Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 733 (16.2.1938)
- Date
- 1938-02-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ni, 7S3. — Wien, Mittwoch, 16. Februar 1938. DIE STIMME Seit« 3 Antisemitischer Tauschverkehr Bei all seiner Traurigkeit entbehrt das antisemitische Getriebe nicht ganz eines gewissen Humors. Die neueste Tataren^!" rieht der österreichischen Hetzpresse zum Beispiel, daß eine Invasion mänischer Juden drohe, ist nicht einmal funden — sondern abgeschrieben. Und zwar — was eben das Groteske daran ist, von „geistig“ verwandten rumänischen (!) Blättern, die im Oktober 1936 ihre Leser mit der Meldung in Schrecken setzten, daß eine Masseneinwanderung — österreichischer Juden nach Rumänien bevorstünde. Die Hetze hat damals Formen angenommen, daß das Organ der Regierung. „Vatorui", es für nötig erachtete, ihr einem ernsten und ausführlichen Dementi entgegenzutreten. . Unsere einfallsarmen Antisemiten haben sich also unter Verzicht auf jede Originalität auf Grund des Gegenseitigkeitsprinzips mit Material versorgt. „Haust du meinen Juden, hau ich deinen Juden!'1 Um eo lieber, als dabei auch für den eigenen etwa« abfällt. Exekutive des Jüdischen Weltkongresses Das Exekutivkomitee des Jüdischen Weltkongresses hielt in Paris eine Sitzung ab, an der folgende Mitglieder der Exekutive teilnahmen: Dr. N. floldmann, Genf, Prof. Bernhard, Paris, P. Bol lack, Paris, M. J a r b 1 u m, Paris, Israel Jefroykin, Paris. Saly Mayer, St. Gallen, Dr. M. N u r o c k, Riga, Rev. M. L. Perlzweig, London, B.‘Zu ck ermann und M. Henri de Toledo, Genf, als Mitglied des Finanzkomitees. Die Lage der Juden in Rumänien stand im Mittelpunkt der Beratungen. Dr. N, Goldmann, M. Jarblum und Rev. M. L. Perlzweig erstatteten Bericht über die Tätigkeit der Mitglieder der Exekutive des Jüdischen Weltkongresses während der 100. Ratstagung in Genf, zu welcher die Petition des Jüdischen Weltkongresses überreicht wurde. Nach eingehender Beratung über die den wurden die Richtlinien für die weiter zu verfolgenden Schritte des Exekutivkomitees des Jüdischen Weltkongresses festgelegt und einstimmig angenommen. Es wurden ferner Berichte aus den verschiedenen Ländern über die erhöhte organisatorische Zusammenfassung im Rahmen der bestehenden IVeltkongroßinstanzen vorgelegt, so vor allem in Belgien, Österreich und Jugoslawien. Der Rat für den Sommer einberufen Es wurde ein Sommer 1938 ei Weltkongresses, Ersten Jüdisch s Tagung des Rates des I 32 Ländern angehören, einzuberufen. Datum und Ort der Ratstagung werden auf der | Mitte März stattfindenden Sitzung der Exekutive bestimmt werden. Die amerikanischen M i t g I i ei e r der Exekutive haben den Beschlüssen tuf telegraphischem Wege z u g e s t i m m t. Massenversammlung in Wien°Siidwest Die Wahrer jüdischer Interessen Mittwoch, den 9. d.. fand in den Mariensälen im 14. Bezirk die von den zionistischen Bezirkssektionen XII bis XV und Breitensee veranstaltete große Massenversammlung statt, die dem größten Interesse aller Juden der genannten Bezirke ohne Unterschied der Parteirichtung begegnete und von etwa 600 Personen besucht war. die mit Spannung den Ausführungen der illustren Redner folgten. Dr. Oskar Grünbaum besprach in einer großangelegten Rede die gegenwärtige politische Situation und ihre Auswirkungen auf die Juden. „Palästina ist", sagte er, „vom politischen Standpunkt aus gesehen, einer der interessantesten Punkte der Welt. Wer Palästina besitzt, der besitzt den Schlüssel für den Suezkanal und den Weg nach Indien. England, für das der Suezkanal eine Leicen.motwendigkeit ist, kann auf Palästina unter keinen Umständen verzichten und braucht dort eine verläßliche Bevölkerung, als die nur die Juden in Betracht kommen, ln den letzten Tagen bahnt sich eine englisch-italienische Annäherung an. Sollte es, was wir Juden auf- ’itig wünschen, zu einer solchen Annäheig kommen, dann wird sich auch das Palästina-Problem wesentlich vereinfachen. Aber wie immer sich die internationale Situation