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Jüdische Korrespondenz · 1917-05-15 · 15 (15.5.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
15 (15.5.1917)
Date
1917-05-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Preis per Nummer 10Heller. lirÄ«t«Ä—U1„4-4. *JS- »ÄJ« .L I„x i Redaktion und Administration*** vierteljährlich k 120 Wochenblatt für judische Interessen. | wien, vm. AiserStraße»: NaieWrack mit «Her Ouett«aa*«abe gestattet Redakteur: Jonas Kreppel. j Erscheint jeder, D o n n e r s t a 0 Hr. 15. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppel. j Erscheint jedi-n Donnerstag Redaktion und Administration r Wien, VI». Alserstraße 55. Wien, 15. Mai 1917. 3. Jahrgang. . Die Umwälzung In Rußland. (Orig.-Berieht der „Jüdischen Korrespondenz"). S t o e h o 1 m, 11. Mai. Dieser Tage hatte ich Gelegenheit, ein Gespräch mit einem Führer tler jüdischen Sozialisten in Rußland zu führen, der jüngst aus Petersburg hier eingetroffen ist. In nachstehenden sei der Inhalt dieses Gespräches wiedergegeben: Frage: Welche Aussichten hat die russische Revolution überhaupt und was haben die russischen Juden von derselben zu erwarten? Antwort: Die Umwälzung in Rußland könnte die besten Aussichten haben. Die Unzufriedenheit der breiten Volksmassen ist derart groß, daß die Reaktion es kaum wagen würde, einen Restaurierungsversuch zu unternehmen. Die Enttäuschung, die dem Volke mit der Pseudo-Konstitution vom Oktober 1905 bereitet wurde, ist auch nicht darnach angetan, das Gelingen eventueller Wiedrholungen solcher Komödien vielversprechend zu machen. Deswegen auch hat die Reaktion sofort beim ersten Angriffe die Waffen gestreckt und der Zar hat sich sehr rasch mit seinem Schicksal abgefunden. Wären wir demnach nicht mitten im Kriege, so würde man die Umwälzung in Rußland als vollkommen gelungen beurteilen können. Der Umstand aber, daß die Revolution während des blutigen Krieges und gewissermaßen auch infolge desselben ausgebrochen ist. macht es andererseits ziemlich schwer, das Schicksal derselben mit einiger Sicherheit voraitc^y^?»i lacsan faM« ftg.rian .»ArUrfagn n auf-. richtigen Führern der Umwälzung nicht gelingen sollte, die letzten Konsequenzen zu ziehen und so rasch als möglich dem Kriege ein Ende zu bereiten. Daß das Gros des russischen Volkes den Krieg satt hat, darüber darf kein Zweifel herrschen. Aber andererseits hat der Panslavismus und der Imperialismus, die die weitesten Kreise der Intelligenz und des Bürgertums umfaßten, den Boden noch nicht ganz verloren und da diese Schlagworte nach wie vor mit der Hilfe der auswärtigen Emissäre energisch verbreitet werden, so ist es nicht leicht, dagegen anzukämpfen. Der Plattform bezüglich der eigenen Freiheit hat man das Schlagwort hinsichtlich einer „Befreiung aller Völker" entgegengestellt. Spricht man von inneren Rrformen und einer Hebung des eigenen Wohlstandes, so stoßt man auf das Argument, daß Ruß- Inad zunächst seine „natürliche" Entwicklung erlangen muß, um den eigenen Wohlstand begründen zu können. Die Kraft derartiger Schlagworte ist nicht immer leicht abzuschätzen und die Phrase, daß Rußland auch fernerhin zusammen mit den Mächten des Westens für die „Beglückung der Menschheit" arbeiten muß. paralysiert allzu oft das Streben zur Befestigung und zur Sicherung der eigenen , Freiheiten. Deswegen auch ist es fast unmöglich, die Zukunft der gegenwärtigen Umwälzung voraussagen zu wollen. Ist es fast sicher, daß der Zarismus ein für alle Mal abgetan ist. da er — wie die Erfahrungen gezeigt haben — gar keine Wurzel in der russischen Erde hatte, so ist es andererseits nicht ausgeschlossen, daß wir in Rußland anstatt einer wahren Volksrepublik ein nationalistisch - chauvinistisches Regime erhalten, das das Reich aus der inneren und äußeren Krise nicht hinauskommen