Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 21 (12.7.1917)
- Date
- 1917-07-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Horrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. __T , , . . . ... , _ .! Redaktion und Administration; vierteljährlich k 120. Wochenblatt für jüdische Interessen.; Wien, VIII. AiserstraLe S5. Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet. Redakteur. Jonas Kreppei Erscheint jeden Donner stau. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion und Administration; Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag Np. 21. Wien, 12. Juli 1917. III. Jahrgang. Verfassungsreform und Juden. (Bon besonderer Seite.) Die innerösterreichische Politik steht gegenwärtig im Zeichen der Verfassungsreform. Die in der Thronrede angekündigte und seitens der Kabinette Clam- Martinic und Seidler ins Regierungsprogramin ausgenommene Reform der österreichischen Verfassung soll zur Tatsache werden. Die Form, in der diese Arbeit vor sich gehen soll, ist noch nicht festgestellt. Es sind verschiedene Pläne aufgetaucht. Zunächst sollte eine spezielle Kommission, bestehend aus 10 Mitgliedern des Reichsratcs, 5 Mitgliedern des Herrenhauses, sowie 10 hervorragenden Persönlichkeiten der Beamtenhierarchie, der Wissenschaft und des wirtschaftlichen Lebens ernannt werden, der die Aufgabe zugefallcn wäre, das Reformprojekt auszuarbeiten und dem Parlamente zu unterbreiten. Von anderer Seite wurde angeregt, eine Kommission, bestehend aus Mitgliedern beider Häuser des Reichsrates, mit dieser Arbeit zu betrauen. Ein drittes Projekt will die Berufung eines großen Ministeriums, bestehend aus 24 Mitgliedern, in welchem sämtliche Völker und Nationalitäten der Monarchie vertreten sein sollten, und welches das Reformprojekt auszuarbeiten hätte. Zu einer Klärung der Angelegenheit ist es bis heute nicht gekommen — aber der Ernst, mit welchem sowohl die maßgebenden Kreise, als auch die Volksvertretung die Sache behandeln und betreiben, läßt erwarten, daß man sich schließlich und daß das Reformwerk schon in nächster Zeit in Angriff genonnnen werden wird. Ohne, den Ereignissen vorgreifen zu wollen, ohne Vorhersagen zu können, welches von den erwähnten Projekten schließlich zur Durchführung gelangen dürfte, kann nur schon heute festgestellt werden, daß die Juden der Monarchie sich an dieser Arbeit nicht direkt werden beteiligen können. Zahlenmäßig bilden sie wohl eine viel stärkere Bevölkerungsgruppe als die Rumänen, Italiener :c., aber der Umstand, daß sie nicht als besondere Nationalität anerkannt sind, sowie die Tatsache, daß sie über der ganzen Monarchie zerstreut leben und vielfach in politischer und kultureller Beziehung differenziert sind, bringen es mit sich, daß sie wohl kaum — abgesehen von anderen Gründen — darauf rechnen können, ihre speziellen Repräsentanten in dem Kreise, der zur Ausarbeitung der Reformen berufen sein wird — sei es eine Spezialkommisston, sei es ein großes Ministerium — zu haben. Dies sei hier ganz einfach konstatiert, ohne daraus irgendwelche Schlußfolgerungen zu ziehen. Es muß auch konstatiert werden, daß die Verhältnisse im jüdischen Lager derartige seien, daß die maßgebenden Kreise wahrlich in der höchsten Verlegenheit wären, wollten sie irgendeinen Juden zur Mitarbeit berufen, der als Repräsentant der Gesamtjudenschaft der Monarchie gelten könnte. Jede derartige Berufung dürfte immer Proteste seitens der Andersdenkenden provozieren, womit natürlich die Stellung dieses Repräsentanten a priori erschüttert sein werde. Die Schuldfrage hier nochmals zu erörtern, hätte kaum einen realen Zweck. Die Gründe der Zerfahrenheit in unserem Lager sind leider nur zu gut bekannt. Und dennoch ist es notwendig, daß die österreichische Judenschaft bei dieser Verfassungsreform nicht ganz leer ausgehe. Ohne genau