gestaltet, müssen die Juden sich darüber klar sein, daß ihnen niemand Palästina schenken wird und daß der Judenstaat nur das Erlebnis ihrer Opfer au Gut und Blut sein wird. Was wir Zionisten daher jetzt dringend benötigen, ist Einigkeit, Organisation und Propaganda. Wir müssen in die jüdischen Gassen gehen und alle Juden für unsere Ideen gewinnen. Wir müssen ihnen klar machen, daß der Kampf um Palästina Ihr Kampf ist, j der ebenso wichtig ist wie der Kampf um' die Gleichberechtigung ln der Galuth. I Ohne ein gleichberechtigtes Judentum in j der Galuth kann es kein starkes, ]üdi-! sches Palästina geben und ohne ein starj kes, jüdisches Palästina könne es kein gleichberechtigtes Judentum in der Galuth geben. Hätten die Juden dies schon von Jahrj zehnten eingesehen und hätten wir heute j bereits den Judenstaat und damit einen Sachwalter für die Rechte der Juden in der Galuth. Bei einträchtigem Zusammenwirken können die Versäumnisse der letzten zwanzig Jahrs gutgemackt werden. Organisation und Propaganda sind daher heute das dringendste Gebot, für die Juden in der Galuth/ Hinein in die Zionistische Weltorganisation! ist die Parole, der alle aufrechten Juden Folge leisten müssen." Dr. Desider Friedmann da« Podium. Er besprach nebst anderen Fragen die im Zuge begriffene Organisation der jüdischen Jugend Österreichs. Mit dem 1. November 1937 sei dieses Problem höchst aktuell geworden, da mit diesem Tage die Aufnahme in die Vaterländische Fri Die Zionistische BtZirhssehdon Innere Stadt gratufiert ihrem virdienswoften Mitglied Herrn Ban hi et Dir. Max Rudolf Meisels zu seinem 5o. Geburtstag (•stehenden der Emanzipation die ersten Judenpogrome stattrefunden haben, noch früher als in Rußland ' Schon im Jahre 1867 mußten die Großmächte gegen die barbarische Behandlung der Judefi Stellung nehmen, und wir können mit Genugtuung fest stellen, daß unter ihnen auch Österreich und Deutschland waren, vertreten durch Bismarck. Als sch jetzt die Westmächte der rumänischen Juden annahmen. rief dies in Deutschland einen Sturm der Entrüstung hervor, und dort, verhöhnte man England, weil es gegen die angebliche Verletzung der Minderheitsrechte der Deutschen in der Tschechoslowakei ntehts unternommen habe. Redner wäre zufrieden, wenn es den jüdischen Minderheiten in der ganzen Welt nicht schlechter ginge als den Deutschen in dem genannten Lande. Die Westmächte konnten sich natürlich nicht mehr auf die den rumänischen Juden in der Berliner Konferenz des Jahres 1878 zugesicherte Gleichberechtigung berufen, wohl aber auf die M i i die VF. tem 18. Lebensjahr von der Zugehörigkeit zum Jungvolk abhängig gemacht wurde. Nach der geplanten Organisation werden die jüdischen Knaben und Mädchen Österreichs in einem Jüdischen Jugendverband zusammengefaßt werden, der dem österreichischen Jungvolk vollkommen gleichberechtigt ist und dessen Mitgliedern dann der Eintritt in die VF. offen steht. Jeder vernünftige Jude werde diese Regelung begrüßen, trotz der unverantwortlichen Hetze, die die Union dagegen veranstaltet halte. Sodann führte Rat der Stadt, Wien Br. Jakob Ehrlich von der Versammlung stürmisch begrüßt, aus, daß die Juden frage heute; ganz andere Formen angenommen habe, daß der Antivielfach als Mittel zur Erreichung verschiedener politischer Ziele diene. Er müsse daher mit anderen Mitteln bekämpft, werden, und die Zeit, in weicher man ihm mit apologetischen Schriften entgegen treten konnte, sei längst vorüber. Redner kommt in diesem Zusammenhänge auf die rumänischen Ereignisse zu sprechen und das Auftreten der Wcstmäehtc gegen die Verletzung der Gleichberechtigung der Minderheiten, insbesondere gegen die Verletzung der Rechte der jüdischen Minderheit. Rumänien habe den traurigen Ruhm, daß dort im Zeitalter chut' sti des Jahre 1919. Wenn es solche Bestimmungen nicht gäbe, hätte Rumänien unter Berufung auf seine Souveränität jede Einmischung in sein« inneren Verhältnisse ablehnen können. Es wird oft die Frage aufgeworfen, ob wir in Österreich