Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 725 (28.1.1938)
- Date
- 1938-01-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr, 785. — Wien, Freitag, 28. Jänner 1938. DIE STIMME Seit« 3 Mit Gewalt, Läge und Verdrehung: Die Romanisierung Rumäniens (Von unserem nach Rumänien entsendeten Sonderberichterstatter) Bukarest, 27. Jänner. Rumänien ist immer ein antisemitisches Land gewesen, aber sein Antisemitismus war früher rein religiös und politisch, während er jetzt 'die schroffsten wirtschaftlichen Formen angenommen hat. Am heftigsten tobt der wirtschaftliche Vernichtungskampf auf dem Gebiet der Advokatur. Dieser Beruf ist in Rumänien besonders einträglich. Der Advokat verdient nicht nur an Prozeßkosten und Honoraren ftlr juristische Beratung, Abschluß von Verträgen und sonstigen unmittelbar zu seiner Funktion als Rechtsvertreter gehörenden Dingen. Das Laad des Bakschisch In diesem Land spielen die Beziehungen, spielt die Protektion und die Beeinflussung eine überragende Rolle. In Rumänien sind die Beamten in der Verwaltung und in den öffentlichen Unternehmungen sehr schlecht bezahlt und so ziemlich alle, bis hinauf in die Spitzen, lassen sich ihre Tätigkeit vom Publikum persönlich bezahlen. Daa ist noch aus der türkischen Zeit übrig geblieben und es wird demgemäß auch heute noch mit dem türkischen Wort „Bakschisch“ bezeichnet. Es ist eigentlich nicht ganz richtig, wenn man da« mit ..Korruption“ erledigen will. Es ist ein System, es ist eine fagon de vivre. Der Beamte wird darum schlecht bezahlt, weil er Bakschisch bekommt — weil er sieb unmittelbar vom Publikum und nicht auf dem Umweg über die Staatskasse bezahlt zu machen hat. Der Bakschisch wird auch nicht etwa geheim gegeben und er wird oft auch direkt verlangt Er gebührt auch für vollkommen legale und gerade Dinge. Es ist nichts seltenes, daß jemand demjenigen, der ihn in eine bakschischreiche Steile hineinproteriert, seierseits als Bakschisch Jahre hindurch sein ganzes offizielles Gehaltüberläßt Er; verdient an Bakschisch ein Vielfaches davon.! Der Verkehr mit einem solchen, ganz( kaufmännisch eingestellten Beamtentum ist1 nun für den gewöhnl'chen Sterblichen, wenn es sich nicht um eine einfache polizeiliche Anmeldung oder die Bekanntgabe eines i Todesfalles oder einer Geburt beim Standes amt handelt, nicht ganz einfach. Die Erledi-: gung ernsterer Angelegenheiten ist eine' eigene Wissenschaft. Man wendet sich' mit ihnen am besten an einen Advokaten. So hat dieser Beruf in Rumänien eine ungeheure Bedeutung bekommen. Es werden Bakschisch-Summen umgesetzt, die sicher nicht kleiner sind als das Staatsbudget. Sie gehen zu wenigstens DERMflL! ONEN Fl L AA 8 VON 5EM NEW-VOÜX. LONfON, fAUS SfWHT; Warner Bros, bringen Oer dritte <M Der preisaekrönte film Mervyn le Boy'* Votivpark*lCin9 l*f. Kreuz-Ki*o I. Sie werden es nie bereuen DIANA- Franzbranntwein mit Menthol 70 Prozent durch die Advokaturskanzleien, in denen natürlich ein nicht unwesentlicher Teil des Umsatzes als Hono-! rar hängen bleibt. j 89 Prozent der „verjudeten“ Advo*: katur rumänisch | Es ist verständlich, daß für die unersätt-! liehe rumänische Intelligenz der Advokatenj beruf eine besondere Anziehungskraft hatte, j In Massen warf sie sich auf das Studium der Rechte und sie überschwemmte förmlich die Barreaus aller Komitate. Ohne zunächst; die Juden und sonstigen Minderheiten-Advo-j katen zu belästigen, vermehrten sich die rumänischen Advokaten in ungeheurem Maß. So stieg ihre Zahl in der Bukowina seit 1920 von 26 auf 845, m zehn Komitnton Siebenbürgens von 292 auf 893, in Beeaarabien von 20 auf 239. Für Alt-Rumänien gibt es keine vergleichende