Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 33 (9.1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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indische Korrespondenz Preis per Nummer 10Heller. lir - _U1«*4tti- U\Alcn.U~ lifn^cco« Redaktion und Administration: viert^ch k 120 Wochenblatt für jüdische Interessen. Nachdruck mit valler Quelleaangab« gestattet. Redakteur: Jonas Kreppel. Wies, VIII. Alserstraße »ö. Erscheint jeden Donnerstag Mr. 33. Wien, September 1916. 2. Jahrgang. t_Q^ävz u-nd&te-rz ^&e^i/e-ft- <^l&u4t-- /■Se-tt, ^^eä&tn e^riaS ^y^t/a-t.de&d&i't JaS&en zc&t &t#t m r iee^a^b/ Rosch-Hascliana- Das Neujahr naht — ein einziger Schrei Durchzittert üie herbstgesehmückte Erde: üib, Ewiger, daß im neuen Jahr tin Friedensglück uns allen werde! Das Neujahr naht — es künden stumm Die rleldengräber Krieg und Not: Qib, Ewiger, daß die jungen Seelen Umsonst nicht starben trüben Tod! Das Neujahr naht — noch steht wie Fels Die tapfere Schar, die Faust am Schwert: Qib, Ewiger, daß sie heimwärts kehren, Üie treu beschützten Haus und Herd! Das Neujahr naht — die Brüder draußen Zum Herzen heben sie die Hand. üib, twiger, daß sie treudig winken, Zum Gruß dem freien Vaterland! Das Neujahr naht — ein einziger Schrei Durchzittert die herbstgeschmückte Erde: üib, Ewiger, daß im neuen Jahr Ein Friedensglück uns allen werde! („Juii4f-Juda"J Vera Machschewes. »We'al namcüriolh bau - jeomer i« (Neujahrsgedanken.) Zum dritten Male, seitdem das biutigc Weltenringen über die Erde tobt, ertönt die Stimme der Posaune, das „Kaul schaufor". Es ist noch immer nicht die Stimme der Freude und des endgültigen Triumphes, es ist noch immer nicht die Stimme des Friedens und des ülückes, die uns täglich aus allen Ecken und Enden der sogenannten Kulturweit entgegentönt. Es ist noch immer die Stimme des wilden Kampfes, des widrigsten und niedrigsten Hasses, die sich vernehmen läßt. Noch immer opfern die Urheber des Krieges Hekatomben, um ihren Expansionsgelüsten zu fröhnen und noch immer wollen sie aus der Kriegslage nicht die Konsequenzen ziehen und bekennen, daß sie eigentlich einen vergeblichen Kampf führen, daß sie von ihrem Eroberungs- und Vernichtungsziel mehr denn je entfernt sind. Noch immer ist die Stimme des Blutes nicht verstummt, noch immer ist das Ende des blutigen Tanzes nicht abzusehen. Immer neue Völker werden in den Kriegswirbel hineingezogen. Immer neue Opfer werden ausgesucht, um die Quelle des Blutes nicht versiegen zu lassen. Immer neue Pläne werden geschmiedet, neue Niederträchtigkeiten ausgeheckt, um die siegreichen Mächte durch Hunger aufs Knie zu zwingen, um an Frauen und Kindern Rache dafür zu nehmen, daß die ruchlosen Pläne ruchloser Diplomaten ins Wasser gefallen sind. Die Entscheidung des Schicksals soll korrigiert, der ewigen und strafenden Gerechtigkeit soll in den Arm gefallen werden. Die hartgesottenen Sünder wollen nicht einmal vor den Toren der Hölle ihre Missetaten bekennen und Besserung versprechen. Und doch ist dieses Bemühen ein vergebliches. Möge die Kriegslage infolge des Eingreifens neuer Feinde, infolge der rücksichtslosen Kriegsführung, die weder die eigenen Völker noch die eigenen Länder schont, für die Mittelmächte und deren Verbündete sehr ernst geworden sein — die eigentlich längst gefallene Entscheidung wird hoffentlich nicht umgestossen werden. Der ganze bisherige Kriegsverlauf, sowohl in seinen großen Zügen, wie in den Details, spricht deutlich dafür, daß der Sieg derjenigen Mächtegruppe zufallen werde, die den Krieg zwar nicht gewollt und nicht angestrebt hat, die aber mächtig genug ist, allen Feinden die Stirne zu bieten. Selten wann hat sich die alte Wahrheit so bestätigt, daß nicht die Zahl, sondern der üeist im Kriege ausschlaggebend ist, wie