lassen wird. Im Zusammenhange damit läßt sich naturgemäß auch die Entwicklung der Judenfrage in Rußland kaum mit Bestimmtheit feststellen. Auch diesbezüglich läßt steh sagen: Die früheren, geradezu furchtbaren Zustände dürften kaum wiederkehren. Die Oleichberechtigung der Juden ist eine Tatsache, mit der man einmal rechnen muß. Aber nicht ausgeschlossen ist das Aufrollen der Judenfrage als Politikum, nach dem Muster von Westeuropa. Gewisse Parteien, die sich entweder am Ruder erhalten oder zur Maeht gelangen wollen, könnten ja die Judenfrage ebenso als Steigbügel verwenden, wie dies in vielen europaischen Ländern geschehen ist. Das Autieben einer „modernen" antisemitischen Bewegung aut nationalistischer oder wirtschaftlicher Grundlage ist nicht ausgeschlossen. Frage: Sind sicii die Juden dieser üethar bewußt unu was tun sie. um dieselbe abzuwenden? Aiuwuii. uic umstell juuiscnen Meise smu Sien uei ueiaiu geiiau oewuüi. oie sinu euen uer lvieinuag, üau uie juuen sich uesto startter an uem rtusuau uer errungenen rreilieiten atuiv oeiemgen müssen, um jeües aui- Komiuen einer reaktionären Strömung zu vernmuern. rreinen muu gesagt werden, uaii diese lakuK — uie ja an unu lur sicii ncütig ist — uen crioig nocii immer mein verourgt. Oie juuen halten es aucli lür rientig, daß ein Teil der jüuiscnen uevoiKerung nanu in rianu mit uen Kadetten gellt, um die provisorische Regierung, die ja momentan immerhin im besitze der Macht ist, entsprechend zu stutzen. Tatsachucti hat die provisorische Kegierung bisner alles getan, um die juuen gegen alle Getahren zu schützen. Mehrere antisemitische ölatter wurden sistiert, Pogrom - Agitationen wurden kraltvoil unterdrückt. Allein, es wäre verfehlt, darauf allein alle Hotfnungen zu bauen. Es genügt auf den Umstand zu verweisen, daß die Entente-Emissäre alles daran setzen, um die eigentliche Freiheitsbewegung zu diskreditieren, aus Furcht, das wirklich freie und selbständige Rußland könnte tatsächlich die Fortsetzung des Krieges verweigern. Nun muß man bedenken, daß diese Kreaturen mit allen Mitteln arbeiten und vor keiner Lumperei zurückschrecken, wenn diese ihnen nur zweckdienlich erscheint. Im Zusammenhange damit sehen wir aber, daß beispielsweise die „Times" und andere Ententeblätter bereits den Versuch unternehmen, die russiseche Revolution als ein „Werk der Juden" zu diskreditieren, ein Vorgehen, das seitens der russischen Presse die schärfste Zurückweisung erfahren hat. Wer bürgt nun dafür, daß nicht morgen die „Nowoje Wremja" und ihre „echt-russischen" Kolleginnen dieselbe Taktik verfolgen werden, wenn dies den Interessen des Northcliffe — der Eigentümer dieser Blätter ist —- entsprechen sollte! Die provisorische Regierung, möge sie noch immer am Ruder bleiben, müßte dann aber ein Auge zudrücken, wenn es sich um die „Interessen" der Entente handeln würde..... Deswegen muß gesagt werden, daß auch die Zukunft der Juden in Rußland insolange nicht gesichert ist, insolange das neue Reich nicht dem Kriege ein Ende bereitet hat und ganz Herr seiner selbst geworden ist. Frage: Wie steht es nun mit dieser Friedensströmung im Reiche? Die wirklichen Freiheitselemente sollen doch alles daran setzen, um das Kriegsende zu beschleunigen, da nur damit die errungene Freiheit gesichert werden kann! Antwort: Dies geschieht auch. Aber die Verhältnisse sind sehr kompliziert und man kann unmöglich die Kräfte übersehen, die pro und contra arbeiten. Wäre der Einfluß Rußlands auf die Entente derart groß, daß diese zu Friedensverhandlungen gezwungen werden könnte, dann würden sich in Rußland kaum genügende Elemente finden, die für eine Fortsetzung des Krieges zu plaidieren den Mut hätten. Aber da dies scheinbar vorläufig unmöglich ist, da Rußland bei der heutigen Sachlage höchstens einen Sonderfrieden schließen