Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 2 (13.1.1916)
- Date
- 1916-01-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jlidlschc Korrespondenz Nr. 2. zu entziehen. Sogar nebenstehende Privatpersonen entdecken ihre Fälschungen. Aber niemals ist die moralische Physiognomie so kehr hervorgetreten, wie gerade in der jetzigen Zeit. In der jetzigen Zeit, wo der russische Soldat heldenhaft, von tief patriotischem t)cfiihl getragen, sein Blut iur den Zaren und das Vaterland vergießt, in dieser Zeit ist der Jude bemüht, durch verschiedene Kunststücke sich seiner Pflicht zu entziehen, in die Reihen der russischen Armee zu treten, tun sein eigenes Vaterland zu verteidigen. Kr hofft auf diese Weise alle zu betrügen, nach dem Kriege wiederum anzufangen, die Oleichberechtigung zu verlangen iur seinen angeblichen aktiven Anteil an der Verteidigung lies Vaterlandes zusammen mit allen Russen. Die Offiziere sind daher verpflichtet, gegen diese jüdische lioshaftigkeit in der russischen Armee jetzt schon mit K.fcr den Kampf zu beginnen, diese Jioshaftigkeit, die auch die russischen Soldaten ansteckt. Es inuti dagegen nicht mit Drohungen und Abschreckungsmitteln gekämpft werden, sondern durch das lebendige Wort müssen sie überzeugt werden, ebenso wie durch zweifellose Beweise, wie schändlich diese Künste sind. Man muß die Soldaten darüber aufklären, wie wir alle, mit Ausnahme der Juden, uns zum Schutze des Vaterlandes vereint haben, wie wir einig für die gemeinsame Suche eingetreten sind und wie sämtliche nationalen Gegensätze bei uns völlig vergessen worden sind. V¥epn es den Juden gelingen sollte, ihn auszunutzen, würde dieser historische Moment von großer Bedeutung .sein für die Wiederherstellung ihres guten Namens. Niemals, wenn nicht letzt, haben sie die Möglichkeit, ihre menschliche Würde zu beweisen und die langerwartete Gleichberechtigung zu erreichen, von der sie ewig träumen, und von der sie immer sprechen als von einer zu fordernden Gerechtigkeit. Es ist noch nicht zu spät. Sie sollen es sich überlegen, und sollen keine einzige Gelegenheit versäumen, um ihre Treue und Liebe zum VaterJande zu beweisen. Sie werden es dann verstehen und sich .überzeugen, daß kein einziges Beispiel ihres Heldentums und Mutes unbemerkt und ohne Folgen für sie und die zukünftige Generation bleiben wird. Nicht durch Schwindeleien, sondern durch ehrliche Taten müssen sie sich das Recht erwerben, zu behaupten: wir vergießen unser Blut für das Vaterland. Das Vaterland wird es ihnen auch nicht vergessen. Die Offiziere müssen die jüdischen Soldaten energisch darüber aufklären, dal! der Krieg schließlich mal ein Ende haben wird, und der russische Soldat nach Hause zurückkehrt. Er wird dann seiaen Landsleuten erzählen, mit welchen Mitteln und 'Kniffen die russischen Juden gearbeitet haben, um sich ungestraft der Verteidigung des Vaterlandes zu entziehen. Und wenn dies kein Geheimnis mehr ist, nicht nur •für Mihtärpersonen, sondern auch für die Zivilisten, so wird die wachsende Volksempörung einen Ausweg finden müssen, eine Gefahr, die viel schrecklicher ist, als diejenige, in der sie sich befinden, wenn sie ehrlich ihre Militärpflicht erfüllen. Denn dann wird der Volkszorn angreifen nicht nur sie allein, die sich durch Taten zugunsten des Feindes befleckt haben, sondern auch ihre ganz unschuldigen Eltern und Kinder. Das oben angeführte sollen die Offiziere vorlesen und der Mannschaft Weisung geben, wie man beim Militär zu dienen hat. Der Brigadekommandeur Generalleutnant Schdanowitsch (in.) Die Woche. Konstituierung des Vorstandes der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. Am 6. d. fand die statutarische Konstituierung des Vorstandes der Wiener israelitischen