Statistik. Tatsache ist aber, daß jetzt auf diesem Gebiet 89.20 Prozent der Advokaten Rumänen und 10.80 Prozent Juden sind, sicher kein für die Rumänien ungünstiges Verhältnis, wenn man bedenkt, daß kaum 20 Prozent des rumänischen Volkes in deri Stadt leben und daß die öffentlichen Stellen zu 100 Prozent in der Hand der rumänischen Intelligenz sind. Jetzt wollen die Rumänen die gesamte Advokatur besetzen. Die Revision der Mitgliedschaft hatte in der Bukamster Kammer zunächst, den Ausschluß von 600 Advokaten zur Folge — die Revision gegen die übrigen 900 Juden ist noch im Gange und sie wird natürlich das gleiche Ergebnis haben wie bei den ersten 600. Unter nichtigen Vorwänden wird die Eintragung in die Kammer ungültig erklärt, so wegen nicht genauer Schreibung eines Namens, die man bei je- Ifo fremden Namen fentstellen kann, wenn man nur will: Wird dieser Name in der Liste der Kammer nämlich in seiner ursprünglichen Form, also sagen wir in deutscher Orthographie vorcrefunden, so beanstandet man, daß er nicht rumänisch geschrieben ist: ist er rumänisch geschrieben, so erklärt, man, das sei nicht der richtige Name, denn als deutscher Name habe er nach deutscher Orthographie geschrieben zu werden. Wie man‘s macht, ist‘s falsch. Die ausgeschlosse-, neu Advokaten haben Berufung eingelegt ] Bis zu ihrer Erledigung können sie ihren Beruf weiter ausüben. Die letzte Entschei-j düng hat das Gericht Die antisemitischen j Advokaten wollen sich auf diese Instanz' nicht verlassen und verlangen ein neue«j Gesetz, wonach die Entscheidung der ersten j Instanz bereits die Wirkung haben solle, daß, die aus der Kammer ausgeschlossenen1 Adcokat.en von der Ausübung des Berufs suspendiert werden. Als sie diesbezüglich vor einigen Tagen beim Justizminister vorsprachen, erklärte I ihnen dieser, er könne vor der Rückkehr |dee Außenministers Istrate M icossu au» Genf, der als früherer Vorsitzender der Advokaten- , ikammer Urheber der judenfeindlichen Be-; j Schlüsse war, nichts unternehmen. Darauf I griffen die antisemitischen Advokaten von Bukarest zur Gewalt RONAIP COIMAN MADELEINE CAWOLL? DOUGLAS FAItlANKS JÜNR. f ELITE i. OPERN iJ Die jüdischen Advokaten, die im Jnstizpalais zur Abhaltung von Gerichtsverhandlungen erschienen, wurden von dort vertrieben. Wer nicht aufs erste Wort das Gebäude verließ, wurde blutig geschlagen. Seit Tagen ist das Jnstizpalais Schauplatz von Pogromen. Das Beispiel, das die Bukarester Advokaeil gaben, fand in der Provinz Nachahmung, io ist die Tätigkeit des größten Teiles der jüdischen Advokaten Rumäniens bereits iahmeelegt Bei den meisten Behörden werlicht empfangen, so daß sic auch ^gerichtliche' Tätigkeit nicht ausüben können. Zweifellos wird eine spätere >ung den gegenwärtigen tatssächst-md sanktionieren. In Rumänien iald keine jüdischen Advokaten mehr geben. Weniger vehement als die Aktion der Rechtsanwälte ist die Bewegung unter den antisemitischen Ärzten. Tn der Medizin spielen nämlich die Juden hier keine besondere Rolle, weil man sie nie auf die Kliniken aufgenommen hat. Auch ist der Beruf für die Rumänen weniger interessant. Immerhin man durch die Überprüfung im Ausland onnener und in Rumänien nostrißziertor Diplome auch einige tausend jüdische Ärzte aus dem Weg schaffen. Die Vernichtung der jüdischen Wirtschaft Systematisch ist die Vernichtung der jti- [ disehen Wirtschaft im Gange. Die Aktion: erstieckt sich vom jüd'aehen Schankwirt j und Dorfhändler bis auf die jüdischen komj »eraieUen und industriellen Großunter-j nehmungen. Die Schankwirte waren seit Jahrzehnten das Objekt wütender Angriffe A. C. Cuzas. Sie vergifteten das Volk, so sagte er, und wollten es im Interesse