könnte, so haben auch gewisse freiheitliche Kreise starke Bedenken gegen einen solchen Schritt. Abgesehen vom Schlagworte des Verrats, den das Reich damit seinen Bundesgenossen gegenüber begehen würde, hören sich Stimmen, daß Rußland mit einem Sonderfrieden das Blutvergießen in Europa noch verlängern werde, da die Mittelmächte dann ihren übrigen Feinden gegenüber einen Vernichtungsuud Eroberungskrieg führen würden. Das erste Argument hat wohl keine allzu große Ueberzeugungskrafi. Das neue Rußland ist schließlich nicht an einseitigen Abmachungen gebunden, die der abgesetzte Zar zum Schaden des eigenen Reiches abgeschlossen hat. \bcr das zw eite Argument, mit dem die Entente-Emissäre sehr intensiv und geschickt operieren, versagt den Effekt nicht und deswegen ist es schwer, den Fricdensaussischten russischerseits bestimmte Horoskope zu stellen. Konstatiert werden muß aber: Insolange es nicht gelingt, die Verhältnisse in Rußland derart zu stabilisieren, daß die Gefahr einer reaktionären Restauration ganz verschwunden sein soll — und dies kann nur im Wege eines baldigen Friedens geschehen ...... insolange ist die errungene Freiheit in Rußland nicht gesichert und insolange ist das Auftauchen einer Judenfrage nicht ganz ausgeschlossen. Z'foni. Das Kriegsdienstleisfungsgesefz und die Juden. Die Landesorganisation orthodoxer Juden „Agudas - Jisroel" hat dem k. k. Ministerium für Landesverteidigung folgende Eingabe unterbreitet: Der ergebenst gefertigte Verband hatte sich statutenmäßig zur Aufgabe gestellt, seine Glaubensgenossen aus Galizien und der Bukowina nicht bloß materiell zu unterstützen, sondern ihnen auch in der Einhaltung der den orthodoxen Juden besonders am Herzen liegenden religiösen Gebote und bei Wahrung ihrer religiösen Gefühle dienlich zu sein. Nun wurden bereits eine Reihe von orthodoxen Juden auf Grund des Kriegsleistungsgesetzes zur Arbeitsleistung herangezogen und mit jedem Tage werden mehr zur Kriegsdienstleistung einberufen. Alle unsere Glaubensgenossen sind gerne bereit, ihre Arbeitsleistung in den Dienst des Staates zu stellen, sie werden aber gleichzeitig aus ihrer "'ewohnten Umgebung gerissen und der Mögiii iikeit beraubt, ihre Lebensweise auch weiterhin nach den Satzungen ihrer Religion fortzusetzen. Insbesondere ist es ihnen bisher nicht möglich, rituelle Kost, wie sie bereits, wo es bisher möglich war, Soldaten orthodoxen Glaubens verabreicht wird, zu erhalten und den Sabbath zu heiligen, das heißt Sabbathruhe einzuhalten. In dem deutschen Hilfsdienstgesetz wurde auf diese religiösen Interessen entsprechend Rücksicht genommen. Der Fünfzehner - Ausschuß des Reichstages besc' loß folgende Fassung;n der „Anweisung zi■>' Ausführung des Hilfsdienstgesetzes": „Bei der Ueberw eisung von Hilfsdienstpflichtigen gemäß 7 Absatz 3 des Gesetzes über den vaterländischen Hilfsdienst ist tunlichst darauf Bedacht zu nehmen, daß diejenigen Personen, die glaubhaft machen, daß sie in ihrer bisherigen Tätigkeit auf die Vorschriften ihrer Religion besonders Rücksicht genommen haben, hieran auch durch ihre Tätigkeit im Hilfsdienste nicht gehindert werden". Hienach kann nicht nur die Berücksichtigung des S a b b a t h s, sondern auch — bei Ueberweisung nach fremden Orten — eine billige Rücksicht auf die Möglichkeit ritueller Verköstigung am Arbeitsorte gewährt werden. Durch die Gewährung der Sabbathruhe an die zur Arbeitsleistung einberufenen orthodoxen Juden braucht eine Erschwerung oder Behinderung der Arbeit nicht einzutreten, da diese, wenn ihnen der Samstag freigegeben wird, mit doppelter Arbeitsfreudigkeit den ganzen Sonntag durcharbeiten werden und dadurch zur Entlastung ihrer christlichen Kollegen beitragen Judenl Zeichnet zahlreich die VI. österreichische Kriegsanleihe!

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