Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 20 (25.5.1916)
- Date
- 1916-05-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Preisper Nummer lf> Heßer. vvr (____t.i.n c~ *» __t_________ i Redaktion und Administration: Vierteljährlich K 120. Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet st- 4 44 li p-»» 4 w ± i KeaaKiion unu Administration Wochenblatt für judische Interessen, i Wien, vm. Aiserstraße 50. Redakteur: Janas Kreppel. | Erscheint jeden Donnerstag IUv 20. Wien, 25. Mai 1916. 2. Jahrgang. Schuld und Sühne . (Zum Jahrestage der Kriegserklärung Italiens.) Am 23. Mai sollte Italien ein großes r/est feiern : de» Jahrestag seines schandlichen Verrats an den 33jähxigea Verbündeten wollte es fdjblich begehen.. Rauschende Teste sollten an diesem Tage im ganzen Lande veranstaltet werde», um die. schon arg im Schwinden beigtiffene Siegeszuversicht des Volkes zu heben und die. öffentliche Meinung, die angesichts der fortgesetzten Mißerfolge etwas stutzig zu werden begann, weiterhin über die wahre Sachlage hinwegzutäuschen. Große Vorbereitungen wurden für diesen Tag gemacht und die Minister schärften sich rechtzeitig die Zungen, um mittelst eines Redeschwalles die Blutschuld fernerhin verhüllen zu können. Aber, a wehe, mit dem Propheten Jesaja können die Italiener rufen: „Iis schwindet mein Sinn, Schauer zerstören midi, den Abend meiner Lust machte er mir zum Schrecken!" (Jesaja, XXL, 4). üerade einige läge vor dem angesetzten Feste ist das Verrätervolk von einem argen Schlag, ereilt worden, der ihm jede resteslauae verdorben hat. Dieses Zusammentreffen mag vielleicht ein zufälliges sein, aber daß es gerade so gekommen ist, mutet fast wie ein Fingerzeig Qottes an: Der Schuld folgt die Sühne! Fast ein ganzes Jahr hatten sich die italienischen tieerschaaren damit abgeplagt, die österreichisch-ungarischen Grenzen zu berennen. Wie ein Spaziergang haben sie ursprünglich diesen Krieg betrachtet, auf leichte Beute sind sie ausgezogen, war doch die Monarchie seit 10 Monaten in einen schweren Krieg nach zwei Fronten verwickelt, rühmte man sich doch km Lager der Feinde, daß das Habsburger-Reich am Ende seiner Kräfte angelangt ist und daß es nur noch eines Gnadenstosses bedarf, um es völlig niederzuringen. Diese Schakaleuarbeit haben die biederen Italiener auf sich genommen. In diesen Krieg „für Völkerfreiheit, Recht und Gerechtigkeit", den die Freunde des Zaren-Tyrannen zu führen vorgaben, wollten die Italiener nicht zurückbleiben und auch ihren Teil in der „Weltbefreiungsaktion" haben. Der „heilige Egoismus" diktierte ihnen diese Handlungsweise und sie spekulierten darauf, daß der unausbleibliche Erfolg den moralischen Makel schon verwischen werde. Es ist jedoch anders gekommen. Mit blutigen Köpfen wurden sie volle 12 Monate hindurch heimgeschickt, so oft sie es versucht hatten, in den Besitz des angestrebten fremden Gutes zu gelangen. Von der Ferne, von einer unerfüllbaren Sehnsucht verzehrt, blickte der wortbrüchige König auf Triest — aber es blieb beim blossen Anblick! Kein Schritt vorwärts konnte gemacht werden und das Blut von Hunderttausenden war vergeblich geflossen. Der Verlauf des Krieges war wahrlich geeignet, zum Nachdenken anzuregen. Die italienischen Staatsmänner hätten sich wohl nach der Ursache ihres gewaltigen Mißerfolges fragen dürfen, der so sehr alle Berechnungen über den Haufen geschleudert hat, sie wären vielleicht zur Ueberzeugung gekommen, daß da das Walten der ewigen Gerechtigkeit die Hand im Spiele hat, daß es Gottes Mühlen sind, die langsam aber sicher mahlen. Als verstockte Sünder, die sie nun einmal sind, verharrten sie jedoch in ihrem Trotze, sie versuchten es, dem verzweifelten Volke auszureden, daß es das schwierige Terrain ist, daß ihrem Siegeszuge Hindernisse in den Weg legt, daß es die atmosphärischen Bedingungen in jenen Gegenden sind, gegen die sie so schwer ankämpfen müssen — daß aber der Endsieg nicht ausbleiben