Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 37 (13.12.1917)
- Date
- 1917-12-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis per Nummer 10 Heller. 'Vierteljährlich K 120. Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet. Korrespondenz Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion und Administration : Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Np. 37. Wien. 13. Dezember 1917. III. Jahrgang. «ur nodb wenige Tage ist die Subskription auf die vn. öfferrdc&ifdbe Ikrtegs-- anietbe offen. Mer seine pfttcöt für das Vaterland nocb ntcbt erfüllt bat, der beeile sidb» das Versäumte nacLzubolen. Kriegsanleihe zu zeiednen ist jedes Süden betltgste VNtcbt! Lhanuka und Palästina. Wieder einmal feiern wir das schöne Chanukafest, die Erinnerung an die glorreichen Siege, die unsere Väter einst gegen einen übermächtigen Feind errungen haben. Die kleinen Lichtlein brachten uns jahraus jahrein einen Abglanz jenes großen Lichtes, dessen sich unsere Borfahren erfreuten in den Zeiten von Matthatias und seiner Söhne, jenes nicht bloß äußeren Glanzes, den jeder Sieg mit sich bringt, Joaktn auch.jenes inneren Lichtes, das der Sieg ^mMtmpft'M'DseHkWltgKstrn'Mkrt-»esMischen Volkes, für Thora und Glauben, mit sich brachte und das seinen symbolischen Ausdruck eben in den Chanukalichtern stndet. Das ewige Licht im Tempel zu Jerusalem war ja eben nur das Symbol unserer lichtspendenden Thora, .Thura aur". Es wurde verdunkelt und entweiht, als die Syrer ihre Herrschaft auch über den Geist des jüdischen Volkes ausbreiten wollten. Es wurde wieder hell und heilig, als die Hasmonäer das fremde Joch abgeschüttelt und Juden und Judentum frei gemacht hatten. So haben unsere Altvordern die Freiheit verstanden, für welche sich der Kampf um Leben und Tod verlohnt; so hat die jüdische Tradition die Sache aufgefaßt, indem sie für diese acht Tage keine rauschenden Feste anordnete, sondern die Anzündung dieser bescheidenen kleinen Lichtlein, in immer steigender Zahl, wie es eben bei allen heiligen Dingen sein muß: immer höher, nie niedriger. „Maalin bakodesch, we’ein naoridin!“ Die rauschenden Chanukafeste, die in den letzten Jahren Mode geworden sind, — sic sind unserer Tradition fremd, sie widerspiegeln keineswegs das Bild jener Ereignisse, die gefeiert werden sollten. Mögen sie angesichts der Situation im jüdischen Lager, angesichts der Vernachlässigung in religiöser Beziehtmg, die leider platzgegriffen hatte, ihre Bedeutung haben. Das Echte und Rechte sind sie nicht. Aeußerer Glanz ohne inneren Gehalt entspricht nicht dem Geist des unverfälschten Judentums. Der Schein trügt allzu oft. Was wirklich wertvoll und dauernd sein soll, kann nur im Sinne des wahren jüdischen Geistes sein. Die kleinen bescheidenen Chanukalichtlein repräsentieren diesen Geist viel stärker, als alle rauschenden Makkabäerseste, die heutzutage Mode geworden sind und mit welchen ihre Arrangeure gar zu sehr stolzieren. Sie, die den Kampf um die politische Freiheit in den Vordergrund rücken und den Kampf um 'die heiligsten Güter des Volkes außeracht lassen, sind nicht die wirklichen Nachfolger der Hasmonäer, mögen sie auch diesen Titel usurpieren. Aeußere Freiheit und innere Knechtschaft ist wirkliche Freiheit nicht. Die wahren Nachfolger der Makkabäer müssen und werden andern Geistes sein. . * * - * Wieder einmal wird gegenwärtig um Palästina gekämpft und wieder einmal hat die Heilige Stadt den Besitzer gewechselt. Rach längeren Kämpfen ist es dieser Tage den Engländern