Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 36 (6.12.1917)
- Date
- 1917-12-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 36 Zeiffcbrift i.r jiidiklN AiMckaMragen. Erscheint jeden zweiten Monat. Redaktion und Administration: Wie«, VHL, Akserstrahe Ar. 55. Redakteur: L. Lreppet. Bezugspreis: Jährlich K 8'—. Halbjährig K Kiuzekheft K 150. Die Judenfrage in ihrer modernen Gestaltung ist vornehmlich eine soziale Frage. Wohl ist der religiöse Antagonismus zwischen Juden und Nicht- Juden noch immer nicht ganz verschwunden, wohl haben die Gegensätze nationaler Natur gerade in den letzten Jahren eine Verschärfung erfahren — in der Hauptsache sind es jedoch wirtschaftliche Momente, die die Basis des Judenhasses bilden, und der soziale Antisemitismus ist auch der schärfste und empfindlichste. Besonders im Osten, wo die breiten jüdischen Volksmassen nrehr-weniger ein abgesondertes Leben führen und seltener dazu kommen, den gesellschaftlichen Antisemitismus zu verspüren, dort ist der wirtschaftliche Kampf, der gegen sie geführt wird, der gefährlichste und schädlichste. Die meisten Ausnahmsgesetze bewegen sich auch auf diesem Gebiete. Andererseits ist eine sozial schwächere Volksgruppe stärker den feindlichen Angriffen, selbst solcher allgemein-politischer Natur, ausgesetzt, als eine wirtschaftlich entwickeltere und konsolidicrtere. Deswegen auch ist die Judennot im Osten so groß und so bitter, auch politisch und kulturell. Die Erfahrung lehrt, daß diejenigen Inden, deren wirtschaftliche Position gefestigter ist, eine stärkere Widerstandskraft gegenüber den Angriffen und Verfolgungen ihrer Feinde aufweisen, wie sie auch in geistiger und kultureller Hinsicht entwickelter sind, zumindest günstigereEntwicklungsmöglichkeiten habm. Man darf den Abwehrkamps, den weite jüdische Kreise gegen den Antisemitismus führen, keineswegs unterschätzen. Wer für die Ehre des jüdischen Volkes eine Lanze bricht, verdient die Anerkennung aller Volksgenossen. Dennoch muß gesagt werden, daß man ob des Abwehrkampfes allgemeiner Natur in Wort und Schrift, das wichtigste Moment übersieht: Eine breitangelegte Aktion zur Stärkung der wirtschaftlichen Position der breiten jüdischen Volksmasien dürfte zweifellos mehr realen Nutzen bringen und sicherlich auch hinsichtlich des Kampfes um die jüdische Ehre, um die jüdischen Rechte, um die allgemein-jüdischen Interessen viel greifbarere Effekte aufweisen. In einem gesunden Körper ist eine gesunde Seele — eine wirtschaftlich konsolidierte Volksmasse dürfte nach außenhin ganz anders auftreten und einen ganz anderen Eindruck machen. Gar manche Erscheinungen, die den Juden und dem Judentume wenig Ehre und noch weniger Freude bereiten, würden verschwinden, wenn das wirffchaftliche Leben der breiten Volksmassen auf eine gesundere Basis gestellt sein sollte. Soviel hinsichtlich der Stellung der Juden nach außenhin. Nicht anders ist es hinsichtlich der Situation innerhalb des Judentums. Die Not der breiten jüdischen Volksmassen und die Unsicherheit ihrer wirtschaftlichen Existenzen hat seit Jahr und Tag großangelegte und mit reichen Mitteln operierende Aktionen ins Leben rufen lassen. Viele Millionen werden jährlich seitens der bekannten großen Organisationen, wie Alliance Jsraelite, Israelitische Allianz, Hilfsverein der Deutschen Juden, Jca, Anglo-Jewish-Assoziation, zionistische Organisationen, Agudas Jisroel rc. rc. aufgebracht und verbraucht, um die ökonomische Lage der breiten jüdischen Volksmassen zu verbessern. Damit ist aber die Sache noch nicht erschöpft. In jedem Lande, ja in jeder Gemeinde existieren und entstehen fortgesetzt neue lokale Organisationen und Hilfsaktionen mit derselben Aufgabe. Wieviel jüdische Vereine, Komitees re. gibt es in jeder Stadt, die ähnliche Hilfszwecke verfolgen, sei es auf ausgesprochen sozialer Basis, sei es