Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 3 (26.8.1915)
- Date
- 1915-08-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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indische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. 1IFÄ/11.A4.U1«Ü __u~; Redaktion und Administration: vierteljährlich k 120. Wochenblatt für jüdische Interessen. wie„, vm ^erstraße?. «.chdruck mH »olleTÖ^MMgabe «Mtetto«. Re d a k t e U r: J OH a S Kreppel. Erscheint jeden Donnerstag Wien, 28. August 1915. I. Jahrgang. JUdiscn-politiscHe Zellfragen. (Von besonderer Seite.) II. (S-z.) Wenn jedoch zu einer neuen Orientierung der jüdischen Politik in Österreich schon jetzt gewisse Vorbereitungen gemacht werden dürfen und sollen, so bewegen sie sich in einer ganz anderen Richtung. Wenn der Mangel einer allgemeinen jüdischen Organisation stets fühlbar war, einer Organisation, welche sowohl nach Innen als auch nach Außen hin als Vertreterin der gesamten Judenschaft Österreichs gelten k'nnte, so hat sich dieser Mangel gerade in dem letzten Kriegsjahre ganz besonders fühlbar gemacht. Es wäre demnach höchste Zeit, endlich einmal an die Schaffung einer derartigen Organisation zu schreiten. Diese müßte sich aber hauptsächlich um die Wahrung der allgemeinen jüdischen Interessen in politischer und wirtschaftlicher Beziehung kümmern und infolgedessen keinen wie immer gearteten Parteicharakter tragen. Das Hauptgewicht ist hiebei auf die Wahrung der wirtschaftlichen Interessen zu legen, welche gerade jetzt infolge des Krieges und besonders in Bezug auf die Juden Oaliziens und der Bukowina besonders notwendig sind. Hiebei muß aber ausdrücklich im Vorhinein betont werden, daß bei der eventuellen Schaffung einer derartigen Organisation nicht die früheren Fehler begangen werden dürfen. Spricht man von einer allgemeinen jüdtwchon, part«Uo6en.^<„)ffltttw<««mt, ,; riami «ftOtL darauf geachtet werden, daß dies nicht in dem Sinne zu verstehen ist, daß an der Spitze derselben die Führer aller Parteien gestellt werden müßen. Derartige Versuche wurden wiederholt unternommen und haben fehlgeschlagen, gerade deswegen, weil sie schon bei ihrer Geburt den Keim des Todes in sich getragen haben. Eine Organisation, an deren Spitze die Führer der Assimilanten, Zionisten, Sozialisten etc. gestellt wurden, hatte von Anbeginn Blei in ihren Flügeln und konnte sich absolut nicht gehörig entwickeln. Es war dies mit der sog. „Selbsthilfsaktion" für die galizischen Juden der Fall, ebenso, wie mit anderen ähnlichen Versuchen. Eine allgemeine jüdische Organisation könnte nur dann gehörig gebildet werden und die notwendige Entwickelungsmöglichkeit haben, wenn an der Spitze derselben nicht ausgesprochene Parteiführer, bei welchen ja bei jeder Gelegenheit vor allem der Parteistandpunkt maßgebend ist, sondern Persönlichkeiten stehen, die sich bisher nach keiner Parteirichtung hin engagiert haben und bei welchen man voraussetzen kann, daß sie in ihrem Tun und Lassen von keinen wie immer gearteten Parteirücksichten geleitet werden. Man wende nicht ein, daß dies unmöglich sei, daß bei der allgemeinen Verpolitisierung der österreichischen Judenschaft solche parteilose Persönlichkeiten überhaupt nicht zu finden sind. Es wäre sehr traurig um die Zukunft der österreichischen Judenschaft bestellt, wenn dies der Fall wäre. Glücklicherweise ist es nicht so. Es gibt noch eine große Anzahl Männer im österreichischen Judentum, die an gar keine Parteidisziplin gebunden sind, gar keine partei-egoistischen Ziele verfolgen und in erster Reihe die gesamtjüdischen Interessen zu vertreten berufen sind. Es ist nicht notwendig, an dieser Stelle Namen zu nennen. Das hätte überhaupt gar keinen Zweck. In dem Momente, da die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer derartigen Organisation sich Bahn brechen würde, in diesem Momente werden sich auch die berufenen Männer finden. Wie