und daß der Erfolg das Unternehmen krönen werde. Und um diesen Wahn aufrechtzuerhalten, wollte man das Volk mit rauschenden Festen betören und es zum weiteren Durchhalten verleiten. Aber plötzlich kam das Verhängnis. Die österreichisch-ungarische Heeresleitung, die es aus militärisch-taktischen Gründen bisher für geboten erachtete, sich den Italienern gegenüber in der Defensive zu verhalten, um zunächst mit den anderen Feinden fertig zu werden, sah nun die Zeit für gekommen, auch diesen erbärmlichsten aller Feinde ihre eiserne Faust tühlen zu lassen. Ein heftiger Vorstoß setzte in den letzten Tagen ein und gar bald war die Legende von dem ungünstigen Terrain und von dem tüekischenWetter zerstort.Was dieitaliener trotz ihrer gewaltigen Ueberzahl in monatelangem Ringen nicht auszurichten vermochten, das gelang den'österrachiseii-ungarischen Truppen im Handumdrehe»: Wie von einem brausenden Sturm wurden die Italiener aus ihren Positionen verjagt und hinweggefegt, eine Stellung nach der anderen mußten sie aufgeben, dem Feinde lausende Gefangener und reiche Kriegsbeute überlassen. Es schien fast, daß dasselbe Element, das sich früher angeblich gegen sie verschworen hatte, nunmehr dem Feinde zu Hilfe eilte, derm wiederum sollen es das Wetter und die Naturanlage des Terrains sein, die den Feind begünstigen. In Rom ist plötzlich die Festeslaune verflogen. Den Ministern ist uas Reden verschlagen geworden. Der Tag ihrer Lust ist ihnen zum Schrecken geworden. Es bersten die italienischen Festungen, ihre Geschütze versagen, die Weisheit ihrer Heerführer ist dahin und der Rat ihrer Ueberklugen erweist sich als eitler Wahn. Der Schuld folgt so die Sühne. Der Verrat findet seinen Rächer. Die ewige Gerechtigkeit ist es, die da so deutlich mit ihrer Feuerzunge spricht: so mögen alle deine Feinde, o Gott, zu Grunde gehen! * Wir Juden, die wir wie kein anderes Volk an die ewige Gerechtigkeit glauben, begrüßen diesen neuen Beweis ihrer Allmacht mit ganz besonderer Genugtuung. Von dem Sieg der Gerechtigkeit erwarten wir stets Hilfe und Besserung unseres Schicksals. Dieser glorreiche Sieg ist auch unser Sieg! Spectator. Die Juden im k. u. k. OlcicupaiionsgeMeie. (Brief aus Lubim). Mittwoch den 10. Mai hat sich eine jüdisciic Deputation dem neuen k. u. k. General-Gouverneur, FZM. K u k, vorgestellt. Die Deputation : bestand aus den Herren: Überrabbiner Eleazar! Klackin, Kultuspräsident J. Kipman, Kultusvorsteher Advokat B. Wannan und M. Szezaranski. Seine Exzellenz empfing die Deputation sehr freundlich und ließ sich in ein laiigeres Gespräch mit den Mitgliedern derselben ein. Besonders interessierte sich der General-Gouverneur mit den sanitären Verhältnissen unter den jüdischen Volksmassen. Die Mitglieder der Deputation versicherten, daß man mit allen möglichen Mitteln für die Besserung der sanitären Verhältnisse wirke, sie verwiesen auch auf den Aufruf, welchen der Rabbiner in dieser Hinsicht erlassen hatte und in welchem die jüdische Bevölkerung aufgefordert wurde, sich den behördlichen Vorschriften zu fügen und ihrerseits alles zu tun, um eine Besserung der üesundheitsverhältnisse herbeizuführen. Der Oberrabbiner erklärte auch, daß die traurige materielle Lage, in welcher sich die breiten Volksmassen befinden, vieles zu den ungünstigen Gesundheitsverhältnissen. beitrage. Der General-Gouverneur verabschiedete die Deputation überaus freundlich und ersuchte, daß man sich in allen wichtigeren Angelegenheiten, welche die allgemeinen jüdischen Interessen betreffen, direkt an ihn wenden möge. Vorige Woche weilte hier der Delegierte des Wiener „Zentralkomitees zum Schutze der staatsbürgerlichen Rechte der Juden im nördlichen Kriegsgebiete", welches unter der Leitung der Herren Ritter von Gomperz und Abg. Hofrat Kuranda steht. In. einer Konferenz, welche der Vertreter des Komitees mit den Repräsentanten der hiesigen jüdischen Intelligenz abgehalten hat, erläuterte derselbe den Standpunkt