Kultusgemeinde statt. Zum Präsidenten wurde der bisherige Präsident Dr. Alfred Stern wiedergewählt. An Stelle des verstorbenen Ersten Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn wurde der bisherige Zweite Vizepräsident Hofrat Dr. Benjamin Rappaport und zum Zweiten Vizepräsidenten das Mitglied des Vertreterkollegiums Hof- und Oerichtsadvokat Dr. Leopold Kohn gewählt. Bei der hierauf vorgenommenen Wahl von acht Mitgliedern in das Vertreterkollegiuni wurden die folgenden Vorstandsmitglieder gewählt: Salo Cohn, Moritz B. Eißler (neugewählt), kaiserlicher Rat Siegmund Kauders, Dr. Wilhelm Pappenheim, Hof- und Oerichtsadvokat (neu), Universitätsprofessor Dr. Josef Pol- Jak, Eduard Schwarz, k. k. Kommerzialrat Leopold Simon (neu), Dr. Markus Spitzer. Hof- und Oerichtsadvokat. Nach durchgeführter Konstituierung hielt Präsident Dr. Stern an die versammelten Vorstandsmitglieder eine Ansprache, in welcher er für das ihm neuerlich entgegengebrachte Vertrauen dankte. Er sei sich dessen bewußt, daß die nächste Zukunft die Wiener Kultusgemeinde vor große Aufgaben stellen werde. Ganz besonders fühle sich der Vorstand der ersten und größten 4Cultusgemeinde des Reiches berufen, in allen den Fragen, welche bei der bevorstehenden Neuordnung der Verhältnisse im Osten die jüdische Glaubensgemeinschaft berühren, seine Stimme zur Geltung zu bringen, so wie es während seiner 30jährigen Tätigkeit im Vorstande der Kultusgemeinde immer der Fall war. so oft Entscheidungen in Angelegenheiten auch politischer Natur, durch welche Interesen der .iudenschaft berührt werden, in Vorbereitung standen. Die Ausführungen des Präsidenten feinden bei den Vorstandsmitgliedern 'lebhafte Zustimmung. Ein jüdisches Rotbuch. Iii diesen Tagen wurde dem Internationalen soz. Bureau im Haag eine Schrift überreicht, die große Beachtung verdient. Das Bureau der Poale-Zion hat eine Sammlung von Dokumenten über die Lage der Juden in den kriegführenden Ländern mit einer begleitenden i "einschritt überreicht. Ms ist die erste Sammlung dieser Art. wenn auch die Herausgeber im Vorwon bemerken, daß sie nicht lückenlos ist. Sie enthält wertvolle Dokumente und Kundgebungen, die in dieser Vollständigkeil und üe«»ersiclitliehkeit noch nicht vorliegen. Der erste Teil der Sammlung ist „Rußland und die Juden" bezeichnet. Er enthält eine Reihe von Verfügungen des großfürstlichen Generalissimus und seiner Unterführer, die den Zweck hatten, die Gesamtheit der Juden Rußlands und Galiziens (zur Zeit der Okkupation) offiziell des organisierten Verrats au der russischen Armee zu beschuldigen. Die Legende sollte einerseits die jüdische Bevölkerung der Willkür der Soldateska preisgeben und die buchstäbliche Ausrottung der Juden im Gebiete der Operations-Armee einleiten und zugleich die fortgesetzten Niederlagen des Heeres rechtfertigen. Es folgen die drei bedeutendsten Reden über das Martyrium der luden Rußlands, die von der Tribüne der Reichsduma gehalten wurden. Die groß angelegte Rede von Friedmann und die bemerkenswerten Ansprachen von Tschcheidse und Dsulinsky enthalten einen Bruchteil der bekannt gewordenen Tatsachen von Grausamkeiten an den russischen Juden. Der 2. J'eil der Sammlung ist den Beziehungen von Juden und Polen gewidmet, und der .1 Teil charakterisiert die Lage der Juden in der Türkei bezw. in Palästina. Die Poale-Ziou richten einen Appell au die internationale Arbeiterschaft, zur Judenfrage im Sinne des nationalen Selbstbestimmungsrechts Stellung zu nehme!] und durch Schaffung einer jüdischen Sektion ihre Achtung vor der nationalen Individualität der Juden zu bekunden. Chronik. Ein neues jüdisches Wörterbuch. Kin jüdisch-deutsches Wörterbuch mit Berücksichtigung der viel gebrauchten hebräischen, polnischen und