Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 22 (19.7.1922)
- Date
- 1922-07-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. Vierteljährlich K 1'20. Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet. | Wochenblatt für jüdische Interessen, j! Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion und Admin Wien, VIII. Alserstraße 55. Wien, 19. Juli 1917. III. Jahrgang. Drei Jahre Krieg. Nächste Woche jährt sich zum dritten Male der Unglückstag, an dem der blutige Weltkrieg seinen Anfang genommen hatte. An dem Tage, da der Serbenkönig über Befehl des Zaren die österreichischungarischen Forderungen abgelehnt hatte, ist der Weltkrieg geboren worden. Was nachher folgte, war nur noch die Konsequenz dieses Schrittes, der ja übrigens darauf berechnet war, die Lunte an das Pulverfaß zu legen, um die längst vorbereitete Explosion zu vollbringen. Drei volle Jahre dauert schon dieser blutige Krieg, ohne daß dessen Ende abzusehen ist. Die Friedensbewegung, die seitens der Mittelmächte in Fluß gebracht wurde und die im letzten Kriegssemester vielfach die Geister beschäftigte, hat vorläufig zu keinem Ziele geführt. Auch der Ausbruch der russischen Revolution, von der man sich ursprünglich vieles für den Frieden versprach, hat die Situation wenig beeinflußt. Wir stehen heute dort, wo man früher gestanden ist. An den Fronten krachen die Geschütze, donnern die Mörser, und bei dieser blutrünstigen Musik führt die Menschheit einen wilden, grausamen Tanz auf, der noch furchtbarer wirkt, als der Versuch unternommen wird, dieses Blutvergießen mit einem moralischen Mäntelchen zu umhüllen. Bei aller Hoffnung, daß die Tage der Not und des Elends gezählt sind, daß der Friede trotz aller — kann heute noch gar kein Anhaltspunkt dafür gefunden werden, wann dieses große erlösende Ereignis Tatsache werden wird. Immerhin bietet die dritte Jahreswende eine Art Meilenstein, dazu anlockend, die bisherige Bilanz des Krieges zu ziehen. Die Feststellung des Passivum bietet wenig Schwierigkeiten. Furchtbar sind die Zerstörungen, bi& das schreckliche Blutvergießen angerichtet hat, nicht bloß an materiellen Gütern, sondern auch geistig und moralisch. Die Politik des Hasses hat noch nie derartige wilde Orgien gefeiert als jetzt, die Frechheit und Heuchelei konnten sich noch nie derart ungehindert austoben wie in diesen drei Kriegsjahren, da elende Verräter mit dem Prädikat „edel" ausgezeichnet wurden, da wilde Eroberungsgelüste als Kampf für Menschlichkeit und Recht ausposaunt werden, da Haß und Neid triumphieren und der elendeste Egoismus heilig gesprochen wurde. All dies bedeutet, neben den gewaltigsten Opfern an Blut und Gut, ein furchtbares „Minus" im Konto der Menschheit, das nicht so leicht wettgemacht werden können dürfte. Die materiellen Verwüstungen wird man schließlich im Wege des Wiederaufbaues gut machen können, die geistigen Zerstörungen und Zerrüttungen dürften noch gar lange die Menschheit belasten und von schweren Nachwehen begleitet sein. Fragen wir uns nun, wo das „Plus" dieses blutigen Tanzes zu suchen ist, so gibt es darauf nur eine Antwort: Der Sieg der Wahrheit und der Gerechtigkeit! Wenn der Geist über die brutale Zahl siegst wenn sich 170 Millionen einem zumindest fünfmal überlegenen Feinde erwehren können, wenn eine ganze Welt die Mächte des Vierbundcs nicht zu besiegen vermag — so ist dies kein einfaches Naturereignis, sondern ein glänzender Beweis dafür, wo die Gerechtigkeit und wo die Schuld zu suchen und zu finden sind. Die Urheber des Krieges sind vom verdienten Schicksal erreicht worden. All ihre Pläne sind ins Wasser gefallen, all ihre Anstrengungen find