des Komitees gegenüber den Juden im k. u. k. Okkupationsgebiete, wie auch die Tätigkeits-Richtlmien dieses Komitees. Zunächst erklärte der Delegat, daß die österreichischungarische Regierung die Juden im Okkupationsgebiete als gleichberechtige Bürger betrachtet, obwohl dies den Bestimmungen der Haager Konvention widerspricht. Die österreichisch-ungarische Heeresleitung stützt sich nämlich auf einen i'unkt der Haager Konvention, welcher bestimmt, daß die lokalen Rechtsverhältnisse im Okkupationsgebiete geändert werden können, wenn solche eine Ungerechtigkeit gegen eine Bevöikcrungsklasse aus religiösen Motiven enthalten. In Bezug auf die politische Haltung der Juden, steht das Komitee auf dem Standpunkt, daß dieses ein solches sein soll, daß die Juden in Polen im Laufe der Zeit dasselbe sein sollten, wie die österreichischen Juden in Österreich, die ungarischen Juden in Ungarn, die deutschen Juden in Deutschland etz., natürlich bei vollster Beibehaltung ihrer religiösen Anschauungen und Eigentümlichkeiten. Von diesem Standpunkte ausgehend, brauchen die Juden in Polen die polnische Sprache zu erlernen und sich die polnische Kultur anzueignen, sowie lebtraftenAnteil amöitentlicheiiLeben zu nehmen. In den jüdischen Schulen soll die polnische Sprache einjen obligatorischen Gegenstand bilden, mit alleiniger Ausnahme der ersten zwei Klassen, in welchen das jidische als Hilfssprache dienen solL da ein großer Teil der Kinder, die zu Hause jidisch sprechen, die polnische Sprache noch nicht beherrschen. Die Retormiertmg des jüdischen Schulwesens soll überhaupt eine der ersten und wichtigsten Aufgaben der jüdischen Gemeindeverwaltungen sein, da die weitere Beibehaltung des bisherigen veralteten Systems weder den jüdischen Interessen noch denjenigen des Landes entsprechen könne. —- Gleichzeitig mit der Reforinierung des jüdischen Schulwesens soll auch das Kultusgemeindewesen reformiert werden. Die Kompetenz der Kultusgememden und deren soziale Bedeutung ist in Oesterreich-Ungarn eine viel breitere und größere als in Rußland, da die Juden in der Monarchie als vollständig gleichberechtigte Bürger einen entsprechenden Anteil am konstitutionellen Leben nehmen und demgemäß ist auch das Kultusgenieindewesen eingerichtet. Auch das Rabbinatswesen muß reformiert werden. Es soll dahin gestrebt werden, daß die Rabbiner neben ihrer religiösen Gelehrsamkeit auch weltliches Wissen besitzen, in den größeren Städten sollen die Rabbiner über einen höheren Bildungsgrad, in den kleineren Gemeinden über einen mittleren Bildungsgrad verfügen. Rabbiner ohne jede weltliche Bildung sollen überhaupt nicht toleriert werden. Entsprechende Rabbinerschulcn sollen so rasch als möglich errichtet werden. (Wir glauben, daß das Komitee richtig handeln würde, wenn es bei der Berührung derartiger, das religiöse Leben berührender Fragen etwas vorsichtiger zu Werke gehen soll. Es zeigt von einer krassen Unkenntnis des Wesens der breiten jüdischen Volksmassen im Osten, wenn man ihnen mit einem derartigen Programme kommt. — Die Redaktion.) Der Delegat, welcher auch die anderen Städte des Okkupationsgebietes bereist, erklärte schließlich, daß das Komitee stets bereit ist, die allgemeinen jüdischen Rechte zu schützen. Wie verlautet, soll Dr. T. Aschkenazy, gewesener Landtagsabgeordneter und Vizepräsident der Stadt Lemberg, zum Vertreter der jüdischen Angelegenheiten beim Generalgouvernement, Professor Dr. Majer Ballaban aus Lemberg zum Referenten für das jüdische Schulwesen und der religiösen Angelegenheiten berufen werden. Hamabit. Wie die En#en4e die Juden gewinnen will. Der bekannte Gelehrte. Professor Viktor B a s c h von der Sorbonne in Paris hält sich gegenwärtig im Auftrage der französischen Regierung in Amerika auf, wahrscheinlich, um die dortigen Juden in ententefreundlichem Sinne zu beeinflussen. Aus einer Unterredung, die er dem Vertreter des „American Hebrew" gewährte, ist Folgendes zu entnehmen: