Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 13 (11.11.1915)
- Date
- 1915-11-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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indische Korrespondenz Preis per NumnreT 10 Heller, Vierteljährlich K 1-20. Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet Up. IS. Wochenblatt für jüdische Interessen.. ^„^SST™1 Redakteur: Jonas Kreppet. j Erschei nt jeden Donnerstag Wien, II. November 1915. I. Jahrgang. Riesenerfolg der Kriegsanleihe. Samstag, den 6. November, wurden die Zeichnungen auf die dritte österreichische Kriegsanleihe geschlossen. Wie erwartet, brachten die Zeichnungen einen überaus glänzenden Erfolg. Die Zeichnungen auf die dritte österreichische Kriegsanleihe haben bisher den Betrag von 4015 Millionen Kronen erreicht. Die endgiltige Schlußziffer wird erst ermittelt werden können, bis die außerordentlich zahlreichen zum Teil noch einlaufenden Anmeldungen verarbeitet sein werden, die in den letzten Tagen bei den Postämtern erfolgten. Ueberdies sind noch viele rechtzeitig angemeldete Zeichnungen in Verhandlung, die aus formalen Gründen, wie ausständige behördliche Genehmigung bei Zeichnungen von Fonden u. dgl. noch nicht erledigt werden konnten. Indem wir diesen Erfolg mit der größten Genugtuung registrieren, können wir nicht umhin, bei dieser Gelegenheit unserer besonderen Freude darüber Ausdruck ze geben, daß die österreichische Judenschaft in sehr hohem Maße zu diesem Erfolge beigetragen hat. Wer die Zeichnerlisten in der Presse verfolgt hat, konnte tagtäglich konstatieren, wie zahlreich die jüdischen Namen in denselben waren. Es hat Zeiten gegeben, wo ein gewisser Sort der antisemitischen Presse bei der Erwähnung eines jüdischen Namens demselben ein Ausrufungszeichen beizusetzen pflegte. Jetzt ist dieser Brauch außer Mode gekommen; wäre er noch beuteln Kraft, so müßtet! die Zeichnetfisten geradezu von Ausrufungszeichen wimmeln und unsere lieben antisemitischen „Freunde" hätten gar wenig Freude daran. Die österreichische Judenschaft hat auch in dieser Beziehung wie in allen anderen Hinsichten, ihre Pflicht voll und ganz erfüllt und besonders hervozuheben ist die reiche Beteiligung unserer galizischen Glaubensbrüder an den Zeichnungen auf die Kriegsanleihe, obwohl sie infolge der Kriegsereignisse so schwer zu leiden hatten. Speziell erwähnenswert sind die Zeichnungen zahlreicher jüdisch-galizischer Vereine, Bruderschaften und Bethäuser, die ihre „eisernen Fonds" für die Zeichnungen auf die Kriegsanleihe zur Verfügung stellten. Der Riesenerfolg der Kriegsanleihe bedeutet einen glänzenden Triumph des Vaterlandes in finanzieller Beziehung, der sich würdig den Triumphen auf den Schlachtfeldern anreiht und wir freuen uns, den großen Anteil unserer Glaubensgenossen an demselben konstatieren zu können. Die JU<tisch~polnische Frage. (Ein Mahnwort an Juden und Polen.) Die jüdisch-polnische Frage ist eines derjenigen Probleme, welche gegenwärtig zu den brennendsten Tagesfragen gehören, und mit jedemTage verwickelterundbrennender werden. Es ist merkwürdig: so lange haben Juden wie Polen mit so starker Sehnsucht den Moment ihrer Befreiung vom russischen Joche erwartet — kaum ist diese glückliche Stunde gekommen, tauchen eine ganze Menge Fragen und Probleme auf, welche das friedliche Zusammenleben beider Volksgruppen erschweren und einen Rattenkönig von Mißverständnissen schaffen. Bei aller Wichtigkeit, welche diesen Fragen zukommt, muß jedoch gesagt werden, daß bei gegenseitigem gutem Willen eine Lösung auf friedlichem Wege möglich ist und am wenigsten ist es notwendig, schon jetzt, während alles noch im Werden ist, während noch um die Vollendung des Sieges gekämpft wird und niemand in der Lage ist, Bestimmtes über die Formen zu sagen, in welchen sich das künftige politische Leben in den polnischen Ländern abspielen dürfte, gerade der Lösung dieser Fragen zu präjudizieren und Zustände zu schaffen, die ja durch die zukünftige Gestaltung der Dinge vielfach umgestoßen werden können. Kein Land Europas hat durch die Kriegsereignisse soviel gelitten, als Galizien und Polen. Keine Volksgruppe hat so viele Opfer gebracht, als die Juden und die Polen. Die Heilung der Wunden, welche der Krieg dem Lande und der Bevölkerung geschlagen hat, erfordert gebieterisch das Zusammenarbeiten aller Kräfte, das solidarische Zusammenwirken aller Faktoren. Der Wiederaufbau des Landes, die Wiederaufrichtung der zerstörten und vernichteten Existenzen, die Repatriierung der Flüchtlinge und die Konsolidierung der Verhältnisse — all das sind Angelegenheiten, die sowohl den Juden als den Polen gemeinsam sind und die nur bei einer friedlichen Zusammenarbeit einer gedeihlichen Erledigung zugeführt werden können. Konfessionelle und nationale Fragen, sprachliche Reibungen und kulturelle Differenzierung können und sollen in ruhigeren Zeiten gelöst werden. „Inter arma silent Musae!" Während die Kanonen krachen, ist es nicht an der Zeit, derartige Probleme definitiv zu erledigen. Im Interesse beider Volksgruppen liegt es, im gegenwärtigen Momente üas Einigende zu suchen und das Trennende beiseite zu schieben. Diejenigen Elemente hüben wie drüben, welche durch das Aufwerfen verwickelter Fragen breite Reibungsflächen schaffen, erweisen ihrem eigenen Volke einen schlechten Dienst. Nicht jetzt ist es an der Zeit, Nationalismus oder Assimilation zu predigen, nicht jetzt ist es an der Zeit, die Frage zu erörtern, ob der Jargon eine jüdische Volkssprache oder ein deutsches Dialekt ist, nicht jetzt ist es an der Zeit, über die Erziehung der heranwachsenden Generation Teste Entscheidungen zu treffen. Nach dem Kriege dürfte sich gar vieles in der inneren Konstruktion der Staaten ändern und dann wird sich noch immer rechtzeitig die Gelegenheit darbieten, derartige Probleme aufzuwerfen und über ihre Lösung zu diskutieren. Derartige Diskussionen, wie wir sie heute in einem gewissen Teile der jüdischen und polnischen Presse begegnen, haben übrigens keinem realen Wert. Das Leben wird sich wie immer auch in dieser Beziehung viel stärker erweisen als alle grauen Theorien. Alle Berichte aus Galizien und Polen schildern übereinstimmend die schwere Situation, in der sich Land und Bevölkerung befinden. Die Regierung ,wie alle maßgebenden Faktoren sind eifrig bestrebt, den Aktionen einen W eg zu bahnen, die einen Wiederaufbau und eine Wiederherbeiführung normaler Zustände ermöglichen sollen. Auch die Privatinitiative ruht nicht und allseitig bilden sich Hilfskomitees, die sich ein breites Tätigkeitsgebiet vorschreiben. Es wäre wirklich schade, wenn all diese Bemühungen durch das Aufwerfen von anderen Problemen nicht voll und ganz zum Ziele führen sollten. Die Entscheidung über das künftige Schicksal Polens und über die Gestaltung der dortigen Verhältnisse liegt in den Händen der Zentralmächte — diese werden sicherlich dafür sorgen, daß niemandem Unrecht geschieht. Uneinigkeiten zwischen beiden Volksgruppen können ihnen nicht erwünscht sein. Das „divide et impera" ist ein russisches System. In Oesterreich und in Deutschland hat dasselbe keine Geltung. Ein friedliches Zusammenarbeiten der Juden und Polen ist sowohl in ihrem eigenen Interesse, als auch im Staatsinteresse notwendig. Nicht im Namen des Burgfriedens, sondern im Namen der eigenen Interessen mögen sich daher alle berufenen Kreise davor zurückhalten, durch Zeitungsdiskussionen die Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung von den eigentlichen brennenden Aufgaben abzuwenden. Land und Volk brauchen Wiederaufrichtung und Brot, Wiederaufbau und Existenzmöglichkeit; diesen primitivsten Anforderungen, die sowohl Juden als Polen gemeinsam sind, soll der Vorrang eingeräumt werden. In einem gesunden Körper ist auch eine gesunde Seele; bei gesunden wirtschaftlichen Verhältnissen lassen sich kulturell-politische Fragen leichter einer Lösung zuführen. Spectator. Ariiisemilismus in England In der Londoner jüdischen Zeitung „The Jewish World" vom 20. Oktober 1915 ist zu lesen: „Juden werden nicht bedient". „Ein erstaunliches Ereignis trug sich in Leeds zu, wo der Besitzer des „Grand Restaurant" verbot, daß dem Sergeanten Issy Smith, dem Ritter des Viktoria-Kreuzes, Erfrischungen dargereicht werden, mit der Begründung, daß in seinen Räumen Juden nicht bedient werden dürfen. Sergeant Smith wurde nämlich durch einen nichtjüdischen Kameraden, den er zufällig traf, autgefordert, mit ihm eine Erfrischung einzunehmen. Auf seine Erwiderung, daß er Abstinenzler sei, veranlaßte ihn sein Freund, sich in ein Cafe zu begeben. Da das Grand Restaurant nahe war, beschlossen sie, dort hinein zu gehen. Aber einer der Kellner lehnte die Bedienung des Sergeanten ab mit dem Bemerken, daß es in diesem Lokale verboten sei, Juden etwas darzureichen. Der darauf hinzugerufene Eigentümer erklärte die Handlungsweise des Kellners für berechtigt, da er nur nach seinen, des Chefs, Instruktionen handle. Er fügte hinzu, daß der Bedienung des Freundes, der augenscheinlich kein Jude sei, nichts im Wege stehe. Die Gemeinde ist natürlich über dies beklagenswerte Ereignis sehr erzürnt." Kein Wunder, daß die. englischen Juden darüber empört sind, besonders darüber, daß selbst das Viktoria-Kreuz, diese höchste englische Tapferkeitsauszeiehnung, die dem jüdischen Sergeanten von dem König selbst an- -gsfaefjtet. wuedeu i,^t, tlen JiuleH mclu ,vi>r iikaec- Beleidigung schützen konnte, und stellen es nun so dar, daß nicht der Jude, sondern des Königs Uniform verletzt worden sei. Die „Jewish World" fordert den „Board Deputies", die gesetzliche Vemetung der Judenschaft, auf, ernstliche Schritte gegen diese Beschimpfung zu unternehmen. Ein anderer Fall: „Unter dem Namen „John Briton" veröffentlicht ein Journalist in den „Sunday Chronicle" verschiedene Artikel. In der letzten Nummer wendet er sich gegen Lord Reading, den obersten Richter Englands, der in der bekannten Anleihernission im Auftrage der englischen Regierung nach Amerika gefahren ist. Früher hieß er bekanntlich Isaac Rufus. — John Briton schreibt: Er sei zwar kein Antisemit, — aus dieser Einschränkung merkt man schon, wo er hinaus will — aber er w ünschte zu wissen, ob Lord Reading sich in Amerika bemühen w ürde, einen internationalen Gerichtshof zu errichten, der tatsächlich unseren schmalen Gewinn abschaffen würde, und fährt fort: Ich las irgendwo eine offizielle Ableugnung. Ich glaube, sie kam von Lord Reading. Ich gebe darauf nichts. Wir alle erinnern uns daran, wie Lord Reading in der Kammer aufstand und leugnete, daß er etwas mit Marconi-Actien zu tun hatte. Man kann auf Lord Readings Worte nur insoweit etwas geben, als sie ihm in den Kram passen. Er hat weder die Traditionen noch die Sinnesart eines englischen Gentleman." Die „Jewish World" bemerkt dazu, wie weit mag es mit dem Patriotismus des „John Briton", der kein Antisemit ist, her sein, wenn er den Zeitpunkt, da der oberste Richter Englands in einer schwierigen Mission für sein Vaterland mit einem neutralen Staate verhandelt, für geeignet hält, Lord Reading so anzugreifen, und fügt hinzu, wir ziehen die Traditionen und die Sinnesart eines Lord Reading der eine- „Englischen Gentleman" von der Art des Angreifers vor. — In derselben Nummer bringt sie unter der Ueberschrift: Wie sich das Gift verbreitet, folgende Notiz: Es braucht nicht lange Zeit antisemitisches Gift zu verbreiten, besonders das in der Heimat fabrizierte. Letzte Woche fand eine Versammlung der Boulogner Handelskammer statt, auf der ein Herr Ward folgendes sagte: „Hier gibt es Händler —- Juden, die mit irgend einem Feinde Englands Geschäfte ma-