zunichte geworden, die Weltgeschichte ist das Weltgericht und sie hat diesmal schon jetzt ihr Urteil gesprochen. Wo sind heute die eigentlichen Urheber des Krieges? Wo befindet sich König Peter, der dem Zaren als Sturmbock diente? Wo befindet sich heute der Zar selbst, dessen wilder Haß den Weltenbrand entzündete? In welcher Lage befindet sich heute Rumänien, welch tragisch-komische Rolle spielt heute Italien? Gottes Mühlen mahlten diesmal wahrlich rasch und sicher! Und deswegen wird man nicht fehl gehen, wenn man schon heute den endgültigen Sieg der gerechten Sache Voraussagen will, obwohl das letzte Wort im Kriege noch nicht gesprochen worden ist. Wir sehen es ja wieder einmal deutlich in den Ereignissen in Rußland. Schon heute rächt sich an den Machthabern die Taktik, die sie in den letzten Wochen zu spielen beliebten. Indem sie den Weg des gestürzten Zaren zu gehen begannen, indem sie weiterhin Tausende und Abertausende zwecklos opfern wollen, ist die verdiente Strafe dem Verbrechen auf dem Fuße gefolgt. Die neue Offensive ist bereits auf dem besten Wege, in Blut und Feuer zu ersticken. Damit wird aber der Bestand des neuen Regimes bedroht und das Gespenst des Zarenendes steht schon heute den Kerenski und Genossen vor den Augen. Auf den Schlachtfeldern Niederlagen, im Innern ein um sich greifendes Chaos, Unabhängigkeitsbewegungen in Finnland und in der Ukraine, ein Wirrwarr, der das Schlimmste erwarten läßt. Der Sieg der gerechten Sache wird das große Plus in der Kriegsbilanz sein, das dem schrecklichen Minus die Wage zu halten imstaiche sein dürste. Wollen wir uns speziell den Verhältnissen in unserem Vaterlande zuwenden, so können wir ohne tieren, daß Oesterreich-Ungarn alle Ursache hast der Endbilanz mit Ruhe und Zuversicht entgegeuzusehen. Die Monarchie hat in diesem Kriege eine Kraft- und Machtentfaltung an den Tag gelegt, die Freund und Feind überraschen mußten. Die Feinde, die da glaubten, dieselbe beim ersten Ansturm zu erschüttern, haben gar bald ihren Irrtum eingesehen und sind jetzt gezwungen, dafür schwer zu büßen. Militärisch, materiell, finanziell und wirtschaftlich hat sich Oesterreich-Ungarn als unbesiegbar erwiesen. Die Feinde werden es schon kommenden Geschlechtern versagen, die Grenzen der Monarchie auch nur antasten zu wollen. Aber nicht das allein. Noch größer dürfte der Erfolg im Innern sein, den die Kriegsereignisse mit sich brachten und bringen. Dank einem kräftigen Machtworte des Kaisers befindet sich die Monarchie heute, obwohl an den Grenzen die Geschütze noch immer krachen, in einer großen und weitgehenden Umgestaltung im Geiste der wahren Demokratie, die allen Völkern und Klassen zum Heile gereichen dürfte. Auch in dieser Hinsicht haben sich die Feinde als die Geister erwiesen, die das Böse wollen und das Gute schaffen. Sie haben das Schlagwort von der Notwendigkeit, die Mittelmächte zu demokratisieren, in der bösen Absicht ausgegeben, damit diesen Staaten die höchsten Ungelegenheiten zu bereiten. Aber sic werden gar bald die Gelegenheit haben, sich zu ihrem Schrecken zu überzeugen, daß die Monarchie eine Demokratisierung nur allzu gut verträgt und daß der Gesundungsprozeß derselben nur Glück bringt. Auch dies ist ein Erfolg, das Blut der edlen Vaterlandssöhne wert! Oesterreich-Ungarn hat allen Grund, der Kriegsbilanz mit Ruhe entgegenzusehen. Wollen wir einmal die Kriegsbilanz näher betrachten, insofern cs sich um die Juden und das jüdische Volk handelst — so muß wohl leider zugegeben werden, daß auch da das Minus gewaltige Dimensionen angenommen hat. Das Sollkonto ist bereits sehr lang und furchtbar, das Habenkonto hingegen