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Jüdische Korrespondenz · 1915-08-26 · 3 (26.8.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
3 (26.8.1915)
Date
1915-08-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 Jüdische Korrespondenz Seite 3 Ferdinand und Isabellas nähern, so sage ich jetzt, daß diese Zeiten bei weitem übertroffen worden sind. Zum Schutze Spaniens " ' ' , jüdische Blut nicht geflossen, aber das Blut der Juden vergossen worden In dem Augenblick, wo diese das Vaterland schützten. Ich muß Ihre Aufmerksamkeit auf die empörenden Verleumdungen hinlenken, welche in der russischen Gesellschaft und dem russischen Heere so große Verbreitung gefunden haben. Ich meine die unerhörte Beschuldigung, daß unser ganzes Volk der Verräterei bezichtigt worden ist. Diese dunkle Verleumdung konnte nur auf dem Boden der Gesetzlosigkeit entstehen; denn in den Ländern, wo die Juden die vollen Rechte genießen, hört man von solchen Verleumdungen nichts. Nur durch die Agitation der offiziellen Presse, durch die antisemitische Hetze, welche dem Krieg voranging, kann man sich das Auftreten .dieser Verleumdungen erklären, die einen guten Boden vorfanden und eine reichliche Ernte ergaben." Friedmann verliest darauf einen Teil der Anklageschrift in der Lomschaer Angelegenheit, ' ' Gehe die h Db6 e Wohnung eines Juden zwei T e 1 e p h o n a p p a r a t e geworfen hatten und darauf den Juden wegen Spionage beschuldigten. „So schwer auch alle anderen Leiden sind, so groß unsere Opfer und Verluste sind, so ist doch das Schwerste für uns die unerhörte Schmach, die uns angetan worden ist. Vor einigen Monaten, als einer Stadt an der westlichen Grenze Gefahr drohte, wurde in der jüdischen Synagoge ein Gebet abgehalten. Es betete das ganze jüdische Volk und mit ihm betete ein alter Rabbiner. Das Gebet schloß er mit folgenden Worten: „O Herr, rette unsere Stadt und nimm unsere Seelen zu dir!" Bei diesen Worten starb der alte Rabbiner mit dem Gebete auf den Lippen. So fühlte, so starb jener alte Rabbiner, so denkt und so fühlt das ganze jüdische Volk. Aber diesem Volke -J- <- -*----■----- - - zt, Boden * Kr rft. Die Vossische Zeitung bringt wiederum aus Petersburg Abschnitte aus einer an die Regierung gerichteten Interpellation, die von den Mitgliedern der äußersten Linken unterfertigt ist, über die Lage der russischen Juden. Die Veröffentlichung dieser Schrift ist in Rußland verboten. Es heißt darin: „Die jüdische Bevölkerung hätte in den bedrohten Landesteilen binnen 24 Stunden ihre Häuser und Wirtschaften verlassen müssen, wobei sie auch nicht das Geringste mit sich nehmen konnte. Die Ausgewiesenen wurden sodann in Güterwagen gesteckt, deren Türen und Fenster fest zugeschlossen wurden. Diese sogenannten Judenzüge blieben oft mehrere Tage in einer Station stehen, ohne daß den darin Befindlichen gestattet wurde, den Wagen zu verlassen. Nicht einmal in die Waggons ließ man irgend etwas hineinreichen. So ist ein solcher Waggon in der Station Unetscha volle zehn Tage gestanden. Als man nach dieser Zeit dann endlich den Wagen öffnete, fand man zehn Scharlach- und acht Flecktyphuskranke darin. In Hornel wollte die jüdische, aber auch die christliche Bevölkerung den Eingesperrten, die wie wahnsinnig um Brot und Wasser schrien, Hilfe bringen, aber die Gendarmen drohten zu schießen, wenn welche herbeikommen würden. In einer anderen Station vermochten selbst die Honoratioren, die sich der Armen annehmen wollten, nichts auszurichten. Wurden aber Beschwerden eingebracht, so wurden diese zurückgehalten, die Unterzeichneten aber verhaftet. Viele jüdische Frauen sind in solchen versperrten und blombierten Waggons während der Fahrt niedergekommen, alles Schreien um Hilfe nützte ihnen nichts. Selbst Wahnsinnige, die in den Krankenhäusern untergebracht waren, wurden herausgezerrt und zusammen auf Leiterwagen und Viehwagen verladen." Die Haare steigen einem zu Berge, wenn man die von hundert einwandfreien Zeugen bestätigten Angaben der Interpellation liest. Hilfsaktion für Galizien. Offiziell wird gemeldet: Die von der Regierung eingeleitete wirtschaftliche Hilfsaktion für Galizien, die bisher in der Hauptsache die Versorgung der notleidenden Bevölkerung mit Lebensmitteln, die Beschaffung landwirtschaftlicher Bedürfnisse und die Herstellung von Notunterkünften für die durch die Kriegsereignisse obdachlos Gewordenen umfaßte, hat in jüngster Zeit eine wesentliche Erweiterung erfahren. Auf Grund eingehender Beratungen im ständigen Komitee für die wirtschaftliche Wiederaufrichtung Galiziens wurden Direktiven für die Durchführung einer auf breiter Basis angelegten finanziellen Hilfsaktion erlassen, durch welche allen in ihrem wirtschaftlichen Leben schwer geschädigten Einwohnern Galiziens ohne Unterschied der Person und des Berufes die Möglichkeit geboten werden soll, ihre wirtschaftliche Tätigkeit wieder aufzunehmen. Diese umfassende Hilfsaktion ist in der Weise organisiert, daß als Hauptträger derselben die galizische Kriegskreditanstalt fungiert. Kreditfähige Unterstützungswerber erhalten beim Zutreffen der statutarischen Voraussetzungen Darlehen seitens der Kriegskreditanstalt unter den in deren Statut festgesetzten Bedingungen, wobei im Falle rücksichtswürdiger Verhältnisse weitgehende Zinsenerleichterungen ermöglicht werden. In jenen Fällen, in denen Kreditbedürftige die erforderlichen statutarischen Sicherheiten nicht bieten oder mangels der sonstigen statutarischen Voraussetzungen ein Darlehen nicht erlangen könnten, gewährt die genannte Anstalt Darlehen unter staatlicher Ausfallsgarantie, die mäßig zu verzinsen sind, in Fällen besonderer Rücksichtswürdigkeit aber auch ganz zinsenfrei gegeben werden können. Ist ein Hilfsbedürftiger mit Rücksicht auf seine wirtschaftliche Notlage voraussichtlich überhaupt nicht imstande, ein Darlehen aufzunehmen, dann können ihm nichtrückzahlbarc Notstandsunterstützungen seitens der politischen Behörden gewährt werden. Da diese finanzielle Hilfsaktion den angestrebten Erfolg nur dann voll und ganz erreichen kann, wenn sie mit der allergrößten Raschheit durchgeführt wird, wurde die galizische Statthalterei beauftragt, für die möglichste Publizität dieser Hilfsmaßnahmen der Regierung zu sorgen und insbesondere auch Vorkehrung zu treffen, daß die unterstehenden Behörden die Bevölkerung sofort über die ihr dargebotene staatliche Hilfe und über die Art, wie sie dieselbe in Anspruch nehmen kann, belehren. Die Galizische Kriegskreditanstalt, mit deren Vertretern die Art und Weise der Durchführung der Aktion in mündlichen Verhandlungen eingehend besprochen wurde, wird ihre Tätigkeit auf weitester Basis entwickeln und alle notwendigen Maßnahmen treffen, welche eine Gewähr für die rascheste und zweckmäßigste Durchführung einer Aktion bieten. Die Woche. Der Kaiser an die Wiener israelitische Kultusgemeinde. Anläßlich des Kaisergeburtstages hat der Vorstand der jüdischen Kultusgemeinde in Wien an den Kaiser ein Huldigungstelegramm gerichtet. Hierauf ist an den Vorstand nachstehende telegraphische Antwort eingelaufen: „Seine k. u. k. Apostolische Majestät danken aufrichtigst für die v,om Vorstand der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde im eigenen und im Namen seiner Glaubensgenossen zum Allerhöchsten Geburtsfeste dargebrachten Segenswünsche und für die auch bei diesem Anlasse zum Ausdruck gebrachten treubewährten Gesinnungen unerschütterlicher Anhänglichkeit und Vaterlandsliebe. Auf Allerhöchsten Befehl: Freiherr v. Schießl." Italiens neueste Kriegserklärung. Die Türkei hat nunmehr einen neuen Feind erhalten. Zu den Engländern und Franzosen, welche mit großer Kraftentfaltung und mit Hilfe aller exotischer Völker ihre Existenz bedrohen, tritt nun auch Italien hinzu. War Italiens Kriegserklärung an Österreich-Ungarn ein heimtückischer Verrat, so ist sein Krieg gegen die Türkei ein einfacher Raubzug. Große Angst werden die Türken vor diesem neuen Feinde nicht haben. Er ist ihnen übrigens nicht unbekannt. Ihre Brüder in Tripolis haben schon längst die Erfahrung gemacht, daß der Italiener ausgezeichnet — Schläge empfängt. Die Türkei wird sich auch gegen den neuen Feind ihre Haut zu wehren wissen. In ihrem neuesten schweren Kampfe begleiten sie die Segenswünsche aller Juden. Nicht nuralsderVerbündeten Österreich-Ungarns und Deutschlands, sondern auch aus Dankbarkeit für all die Wohltaten und Freiheiten, welche die Türkei stets den Juden erwiesen hatte. Anleihe und Judenrechte. Rußland ist wiederum auf der Suche nach Geld. Die Milliarden, welche ihm Frankreich so freigiebig zur Verfügung stellte, sind längst verpufft. England will jetzt angesichts der fortgesetzten russischen Niederlagen kein Geld mehr nach Petersburg senden. Der Krieg erfordert aber Geld, Geld und wieder Geld. Finanzminister Bark ist mit seinem Latein zu Ende und ist so großmütig, die Geldsorge der Finanzkomission der Duma zu überlassen. Diese weiß aber nur einen Weg: Amerika. Bei den Herren Morgan & Cons. kann vielleicht noch etwas gepumpt werden. Aber da stecken plötzlich die Juden wie ein Bein im Halse. Angesichts der schrecklichen Judenverfolgungen in Rußland auch während des Krieges dürfte die Finanzwelt in Amerika, in welcher die Juden eine so bedeutende Rolle spielen, doch nicht so ohne weiteres für eine russische Anleihe zu haben sein. Die Herren in der Duma lassen sich aber durch solche Kleinigkeiten das Konzept nicht verderben und während der Beratungen erklärten einige Mitglieder mit einer bewunderungswürdigen — Unverfrorenheit: „Es bleiin halt nichts anderes übrig, als wieder einmal den Juden die Gewährung gewisser Rechte ... zu versprechen." Man muß also darauf gefaßt sein, demnächst wiederum von einer bevorstehenden Gewälirung von Erleichterungen für die russischen Juden zu hören. Ob die amerikanische Finanzwelt auch diesmal den Petersburger Versprechungen auf den Leim gehen wird, ist freilich eine andere Frage. Wie schrecklich die Judenverfolgungen in Rußland auch gegenwärtig seien, dafür dient als Illustration eine Interpellation der Sozialisten in der Duma. In derselben wird es als Heuchelei bezeichnet, daß Rußland