jetzt. Und wir wollen rückhaltslos zufügen, daß selten wann der Iriumph der gerechten Sache so verbürgt war, wie im gegenwärtigen Krieg. Die Mächte, die den Krieg entfesselt, versuchen es immer wieder, mit der Hilfe neuer Verbündeter das Kriegsschicksal zu korrigieren. Aber prompt folgt die Antwort der göttlichen üerechtigkeit und prompt folgt die Niederlage der neuen Feinde. „Koschal auzer wenofal Azur" — es strauchelt der Helfer und es fällt der Hilfebedürftige. Die ewige üerechtigkeit läßt sich diesmal ins Handwerk nicht pfutschen. Das Eingreifen Rumäniens in den Krieg hat all dies noch einmal evident bewiesen. Mit welchen Hottnungen und mit welchen Befürchtungen hat man nicht in aller Welt diesem neuen Ereignis entgegen gesehen. Heute aber, nach kaum Monatsirist, bedeutet Rumäniens Eingreifen in den Krieg nichts anderes als eine Episode, die zwar wiederum viel Menschenblut kosten, aber das Kriegsscliicksal nicht beeinflussen wird. „AI haindmot bau jeomer!" Ueber das Schicksal der Länder wird am Neujahrstage entschieden, dem wir entgegengehen. Am diesem Tage sitzt der Allwissende und Allsehende zu Gericht über Menschen und Völker, Länder und Welten. Hier unten, in dieser irdischen Welt mag es vielleicht einer systematischen Verieumderarbeit gelingen, die Wahrheit zu verdunkeln und mag es vielleicht dem ruchlosesten Verbrecher glücken, mit der Hilfe einer heuchlerischen Maske als Ehrenmann zu erschienen. Vor , dem•„Richtstuhl des Ewigen uann die Wahrheit nicht verdunkelt werden. Dort kann der Tyrann nicht als „Menschenbefreier" erscheinen, dort kann der tückische Verräter nicht in der Rolic eines „Kämpfers für Recht und üerechtigkeit" auftreten, dort kann der ruchlose Verhetzer und Beutelüsterne nicht als „Verfechter des Völkerrechtes" figurieren. Vor Gottes Auge bleibt nichts verborgen und versteckt. Nicht bios die Schuld an der Entfachung des Weltkrieges wird gegen die Mächte der Entente sprechen, — sondern auch die Juden werden als Ankläger auftreten, als Ankläger gegen Rußland und Rumänien ob deren unmenschlicher Judenverfolgungen, als Ankläger auch gegen die Verbündeten derselben, welche all dies stillschweigend billigen und diese Tyrannenherrschafteu moralisch und materiell stützen. Das Urteil des göttlichen Richters kann angesichts dessen nicht zweifelhaft sein. Im vollsten Bewußtsein, für eine gerechte Sache zu kämpfen, können die Mittelmächte und deren Verbündete vor üottes Richtstulil treten und mit dem ruhigsten üevvissen dem Urteil, dessen Vorläufer bereits im Kriegsverlauf zu merken sind, entgegensehen. Wir aber, das jüdische Volk, dessen Schicksal so eng mit dein Schicksal dieser Mächtegruppe verknüpft ist, deren Sieg auch unser Sieg ist, werden unsererseits an diesem heiligen Tage unsere innigsten Gebete für den endgültigen Sieg dieser Mächte ertönen lassen, eines Sieges, der ein wirklicher Verkünder der Völkerfreiheit und des ewigen Friedens sein möge. Spectator. RabbinerKonferenz und Wahlbewegung. (Brief aus Lublin.) Ueber Initiative des k. u. k. Generalgouvernements fand hier am 12. und 13. d. M. eine Rabbinerkonferenz statt, zu welcher 51 Rabbiner aus dem k. u. k. Okkupationsgebiet erschienen sind. Der Konferenz haben auch Vertreter des k. u. \. Generalgouvernements, der Stadtbehörde und der jüdischen Kultusgemeinde, sowie mehrere jüdischen Persönlichkeiten, die den öffentlichen Angelegenheiten großes Interesse widmen, beigewohnt. Zum Vorsitzenden wurde der Oberrabbiner von Piotrkow, M. D. Temkin, gewählt, als Stellvertreter fungierten Oberrabbiner Rosenstock von Kielce und A. Rappaport von Olkusz. Sekretär war der Rabbiner A. Bromberg von Lenczin. Im Namen der jüdischen Gemeinde Lublin begrüßte Advokat Warmann die Konferenz und erklärte, daß dieselbe die Erinnerung an jene