schon erwähnt, dürfte eine solche Organisation in erster Linie zur Wahrung der wirtschaftlichen Interessen der Juden berufen sein. Man darf sich hiebei nicht verhehlen, daß diesbezüglich die Juden Galiziens und der Bukowina zunächst in Betracht kommen, einerseits deswegen, weil ihre ökonomische Position im allgemeinen eine unbefriedigende war, andererseits deswegen, weil gerade sie durch die Kriegsereignisse am meisten gelitten haben. Wie weitgehend und ausgiebig in dieser Hinsicht eine Hilfe von Staatsw egen auch gewährt werden sollte, müßte auch von judischer Seite eine entsprechende Aktion unternommen wer- , den, wie dies übrigens auch bei den Polen und; Ruthenen etc. der Fall ist. Bei den Juden noch ] speziell, weil ihr Beruf als Handel- und Gci werbetreibende viel eher auf ausgiebige Hilfe! angewiesen ist und weil die Wiederaufrich- | tung derartiger Existenzen viel schwieriger ist, j als beispielsweise bei der ackerbautreibenden Volksschichten. Es wäre jedoch verfehlt anzunehmen, daß dies ein ausschließliches Interesse der Juden Galiziens und der Bukowina ist. Auch die westösterreichische Handels- und lndustriewelt, die großen Fabrikanten und Fabriksniederlagen, die Bankinstitute etc. sind vielfach an der Gesundung der ökonomischen Verhaltnisse in Galizien interessiert und es hegt in ihrem eigenen Interesse, diesbezüglich werktätig mitzuhelfen. Galizien und die Bukowina waren ja seit jeher | ein ausgezeichnetes Absatzgebiet für die \\est-! österreichischen Industrien und auch die großen i Banken haben ihre Filialen in Galizien nicht | ausschließlich aus purem Altruismus errichtet, i Alle diese Kreise müssen sich jetzt vereinigen, um eine Gesundung der ökonomischen Veri hältnisse in diesen Provinzen, je eher desto i besser, herbeizuführen. Eine Gesundung der ökonomischen Verhältnisse der galizischen und Bukowinaer Juden würde auch auf ihre, politische Position Tfrarflme'gMBHgtf iw^rtmg inemcn. wurfökonomisch schwache Volksschichten können leicht das Objekt politischer Agitationen se::i und durcli unveiantwortl.che Partedemagogen in ein politisches Fahrwasser hineingezogen werden, welches ihrer Konstitution | nicht entspricht. Eine Volkssclnchte. welche | sich ökonomisch ruhig entwickeln kann, bei sitzt auch mehr politische Reife und kann we- | der durch irgendwelchen Druck noch durch | irgendwelche Demagogie politisch mißbraucht j werden. Gar manche Parteien, die heute in der; jüdischen Gasse sich so breitmachen, gar manj eher „Politiker", der es heute versteht; c.i mit I verschiedenen Reklamemitteln als ein Retter J der Juden aufzuspielen, würden dann den Boj den unter den Fußen verlieren und jede Exi- | Stenzberechtigung einbüßen. Die ganze jüdische j Politik sowohl im Innern als auch nach Außen würde dann eine andere Gestaltung annehmen und gar manche Neu-Orientierung, von der heute so viel gesprochen und auch geschrieben wird, würde sich dann als vollständig belanglos erweisen. Antisemitismus in Italien. Kein Druckfehler! Traurig, aber wahr! Italien war in den letzten Dezennien ein wirkliches Eldorado fur die Juden. Der Jude Luzzatti war dort wiederholt Finanzminister und durch etwa anderthalb Jahre stand er sogar an der Spitze der Regierung. Selbst das Kriegsportefeuille wurde einmal dem jüdischen General Otholenghi, dem militärischen Erzieher des Königs Viktor Emanuel III., anvertraut. Der Jude Ernesto Nathan war Bürgermeister der Hauptstadt Rom, im Parlamente und im Senate saßen und sitzen mehrere Juden, und auch an zahlreichen bedeutenden Körperschaften nahmen Juden hervorragende Stellen ein. Mit einem Worte: Ohne Übertreibung kann gesagt werden, daß Italien das einzige Land ohne jede Spur von Antisemitismus war, wo die kaum 50.000 Seelen zählende Judenschaft sich der höchsten Freiheit und der einflußreichsten Stellung erfreuen konnte. Die Judenschaft Italiens war es auch, welche in ihrer glücklichen