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Jüdische Korrespondenz · 1916-05-04 · 17 (4.5.1916) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
2 (1916)
Issue
17 (4.5.1916)
Date
1916-05-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 JHriinoiMC Km i'c <fwmilr n t Nr. 17. judische Greise in New York beten für den Frieden. Im Herzen des dichtbevölkerten Ghettos der unteren Ostseite der Manhatteii-insel (New York) steht seit langen Jahren ein kleines, unscheinbares Maus, welches als Asyl den „Töchtern Jakobs" sowohl, als auch dessen Sühnen und etlicnen hochbejahrten Ehepaaren bis zu deren Lebensende eine sorgenlose und friedliche Heimat, streng orthodox geführt, bietet. Die Jüngsten darunter sind über achtzig Juhrc alt, die Mehrzahl zwischen 100 und Iii Jahren, aile gänzlich alleinstehend, da ihre Lieben schon langst der Natur ihren Tribut gezollt haben. Die eine Hüllte des Hauses ist für die Frauen, die andere ihr die Männer bestimmt. Letzteren steht auch ein Gebetsaal zur Verfugung. In diesem großen, stillen von Kerzen beleuchteten Raum verweilen viele Stunden des i ages und der Natur, im stillen Uebet andachtig versuchen, die männlichen Insassen in ihren langen schwarzen Schoßrücken, schwarzen seidenen Kappen und langen weißen liärten. Vom Beginn des furchtbaren europäischen Krieges an flehen inbrünstig diese Patriarchen zum Allmächtigen um Frieden und sie werden mit diesen Gebeten und wöchentlichen Kesten nicht eher aufhören, bis ihr Gebet erhört worden ist. Dieses lautet: „Um der kleinen Kinder willen, auf der Mutter Knien, Herr, habe Erbarmen! Um der kleinen Knaben willen, welche die Schule besuchen, Herr, habe Erbarmen! Um der kleinen Mädchen willen, welche häusliche Pflichten haben, Herr, habe Erbarmen! Um all' der jungen, unschuldigen und sündenfreien Geschöpfe willen, zeige Deine Gerechtigkeit Herr, und habe Erbarmen! Beende diesen Krieg, sende Frieden, Allmächtiger Herr!" Deii Inhalt ihres Gebetes, der ausschließlich auf die Jugend Bezug nimmt, begründen diese gelehrten Talniudisten damit, daß Gott in seiner Weisheit und Gerechtigkeit nur solche Geschöpfe heimsucht, welche bereits gesündigt haben, aber, so tragen sie, ist es gerecht, Unschuldige mitzustrafen, welche noch niemals sündigten? Kinder sind schuldlos und sollten nicht unter dieser entsetzlichen Kriegsgeisel zu leiden haben. Deshalb beten diese „Aeltesten der Alten" für die „Jüng- Zeugenaussagen aufgesetzten Protokolls mit Erklärungen von a) zwei Christen, die die Kosaken nach Gefangennahme freigaben; b) zwei Jiiden, die die Kosaken nach Gefangennahme freigaben, die wieder ergriffen wurden, aber entfliehen konnten; c) einem Christen, der nach Gefangennahme entkam; d) einem Juden, der gefangen, entflohen, wieder ergriften wurde, erschossen werden sollte; e) einem Jude, ähnlich wie b); f) einem Juden, der entkommen; s) einem Juden, der nach Gefangennahme als zu jung entlassen wurde; Ii) einem Christen, der am zweiten Tage freigegeben wurde: haben die Russen am 16. Juni 1915 den Rückzug aus Komarno angetreten. Sie ließen eine Kosakenabteilung als Nachhut zurück. Diese veranstaltete auf die männlichen Bewohner von Komarno, die im kriegsdienstfähigen Alter standen, eine förmliche Jagd, indem sie die Häuser nach solchen durchsuchte und die auf der Straße weilenden zu einem Rudel zusammentrieb. Auf diese Weise hat sie ungefähr 80 Juden und 40 Christen fortgeschafft. Von diesen hat sich ein Teil später flüchten und zurückkehren können, ein Teil wurde weiterbefördert, wahrscheinlich nach Rußland, ein Teil, hauptsachlich Juden, wurde ermordet. Eine Anzahl von Leichen dieser Ermordeten wurde in der Umgebung von Komarno im Gebüsch und auf den Feldern in furchtbar verstümmeltem Zustande autgefunden. Die in Komarno zurückgebliebene Kosakenpatrouille hat nach der oberwähnten Fortschaffung von Zivilgefangenen die bisher von den Kriegsereignissen vollkommen verschont gebliebene Stadt, in welcher sich auch keine militärischen Objekte befanden, in der Weise in Brand gesteckt, daß fast alle besseren Häuser der Ortschaft auf einmal unter Benützung eines speziellen Zündmaterials angezündet wurden, wobei es auch auf die vollständige Vernichtung des mobilen Eigentums der sten der Jungen'', damit diese bald wieder ihre Väter im trauten Familienheim als Schutz und Oberhaupt in ihrer Mitte haben. OironlR. Botschafter Henry Morgenthaii. Der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika, Herr Henry Morgentau, beabsichtigt, am 5. Mai die Rückreise nach Konstantinopel anzutreten, um seinen Posten wieder aufzunehmen. Ein jüdischer Kongreß in Argentinien. Unter dem Eindruck der großen amerikanisch-jüdischen Kongreßbewegung wurde nach starker Agitation ein argentinisch-jüdischer Kongreß in Argentinien abgehalten. Die Vorsteher des ganzen argentinischen Judentums, ausgenommen eine kleine Gruppe des „Bund", beteiligten sich daran. Mit großer Begeisterung wurden Resolutionen angenommen, Gleichberechtigung für die Juden in Rußland zu fordern, Enver Pascha in Jerusalem. Am 25. Februar besuchten Enver Pascha und Djemal Pascha Jerusalem. Die Stadt war zu Ehren der Gäste beflaggt und illuminiert. Die jüdischen Gemeinden errichteten einen großen, stilvoll .geschmückten Ehrenbogen, der nach Zeichnungen von Prof. B. Schatz ausgeführt war. Mit allen anderen Schulkindern der Stadt begrüßten auch die jüdischen Schüler und Schülerinnen mit David Jellin an der Spitze die Gäste. Unter anderen empfing Enver Pascha auch den stellvertretenden Chacham Baschi, Nissini Danon, und eine jüdische Abordnung, die aus dem sephardischen und aschkenasischen Rabbiner, .Herrn Albert Antcbi und David Jellin bestand. Evakuierungen. In Dünaburg begann am 1. April die Evakuierung der Flüchtlinge. l>er erste Transport — 650 Juden — wurde nach Woronesch verschickt, der zweite nach Orlow, der dritte teils nach dem Kursker teils nach dem Woronescher Gouvernement. Mendele Mocher Siorim. Aus Odessa wird mitgeteilt, daß S. Abramowitsch (Mendele Mncher Sforim) ernstlich erkrankt sei. Die Tachkemonischule in Jaffa. Der Unterricht an der Schule wird in normaler Weise fortgesetzt. Es wirken augeblicklich 13 Lehrer an der Schule. Die Schülerzahl beträgt 176, die auf neun Klassen verteilt ist. Ein Kindergarten, der der Schule angegliedert ist, ist in der Schülerzahl nicht einbegriffen. Im vergangenen Sommer beteiligten sich Lehrer und Schüler an der Bekämpfung der Heuschreckenplage. Für unbemittelte Schüler ist ein Mittagstisch eingerichtet, den 22 Schüler besuchten. Auch für die Kleidung mußte von der Schule in vielen Fällen gesorgt werden. Die Zahl der Juden. Dem soeben erschienenen American Jewish Yearbook 1915/16 ist zu entnehmen, daß die Zahl aller Juden 13,277.542 beträgt und zwar leben in Europa 9,988.197 (hiervon im europäischen Rullland 5,939.770 und in Oesterreich-Ungarn 2.258.262), in Asien 356.617. Afrika 413.259, Australien 10.415 und in Amerika 2,500.054 (allein Bewohner abgesehen war, da diese an der Bergung auch des allernötigsten Hausrates durch Nagaikahiebe gehindert wurden. Faktisch ist auf diese Weise der allergrößte Teil von Komarno vernichtet werden, und der überwiegende Teil der Bevölkerung obdachlos und aller Lebensmittel beraubt; die Größe des jedenfalls mehrere Hunderttausende Kronen betragenden Schadens läßt sich dermalen nicht abschätzen. Von der Gefangennahme an läßt sich der Hauptvorgang folgendermaßen schildern: Die dreißig Gefangenen wurden abends m Jastrzebki, 6 km von Komarno, in eine Scheune gesperrt. Gegen 10 Uhr holten einige Kosaken fünf Juden ohne weiteres ab. Um Mitternacht führten sie wieder stillschweigend sechs Juden weg. 8 Uhr früh kamen zwei Kosaken, entließen den Rest mit dem Befehl, nach Hause zu kehren. Was mit den elf ersten geschehen war, wußte noch niemand, erst später stellte sich heraus, daß sie ermordet wurden. Auf der Brücke bei Komarno hielt eine Kosakenpatrouille die Leute an. Sie beriefen sich auf ihren Befehl. Ein Kosak befahl den Juden, zu bleiben. Er zählte fünf davon ab, stellte sie hinter einander auf, nahm das Gewehr, schlug an und befahl, zu beten. In diesem Augenblick kam ein zweiter Kosak herzu und bedeutete dem ersten, die Juden nicht so öffentlich zu erschießen, sondern in einer Scheune. In diese wurden zwei Juden geführt, deren Schicksal damals noch unbekannt war. Inzwischen waren Oesterreicher erschienen, es entspann sich ein Schießen hin- und herüber, während welchem ein Teil der Gefangenen entkam. Ein christlicher Zeuge sagt, daß bei der Brücke der gleiche Offizier zugegen gewesen sei, unter dessen Kommando und Abteilung etwa zehn Kosaken mit Spritzen (Petroleum, Benzin?) die Dächer benetzt haben. Er sah den Erschießungsvorbereitungen ruhig zu. Man führte sie dann nach Rumno, wo ihnen nach ihrer Durchsuchung ein russischer Offizier riet, sofort nach Rußland zu gehen, ansonst sie zur österreichischen Armee eingezogen würden. Durch Flucht entkamen auch diese. im Staate New-York 2,258.262) Juden. Den Angaben liegen die Resultate der letzten Volkszählungen zu Grunde. Russische „Gnade". Das jüdische Kriegshilfskomitee in Kiew, das sich mit der Unterstützung der Juden des okkupierten Galiziens befaßte, erhielt die Erlaubnis, ein besonderes GefängnisU) für die durch Kiew nach Zentralrußland verschickten galizischen Juden zu errichten, damit. sie nicht in den allgemeinen Zuchthäusern Kiews untergebracht werden brauchen. Russisch-französische Großzügigkeit. Es scheint beinahe, daß Frankreich sich von der Regierung des Zaren den Antisemitismus aufdrängen läßt. Unter der Ueberschrift: „Ist es wahr?" erzählt die „Humanite": „Als die serbische Armee sich auflöste, wünschten mehrere russische Aerzte, die sich in Serbien engagiert hatten, in der französischen Armee weiter zu dienen. Der französische Minister antwortete hierauf: „Entsprechend den Wünschen der russischen Regierung werden die orthodoxen Russen in der französischen Armee zugelassen; die politischen Flüchtlinge werden, je nach dem einzelnen Fall, zugelassen oder nichtdie russischen Juden können in keinem Fall aufgonommen werden." — Ja, wer sich mit Rußland verbündet, ist der Reaktion verfallen. Neue BUciier. „Rasse und Kultur". Bhte kritische Untersuchung der Rassentheorien von Dr. Friedrich Hertz. Zweite, neubearbeitete und vermehrte Auflage von „Moderne Rassentheorien". Oeheftet 5 Mark. In Leinwand gebunden 6 Mark. Alfred Kröner, Verlag, Leipzig. — Der Verfasser sagt im Vorwort u. a.: Vor zehn Jahren hat dieses Buch zum erstenmal die Rassentheorien, die damals eben „modern" geworden waren und in H. St. Chamberlaitis „Grundlagen des 19. Jahrhunderts" ihr vielgepriesenes Hauptwerk hervwgebracht hatten, der wissenschaftlichen Prüfung unterzogen. Soviel sei hier festgestellt, daß Chamberlain, der selbst den schwächsten Kritikern seines Buches umfangreiche Entgegnungen widmete, das Urteil, das sich jedem Unbefangenen aus dem hier zusammengestellten Material ergeben muß, mit keinem Wort anzufechten versucht hat. Auch die anderen sonst so wortreichen und kampflustigen Propheten des Rassenglaubens blieben stumm. Die zweite Auflage tiarf in großen Teilen als neues Werk gelten. An selbstkritischem Streben hat es dem Verfasser wohl nicht gefehlt, und er hofft es in ein angemessenes Verhältnis zur Pietät .gegen den eigenen Entwicklungsgang gebracht zu haben. Die Neubearbeitung, die auch den Umfang -des Buches stark anwachsen ließ, war nahezu fertig, als das große Völkerringen losbrach, das uns noch umtobt, während diese Zeilen geschrieben werden. Sofort wurde auch versucht, den Zusammenstoß rassentheoretisch zu begründen. Der Verfasser hat es sich versagt, an dieser Stelle hierauf einzugehen, obwohl die Weltgeschichte keine vernichtendere Absage an das Rassenprinzip kennt, als diesen Krieg. Von den bei der Brücke Entkommenen erzählt ein jüdischer Zeuge, daß sie entdeckt wurden und ein Feldwebel sie zuerst mit der Pistole erschießen wollte. Sie beteuerten ihre Unschuld und kamen vor einen Offizier, der sie cbenfals erschießen lassen wollte. Doch brachte man sie zu einem Kommandanten, der sie mit sechs verwundeten österreichischen Soldaten nach Horzan abschieben ließ. Unterwegs rief man sie zurück und befahl sie vor eine Anzahl Offiziere (er glaubt Divisionsstab 16). Ein Kosakenoffizier gibt Auftrag, sie zu erschießen. Der damit betraute Soldat, ein Russisch-Pole, läßt sie auf ihre Bitten laufen. Als Nummern der beteiligten Russen werden angegeben: 90er Donkosaken und 10er und Her Orenburger. Einzelne Zeugen fanden Leichen, leicht verscharrt auf den Feldern. Dies ein Auszug der wichtigsten Zeugenangaben. Ich überlasse das Urteil der Welt. Es hat mich immer interessiert, zu erforschen, aus was für tieferiiegenden Gründen der russische Soldat kämpfen zu sollen sich vorstellt. „Der Zar hat befohlen" hieß es, genügt dem russischen Soldaten. „Der Zar hat befohlen" gilt ihm alles. Auf die Parole „der Zar hat befohlen" tut er alles. Das wäre der Gipfel der Disziplin für die Armee einer Monarchie. Wenn diese herrscht, so ist damit auch die Verantwortlichkeit da für alles, was die Truppe tut. Die Armeeleitung muß wissen, daß sie gemeine Mörder und Räuber im Heere hat. Wenn sie sie nicht ausmerzen zu können glaubt, dann muß sie die Macht haben, sie zu verhindern, als Organisation aufzutreten. Bis dorthin kann die Leitung keine Schuld von sich abwälzen und muß es heißen vor aller Welt: „Der Zar hat befohlen". P. S. Nach den Schreckenstagen von Komarno wurde bei dem erwähnten Armeekorps ein gefangener Kosak eingeliefert. Die Versuchung lag nahe, Vergeltung zu üben. Die Oesterreicher verhörten ihn, fanden ihn nicht strafbar und beförderten ihn nach rückwärts wie sichs gehört." Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jons Krepp«. — Buchdrucker«! »Melantriefc", Wie« DU Prawfaeae 6. (Verantwortlich S. OrtmkmÜ

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