Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 724 (26.1.1938)
- Date
- 1938-01-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mlttwocft-AuiSQa'be 9k Dieses Blatt Ist *1» 4 Uhr nachmittags bei den Kolporteuren erhältlich V. b. b. 159 ‘Stimme JÜDISCHE ZEITUNG 1 Nr. 7*4 Wien, Mittwoch, a*. JUant > 1938 o *4. Sehwat 5*98 11. Jahrgang T4kM*rp«nnonati Sprach* und HauahaltwigMchiila YVONAND Schüller - Gulllet am Neuenburger See (Schwei*) Französisch, sechs- und zwölfmonatige Haus- 1 -- und Kochkuree mit abschließen- ,is. — Verlangen Sie Prospekte Die Krise der rumänischen Juden Katholiken und Protestanten für die Juden Rumäniens * Der Schrei der Bodenständigen „Das Wiener Gewerbe“, das offizielle Organ der Stadtgruppe Wien des österreichischen Gewerbebundei?, ist außer sieh. Es hat aus der „Reiohspost“ die Meldung. übernommen und umf risiert, daß in Wim in den letzten Tagen zahlreiche rumänische Juden in der typischen Kleidung der Balkan-Ghettos gesichtet worden sind. Worin, das Typische bestehen soll, wird nicht verraten, dafür aber eine phanta- Btisohe Darstellung deT Art gegeben, wie diese' Leute nach Österreich gelangt sein sollen. Die ganze Geschichte ist aus der Luft gegriffen, die eich das nun einmal gefallen lassen muß. Natürlich wird wieder gedroht, daß das bodenständige Volk — siehe „Sturm über Österreich“ — nicht verschränkten Armen zusehen wird. Genf, 25. Jänner. (JTA.) Das Pariser Komitee zur Verteidigung der Rechte der Juden in Mittel- und Osteuropa hat an den Völkerbund ebenfalls eine Petition gerichtet. Das Dokument, welches 100 Seiten stark ist und von führenden nichtjüdischen französischen Staatsmännern, sowie von Führern der katholischen und protestantischen Kirchen unterzeichnet ist, verlangt, daß der Völkerbundrat, falls Rumänien Einwendungen macht, die ganze Angelegenheit dem Haager internationalen Gerichtshof abtrete, welcher sodann gegen Rumänien das Verfahren eröffnen wird. Bis zur Entscheidung durch den internationalen Gerichtshof aber soll, so wird verlangt, der Völkerbund sofortige Maßnahmen ergreifen, um die rumänische Regierung daran zu hindern, ihr antisemitisches Programm durchzuführen, beziehungsweise sie zu veranlassen, den bereits in die Tat umgesetzten Programmteil zurückzunehmen. Nach einer Analyse der gegenwärtigen jüdischen Situation in Rumänien, vom historischen, innerpolitischen und internationalen Gesichtspunkte, wird am Schluß der Petition betont, daß die Juden solange in Rumänien leben wie die Rumänen selbst und daß sie während des Krieges komplette Einheiten innerhalb der rumänischen Armee gebildet haben. Die in Genf anwesende Delegation dieses Komitees wird von dem früheren französischen Justizminister Justin Godart geführt. Eine Minderheitenkonferenz Das Komitee, welches, wie erwähnt, eine nichtjüdische Organisation darstellt, hat ferner an eine Reihe jüdischer und nichtjüdischer Organisationen in Europa und Amerika, darunter auch an das American Jewisb Committee und an den American Jewish Congress, den dringenden Appell gerichtet, alle etwa bestehenden Meinungsverschiedenheiten beiseite zu stellen und Im Hinblick auf den Ernst der Situation sich zu imeinsamen Kampf für die bedrohte jüdische Minder- Ko-Juden Rumäniens,-die -zwar 4n-Borge- -h^i t ttnÄ.f *r,_d4e.a a4evea-«*t,i 0i»F« f #n Min d-er heit e n, die jetzt in Rumä- - — ’ * » •-» i «—■*- oinirtfi« anifAMM* i 8*vri»*»rt nefwirnnac tu»*iraht sind, zusammenzuschließen. ■und Unruhe, aber durchaus nicht in Panik dem Ablauf deT Dinge folgen, haben bisher keine Geneigtheit zur Auswanderung erkennen lassen. Sie lassen ihre Berufe und ihre Familien nicht im Stich und es gibt keine Flucht. Die Juden Rumäniens wiesen die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Nachbarländer richtig einzuschätzen. Ein Teil von ihnen, die Juden der Bukowina und Siebenbürgens, haben im Krieg, als man die Familien evakuierte und nach Westen jagte — indes die