Lage sich dazu berufen fühlte, für ihre Brüder in anderen Ländern wiederholt eine Lanze einzulegen. Gerade in der letzten Zeit während des gegenwärtigen Krieges war es Luigi Luzzatti, der mit einem flammenden Proteste gegen die Judenpogroms in Russisch-Polen auftrat. Von der italienischen Juaenschait ging auch der Plan aus. einen allgemeinen jüdischen Kongreß einzuberufen, welcher gelegentlich der bevorstehenden Friedensverhandlungen zugunsten der in gewissen Landern noch immer verfolgten und bedrängten Juden intervenieren sollte. Angesichts dieses ZuStandes durite wohl niemand glauben können, daß auch Italien seine Judentrage hat. Und doch ist dies keine Phantasie, sondern traurige Wahrheit. Der „Cornere della Sera", dasselbe Blatt, in welchem Luzzatti erst vor einigen Monaten seinen tlaminenden Protest gegen die Judeupogioms m Russisch- Polen erhob, veröffentlichte vorige Woche neuerdings einen Protest gegen antiiudisehe Verleumdungen und Verhetzungen -- jedoch nicht mehr in dem finsteren, barbarischen Rußland, sondern in dem angeblich auf eine „zweitausciidjahngc Kultur zurückblickenden" Italien. In dem Proteste, welcher wiederum von Luzzatti und anderen hervorragenden Juden Italiens unterschrieben ist, wird darüber Klage gefuhrt, daß seit Kriegsausbruch in Italien eine judeniemdliche Hetze sich breit mache, welche den Patriotismus der Juden anzweifle und sie fur die Mißerfolge auf dem Schlachtfelde verantwortlich mache. Es wird auch die Gründung einer diesbe/uglichen Alm ehrorgamsation unter dem Protektorate Luzzattis angekündigt. Soll man sich Uber diesen plötzlichen Stimmungswechsel in Italien wundern? Nicht im geringsten: Indem Italien jenen heimtückischen Verrat, der in der Weltgeschichte seinesglei- >, hm ,swhi JrAiUiifc. j*ÜBUgb>«i huschen Moral losgesagt hatte, war es aoen gegen die antisemitische Seuche, diese Schmach der neuzeitigen Kultur, nicht mehr immun. Als neuester Verbündete Rußlands Wales auch fur das antisemitische Gift allzu cnipiänglicli. ebenso, wie dies bei Frankreich und England der Fall ist. Bedenkt man noch, daß das verräterische Italien in allen seinen militärischen Aktionen bisher von Mißerfolg zu Mißerfolg schreitet und daß infolgedessen im Lande eine Stimmung hervorgerufen wurde, die nach einem „Sundenbocke" ruft, so ist es leicht erklärlich, daß auch da der Jude in erster Linie als das Opferlamm ausersehen wurde. Es ist ja ein . eichtes, der allgemeinen Unzufriedenheit durch eine antisemitische Hetze ein Ventil zu verschaffen. Das Kriegsgluck wird zwar dadurch nicht korrigiert, aber nach bewährtem russischen Muster kann damit den schuldbeladenen; leitenden Kreisen eine weitere Galgenfrist verschafft werden. Mit der antisemitischen Hetze hat Italien den Befähigungsnachweis, als Verbündeter Rußlands zu gelten, erbracht. Die Seelenharliionie der Entente wird nunmehr durch keinen Mißton gestört werden. Rußland mit seinen Pogroms. England mit seiner Unterdrückung jeden Protestes. Frankreich mit seiner Drangsalierung der jüdischen Flüchtlinge und Italien mit seiner antisemitischen Hetze — die Verbündeten passen vorzüglich zu einander und sind einander würdig! Die Oberrabbiner frage in Wien. Seit einiger Zeit wird in Wien sehr viel über die Oberrabbinerfrage diskutiert. Der greise Oberrabbiner Dr. M. Güdemanri hat nämlich schon vor etwa anderthalb Jahren um seine Pensionierung angesucht und versieht diese Stelle nur noch formell bis zur Wahl eines würdigen Nachfolgers. Der Kultusvorstand ist nun dabei, für diese Stelle einen passenden Kandidaten ausfindig zu machen. Es werden verschiedene Namen genannt, die Öffentlichkeit hat sich der Frage bemächtigt und — um es ganz offen zu sagen — die ganze Angelegenheit rahm den Charakter eines überaus heftigen Kampfes an. Gegen die in Betracht kommenden Kandidaten wurde ein förmliches Kesseltreiben in Szene gesetzt. Gewisse Mitglieder des Kul-