Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 9 (15.3.1917)
- Date
- 1917-03-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis per Nummer 10 Heller. Vierteljährlich K 1-20. NMMruck mit ««Her QatHeiMfabe gemattet respondenz Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppe!. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag Hr. 9. Wien, 18« 1917. 3. Jahrgang. Volk der K; Lange rnus u: »Mene-Tekel« in Petersburg. Lange genug vermochte es Rußland, die Welt über die inner-politischen Zustände, die in diesem Riesenreiche herrschen, zu täuschen. Lange . «enug konnte es den Kriegshetzern von Utechts und links gelingen, die unzufriedenen Volksmassen damit zu beruhigen, daß der große Sieg vor der Türe stehe, und daß für Rußland ejfie Qlangpetioäe beginnen wird, die das *n»ehrungen und Opfer, die ' rechlich entschädigen werde, res möglich, den Chauvinisfanatismus derart anzufachen, daß jeder Friedensfreund eingeschüchtert wurde und es kaum wagte, die Heuchler zu entlarven und dem Volke die Wahrheit zu entdecken, daß es einen aussichts- und zwecklosen Krieg führt und vergebens Out und Blut opfert, mit dem einzigen Resultat, die Herrschaft der Reaktionäre zu befestigen und einigen elenden Strebern, die sonst als „Volksfreunde" gelten wollten, die Gelegenheit zu geben, dem Ziele ihres eitlen Ehrgeizes näher zu kommen. Heute muß der offizielle russische Draht offen zugeben, daß das Zarenreich vor dem Ausbruche einer Revolution stehe und daß die Not und die Verzweifhing derartige Dimensionen angenommen haben, daß kein anderer Ausweg übrig blieb, als die berüchtigten echt-russischen Methoden anzuwenden und die Volksbewegung mit Feuer und Schwert einzudämmen. Der Umstand, daß das Zarenreich fast hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen war, was ja im Kriege noch viel strenger durchgeführt wurde, brachte es mit sich, daß die ~%reftreH^Wti«lAeil ■wHtes» _ Kenntnis von den Ereignissen in Rußland erhielt, wenn dieselben solche Dimensionen angenommen haben, daß die Verleugnung und Vertuschung nicht mehr praktiziert werden konnte. Dieses Stadium scheinen gegenwärtig die Dinge erreicht zu haben. Seit Jahr und Tag konnten die russischen Staatsmänner die Komödie spielen und mit Emphase verkünden, das ganze russische Volk sei kriegsbegeistert und wolle von einem vorzeitigen Frieden nicht einmal hören. Seit Jahr und Tag konnten es die Miljukow und Genossen verkünden, daß Rußland nicht früher das Schwert einstecken wird, als bis es seine alten Aspirationen auf Konstantinopel usw. verwirklicht haben wird. Im Auslande, besonders in denjenigen Kreisen, die einen klaren Einblick in die russischen Verhältnisse hatten, kam man fürwahr aus dem Staunen nicht heraus. Sollte die Kriegsbegeisterung im Zarenreiche tatsächlich einen derartigen Umfang angenommen haben, daß alle revolutionären Strömungen verschwinden mußten und das unterirdische Rußland sich gezwungen sah, bis auf weiteres seine Tätigkeit einzustellen? Sollten tatsächlich sämtliche fortschrittlichen Kreise sich dem Diktat Miljukows unterordnet haben? Ist der Zar wirklich der Herr über Herz und Geist seiner Völker geworden? Haben all die unterdrückten und verfolgten Völker die bisher erlittene Unbill vergessen u. wollen sie dazu mitwirken, die Macht der Reaktion zu stärken, mit eigenen Händen die Peitsche zü drehen, die sie später züchtigen wird?! — Es müßten dann tatsächlich Zeichen und Wunder geschehen sein! .... Nun kommt aber die Wirklichkeit und liefert den Beweis, daß Rußland sich nicht geändert hal. Es war nur der furchtbare Druck der Knute und der Feldgerichte, die die Massen im Zaune hielten. Aber der Moment mußte kommen, da diese Furcht nicht mehr so schrecklich sein konnte, um die Verzweifelten von dem Aeußersten abzuhalten. Die Niederlagen auf den Schlachtfeldern, die gewaltigen Opfer an Gut und Blut, die niederträchtige Korruption und die