gegen die Beschießung von Reims protestiert, während jüdische Frauen in Rußland in den Synagogen vergewaltigt und angesehene Juden im eigenen Lande als Geiseln genommen werden. Beziehungen zu den Juden Russisch-Polens. Die fortgesetzte Offensive der verbündeten Zentralmächte in Russisch-Polen hat es mit sich gebracht, daß ganz Polen bereits durch die österreichisch-ungarischen und deutschen Truppen okkupiert ist. Die polnischen Kreise österreichisch-Polens haben sich sofort mit ihren Konnationalen in den okkupierten Gebieten in direkte Verbindung gesetzt. Von jüdischer Seite ist jedoch diesbezüglich bisher gar kein Schritt gemacht worden. Es wäre zweckentsprechend, wenn aus der österreichischen, besonders aber der galizischen Judenschaft eine Delegation nach den von den k. u. k. Truppen okkupierten Gebieten entsendet würde, um in nähere Beziehungen zu den dortigen Juden zu treten. Dies dürfte auch den Staatsinteressen entsprechen. Streiflichter. Der Zar als „Flüchtling". Der fortgesetzte Siegeszug der Deutschen in Kurland hat derartige Fortschritte gemacht, daß Rußland nunmehr auch um den Besitz seiner Hauptstadt Petersburg zittert. Der Zar und die Zarenfamilie fühlen sich in Petersburg nicht mehr sicher und sollen nach Moskau übersiedeln. So dürfte nun auch der „Kaiser aller Reußen" den Geschmack verspüren, ein Flüchtling zu sein. Er, dessen Schergen so oft mit seiner „Allerhöchsten" Zustimmung Tausende und Abertausende Juden aus ihrem Heim verjagten, wird ebenfalls von einem solchen Los betroffen. Gerade so wie jene Juden fühlt er sich keinen Moment mehr in seinem Palaste sicher und jeden Tag kann ihn ein deutscher Zeppelin aus Haus und Hof verjagen. Fürwahr, Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher! Die ewige Vorsehung bezahlt Jedem Maß für Maß. Als der biblische Pharao zur Strafe für seine Judenverfolgungen mit den zehn Plagen bedacht wurde, da rief er und seine Hofschranzen: „Es ist dies Gottes Finger!" — Als sie später am Schilfmeere vom verdientem Schicksale ereilt wurden, da heißt es in der heiligen Schrift: „Und Israel sah die große Hand, mit welcher der Ewige die Ägypter züchtigte!" Unsere Talmudweisen erklären, daß Gott zuerst die Ägypter mit einem Finger strafte, als dies jedoch ohne Wirkung blieb, züchtigte Er sie mit Seiner ganzen Hand. Auch die Russen mögen bedenken, daß ihre gegenwärtigen fortgesetzten Niederlagen bloß ein Fingerzeig Gottes seien. Die große Strafe Gottes dürfte noch folgen! Auch der Zar und seine Ratgeber werden noch Gelegenheit haben, die ganze Hand Gottes zu spüren. Der Zar als Flüchtling bedeutet vielleicht erst den Anfang vom Ende. Ein Protest aus der Schweiz. In der Schweiz wird ein Memorandum über die R' engreuel gegen die Juden ausgearbeitet, welches allen Regierungen, allen Weltorganisationen und der Presse mit einem scharfen Proteste zugeschickt werden soll. Charakteristisch ist hiebei eine Äußerung Max- Nordaus: Deutschland und Österreich-Ungarn braucht man nicht überzeugen, sie sind es ohnehin — Frankreich und England hingegen sind mit Rußland verbunden und denken, sie dürfen die Gefühle ihres hochmütigen Freundes nicht verletzen . . . Die russischen Juden in Frankxeich. Die „Birschewaja Wiedomosti", welche zu dem früheren Kriegsminister Suchomlinow intime Beziehungen unterhalten hatten und über

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