russischen Wörter wird der Geheime Konsistorialrat Prof. Dr. Hermann L. Strack in Berlin herausgeben. Das Jüdisch-Deutsche oder Jiddische, von mehr als sechs Millionen Menschen in Polen und im westlichen Ruliland gesprochen, hat seit dem siebzehnten Jahrhundert eine beachtenswerte Literatur entwickelt, und dennoch gibt es für das Verständnis dieser Sprache kein neues ausreichendes Hilfsmittel. Mit großer Mühe hat Professor Strack den Wortschatz aus Büchern und Zeitungen gesammelt. Der letzte Sabbatarianer gestorben. In der siebenbürgischeu Gemeinde Bözöd-Ujfalu ist dieser Tage der letzte wahre Sabbatarianer Joseph Sallos gestorben. Die ehemaligen Anhänger dieses Glaubens, durchwegs dem Szekler Volksstamm entsprossen, nahmen in den siebziger Jahren das Judentum an. Joseph Saltos war der einzige der alten Szekler, der sich nicht zum Judentum bekannte, sondern formell Katholik blieb. Kr war ein strenger Sabbatarianer. der den Sabbattag streng beobachtete, keine Schweine hielt und bloli Fleisch aß, das rituell geschlachtet war. Sallos war 22 Jahre hindurch Richter der Gemeinde, ein Musterrichter, von dessen Fleiß und Ehrlichkeit man im ganzen Bezirk sprach. —- Die Sekte der Sabbatianer entstand im sechzehnten Jahrhundert in Böhmen. Sie feierten neben dem Sonntag auch den Sabbat (Sonnabend). Zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts fand die Sekte auch in Siebenbürgen Anhänger. Die letzten Reste, etwa dreißig Familien, traten zum Judentum über. Protestreden gegen die russischen Judenverfolgungen. In einer von der „Fabian Societln " am 1. Dezember in London veranstalteten Versammlung sprach I. Zangwill gegen die Verfolgungen der nichtrussischen Nationalitäten und besonders der Juden in Rußland. Zangwill schilderte die gegen die russischen Juden begangenen Grausamkeiten und erklärte, daß es das eigenste Interesse der Verbündeten erfordere, daß sie zugunsten der Juden intervenieren und den Verfolgungen ein Ende machen, denn sonst könnte Deutschland mit Recht auf die Unrichtigkeit jener Meinung hinweisen, die Verbündeten kämpften für die Freiheit der. kleinen Völker. Mr. Cecil Chasterton erklärte darauf, daß, wäre Zangwill nicht Jude, er für eine derartige Rede erschossen werden müßte. Da er aber Jude ist, so ist es natürlich, daß er für seine Brüder eintritt. Er bestritt entschieden, Antisemit zu sein. Allein als Engländer interessieren ihn ausschielilich englische Angelegenheiten. ßernard Shaw meinte, daß er, als Nichtjude, eigentlich erschossen werden müßte, weil er in allem mit Zangwill übereinstimme. Aehnliche Erklärungen gaben die sozialistischen Führer Hydeman und andere Redner. Neue Bücher. Das große Jahr 1914—1915. S. Fischer Verlag, Berlin. S. Fischers Jahrbücher sind nie als Kataloge gedacht gewesen und haben stets in Wahl und Anordnung ein Stück Zeitgeschichte und Kulturbild mit Glück wiederzugeben versucht. Diesmal aber schlägt der wilde Herzschlag der Gegenwart auf diesen Seiten und zugleich entsprießt ihnen mild und kräftigsten Trostes voll die Gewißheit der rastlosen Weiterarbeit deutschen Geistes, des Redens und Klingens der Musen unter Waffen und des fortschreitenden Willens des Gedankens. Krieg, Dichtung, Philosophie; Bericht, Stimmung, Idee. Dies greift hier ineinander, mit zahnradartiger gegenseitiger Ergänzung, ein schönes und starkes Bild der geistigen Kampfbereitschaft und des überragenden immanenten Kulturideals Deutschlands. „Die Parteien der Deutschen in Oesterreich vor und nach dem Weltkrieg". Von Hofrat Prof. Dr. Emil Pfersche. Verlag von Duncher & Humblot, Leipzig. „Aus engen Gassen". Von Salomon Dembitzer. Deutsch von Stefaiiia üoldenring. Preis eleg. kartoniert M. 1.51) — Numei. Luxusausgabe M. 8. C. A. Schwetschke & Sohn