Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 3 (20.1.1916)
- Date
- 1916-01-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3495278-3495300-3495303--0115-3520717- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jüdische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. «mr t < < j« 1 w t Redaktion und Administration: Vierteljährlich K l 20 WOChenblatt fltf JUdlSChe IntereSSen. Wien, V.l.. A.serstraße 7 Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet. Redakteur: Jonas Kreppet. Ersclu-i inj edcn Donnerstag Mr. 3. Wien, 20. Jänner 1916. 2. Jahrgang. Am 15. Jänner 1916 rollte nach siebzehnmonatiger Unterbrechung zum ersten Male der iialkarizug von Berlin über Wien, Budapest, Belgrad und Sofia nach Konstantinopel. Zwei Tage nachher hat Montenegro die Waffen gestreckt. Bedeutet das erste Ereignis eine feierliche Manifestation des Sieges der Zentralmächte und ihrer Verbündeten, so liefert das zweite Ereignis den Beweis für den völligen Niederbruch ihrer Feinde. Man mag sich in London und Paris, in Petersburg und Rom noch so sehr brüsten, den Krieg so lange fortzusetzen, bis die Zentralmächte infolge Erschöpfung aufs Knie gezwungen werden; man mag sieh in den Ententeländern noch so viel auf unerschöpfliches Menschenmaterial und unerschöpfliche Geldquellen einbilden — die Kapitulation Montenegros bedeutet die erste Bresche in dein künstlichen Bau der Entente, der dem Ansturm der siegreichen Gegner nicht mehr lange standhalten können wird. Hie Ratten verlassen das sinkende Schiff; das Beispiel König Nikitas könnte gar bald Nachahmer finden und dann werden alle nur möglichen Solidaritätsverträge illusorisch sein. Jener Herrscher, der bereits einmal sein Wort gebrochen hat, könnte auch ein zweites Mal vor einem solchen Schritte nicht zurückschrecken. Jene Kosakendiplomatie, welche die primitivsten Menschenrechte verletzt und die Freiheit und das Recht selbständiger Nationen brutal mit Füßen tritt — was bedeutet ihr irgendein Papierfetzen? Aber selbst wenn König Nikita mit seiner Handlungsweise vereinzelt dastehen sollte, wenn die hartgesottenen Ententesünder selbst am Rande des Verderbens noch immer ihre Fehler nicht eingestehen und den aussichtslosen Kampf weiter fortzusetzen entschlossen sein sollten, auch in diesem Falle ist Montenegros Schritt ein Ereignis von großer Tragweite. Ein Mitglied der Entente, dessen Schlauheit und Welterfahrung von niemanden bezweifelt wird, hat sich veranlaßt gesehen, vom Bunde abzuspringen und seine eigenen Wege zu gehen. Er glaubt nicht mehr an den Sieg seiner Verbündeten, er erhofft ihrerseits keine Rettung von Thron und Szepter und appelliert an die Gnade des Gegners. Dieses Eingeständnis völliger Ohnmacht kann keine noch so hartnäckig festgehaltene Ausdauer aus der Welt schaffen. Nach dem bisherigen militärischen Debacle der Entente ist nun das moralische Fiasko gekommen. Länger werden sich auch die eigenen Völker nicht mehr täuschen lassen; König Nikita erscheint allenfalls als die erste Friedensschwalbe. „Das Zusammenhalten der Gerechten bedeutet das Heil derselben und das Heil der ganzen Welt. - Das Auseinandersprengender Böswilligen bedeutet ein Heil für dieselben und ein Heil für die ganze Welt!" — Dieser talmudisehe Ausspruch paßt so sehr auf die gegenwärtige Situation. Das feste Zusammenhalten des Vierbundes, das gegenseitige Mißtrauen und Uebelwollen der Mitglieder des Vierverbandes und ihrer Anhängsel, all dies bringt großes Heil für die Gesamtmenschheit. Die Niederringung der Urheber des Krieges ist ein großes Glück für die ganze Welt. Hiob und die Ostjudenfrage. Ein junger Gelehrter kam einst zu einem berühmten Rabbiner und bat um einen Rat. Er möchte nämlich eine Abhandlung über eines der Bücher der heiligen Schrift schreiben und bitte den Rabbiner, ihm das hiefür am besten geeignete Buch zu empfehlen. „Schreiben Sie Ihre Abhandlung über das Buch Hiob!" — meinte der Rabbiner und fügte auf die erstaunte Frage des jungen Gelehrten: „Warum gerade über Hiob?", hinzu: „Sehen Sie, Hiob ist von Gott mit so vielen Plagen gestraft worden, da wird er auch schon diese neueste Plage ertragen können." An diese Anekdote wird man unwilkürlich erinnert, wenn man die ganze Flut von Artikeln, Abhandlungen, Vorträgen und Diskussionen liest und hört, die sich jetzt über die sogenannte „Ostjudenfrage" ergießt. Die armen Ostjuden, die soviel zu leiden hatten und liaben, müssen nun auch diese Plage ertragen. Daß es eine Ostjudenfrage gibt, kann niemand leugnen. Aber, daß sie durch diese Art Behandlung einer praktischen Lösung zugeführt werden dürfte, daran kann niemand glauben. Je breiter die Frage getreten wird, desto verwickelter und verworrener wird die Angelegenheit. Wenn es wahr ist. daß nun: bisher im Westen wenig Kenntnis von den Osijtiden hatte, wenn es wahr ist, daß die maßgebenden Kreise bisher über deren Lage unrichtig informiert w aren, dann muß man offen sagen: Nach der Lektüre;ül dieser Abhandlungen, nach dem Anhören all dieser Diskussionen, w ird man vielleicht noch weniger im Klaren über die Sache sein, als bisher. Viele Köche verderben den Brei. Wenn sich unter einige Berufene so viele Unberufene an das Thema heranmachen, so wird das Werk seinen Meister sicherlich nicht loben. All diese Gelehrte, Philologen, Politiker, ja, selbst Regierungsräte und Gouverneure, die das Thema in Zeitungsartikeln und Broschüren, in Wort und Schrift bearbeiten, mögen sich doch darüber zunächst klar werden, daß gar Vieles nur durch die Entw ickelung des Lebens einer Lösung zugeführt weiden kann und daß die grauen Theorien hier nichts ausrichten werden. Wenn sich da ein Komitee zur Aufklärung über die Ostjudenfrage bildet, dessen Mitglieder zum größten Teile noch selbst einer Aufklärung bedürfen, wenn sich dann wiederum ein „Rabbiuerkomitee zur Lösung der ostjüdischen Frage" bildet, unter welchen man wohl gar wenige berufene Männer findet, wenn öffentliche Vorträge über die Ostjudenfrage veranstaltet werden, nach deren Anhörung man ebenso klug ist wie zuvor, so muß all dies die ganze Sache nur ad absurdum führen. Die Ostjudenfrage ist sicherlich ein Teil der eigentlichen Judenfrage. Diese ist bisher mittelst Schlagworten nicht gelöst worden. Es hat Zeiten gegeben, wo der sog. Aufklärungs- Rummel als Allheilmittel empfohlen w urde. Es kam dann die Assimilationsepoche. dieser folgte der Zionismus, jetzt macht sich bereits eine starke orthodoxe Strömung geltend. Keine einzige dieser Strömungen hat bisher das letzte Won in der Judenfrage gesprochen, das Leben hat hingegen gar Vieles zustande gebracht, was sich mittelst noch so schöner Programme nicht erreichen ließ. Auch die Ostjudenfrage wird noch gar manche Wandlungen durchmachen und es ist ein müssiges Bemühen, sich diesbezüglich in irgendeiner Richtung einseitig zu verbeissen. Worin besteht das Wesen der Ostjudenfrage? Sie weist politische, ökonomische, kulturelle, nationale und religiöse Momente aui. In politischer Hinsicht wird die Sicherung einer Gleichberechtigung dieser großen Volksmassen angestrebt, die ihnen bisher zum großen Teile versagt blieb. In ökonomischer Beziehung w ird eine Besserung ihrer prekären wirtschaftlichen Lage gefordert. In kultereller Hinsicht wird die Kultivierung derselben empfohlen. In nationaler Beziehung wird die Anerkennung einer besonderen jüdischen Nationalität gefordert. In religiöser Hinsicht wird eine Wahrung ihrer speziellen religiösen Interessen angestrebt. All dies kann nicht im Wege der Gesetzgebung einer Lösung zugeführt werden. Mau muß Vieles dem Leben und der Entwickelung überlassen. Man muß sich zunächst auf das Erreichbare beschränken, auf dasjenige, worüber sich alle jüdischen Kreise einigen können. Sonst lauft man Gefahr, in der Theorie gar Vieles zu erreichen, in der Praxis aber dort stehen zu bleiben, wo man sich gegenwärtig befinde'. Ziehen wir beispielsweise die .largontrage in Betracht, so machen sich schon jetzt gewisse Divergenzen im Lager der Jüdisch-Nationalen bemerkbar. Den .largonisten treten Hebräisten entgegen und wir glauben kaum, daß die maß gebenden, staatlichen Kreise zur Ausübung ' Schiedsricliteramtes berufen wären. W in! dir kulturelle Erziehungsfrage aufgewortei,. da treten die orthodoxen Kreise auf den Piati um! wollen vor Altem das religiöse Moment gewahrt wissen. Ist es unter solchen l.'mstäiMleti möglich, etwas Reales zu erreichen? Die Erreichung der politischen Gleichberechtigung sow ie die Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse ist ein Ziel, das wir alle anstreben können und sollen. Diesbezüglich müßten an den berufenen Stellen alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, und die bisherigen Erfah-