der Macht Judas ausrotten. Es gebe 130.000 solche Volksverderber im Lande, so sagte er. Die wahren „Volksvergifter“ Ministerpräsident Goga hat bekanntlich. Id seiner ersten amtlichen Erklärungen die generelle Entziehung der an Juden vergebenen Konzessionen zum Verkauf von Alkohol verkündet. Er sagte damals sogar, die Durchführung dieser Maßnahme sei be reit* angeordnet. Man hat aber dann doch zuerst die Aufstellung einer Statistik der Schankgewerbe angeordnet. Dabei stellte sich heraus, daß es überhaupt nur rund 39.000 Betriebe mit Konzessionen zum Verkauf von alkoholischen Getränken im ganzen Land gibt, von denen 3200 in den Händen von Juden sind. Da- EISEN felchwaren { VERTU AJENSMARKE OEB KENNE Bl Wilna er Judenkultur Von Ernst Winkler Es war ein trüber Spätherbstmorgen, als ich in Wien den Warschauer Zug bestieg. Ein freundliches Ehepaar, sichtlich der polnischen Intelligenz angehörig, bat mich, die Tür des Abteils zu schließen, damit keine „schmutzigen Saujudwn“ zusteigen könnten. Voll stolzer Freude berichteten sie mir gleich von den jüngsten Heldentaten der „kochenden Volksseele“ in Bielitz und Biala. Nur vom Volke sei die Befreiung vom „elenden Judenpack“ zu erhoffen. Dieses Präludium - gab mir gleich einen Vorgeschmack der j kommenden Dinge. _ I Am frühen Morgen, es war ein Freitag, langte ich in Wilna, dem Jeruschalajim Belitwa, an; ein starker Reif hatte in der Morgendämmerung die herrlichen Wälder und Wiesen vor Wilna mit Zucker bestreut. Einen fremdartigen Anblick bietet der weite, mit den eharakteristischen Katzenköpfen gepflasterte Bahnhofsplatz, auf dem nebst ganz wenigen Autos eine endlos lange Reihe von Einspännern schwelgend auf Fahrgäste wartet. Die kleinen, sohmalen Wägelchen lenken mit langen, dunklen Mäntel bekleidete Kutscher, die als Kopfbedeckung hohe Schildkaopen tragen. Viele Kutscher sind Juden, die aber schwer als solche kenntlich sind. Um di« Christen vor der Gefahr zu schützen, mit einem jüdischen Fuhrwerk zu fahren, planen die Behörden die Anbringung eines deutlichen Kennzeichen», ähnlich den gelben Juden bänken in Berliner Parkanlagen. - Die Stadt Wilna hat beute etwa 200.000 Einwohner, davon etwa 60.000 Juden, die über eine uralte Überlieferung verfügen. Von Wßna aus ging im 17 Jahrhundert unter Führung des Wilnaer Gaon die große Gegenbewegung gegen den Chassidismus aus. Es ist interessant, daß die litauischen Juden — und Wilna ist da« Zentrum des litauischen Judentums —, weder den Kaftan kennen noch Schläfem-locken tragen. In neuerer Zeit gebührt den Wilnaer Juden das Verdienst, als erste die kolossale Bedeutung Theodor Herzls voll erkannt zu haben. Unvergessen ist sein Empfang am Wilnaer Bahnhof anläßlich seiner Rückreise von Petersburg. [ Im Schulhof Den Krietallisationspunkt durch Jahrhunderte bildete für das Wilnaer Judentum der in der engen Judengasse gelegene sogenannte „Schulhof“. In diesem befinden sich nicht weniger als 35 mehr oder weniger große „Schuls“ und „Klois“ (Klause), in denen gelernt und gebetet wird und wurde. Neben der weltberühmten „Großen Schul“ ist die „Gaons-Klois“ die berühmteste. Die „Große Schul“ ist ein nahezu auadratischer Bau mit einer im Stock befindlichen, verglasten, aber nicht vergitterten Weiberschul. Die Deskenkonstruktion wird außer durch die Seitenwände von vier Säulen getragen, zwischen, deinen sich die reichverzierte „Bimeh“ befindet, an der die Thora ..cre.leint“ wird. Der reichverzierte Oreo Bakodesch an der Ostwand ist ein prächtiges Barockkunstwerk. Daneben zur Linken ist ein leerer Raum, an de-sen Rückwand ein länglieber, unbehauener Stein steht, der eine merkwürdige Geschichte hat Der Raum war