in der Form humanitärer und charitativer Unternehmungen, die aber im Grunde genommen demselben Ziele zusteuern: der Not abzuhelfen, das Elend zu lindern, die wirtschaftlich Schwachen aufzurichten und ihnen die Möglichkeit zu verschaffen, auf die eigenen Füße zu stehen. Es möge bloß an die unzähligen Bolkskredit-Genossenschaften, Handwerker-Unterstützungsvereine rc. erinnert werden, die keineswegs das einfache Almosengeben zum Ziele haben, sondern die ökonomische Lage der Berufsgenossen stärken und sie vor der völligen Proletarisierung bewahren wollen. Jeder Kultusgemeinde an und für sich fällt allzu oft die Aufgabe zu, diesbezüglich einzugreifen und die größeren Gemeinden besitzen hiefür spezielle 8onds aus eigenen, oder aus Stiftungsmitteln. ewaltige Geldmittel und große Energien werden verbraucht, um das Wirtschaftsleben der breiten jüdischen Volksmassen günstiger zu gestalten und einer Konsolidierung zuzuführen. Deshalb auch kann ohne Uebertreibung von speziellen jüdischen Wirtschaftsfragen gesprochen werden, ohne darunter irgendwelche weitgchende politische oder soziale Ziele zu verfolgen. Es möge noch schließlich die jüdische Emigrationsfrage in Erinnerung gebracht werden, die, abgesehen von dem politischen Momente, vornehmlich eine soziale Erscheinung ist und die eine ernste Behandlung und Regulierung erfordert. Die Sache ist keineswegs eine solche, die nur das Judentum des Ostens angcht. Freilich, im Westen, besonders in denjenigen Gebieten, wo es keine großen jüdischen Volksmaffen gibt, ist die Frage wohl keine brennende und dort kann füglich von ausgesprochenen jüdischen Wirtschaftsfragen nicht gesprochen werden. Allein, wer die Verhältnisse im jüdischen Lager näher kennt und wer die Erscheinungen aufmerksam verfolgt, der muß zugeben, daß die jüdische wirtschaftliche Rot im Osten auch die Judrnschaft des Westens direkt berührt, nicht »bloß im Sinne des brüderlichen Mitgefühles und der brüderlichen Hilfsbereitschaft, sondern auch in dem Sinne, daß die jüdisch-wirtschaftlichen Fragen auch im Westen von Zeit zu Zeit auftauchen und brennend werden. Welche Aufgaben stellt nicht der Krieg an die gesamte Judenschast nach dieser Richtung und welche Aufgaben harren unserer nicht in der Periode nach dem Kriege, da man daran gehen wird müffen, das Zerstörte wieder aufzubauen, das aus dem Geleise Geratene wieder einzurenken, die Zerstreuten wieder zu sammeln, die Ruinierten aufzurichten und und die junge Generation für den harten Kampf ums Dasein vorzubereiten, der ihrer harrt und der vielfach umso härter sein dürste, als die wirtschaftliche Position des heutigen Geschlechts unter den Kriegsereignissen gewaltigen Erschütterungen ausgesetzt wurde und wird. Das jüdische Wirtschaftsleben drückt auch all jenen Bewegungen ihren Stempel auf, die eigentlich mehr auf politisch-nationaler Grundlage basieren. Auch die zionistische Bewegung ist im Grunde genommen eine ausgesprochen wirtschaftliche, ebenso wie es der Territorialismus ist. D i e Kolonisation Palästinas und die Wiedererrichtung eines jüdischen Gemeinwesens im Lande unserer Väter ist eine wirtschaftliche Maßnahme kat'exochen, mögen diese Strömungen auch wichtige politische Aspirationen verfechten und repräsentieren. Der jüdische Nationalfönds ist ein wirtschaftliches Unternehmen, ebenso wie es dasHirsch' sche Kolonisationswerk in Südamerika war und wie es die gesamte Tätigkeit der Jca ist. Was die Pariser und Wiener Allianzen leisten, ist auch vornehmlich ökonomische Arbeit. Selbst das Schulwerk dieser Organisationen, wie nicht minder dasjenige der anderen ähnlichen Organisationen, dient vvrnchmlich der Hebung des geistigen Niveaus der jüdischen Volksmassen, um deren soziale Position zu stärkm und zu bessern. Die jüdischen Wirtschaftsfragen verdienen es demnach, in unserem öffentlichen Leben die erste Stelle