Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 732 (14.2.1938)
- Date
- 1938-02-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Montag-Ausgabe ®te ZMmm Blatt ist ab 4 Uh* nachmittags bei den Kolporteuren erhältlich V. b. b. 10 9 ‘‘Stimme JÜDISCHE ZEITUNG Wi«t, Montag, 14. Februar 1938 13. Adar L «698 11. Jahrgang Wichtig für Zertifikats-Inhaber Die Zertifikate aus dem lautenden Schedule — Kapitalisten-, Verwandten-, Schüler- Zertifikate n. a. inbegriffen — haben Gültigkeit bis 31. März 1938. Die Einwanderung nach Palästina muB bis zu diesem Zeitpunkte erfolgen. Laut Verordnung der palästinensischen Regierung ist eine Verlängerung der Gültigkeitsdauer der Zertifikate diesmal nicht zulässig. Personen, welche Einreisezertifikate besitzen, unddies aus welchen Gründen immer nicht ausnützen können, werden dringend ersucht, die Zertifikate unverzüglich entweder direkt an die Palästinaregierung, Jerusalem, zurückzusenden, oder aber sie dem Palästinaamte, Wien, 1., Marc-Aurel- Straße 5 (Telephon U 28-3-78) zwecks Welterleitung an die Regierung zu übergeben. Dnrcb die rechtzeitige Retournierung nicht in Anspruch genommener Zertifikate (b i s spätestens Ende Februar 1938) besteht einerseits die Möglichkeit, sich selbst die Einwanderung für einen späteren Termin zu sichern, anderseits die zurückgestellten Zertifikate für andere Bewerber umzutauschen. Werden die Zertifikate weder ausgenützt noch zurückgestellt, besteht für die einzelnen Zertifikatsbesitzer die Gefahr, bei -.aagffizuwerflen. Ormsby-Gore vor dem Unterhaus: Teilung und Judenstaat Die Lehre aus Rumänien „Wir werden die Juden hinauswerfen!“ hatte Goga am 28. Dezember gerufen, als er sein erstes Interview als Ministerpräsident gab. Am 10. Februar, eineinhalb Monate später, nahm er Abschied mit dem elegischen Ruf: „Du hast gesiegt, Israel!“ Der Dichter, als den, da er noch im Glanz der Sonne stand, die Wiener „Reichspost“ besungen hatte, war aus dem Land der Pogromphantasie in die reale Wirklichkeit geraten und die völlige Zermalmung des Landes, das ihm anvertraut worden war, begann sich zu manifestieren. Milliarden hat das Nationalvermögen verloren, die Sparkassen wurden durch Run der verängstigten Sparer ausgeblutet, das politische Prestige vernichtet. Die neue Regierung findet einen Trümmerhaufen vor, und um ihn aufzuräumen,, hat sie alle Wahlen suspendiert, das Land unter Militärdiktatur gestellt, die Goga-Präfekten abberufen und ihnen, o heiliger Bakschisch! — die Wahlpropagandagelder, die Goga-Cuza mit vollen Händen gespendet, abgenommen. Es ist diesmal rasch gegangen. Die Verhöhnung aller Verträge, die sich seit fünf Jahren in Europa zu eipem System entwickelte, konnte nicht mehr geduldet werden. Rumänien, dessen staatliche Existenz auf dem Berliner Kongreß vom Jahre 1878 an die gerechte Lösung der Judenfrage gebunden worden war, hatte sieh darüber einfach hinweggesetzt und die Juden einfach als Ablenkungsgegenstand für die immer zur Revolte neigenden Bauern benützt. Nach dem Krieg hatte Rumänien den Minoritätemvertrag unterfertigt, nachdem es schon im Frieden von Bukarest die Einbürgerung der Juden des Quatnlater von Silistria als Pflicht übernommen hatte, was freilich nicht schriftlich fest-, gelegt wurde. Das neue System, das Ende Dezember unter stärkeren Druck des Dritten Reiches zustande kam, hatte kein anderes Programm, als die völlige über die bedeutsame Unterbausdebatte am 9. d., in der Kolonienminister Ormsby-ßore erklärte, daß die britische Regierung nach wie vor Teilung für die beete und aussichtsreichste Lösung des Paläetinaproblems halte, liegt nun der folgende Bericht vor: Captain Victor C a z a 1 e t fragte den Kolonienminister, ob er, um die im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des Weißbuches am 5. Jänner in England und ln Palästina entstandenen Befürchtungen zu zerstreuen, dem Unterhause versichern wolle, daß die Regierung an der Politik der Teilung P a- 1 ä s t i n a s, wie sie im Juli des Vorjahres im Weißbuche festgelegt und im September in Genf bekräftigt wurde, in vollem Ausmaß festhalte. Oer Ausweg aus der Sackgasse Minister Ormsby-ßore erwiderte, die Regierung habe im vergangenen Juli erklärt, sie sei zu dem Schluß gekommen, daß ein Plan nach den allgemeinen Grundzügen, wie sie von der Königlichen Kommission empfohlen