gelungen, in Jerusalem einzurücken. Militärisch war dieses Ereignis nicht überraschend.gekommen. Man rechnete damit, daß die Türken nicht imstande sein werden, in der kurzen Frist, die ihnen zur Verfügung stand, solche Verstärkungen heranzuführen, um der englischen Uebermacht die Spitze bieten zu können. Strategisch hat der englische Erfolg wenig Bedeutung. Je weiter sie ins Land Vordringen, desto schwieriger wird ihre Lage und desto günstiger gestaltet sich diejenige der. Türken. Sollte der Krieg noch lange dauern, ist es nicht ausgeschlossen, daß sie das heilige Land ebenso werden räumen müssen, wie die Russen Lemberg, die Rumänen Kronstadt und die Italiener Görz räumen mußten. Für jeden Fall wird die Entscheidung erst bei den Friedensverhandlungen fallen und die Mittelmächte haben da so viel Faustpfänder in der Hand, daß die Entente wohl oder übel gezwungen sein wird, ihre zeitweiligen Eroberungen wieder herauszugeben. Das Schicksal Palästinas ist somit keineswegs entschieden und die gegenwärtigen militärischen Ereignisse haben momentan nur die Bedeutung von Episoden. Nichtsdestoweniger dürfte der Einzug der Engländer in Jerusalem in gewissen jüdischen Kreisen Versprechungen, die die englische Regierung in den letzten Wochen den Zionisten gemacht hat, haben selbst die Köpfe sonst ruhiger und überlegter Kreise verwirrt. Man unterlag dem Versuch, die englischen Versprechungen als bare Münze zu nehmen und setzte die Hoffnungen aus die Fortschritte der englischen Waffen. Die offiziellen zionistischen Kreise bemühten sich wohl, die Anhänger zur Besinnung zu mahnen und den Grundsatz der Neutralität zu proklamieren. Aber nicht überall fanden ihre Argumente volles Gehör. Gar mancher Zionist wird heute in den englischen Truppen, die in Jerusalem eingezogen sind, die Nachfolger der Makkabäer sehen, in den General Alleuby — dessen Ruhm bereits so weit gestiegen ist, daß man ihn zum Nachfolger. Haigs an die Westfront berufen will — einen Jehnda Makkabi, in Lloyd George einen neuen Koresch erblicken, der die Wiederherstellung der jüdischen Macht im heiligen Lande vollsühren will. Es ist wohl eine undankbare Aufgabe, den Berauschten Logik und nüchternes Denken predigen zu wollen; es ist eine unangenehme Sache, unter den Jubelnden den Warnenden spielen zu wollen. Und doch muß dies geschehen. Die Zukunft des Judentums darf derartigen Experimente» nicht ausgesetzt werden. Die Wiederkchr Israels nach dem Lande seiner Väter, die Wiedrraufrichtung des jüdischen Volkes und die Sammlung der Zerstreuten sind uns durch unsere Propheten, durch unsere Tradition ganz anders vvrhergesagt und geschildert worden. Ein niederträchtiger Raubzug, wie ihn England heute führt, kann nicht das Mittel zu der Erlösung des jüdischen Volkes sein. Lloyd George, der eine halbe Welt verbluten läßt, um die Expansionsgelüste Großbritanniens zu befriedigen, kann unmöglich zur Mission eines Koresch berufen sein. Wilson, der erst in diesen Tagen so mir nichts dir nichts neue Kriegserklärungen erließ, die militärisch ohne jeden Effekt und nur dazu bestimmt sind. Tausende und Abertausende ruhiger Bürger in der Nordamerikanischen Union plötzlich zu „Feinden" zu stempeln und sie Ausnahmsgesetzen zu unterwerfen, — er und seine Freunde, die heute mit Hochdruck darauf losarbeiteu, um die-Errungenschafteu der russischen Freiheit zu vernichten und dortselbst der Reaktiv», vielleicht auch dem furchtbaren Zarismus den Weg zur Rückkehr zu ebnen, — nein und hundertmal nein, sie können nicht