ausgeartete Demoralisation konnten nicht ohne Wirkung bleiben. Heute ziehen die hungernden russischen Volksmassen und die ausgebeuteten und unterdrückten Arbeiter auf die Straße mit dem Rufe: „Brot und Frieden"! Heute blieb den Kosakenhorden nichts anderes übrig, als ihre Kraft, die auf den Schlachtfeldern versagt hat, gegen den „inneren Feind" zu erproben und tatsächlich zu „siegen" . . . Man bedenke was es bedeutet: Rußland hungert! t)ie Kornkammer Europas leidet Mangel an Brot! In einer solchen Situation ist jede Heuchelei machtlos, da kann keine Demagogie helfen. Nur das Schwert kann sich noch Geltung verschaffen. Aber wer weiß, für wie lange? ... Peterburg und Moskau liegen weit hinter der Front, aber das Straßenpflaster dieser beiden russischen Metropolen ist mit Blut getränkt. Wir sehen wieder einmal ein Rußland vor uns, wie wir es uns stets vorgestellt haben. Ein Rußland in Feuer und Flammen, ein Pulverfaß, das jeden Moment zur Explosion gebracht werden kann, deren Feuerschein das richtige Bild des Zarenreiches wiederspiegeln wird. Rußland ändert sich nicht. Nur gewaltsame Erschütterungen vermögen es, seine Machthaber zur Vernunft und seinen Völkern Freiheit und Erlösung zu bringen. Man darf vorläufig die gegenwärtigen Ereignisse nicht übefschfttzen. Vielleicht gelingt es der Knute und dem Schwert wieder einmal, das aufgeregte, in Hunger und Not verkommende Volk zu „beruhigen". ' Aber das „Menetekel" ist bereits durch eine unsichtbare Hand geschrieben. Wer diese Feuerzeichen richtig zu deuten vermag, der weiß es, daß nunmehr der Anfang vom Ende sichtbar ist. Auch die Hilfe der Freunde im Westen wird da wenig helfen können. Die „Stimme der russischen Erde" hat heute einen eigenartigen Klang. Die Vorboten des Sturmes sind da. Wenn sich hie und da Naive gefunden ha- — wir Juden gehörten nicht zu ihnen. Die Behandlung unserer Brüder im Zarenreiche während des Krieges mußte uns im Gegenteil belehren, daß Rußland sich nur treu geblieben ist. Wir wußten es, daß nur ein auf den Schlachtfeldern niedergerungenes Rußland sich dazu bequemen wird, seinen Völkern Freiheit zu gewähren und wir warteten den Moment ab, da die Zeichen dieser Ereignisse in die Erscheinung treten werden. Nun sind wir dabei. Das Blutbad von Petersburg spricht Bände. Der Tag, an dem das auf den Schlachtfeldern geschlagene und im Inneren zerrüttete Rußland aufhören wird, eine Völkergeise! zu sein, ist nicht mehr fern. Wir verstehen das „Menetekel" von Peterburg zu deuten und sehen seiner Verwirklichung erwartungsvoll entgegen. Der gesamten Menschheit und besonders den Millionen unserer Brüder wird dann ein großes Heil zuteil werden. Polnisches Märzweäer in Polen. (Breif aus Warschau.) Die Situation im jüdischen Lager in Polen, sowohl hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Juden und Polen, als auch bezüglich der Stimmungen und Strömungen unter den Juden selbst, weist eine starke Analogie zum gegenwärtigen Märzwetter auf. Bald heller Sonnenschein und Wärme, bald Schnee und Kälte, bald laue Frühlingsluft und bald kalte Nordwinde. Man sieht deutlich: Der Winter und der Frühling kämpfen gegeneinander. Die Frage ist nur, ob auch im politischen Leben der Frühling obsiegen wird, wie in der Natur. Viele wünschen und erhoffen es. Ob diese Wünsche und Hoffnungen in Erfüllung gehen werden, ist leider eine andere Frage. Bezüglich des Verhältnisses zwischen Juden und Polen haben gerade die jüngsten Tage einige bezeichnennde Erscheinungen gebracht. Die neugebildete Organisation orthodoxer Juden, die „Agudas Hoortodoxim" hat an den polnischen Staatsrat ein sehr warmes Begrüßungsschreiben gerichtet, in welchem der Wunsch nach einem friedlichen Zusammenleben von Juden und Polen, im Sinne der alten Landestradition, zum Ausdruck gebracht wurde. Der Staatsrat hat daraaif die folgende, vom Kronmarschall Niemojowski und dem Staatssekretär Sliwinski unterzeichnete