einzunehmen. Eine Verkettung verschiedener Umstände und Momente, die an dieser Stelle nicht weiter behandelt werden sollen, hat es aber mit sich gebracht, daß man der wirtschastlichm Teste des jüdischen Problems nicht die genügende Aufmerksamkeit gewidmet hat und im Kampf um die Ehre, die Rechte und die Interessen des Judentums vor den vielen Bäumen den eigentlichm Wald aus dem Auge verlor. Und doch ist diese Frage eine brennende und sie wird mit jedem Tag brennender. Sie ist eine schwierige und wird mit jedem Tag schwieriger und verwickelter. Sie kann nicht mit den üblichen akademischen Redensarten „gelöst" werdendste erfordert große Aufmerksamkeit, ernstes Nachdenken und intensive Arbeit. Es ist leicht, eine Abwehrrede zu halten, einen publizistischen Artikel zu schreiben oder einen flam- «enden Protest zu erlassen. Damit ist aber wenig geholfen. Ein wirtschaftlich gesundes Judentum wird auch geistig und kulturell auf der Höhe stehen und imstande sein, sich politisch seiner Haut zu wehren. Es wird nicht mehr vor jeder Drohung zusammenzucken, und das Gekläffe gar mancher Krakehler, die auf diesem fficje politische Karriere machen wollen,' wird die Judenschaft nicht mehr aus der Fassung bringen und deren Tatkraft Ahmen. Ein wirtschaftlich starkes Judentum wird Haß und Mißgunst weniger zu fürchten haben. All diese Umstände, die Erkenntnis der bisherigen Mängel und die Ueberzeugung, daß eine intensive und systematische Arbeit auf diesem Gebiete wesentlichen Nutzen bringen kann und wird, sowie schließlich angeregt durch den Aufsatz eines jüdischen Publizisten, der die Gründung eines „Archivs für jüdische Wirtschaftsfragen" propagierte, haben der gefertigten Redaktion den Gedanken nahegelegt, die Herausgabe einer „Zeitschrift für )ü dis che Wirtschaftsfragen" in Angriff zu nehmen, und sie erlaubt sich hiermit, heute mit dieser Ankündigung vor die Oeffentlichkeit zu treten, sowie die Mitwirkung und Förderung aller, die die Möglichkeit einer entsprechenden Mitarbeit haben, zu erbitten. Die „Zeitschrift für jüdische Wirtschaftsfragen" wird kein parteipolitisches Organ fein. Jede Amon, die zur Besserung der wirtschastlichm Lage der breiten jüdischen Volksmaffen unternommen wird, wird scitms derselben die weitgehendste Förderung erfahrm. Jedes Unternehmen, das ähnuche Ziele anstrebt, sei es auf breiter Basis oder auch nur zeitweiliger und lokaler Natur, soll in dieser Zeitschrift ein Sprachrohr finden, mittelst welchem es die Oeffentlichkeit über Ziel und Zweck informieren und über seine Tätigkeit berichtm soll. Reale Anregungen welcher Natur immer, die das einschlägige Gebiet betreffen, werden in dieser Zeitschrift eine freie Tribüne finden. All diejenigen, die nach dieser Richtung etwas zu sagen, anzuregen oder mstzuteilen haben, werden eingeladen, sich derselben zu bedienen. In der „Zestschrist für jüdische Wirtschaftsfragen" sollen folgende Themata behandelt werden: 1. Me jüdische« Wirtschaftssrage« »«d dere« Nümwirünnge« a«f das allgemeine jüdische Teöe«. 2. DiewirtschaMiHe« Jhtfgafotttsb Leist««, ge« der großen jüdische« Wettorganisatione« Allianz, Jcch Hrlfsverein, Zionismus, AgudaS Jisroel rc. rc. 3. Berichte ««d I«sormatio«e» über die Tätigkeit aller jüdische« Hrga«isatto»e«, die sich mit dem Wirtschaftsleben befassen, und zwar: a) Kaufmännische Vereinigungen, b) Handwerker- Korporationen, c) Gewerbe- und Industrie-Organisationen, d) Kredit-Genossenschaften, e) Kooperativen, f) Wirtschaftliche Bereinigungen, Einkaufszentralen, Konsum-Vereine rc., g) Wohltätigkeits- Vereine, die die Selbsthilfe zur Grundlage habm rc. rc. 4. Aerichte und Information«« über die Tätigkeit der Auktusgemeiudm auf «irisch aftkichem Gebiete. (Schluß auf Seit« 3.) Genossenschafts-Buchdruckerei, Wien, VIII., Alserstraße Nr. 71. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas Kreppei.