zu wissen, in welcher Richtung sich dieselbe bewegen werde, ist es klar, daß das Kultusgemeindewesen entschieden einer Reform bedarf, da das Gesetz vom Jahre 1890 vielfache Lücken aufweist. Auch die Frage eines Gemeindebundes muß einmal geregelt werden. Geht es nun nicht an, gegen den Willen der Orthodoxe» eine Zwangsorganisation zu schaffen, da diese erfahrungsgemäß keine günstigen Resultate zeitigt, so sollte zumindest eine Organisation nach Kronländern obligatorisch sein, wobei der Osten Herr seiner eigenen Entschließungen bleiben werde. Auch das R a b b i n a t s w e s e n, besonders im Osten-, bedarf einer neuen gesetzlichen Regelung, da die Bestimmungen des bezüglichen Gesetzes in Galizien nicht durchgeführt werden konnten. Im Rahmen der Kultusgemeindeordnung ließe sich auch das jüdische Schulwesen entsprechend regulieren, wobei wiederum für Galizien besondere Bestimmungen notig wären. All diese Dinge sind dringend nötig, und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Regicrnngskreise sich der berechtigten Wünsche und durchführbaren Forderungen nicht verschließen werden. Nur wäre es Sache der Judenschaft, diesbezüglich mit einem klaren Programme zu kommen und die Forderungen genau zu präzisieren. Vielleicht könnte dies im Wege einer allgemein-jüdischen Enquete geschehen, die jedoch absolut keinen einseitigen Parteicharakter haben dürfte. Die Sache ist ebenso aktuell wie ernst und es wäre höchste Zeit, derselben einige Aufnterksamkeit zu widmen. Immerhin möge diese Angelegenheit schon jetzt zur öffentlichen Diskussion gestellt werden. Dr. Paul Nohrbach über die Iudenfrage. Die „Neuen Jüdischen Nachrichten" veröffentlichen folgende Ausführungen des bekannten deutschen Politikers und Publizisten über die Judenfrage: Moment sowohl im jüdischen als im nichtjüdischen, insbesondere mitteleuropäischen Interesse darin enthalten, daß Rußland beim Friedensschluß genötigt werden muß, die rechtliche und tatsächliche Gleichstellung der Juden mit allen übrigen Einwohnern des Reiches zu garantieren. Gegenwärtig ist als Folge der Revolution die Mindcrberechtigung der Juden in Rußland aufgehoben, und ich will nicht bezweifeln, daß es den Machthabern oder doch wenigstens den Führern der Linken wie Miljnkow, Kerenski und den Sozialdemokraten ehrlich damit ist. Schon der rechte Flügel der Kadetten ist aber nicht frei von Antisemitismus, und dasselbe ist bei den Oktobristen der Fall. Bei den noch weiter rechts stehenden Parteien versteht es sich von selbst. Ausgesprochen jndenfcindlich ist ein großer Teil der russischen Bauern im Westen und Südwesten, und die Popen und Bischöfe der griechisch-orthodoxen Kirche sind es fast durchweg, ja sie sind es sogar noch in ganz mittelalterlichem Sinne. Es darf auch nicht vergessen werden, daß Judenverfolgungen in Rußland lange Zeit ein beliebtes Mittel der Behörden gewesen sind, um das Mißvergnügen der Massen in eine Richtung abzulenken, die für die Regierung ungefährlich war. Es wäre also gar zu optimistisch, wollte man alle diese Schwierigkeiten und Gefahren als durch den ersten Schwung der Revolution für immer beseitigt ansehen. Im Gegenteil, Sicherungen sind notwendig und wenn irgendwo, so gilt für die Juden das Wort, in diesem Kriege müßten die Menschlichkeit und die Rechte der schwächeren Völker triumphieren. Nur wird es nicht ganz leicht sein, solche Sicherungen für die russischen Staatsbürger jüdischer Nationalität in den Friedensvertrag anfznnehmen, denn sie würden immerhin ein gewisses Aussichtsrecht von Seiten der übrigen vertragschließenden Mächte bedingen oder ein Recht der Einmischung, falls die Gleichberechtigung verletzt wird. Vielleicht ist die Schwierigkeit dach nicht unüberwindlich, denn die Verhältnisse werden in Rußland nach dem Kriege wahrscheinlich in jedem Falle lvenig stabil sein und