worden seien, den besten und aussichtsreichsten Ausweg aus der Sackgasse darstelle. An dieser Po- Eine neue Technische Kommission sei tfe-j stimmt worden, die einen definitiven Plan auszuarbeiten haben wird, wie ihn die am 21. Juli im Unterhause angenommene Resolution verlange. Solange da* Mandat vom Völkerbundrat nicht verbessert wurde, kann es durch einen Akt der Regierung nicht »bgeändert werden. Niemand bedauert, erklärte ferner der Minister, die Verzögerung mehr als ich selbst; wir müssen aber auch hier wieder der in Genf klar zum Ausdruck gekommenen Ansicht Rechnung tragen, daß, ehe das Mandat in irgend einer Weise beendet wird, gewisse Vorkehrungen — wie sie der Völkerbundrat 1931 festgelegt hat — zu erfüllen seien; überdies empfiehlt die Mandatskommission, daß zwischen Aufhebung des bestehenden eine entsprechende Übergangszeit eingeseboben werde. Abg. Geoffrey Mander: WTird die Regi rung. unter Berücksichtigung aller Umstände des Falle«, die Politik der Teilung so schnei! als möglich durchführen? Ormsby-Gore: Gewiß. Einwanderung und Wirtschaftslage Abg. L i p s o n : Wird der Minister, der wachsenden Härte der antijüdischen Maßnahmen in Rumänien und in anderen Ländern Rechnung tragend, größere Einwanderung in Palästina lassen? Ormsby-Gore: All dies muß in Betracht gezogen werden; aber auch die w; sohaftliohe Lage der bereits in Palästina lebenden Juden Ist in Betracht zu ziehen. Abg. Leach: Will der Minister machen, daß er — so'ange der Plan Regelung noch im Stadium des Erwäget — angesichts der Fortdauer der ' Großmufti ermutigten arabischen Unruhen in Palästina nicht an die T< hing schreiten und den Arabern nicht andere JüuL&fi * si£ß.ß a mfihm„ Mot, „ Errichtung des den Juden versprochenen Nationalheime vereiteln? ln einer schriftlichen Erwiderung erklärte Ormsby-Gore: loh kann den V schlag des Abg. Leach nicht akzeptier Die Regierung betrachtet Teilung als das beste Mittel, um unter den gegebenen Umständen da« Versprechen zur Errichtung eines Jüdischen Nationalbeims in Palästina zu erfüllen. Die Fortdauer der Terrorakte in Palästina wird sie nicht davon abhatten, weitere Untersuchungen durehzuführen, die notwendig sind, um einen — der vom Unterhaus angenommenen Resolution entsprechenden — definitiven Plan vorzubereiten. Das politische Maximum Abg. W i 11 i a n s fragte den Kolomenmmteter, ob er angesichts dessen, daß die Festsetzung eines politischen Maximums für jüdische Einwanderung in Palästina das wirtschaftliche Leben des Landes schädige, und im Hinblick auf die Erklärung des Außenministers in Genf, daß es eich um eine rein vorübergehende Maßnahme handle, sowie im Hinblick auf die Ansicht 4er Permanenten Mandatskommission daß dies < Ahgehen von den Grundsätzen dos Völki bundratf»« bedeute, wonach Einwanderung gemäß der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes zu erfolgen habe, die Versicherung geben könne, daß das p o'' ta*tsäch 11 c h nu r Vis Vifm 8L ’mä WARNER BROS. BRINGEN: Green Pnstures (Auf grüner Aue) KRUGER-KINO I. Ormsby-Gore: Die nach dem 31. März in Kraft tretenden Regelungen betreffend Einwanderung werden zur Zeit noch erwogen; ich Mn daher augenblicklich nicht in der Lage, hierzu eine Erklärung abzugeben. Abg. Williams: Weiß der Minister, daß um in Palästina herrschende Ungewißheit nicht nur auf diejenigen, die nach Palästina kommen wollen, sondern auch auf jene, die bereit« dort loben, niederdrück end wirkt; möchte er nicht über die nach dem 31. März 1938 zu befolgende Einwanderungspolitik sich schlüssig worden? Ormsby-Gore: Ja, Ich hoffe zuversichtlich, daß b e r e i t s i n k u r z e m ein Beschluß gefaßt werden wird. Oie Frage des Domlniums Abg. Mander: Will der Koionieumiuister eine Erklärung zu der am 15. Jänner angenommenen und ihm überreichten P aläs ti n a- Re so i u t i o n de« Board of Deputies of British Jews ahgehen? (ln der Resolution wird dem Wunsch Ausdruck gegeben, die Palästinafrage möge so gelöst werden, daß Palästina : " chesDo Ith _ h Com t i o n s werde. — Die Red.) Ormsby-Gore: Ich habe die Resolution erhalten. Der Abgeordnete darf nicht erwarten, daß ich mich in meiner Antwort mit den vielen und mannigfachen Punkten der Resolution befassen kann. Die Palästinapolitik der Regierung ist dem Unterhaus in dem letzten Weißbuch bekaimtgegeben worden; ich habe dem nichts