Verlag. Berlin W. 57. Der durch seine bisherigen Veröffentlichungen aus dem Ghetto wohlbekannte Verfasser bringt eine Anzahl von Skizzen aus dem Leben der Juden. „Bulgarien, seine politische und wirtschaftliche Bedeutung." Von Petco N. Peteoff, Mitglied der Kgl. bulgarischen Gesandtschaft in Berlin. (Gegenwartsfragen 1013/15, VII> Politik, Verlagsanstalt und Bnchdruckerei G. m. b. H. Berlin W. 57. Preis Mk. 1. „Die Ausgleichskämpfe Oesterreich-Ungarns als eine der Ursachen des Weltkrieges" von Eugen Benzion. Wien, November 1915. Eigenveiiag: 1. Stallburggasse 4. „Deutschlands Verletzung der beigischen Neutralität eine sittliche Notwendigkeit". Im Zusammenhang mit allgemeineren Bemerkungen zur Ethik des Krieges erörtert von D. Heinrich Kerler. Verlag H. Kerler, Ulm. „Die deutschen Juden und der Krieg" von Geh. Regierungsrat Professor Dr. Ludwig Geiger. Berlin W. 57. Verlag C. A. Schwetschke & Sohn. „Georgien und der Weltkrieg" von ''**. Orient-Verlag. Zürich, Bahnhotstraße 35. „Deutsche Rundschau". Verlag Gebrüder Paetel. Berlin. Dezemberheft 1915 liegt uns vor, welches u. a. folgende Artikel enthält: „Entwicklung und Ziele Mitteleuropas" von Graf J. Andrassy. „Carl Bertuchs Tagebuch \om Wiener Kongreß" (Fortsetzung III.) von H. Frli. von Egloffstein. Sehr interessant und zeitgemäß ist der Aufsatz „Der Kanonendonner" von O. Baschin. ..Deutsch-ungarische Beziehungen" von V. v. Smialovszk\ u. v. a. „Im belagerten Frzemysl" von I. v. Michaelsburg. Tagebuchblätter aus großer Zeit. Leicht kart. M. 2.—; in Leinen geb. M. 3.—. Leipzig, C. F. Amelangs Verlag. 1915. Diese Aufzeichnungen rühren von einer hochherzigen Frau her, die in Frzemysl das Zeichen des Roten Kreuzes getragen hat. Es drängte sie, dem Gatten, der im Dienste des Vaterlandes in einem dortigen Spital wirkte, zu folgen und auch ihre weibliche Kraft der großen Sache zu widmen. Am 7. September 1914 kam sie in die Festung. Sie erlebte die erste Belagerung, machte die Befreiung der Stadt mit, hielt mit der Bevölkerung und der Armee die zweite Belagerung und die Uebergabe aus, lebte dann noch eine Zeitlang unter der Russenherrschaft, bis man ihr gestattete, sich über Kiew und Rumänien in die Heimat zu begeben. Das Tagebuch schließt mit dem Jubel über die zweite, endgültige Befreiung der Stadt. Das Tagebuch enthält auch ausführliche Schilderungen über das Leben und Leiden der Juden Przemysls während dieser Zeit und ganz besonders interessant sind die Schilderungen der Verialierin über ihre Besuche im jüdischen Tempel sowie in den orthodoxen Synagogen. Sechzigjähriger Bestand der „Gerichtshalle". Mit dem 1. Jänner 1916 ist die „Gerichtshalle", Organ für Rechtspflege und Verwaltung, seinerzeit gegründet von Dr. J. Pisko und Adolf Kulka. in ihren sechzigsten Jahrgang getreten; zugleich ist es zwanzig Jahre, daß der derzeitige Herausgeber und Redakteur dieser Wochenschrift, JUDr. Max Breitenstein, diese Stelle innehat. Die ..Gerichtshalle" ist sonach eine der ältesten Zeitschriften der Monarchie. Dank ihrer streng objektiven und stets würdigen Haltung, sowie dank der stattlichen Anzahl hervorragender Mitarbeiter darf sie mit Recht darauf hinweisen, daß sie sich in allen Kreisen der Justizpflege hohen Ansehens erfreut. Im Anschluß an die „Gerichtshalle" werden von Dr. Max Breitenstein auch noch der „Neue Oesterreichische Juristkalender", das ..Evidenzblatt für österreichische Gesetzgebung und Rechtspflege", sowie „Die Kriegsgesetze Oesterreichs", letztere in Verbindung mit Herrn Dr. Demeter Koropatnicki. k. k. Ratsekretär des- Obersten Gerichtshofes, herausgegeben. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas Kreppet. — Buchdruckerei „Meiantrich", Wien IX., Premergasse 6. (Verantwortlich S. Grünhut).