Minderheitsschutzbestiromungen brauchen, die bekanntlich ein Teil der österreichischen Verfassung sind. Solange wir eine Regierung Schuschnigg haben oder überhaupt eine Regierung, welche den Weg des Kanzlers Dollfuß geht, brauchen wir nicht zu fürchten, daß an der sämtlichen Bürgern des Staates gewährleisteten verfassungsmäßigen Gleichberechtigung etwas geändert wird. Können uns aber die Herren von der Union österreichischer Juden nach den in Deutschland gemachten Erfahrungen die Garantie dafür geben, daß in irgend einem Lande niemals Verhältnisse emtrete», welche die Berufung auf die gegenüber Kammersänger Alexander Kipn!» wird in seise rn Abschiedskonzert vor Antritt »einer grölen Australien-Tournee, die ihn für mehrere fonate von Europa fernhalten wird, 13 seiner icliebleslen und interessanten Arien zu Gehr _ bringen. In dum Konzert wirkt die Pianistin Florinda de Santo» mit, Karten an der lonzertkasse Dr. Hohenberg, I., Opernebäude. Tel. R 27-2-11. E Britisch-Israel Von C. C. Aronsfeld. Daß England in Palästina herrscht, ist eine Tatsache — für uns und für die Engländer. Weshalb England in Palästina herrscht, ist eine müßige Frage — für uns; für die Engländer zum Teil auch, für viele aber auch eine Frage gott-offenbarter Weissagung: England herrscht in Palästina, weil sein Sieg — Allenbvs, am 8. Dezember 1917 das Vorspiel war zu den Tagen, da die verlorenen Stämme wiederkehren: da Israel eine Nation wird unter einem Könige und die Prophezeiung des Ezechiel sich erfüllt und die Gebeine auferstehen. Denn — das ist der Hintergrund der ganzen Sache —, denn die Engländer sind die verlorenen Stämme und das wahre und das eigentliche Israel. Das ist nicht die Meinung aller Engländer — wenn auch Milton sie vorc- ’ -rte, Shakespeares großer Zeitgenosse, sie hätten .guten Grund zu glauben, daß die Gungt des Himmels ganz besonders ihnen sich zuneigt“. Aber der Gedanke, daß England zu Israel in einem weltgeschichtlich vorgezeichneten Verhältni.: steht, daß England entweder als das neue oder wie das alte Israel die Botschaft Gottes durch die Weit trage — dieser Gedanke hat die englischen Gemüter seit langem bewegt. Als Oliver Cromwell die Wiederzulassung der Juden erwog, nachdem ihnen 300 Jahre das Gastrecht verwehrt war, entsci '“d am Ende das Argument, daß Gottes Reich erst dann werden könne, wenn die der Juden vollkommen sei, also wenn sie auch in England wohnten. Diese These freilich verlor bald viel von ihrer Kraft, und am Anfang des vorigen Jahrhunderts kam einer auf einen andern Gedanken, eben auf den Ge-! danken vom Britischen Israel. Das Reich I Gottes, das Cromwell schon herannahen! sah, schien doch allzu sehr zu zögern, und } die Erlebnisse der Zeit — der Abfall Nord- : amerikas und der Krieg mit Napoleon — hatten hinter der Entschlossenheit, nicht zu verzweifeln, manchen Minderwertigkeitskomplex erweckt, der ausgeglichen werden mußte. Fromme Patrioten lasen die Bibel, und da. fanden sie ihren Trost: mit Israel war England gemeint, das weite Britische Empire. Sie entwickelten dazu eine große Theorie und schließlich auch eine kleine‘ Organisation mit einem ebenso großen Namen: British Israel World Federation; denn ihre Anhänger wohnen in vielen Ländern, versichern sie, und im ganzen sollen es an drei Millionen sein, ohne daß man aber sagen könnte, daß irgend welche nennenswerten Persönlichkeiten sich ihnen angeschlossen hätten. Sie verzeichnen zwar in ihrer Ehrenmitgliederliste Königin Viktoria und König Eduard VII., auch eine der Brautjungfern der Königin Viktoria, aber das sind ungefähr alle Prominenten, und davon sind jedenfalls zwei nicht mehr aktiv. Im Jahre 1923 erschien ein Buch, das den ,.B r i t i s c h -1 s r a c 1 i t i e m u s“ gewissenhaft kritisierte, da „die Lehre schon dermaßen verbreitet sei, daß man die Bewegung wohl ernst nehmen müsse“. Gerade heute sind sie besonder« rührig in ihrer Propaganda: sie lassen ihr Evangelium öffentlich predigen, und in ihrem Hauptquartier, hinter dem königlichen Schloß in London, kann man eine erstaunlich reichhaltige Literatur finden. Sie haben auch ein Woehenblättchen, und zwei gewaltige Posaunen blaeen darin ihr Motto hinaus: ..Ihr seid meine Zeugen...