die dauernde Wachsamkeit der Nachbarn herausfordern. Die zweite wichtige Frage ist die, ob eine starke Abwanderung der östlichen Juden nach Palästina erstrebt werden soll. Dieses Problem ist, so sehr man vom allgemein menschlichen und kulturellen Standpunkt mit den dahingehenden Wünschen der Judenheit sympathisieren muß, doch vom praktischpolitischen Gesichtspunkt aus gesehen schwierig. Es begegmt Schwierigkeiten sowohl wirtschaftlichgeographischer als auch politischer Natur. Ich gebe nach dem, was ich von den jüdischen Ackerbau- Kolonien in Palästina kenne, gern zu, daß die Juden sich als gute Kolonisten bewähren. Doch soll man sich nicht verhehlen, daß es schwierig ist, Palästina in absehbarer Zeit der Hauptsache nach mit Juden zu bevölkern, da gleichzeitig das Problem der Unterbringung der halben Million Araber, die setzt in Palästina wohnen, gelöst werden müßte. Man kann jedoch immerhin neben der arabischen Bevölkerung noch eine große Zahl jüdischer Kolonisten und Ansiedler nach Palästina bringen, namentlich wenn auch die Industrialisierung des Landes betrieben wird. Während dessen wäre ein friedliches Beieinanderwohnen und Miteinanderarbeiten der Araber und Juden denkbar. Ohne Zweifel brächte die wirtschaftliche Ausschließung Palästinas durch neue jüdische Ansiedler auch der einheimischen arabischen Bevölkerung Vorteile. Die politische Schwierigkeit besteht in der Haltung der türkischen Zentralregierung, die, wie man weiß, der Kolonisation nichtmohamedanischer Elemente mit einer gewissen Vorsicht im Hinblick auf mögliche separatistische Tendenzen derselben gegenübersteh».- -diese Schwieriicken-'mchr-für so groß, wie die physikalisch-geographische. Die Zuführung neuer Bevölkerungselemente ist für die Türkei eine der dringendsten Notwendigkeiten der Zukunft und sie ist eine der Voraussetzungen für eine machtvolle, wirtschaftliche, kulturelle und politische Regeneration des Landes. Dabei können den Türken die jüdischen Ansiedler von größtem stützen werden, ihre politische Loyalität als selbstverständlich vorausgesetzt. Nach allen bisherigen Erfahrungen ist an ihr auch kein Zweifel zu hegen. Die Türkei ist durch alle Jahrhunderte hindurch für die Juden aller Länder eine Zufluchtsstätte geloescn, die sic auch in den Zeiten der schlimmsten Judenverfolgungen mit Wohlwollen und Toleranz behandelt hat, und es würde ihr ans die Dauer nur nützcü, auch in Zukunft von dieser ihrer durch die Jaln - hunderte hindurch geübten Haltung nicht abznweichen. Deutschland als Verbündeter der Türkei, der alles Interesse an einer schnellen und starken Regenerierung derselben bat, hat allen Grund, jüdische Ensigrations- und Kolonisationsbestrebungen unter dem Gesichtspunkt zu begrüßen, daß sie für die wirtschaftliche.Hebung der Türkei nützlich werben. Insofern können die palästinensischen Bestrebungen der Juden in der breiten deutschen Oeffentlich'keit alle Sympathien finden. Mir scheint, daß von diesen Gesichtspunkten aus die palästinensischen Bestrebungen der Judenheit von Mitteleuropa aus mehr zu erwarten haben, als von der Entente, wenn auch verschiedene Zeitungen und Politiker dieser Seite gerade in letzter Zeit den Inden in dieser Hinsicht große Versprechungen machen. Ich - glaube nicht, daß ein Sieg der Entente und eine Aufteilung der Türkei, die Palästina in den Machtbereich Englands oder Frankreichs bringen würde, den jüdischen Interessen dienlich sein könnte. Diese haben von der Realisierung der imperialistischen Ideen Englands, die aus die Gründung eines großen mohammedanischen Reiches von Aegypten bis Indien hin tendieren, nichts für sich zu erwarten. Palästina als englischer Besitz würde nur den Platz für die endgiltige Austragung des Kampfes um die Beseitigung der englischen Weltherrschaft abgeben. Bleibt hingegen Palästina türkisch, und bleibt die