußland aus wird der Judenheit keine Gefahr mehr drohen. Auch Rumänien wird nunmehr feine Jndenpolitik einer Revision unterziehen müssen. Füllt der Herzog, muß auch der Mantel Die Verhältnisse im eigentlichen Rußland sind noch immer in einem Stadium, das keine klare Definition znläßt. Das Chaos, das dort herrscht, tvird immer verworrener, und selbstverständlich leiden auch unsere dortigen Brüder unsäglich. Mit Freuden ist es daher zu begrüßen, daß zumindest die Ukraine auf dem besten Wege zur Stabilisierung und Konsolidierung ist. In den Gebieten, die die heutige Ukraine bilden, befindet sich das Grvs der russischen Judenheit. Im Norden, um Moskau und Petersburg, war den Inden der Aufenthalt verboten. Die Randvölker hingegen wurden stets mit ihnen überflutet. Da die Randvölker nun einmal befreit sind, sind auch die dortigen Juden den Zarismus einfür allemal tos. Zu den zwei Millionen Juden in Polen, Litauen und Kurland, die für das „heilige" Rußland für immer verloren sind, kommen nun auch die etwa dritthalb Millionen Inden Südrußlands, der heutigen Ukraine. Die Erlösung ist ziemlich weitgreifend. Die Beendigung des Krieges an der Ostfront hat für die Juden noch eine andere, sehr wesentliche Bedeutung. Nicht mehr werden Tausende und abertausende Juden gezwungen sein, gegen einander das Schwert zu führen. Dieser Brudermord wird auf-