Antwort erteilt: „Der provisorische Staatsrat nahm mit Freude die in der Adresse des „Agudas Hoorthodoxim" bekanntgegebene patriotische und edle Erklärung der Juden zur Kenntnis, wonach sie sich als treue Bürger Polens und fromme Anhänger ihres Glaubens bekennen. Der jetzt gebildete polnische Staat wird hinwieder den historischen Faden aufnehmen, der durch die Tradition religiöser Toleranz gezogerj^vaj;. Und wie es in der Vergangenheit der Fanwar,** wird den Juden, die in Polen wohnen, das Recht auf ihren uralten Glauben auch künftighin und in der Ueberzeugung gesichert, daß die Juden, die dem Gotte ihrer Väter treu dienen, gleich den unabhängigen Polen dem Staat Polen als gleichberechtigte Bürger dienen werden". Man sollte glauben, daß angesichts eines solchen beiderseits zum Ausdruck gebrachten guten Willens es ein leichtes sein sollte, die di- \ ersen Spannungen und Reibungen zu beseitigen. Leider ist dies nicht der Fall und die beiderseitigen Klagen und Vorwürfe wollen gar nicht verstummen. Besonders ist, außer der Presse, der Warschauer (iemeinderat der Schauplatz der fortwährenden Auseinandersetzungen, deren Resultat nur in der Vertiefung der Gegensätze besteht. Gleichzeitig mit dein so freundlichen — sagen wir — Notenwechsel zwischen Juden und Polen, kommt aus Lodz die Nachricht, daß sich dort die Verhandlungen zwischen den jüdischen und polnischen Gemeinderäten zerschlagen haben und daß die Juden, die zusammen mit den Deutschen die Majorität im Gemeitiderat bilden (Juden 27, Deutsche 6), beschlossen mütmimm m^mm^immm^^ che der Stadtverwaltung zu erklären. Ohne an dieser Stelle die Einzelheiten dieses Konfliktes näher beleuchten zu wollen, ohne eine Untersuchung darüber anzustellen, wer eigentlich die Zerschlagung der Verhandlungen verschuldete, kann nur gesagt werden, daß dieser Beschluß in den polnischen Kreisen arg verstimmt hat und keineswegs zur Entspannung beitragen dürfte. So kommt man aus dem Zauberkreise nicht hinaus und die Diskussion dreht sich immer um denselben Gegenstand. Aelinliche Erscheinungen, wie hinsichtlich des polnisch-jüdischen Verhältnisses, sind auch im jüdischen Lager selbst zu konstatieren. Die überaus ernste Zeit vermochte es nicht, die Juden dazu zu veranlassen, ihre inneren Streitigkeiten in den Hintergrund zu schieben und sich zu einer gemeinsamen Arbeit zu vereinigen. Das Parteiwesen und die Parteikämpfe „blühen und gedeihen" nur allzu üppig. Das Entstehen der „Agudas Hoorthodoxim" hat die sogenannten „Jiddischisten" und teilweise auch die Zionisten außer Rand und Band gebracht, da sie befürchten, dadurch den Einfluß auf die breiten Volksmassen einzubüßen. Besonders sind es die „Jiddischisten" aller Schattierungen, die ziemlich heftig die Katnpftrompcte blasen. Wie das Organ der Orthodoxen meldet, sollen hiebe! die schärfsten Kampfmittel, selbst der Boykott des neuen orthodoxen Blattes in Anwendung gebracht werden. Sollte sich dies bestätigen, so müßte man dagegen aufs heftigste protestieren. Ein Volk, das gerade in Polen in den jüngsten Jahren unter den Folgen eines Boykottes zu leiden hatte, darf durch die Anwendung dieses Mittels im eigenen Lager die Taktik der Feinde nicht auch nur scheinbar rechtfertigen. . . . Chrakteristisch sind hiebei die Vorwürfe, die seitens der radikalen „Jiddischisten-Volkisten" gegen die Orthodoxen erhoben werden. Erst vor wenigen Monaten wurden die chassidischen Großrabbiner seitens der Volkisten umworben, um ihnen bei den Gcmeinderatswahlen behilflich zu sein. Heute aber wird gegen diese Rabbis Front gemacht mit dem Schlagworte, daß sie Reaktionäre und Finsterlinge sind, deren Einfluß gebrochen werden muß. Auch der Umstand, daß einige orthodoxe Rabbiner aus Deutschland an der Spitze der Orthodoxen stehen, wird gegen die „Agudas Hoorthodoxim" als Kampfargument gebraucht, wobei die Herren Gegner vergessen, daß gerade sie es waren, die zuerst die Hilfe der