ehemals der Betplatz dos jeweiligen Wilnaer Rofs. Als nun im 17. Jahrhundert der Wilnaer Rof mit dem ..Beth Din“ in Streit geriet, da man des Nachte in seiner Wohnung kein Licht sah, weswegen man ihn beschuldigte, in der Nacht nicht zu lernen, wurde der Rof, der natürlich auch eine große Anhängerschaft hatte, vom Beth Din mit dem großen Oberem belegt. Um Streitigkeiten zu begegnen, ließ man seit dieser Zeit überhaupt keinen Rof mehr zu, und der Platz in der Schul blieb für ewige Zeiten leer. Bemerkenswert an der 400 Jahre alten Synagoge Ist noch das kunstvoll ornamentierte, reichverzierte Eisentor, eine Spende der jüdischen Schnciderainft. Die alten, wertvollen Tempelgeräte wurden im Weltkrieg, als die Besetzung Wilnas durch die Deutsch« drohte, von den Gabbofen nach Petersburg gebracht, von wo die künstlerisch und historisch hochinteressanten Schätze wohl niemals mehr nach Wilna zurückkehren werden. Die Straszun-Bibliothek Erwähnt werden muß auch die gleichfalls im Schulhof untergebrachte, weltberühmte Bibliothek von Stra&zun, die heute Eigentum der Gemeinde ist. Das schöne, im Renaissancestil erbaute, leider wie so vieles dort wegen zu großer Armut äußerlich sehr vernachlässigte Gebäude, beherbergt etwa 40.000, überwiegend hebräisch geschriebene Werke, darunter viele Unica, doch auch so ziemlich alles, was von und über Juden im allen möglichen Sonachen der Welt geschrieben wunde. Die mustergültig geführte und exakt katalogisierte Bibliothek ist jedermann frei zugänglich und wird auch von der Jugend stark frequentiert, da sie iiuoh eine reiche Sammlung der in jiddDcher | Soraehe geschriebenen Belletristik enthält. Man sieht alte jüdische Gelehrte, in wissenj Bchaftliobe Arbeiten vertieft, etwa neben 'einem Lehrmädchen sitzen, das einem modernen jiddischen Roman liest. Da die Stra.szunibibliothek ein GegenseitigkeiteaLk omnien 'mit der Wilnaer Universitätsbibliothek wegen des Austausche» von Büchern abgeschlossen hat, sind die jüdischen Studenten Wilna« wenigstens in der Lage, in der Straszunbibliothek wissenschaftliche Werke zu studiere® ohne Gefahr zu laufen in den Leseülen der Universität beim Studium angepöhelt zu werden. Außer der Straszunbfbliothek verfügt WTlna noch über ein zweites bochbedduten- Jfs Institut die ...liwo“, die ebenfalls eine sehr reiche Bibliothek besitzt. Dieses jüdische wissenschaftliche Institut ist eine der hervorragendsten Kultureinrichtungen, über die das Judentum verfügt. In einem neuen, zweckdienlich eingerichteten Gebäude Ist neben der vorerwähnten Bibliothek ein Zeitungsarobiv eingerichtet, das eine übersieht über jedes beliebige aktuelle oder historische Thema bietet. Das Zeitungsarchiv wird von nahezu allen jüdischen Zeitungen der Welt beliefert, die ständig nach allen erdenklichen Wissensgebieten durchforscht und registriert werden. Es ermöglicht dies jedem Interessenten, sieb über jedes beliebig« Thema auf dem laufenden zu halten. Natürlich steht die „Jiwo“ mit allen jüdischen Weltaentren in reger Verbindung, vor allem mit d«r hebräischen Universität in Jerusalem. Herzls erstes Tagebuch Als kostbarste Reliquie hütet die „Jiwo“ in ihrem Archiv das erste Tagebuch Herzls; der Kuriosität halber möchte ich erwähnen, daß sich in diesem Tagebuch eine Mitgliedskarte Herzls für den „Wiener Eislaufverein“ befindet. Eine besondere Abteilung der „Jiwo“ befaßt sich mit der sprachwissenschaftlichen E-gründun?, Bearbeitung und Weiterbildung der jiddischen Sprache, die heute als Instrument höherer wissenschaftlicher Tätigkeit sorgsamster Überwachung heda'* Da« S-hu'w^en in Wilna wird dund .»v Tätigkeit de- ...Pwo“ stark beeinflußt. Der Unterricht in den Eie-