historischen Rabbinerkonferenzen wachruft, die in alten Zeiten in Lublin stattzufinden pflegten und die unter dem Namen „Waad arba arozot" (Vier-Länder-Versammlung) berühmt sind. Herr Szper begrüßte die Konferenz und gab eine historische Uebersicht der seinerzeitigen Lubliuer Rabbiuerversammlungen. Hierauf wurde die Tagesordnung der Konferenz festgestellt, welche sich mit folgenden Angelegenheiten zu befassen hatte: a) hygienisch-sanitäre Fragen, b) ethisch-kulturelle Aufgaben, c) Regelung der Zivilmatriken. Die eigentlichen Beratungen waren sehr eingehend und anregend. Die meisten Redner haben hiebei darauf verwiesen, daß die Juden und besonders die Rabbiner im Okkupationsgebiete alles mögliche tun, um den allgemein ungünstigen Verhältnissen unter den Juden abzuhelfen. Sie forderten auch, daß die materielle Lage der breiten Volksmassen verbessert werden möge, dann würden sich die sanitären Zustände ebenfalls günstiger gestalten. Es wurden schließlich einige Rabbinerkomnüssionen gewählt, deren Aufgabe es sein soll, die gefaßten Beschlüsse durchzuführen. Der Verlauf der Konferenz, welcher noch ausführlich geschildert werden wird, machte einen guten Eindruck. Mitte Oktober sollen die Wahlen zu den Stadtverwaltungen im k. u. k. Okkupationsgebiete stattfinden. Die Wahlbewegung hat bereits begonnen und auch die Juden interessieren sich mit der Wahlaktion lebhaft Allgemein wird der Standpunkt vertreten, daß die Juden sich mit den demokratischen Elementen der Polen zu einem gemeinsamen Vorgehen bei den Wahlen vereinigen sollen. Von zionistischer und nationalistischer Seite wird jedoch eine separate jüdische Aktion nach dem Muster des jüdischen Volkskomites in Warschau propagiert. Es ist möglich, daß es deswegen im jüdischen Lager zu Spaltungen kommen werde. Ueber die Aussichten eines Wahlkampfes laßt sich vorläufig nichts näheres sagen. Harnabit. Die Juden in Rußland. „Nowy Putj" vom 17./30. Juli schreibt anläßlich der Gerüchte über die angebliche Sanktionierung des Zirkulars von Schtscherbatow durch die gesetzgebenden Körperschaften ungefähr folgendes: Dieser Gedanke, dem keinerlei praktische Bedeutung zukommt, ist seinen Beweggründen nach klar. Er ist keineswegs auch nur durch den Gedanken, die Lage der Juden vorübergehend zu erleichtern, hervorgerufen, sondern beweist das hartnäckige Bestreben, den gegenwärtigen Zustand vollkommen aufrecht zu erhalten. Dieses konservative Prinzip soll in der gefährlichen Form eines Parlamentsgesetzes durchgeführt werden, das dem Scheine nach etwas Neues festsetzt. Eine solche „Gesetzgebung" erfolgt für Europa und nicht für Rußland. Und wirklich, um sozusagen „parlamentarische Gestikulation" zu demoii'- strieren, die sich von weitern als ein parlamentarisches Schaffen ausnehmen soll, konnte man kein besseres Mittel wühlen, als die gesetzliche Billigung des Schtscherbatow-Rundschreibens. Eine solche „Reform" wäre ein großes Unglück für uns, sie würde unsere Rechtlosigkeit nur festigen; denn, wenn man gesetzlich bestimmt, daß Juden in den Städten wohnen dürfen, dann heißt das, daß das Verbot für die Juden, außerhalb der Städte zu wohnen, parlamentarisch sanktioniert wird, eine Sanktion, die zum erstenmal von einem russischen Parlament erteilt würde." „Jewrejskaja Njedjelja" vom 7.120. Aug. schreibt über die traurige Lage der jüdischen Deportierten in Sibirien: Die Deportierten werden im Etappenwege befördert, wobei sie ungeheure sibirische Strecken meistens zu Fuß zurücklegen müssen, da nur Frauen und Kindern Fuhrwerk gewährt wird. Meistens werden die einzelnen Gruppen der Deportierten nur von einer Soldatenwache (ohne Offiziere) begleitet, sodaß die von jeder Aufsicht befreiten Soldaten die „Arrestanten" schonungslos behandeln. Während des ganzen Weges leiden sie