die Boten der ewigen Vorsehung sein, die das messianische Zeitalter bringen werden. Die Geisel Gottes sind sie, wie eines Babel und Assur, aber nicht die Boten des Heils. Und mögen sämtliche Zionisten der Welt den Versprechungen Balsours und Wilsons zujubelu, möge auch ein Lord Rothschild verkünden, das Haus Rothschild stellt seine ganze Macht in den Dienst der zionistischen Sache, — so kann all dies keinen Klarblickenden davon abhalten, seine warnende Stimme zu erheben und zu rufen: Laßt euch nicht bethören! Spielt nicht die Rolle des Mohren, den man mit einem Fußtritt traktiert, wenn er seine Pflicht erfüllt hat. Lloyd George, Wilson und Clomenceau, Sonnino und Bratianu, sie können und werden kein Heil bringen. Ja, Sonnino und Bratianu, das sind die klassischen Zeugen für das Vertrauen, das die Herren in London und Washington verdienen. Ein Staatenverband, der niederttächttge Verräter in seiner Mitte duldet und ihnen seinen Schutz gewährt, — verdient sein Wort Vertrauen?! Wer den Verrat belohnt, der immunisiert denselben a priori. Was soll die Engländer und Amerikaner davon abhalte«, ihr Wort zu brechen, wenn sie für dm Treubruch unempfindlich sind und solchem einen Freibrief ausstellen! Nein, »mi jitein tohaur mitomei!“ Bon Unreinem kann kein Reines kommen! _Und die ethischen Kriegsziele, die die Entente vvNnßet ja, wer lacht va nicht! — MelEchkk liegt wahrlich in der letzten Kriegsrede Wilsons, deren Konfusität nur noch mit der niedrigster Seuchelei wetteifert. Wer einen wilden, niedrigen roberungskrieg mit derart fadenscheinigen ethischen Gründen bemänteln will, der verdient nicht das geringste Vertrauen. Die Engländer brauchen Palästina für ihre Zwecke und sie werden, — vorausgesetzt, daß sie das Land behalten, was höchst unwahrscheinlich ist, — kaum ein Interesse daran haben, es den Juden anzuvertrauen. Schon jetzt hat Balfour auf eine Frage im Parlamente, ob die Aufnahme ausländischer Juden in den Staatsverband von Palästina zulässig sein wird, ausweichend geantwortet, weil er eben diese Konzession nicht machen will. Nur englischen Inden tvird man wahrscheinlich die Ansiedlung gestatten; da diese aber kaum in Massen dorthin tvanderu werden, so wird man gar bald die Sackje los sein. Uebrigens Hai man schon jetzt eine antizionistische Liga in England gebildet, schon jetzt werden die Zionisten in den Staaten der Mittelmächte verdächtigt, daß sie die Politik dieser Staaten fördern wollen. Nachher wird es leicht sein, ihnen die Ansiedlung zu versagen, mit der Ausrede, sie sind Feinde, Spione usw. Englands politische Pläne begünstigen eine Ansiedlung der Inden in Palästina keineswegs und man wird schon Mittel und Wege finden, um die Versprechungen illusorisch zu machen. Wilson, der sich innerhalb einiger Monqte von einem Friedensapostel in einen der ärgsten Kriegshetzer verwandelt hat, wird schon um Ausreden nicht verlegen sein. Wer diesen Leuten vertraut, hat sicher auf Sand gebaut. * * *■ Wie gesagt, es mag keine angenehme Aufgabe sein, jemandem die Freude zu stören. Und doch muß es gesagt werden, daß der heutige Sieg der Engländer in.Palästina kein jüdischer Sieg ist, selbst wenn das sogenannte jüdische Regiment dabei gewesen sein sollte. Wenn ein Lord Rothschild auf den Schlachtfeldern Palästinas gefallen ist, so hat er für eine englische Sache sein Lcbeit gelaffen. Wenn das Haus Rothschild seine Macht in den Dienst des Zionismus stellen sollte — aufrichtig gestanden, die ganze Sache klingt höchst unwahrscheinlich und stammt vom