“ (Jes. 43. 10).! Nun, wofür sind sie Zeugen? Oder vielmehr: wir, wessen sind wir Zeugen? Wir sind Zeugen eines sehr vagen und recht hftl zeroeo Versuche, Geschichte zu klittern. iWirJuden, heißt es, eindnicht bloß Juda, die beiden unverlorenen Stämme — darauf nämlich beruht, die ganze Idee, wenn man so sagen darf: auf dieser Unterscheidung zwischen Israel und Juda, dem Gau im Norden und dom Gau im Süden. Zuerst bildeten beide das Reich, aber aus Babylon kamen nur „Juden“ zurück. Die loren geltend, doch der B r ft i™ hVs r a e 1 Federation sehr wohl bekannt — die, ja die haben ganz abenteuerliche Erlebrii.see gehabt. Besonders Dan, der unternehmungslustiger gewesen zu sein scheint als die übrigen. Er fuhr, hören wir. früh tiliers Meer, zu den Griechen, und wurde dort so prominent, daß er mit den DANaern vor Troja zog, der schönen Helena wegen. Darnach erschien er an der schönen blauen DONau: später muß er in DANemark Lang« sich aufgebalten haben, und schließlich landete er in DONcaster. in der Nähe von Manchester, das wohl auch nur durch Zufall nicht Danchester heißt. Der Rest hat sich ostwärts bewegt — am Euphrat entlang, durch Persien und über den Kaukasus. Indien ließen sie merkwürdigerweise aus und versäumten so, den Grundstein zu legen für das Indische Empire. Dann müssen sie sich jahrhundertelang in der Ukraine und in Bessarabien b“rumgedrückt haben. Sputen haben sie nirgends bint,erlassen. Aber die British Israel World Federation, nicht umsonst im Lande de« Sherlock Holmes geboren, ist auch den nicht vorhandenen 8puren aufmerksam gefolgt, ohne zu erröten sogar. Daß es so gar keine historischen Belege für diese Wanderungen gibt ist natürlich beklagenswert, aber, meint ein britischer Israelit, „so etwas kann es auch gar nicht geben, denn di« Leut« kamen zu zweien und dreien herüber“. Und schließlich waren sie alle in England. Jetzt ist also Groß-Britannien das Heim de« Hauses Israel. Und wer könnte daran i | zweifeln? Nachdem die British Israel Worid Federation einmal bewiesen hatte, daß die verlorenen Stämme nicht, verloren gegangen, ließ sich bald und sicher mit geringerer Mühe bfvwei-en, daß diese verlorenen S t ii m in <; b r i t i s e h sind. Zunächst, wird hoffentlich niemand sich daran stoßen, daß die Bewohner Groß-Britannien* nicht Israel 'heißen. Da« macht nichts. Im Gegenteil: da« muß so sein. British-Israels Eifer hat die Erklärung gefunden: in Jcsaia Capitol 65, Vers 15, steht, geschrieben: „Der Herr wird sein« Knechte bei einem anderen Namen nennen“. Freilich hat große Bedeutung, daß sje Angel-Sachsen heißen, denn gemäß Genesis Oapitei 21, Vers 12, gehören sie zu I-saacs Söhnen, und zwar gilt da« gleichmäßig für England und Amerika, für" John Bull und Bruder Jonathan, dessen Name eigentlich Bruder Maaas.se la-uteo sollte, denn er gehört zu Ephraim und ist ohne Zweifel jenes in Jcsaia 49/20 erwähnte Kind, das „Israel“ ,'England) verlieren sollte und leider vor 150 Jahren auch verloren hat. Daß aber ein wahrer Tsraelit durch und durch britisch ist, erklärt sich daraus, daß er ein Brit-isch ist, ein „Mann des Bundes“. Wer nach diesen einleitenden Proben noch nicht genug hat, kann weitere, Beweise erleben. Schauen Sie nach Palästina: Allenhy 1917: im Evangelium Lukas (21. 24), ist bekanntlich vorausgesagt, daß „Jerusalem in der Hand heidnischer Völker Bein wird, bis die Zeiten der Heiden erfüllt sind“. ("Die „heidnischen Völker", das sind di« nicht-israelitischen.) Nun, Jerusalem ist jetzt in der Hand der Engländer; also verkündet Britisch-Israel mit leicht beschwingtem Selbstgefühl und unbeirrtern Ernst: „Also, da haben wir’s: wären wir nicht Israel, dann wäre Jerusalem immer noch in der Hand der Heiden“, und natürlich, „bis die Zeiten der Heiden erfüllt sind“ ('ein apokalyptisches Schlagwort, das auf da« Weltenende deutet), so lange brau-