vorläufig überaus mager und dürftig. Die Juden haben fast überall vckl größere Opfer an Gut und Blut gebracht als die anderen Völker, ohne überall die gebührende Würdigung gefunden zu haben. Ein geradezu schreckliches Kapitel bietet hiebei das Schicksal jener Tausende und Abertausende, die, infolge der Kriegsereignissc von Heim und Herd verjagst das Leben von Kriegsflüchtlingen, oder in den Steppen Sibiriens als Geiseln ein elendes Dasein führen müssen. Sie haben auch unter der Zerstörungswut des Krieges mehr als andere Völker leiden müssen und nicht einmal ihre heiligsten Stätten, wohin sich ihre Sehnsucht mid ihre Hoffnung kehrst wurden von brutaler Feindeshand verschont. Und dennoch wäre es verfehlt, sich irgend einem Pessimismus hingeben zu wollen. Auch unser Plus dürfte bedeutend sein. Der «Sturz des Zarismus und das Debatte der wortbrüchigen Rumänen hat den Millionen unserer Brüder, die noch immer unter Ausnahmsgesetzen leiden mußten, Freiheit und Erlösung gebracht. Ist auch das letzte Wort in dieser Sache noch nicht gesprochen, so ist es sicher, daß die früheren Zeiten nicht mehr wiederkchren werden. Auch in den anderen Ländern dürste sich die Lage der Juden günstiger als bisher gestalten. Besonders' können wir in Oesterreich den kommenden Dingen mit Zuversicht entgegensetzen. Der Geist der wahren Demokratie, der in nuferem öffentlichen Leben seinen Einzug hält, dürste auch hinsichtlich der Judenfrage seine Wirkung geltend machen, woran gewisse Erscheinungen, die übrigens vereinzelt dastehen, nichts zu ändern vermögen. Gifi-Ptns in der Judenfrage ist mich-darin zu erblicken, daß dieselbe heute seitens sehr ernster Kreise viel sachlicher und wohlwollender als früher behandelt wird. Wir sind auch Zeugen einer Erscheinung, daß man sich in gewissen nichtjüdischen Kreisen damit beschäftigt, die Judenfrage im Sinne einer zumindest teilweisen Befriedigung unserer Wünsche und Forderungen zu lösen, im Gegensätze zu früher, wo man sich vornehmlich an das Phraonische „Huwu nis'chakmu" zu halten pflegte. Biogen diese Bestrebungen auch nicht überall ernst gemeint sein, ist speziell vor den Versprechungen der Entente zu warnen, deren Heuchelei im voraus feststehst — so ist der Umstand, daß man unseren Bestrebungen ein solches Interesse zuwendet, immerhin ein großer Fortschritt. Zieht man die innere Stärkung in Betracht, die infolge der Kriegsereignisse zutage getreten isst so kann man getrost sagen: Auch mir Juden haben nicht vergebens gelitten und geblutet. Freilich, die Hauptsache ist heute der baldige Frieden. Biogen die Wünsche und die Bestrebungen, die es mit dem Frieden ehrlich meinen, an der Schwelle des vierten Kriegsjahres gar bald in Erfüllung gehen und erfolgreich sein. S p e c t a t o r. Ern Flüchtlingsschutz-Gesetz. Eines der schwierigsten und verwickeltsten Probleme, die der Weltkrieg aufs Tapet gebracht hast war unstreitig die F l ü ch tl i n g s f r a g e. Ganz unerwartet hat sich in den ersten K'riegswochen und -Monaten ein Flüchtlingsstrom aus dem eigentlichen Kriegsgebiete nach dem Hinterlande ergossen, dem gegenüber man im ersten Momente ganz ratlos stand. Tausende, ja Hunderttausende haben plötzlich Heim und Herd vor dem einbrechenden Feinde verlassen, Hab und Gut zurücklassend, ohne jeder Mittel im Innern des Reiches Schutz und Hilfe suchend. Es war dies eine Volksbewegung, die nur noch in den Zeiten der Völkerwanderung ihresgleichen suchen muß. Die Unterbringung und Versorgung dieser Massen mußte buchstäblich improvisiert werden, es lagen gar keine Vorbilder vor, es war gar kein Präjudiz vorhanden. Auch die Gesetzgebung, wie nicht minder die Verwaltung