hinzu- Ahg. M a n d er: Kann der Mmister sagen, ob diese wichtige un i erfreuliche Reso'ution zur Kenntnis des Völkerbünde« und der Mandatskommission gebracht werden wird? Ormsby-Gore: Gewiß. I c h w e i ß j edoch nicht, ob diese sie mit deÄ- TeTb en t n t h u s Ta S m n s h emrÄ eTö werden wie der Abgeordnete. Abg. Gallacher (Kommunist): Weiß der Minister, daß diese Resolution einen Verrat an den Juden in Deutschland und im übrigen Europa damtellt? Auf diese Frage wurde keine Antwort erteilt. Die Terrorakt* Abg. David Adam«: Kann der Minister eine Erklärung zur gegenwärtigen Lage in Palästina, sosv e zu den seit seiner letzten Erklärung im Unterhaus geschehenen Terrorakten abgobeu? Ormsby-Gore; In der Zeit vom 31. Jänner bis 7. Februar «ind in Palästina zwei Morde, zwei Verletzungen, acht Überfälle aus dem Hinterhalt, ein Bombenanschlag und sechs Sabotageakte vorgekommen. Seit dem 81. Jänner ißt cs zu Zusammenstößen zwischen Militär und bewaffneten Banden nicht, gekommen. Die Truppen setzen die Suche in Gegenden, wo Banden auftanchen, fort, und die Polizei übt weiterhin eine verstärkte Patrouiilentätigkeit und Waffens-uche aus. Abg. Noel Baker: Weiß der Minister, woher die bei den Verhafteten beschlagnahmten Waffen stammen? Entrechtung der Juden. Durch eine Ver-' ordnungsmasehinerie wurden die 700.000 Juden der Willkür der Präfekten, be-- währter Spießgesellen des Codreanu, ausgeliefert. Mit gefälschten Statistiken sollte erwiesen werden, daß sich eine halbe Million Juden das Bürgerrecht erschlichen habe, und daß deshalb eine allgemeine Revision stattzu finden hat, bis zu deren Beendigung die Juden zu hungern haben. Die Goga-Regierung versuchte demnach das in Europa wiederholt angewendete Mittel der vollzogenen Tatsache zu wiederholen. Die Mächte, die den Vertrag garantiert hatten, sahen plötzlich an einer heiklen Stelle des Kontinente die Folgen ihres Duldens aufbrennen. Sie: mußten eingreifen und den Herren in Bukarest und denen, die mit Sympathie und ganzen Regimentern von Journalisten und Agitatoren sich sofort einfanden, die Lehre erteilen, daß trotz allem Recht Recht bleiben muß. Herr Miceseu wurde zunächst in Genf zur Rede gestellt Es wurden ihm die mit den amtlichen rui manischen Ziffern gespickten Protokolle der jüdischen Verbände vorgelegt. Es wurde mit den Tatsachen konfrontiert. Er kam nach Hause und erzählte von seinem großen Sieg in Genf. Sein Regierungschef Goga verbot kurzerhand jede | Diskussion über die Judenfrage. Aber außerhalb des Landes wurde diskutiert ... und schließlich schritten die Mächte ein. Es wurden nicht diplomatische Redensarten gebraucht, es wunde gesagt daß eine Katze eine Katze ist. Und so [gingen Goga und die Seinen in die Pension. Während noch die Presse des Dritten Reiches im Jubel schwelgte, Bilder der Hakenkreuzhelden, Interviews und Reportagen über die Juden veröffentlichte, war Goga nicht mehr da. Der Patriarch, der nun die Geschäfte verantwortlich führt, hat vor nicht so langer Zeit den „ethnischen Kurs“ des Blutrumänentums entschieden bekannt. Er hat die Fahnen und Embleme der Eisernen Garde geweiht, gegen den Widerspruch einer starken Minderheit der orthodoxen Geistlichkeit. Er ist Ministerpräsident und findet die Situation vor, die immer und überall entsteher muß, wo die IJnsachJichkeit, der Haß und der Antisemitismus in Politik und Wirtschaft. die Herrschaft erreichen. Was in Rumänien angerichtet worden ist, muß in jedem Land, in dem Strömungen dieser Art geduldet werden, eintreten: die völlige Zerstörung des inneren und äußeren Kredits. Es ist eine harte, bittere, aber verdiente Lektion, die Rumänien erteilt worden ist. Der Aufruf der neuen Regierung mag sich noch so feierlich für die Überprüfung der Bürgerrechte, für eine Ausweisung der Eindringlinge, »für eine Fühlung mit den Staaten, die Überschuß an Juden haben, aussprechen.. Das ist ein Programm. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Der Völkerbund hat ein Dreierkomitee mit der Wahrnehmung der Verträge betraut, und i Rumänien wird jeden Schritt, den es tut,! jede Maßnahme, die es gegen Wehrlose , ausheckt, zu verantworten haben. Das; jüdische Volk hat sich Organe gej schaffen, die mit Aufmerksamkeit die! Entwicklung beobachten. Wir dulden es ‘nicht mehr, daß man Juden wie Neger-, 1 kral-Bewohner behandelt.