Männer für Österreich bluteten und starben — bittere Erfahrungen genug gesammelt. Ihr Opfermut, den kein geringerer wie der General Fischer gerühmt hat, wurde bedankt.... und sie wundern sich nicht über den brüllenden Chor im „Wiener Gewerbe“, in den „Wiener Neuesten Nachrichten“ und der sonstigen Arizona-Kicker. Wir sind aber überzeugt, ■daß die österreichischen Behörden die Angelegenheit mit Menschlichkeit betrachten werden, falls wirklich die Cuza und Codreanu über die Staatsräson siegen würden, um der .Abrechnung mit den hungernden Bauern zu entgehen. „Das Wiener Gewerbe“ ärgert sich auch über den „Catholic Herald“, der die Parole „Christen, kauft bei Christen“ als unchristlicft bezeichnet hat. Das Kresse-Organ muß sich verteidigen und erklärt darum, daß es sich nicht um Rassenhaß handelt. Aber es wird das, was das Londoner Blatt als nn christlich verwirft, weiter tun. Darum ver langt „Das Wiener Gewerbe“ die Überprüfung der Heimatsoheine und erzählt sogar, daß sich gewisse jüdisch-marxistische Oberhönzem dazu verstanden haben, auch Dokumente zu fälschen, wenn sie irgend einen Glaubensgenossen di» Zuständigkeit verschaffen wollten. Wer eine solche Behauptung aufstellt, müßte sie eigentlich, so verlangt das die Anständigkeit, auch gleichzeitig belegen ... Auch müßte die Staatsanwaltschaft von sieh aus entschreiten. Aber dafür genügt doch das Gesetz und eine Revision der Heimatscheine würde nichts beweisen. „Das Wiener Gewerbe“ allerdings will ja a/uch nichts beweisen, es hat lediglich die Aufgabe, zu hetzen. nien und in einigen anderen Ländern Osteuropas i Das Komitee wird für das kommende Frühjahr nach Paris eine Konferenz alle jüdischen und nichtjüdischen Organisationen, welche für Minheitenrechte kämpfen, zur Ausarbeitung eines gemeinsamen Programms und zur Koordinierung der Tätigkeiten für die Minderheiten einberufen. Verschiebung der Petitionsbehandhmg in Genf? Der Vollzugsausschuß! Der Eingabe is beigefügt, in dem Genf, 24. Jänner. des jüdischen Weltkongresses bat heute die Eingabe veröffentlicht, die er vor zehn Tagen gegen die rumänische Regierung beim Völkerbund eingereicht hatte. Dem Antrag auf ein Dringlichkeitsverfahren wurde von Seiten des Völkerbundes nicht Fol’ge geleistet. Somit wird die Eingabe zunächst vom Völkerbundsekretariat an die rumänische Regierung zwecks Stellungnahme auf normalem Wege weitergeleitet werden. Eine Behandlung der Eingabe im Laufe der bevorstehenden Ratstagung erscheint daher unwahrschein- Die Vertragsverletzung Rumäniens Der Vollzugsausschuß stützt seine Eingabe, Le schon berichtet, auf verschiedene Artikel des zwischen Rumänien und den alliier- und assoziierten Mächten im Jahre 1919 abgeschlossenen Minderheiten ver-, träges. Er bezieht sich in erster Linie auf den Artikel 7, in dem sich Rumänien verpflichtet, die auf rumänischem Gebiet wohnenden Juden ohne Formalität als vollberechtigte rumänische Staatsbürger anzuerkennen. Demgegenüber betrachtet die Eingabe die von der Regierung Goga verkündete politische Doktrin, daß in Rumänien die Vorherrschaft der rumänischen Rasse gesichert und die Juden als Einwanderer oder Fremde behandelt werden sollen, als verfassungswidrig, desgleichen auch verschiedene wirtschaftliche und kulturelle Maßnahmen, die die Regierung Goga gegen die jüdische Bevölkerung an gekündigt oder bereits eingeleitet habe. Zahl der jüdischen Bevölkerung in den verschiedenen Teilen Rumäniens angegeben wird, ln einem Anhang sind weiter die sich auf die Juden beziehenden Erklärungen des rumänischen Königs, des Ministerpräsidenten Goga und des Außenministers M i c e s c u wiedergegeben, sowie eine Reihe von einschlägigen Artikeln, die in der rumänischen, französischen und englischen Presse erschienen sind. Eine Äußerung Roosevelts Mitglieder des Exekutivkomitees unterrichteten heute die Völkerbundpresse über die bedrängte Lage der rumänischen Juden und teilten mit, daß Präsident Roosevelt gegenüber dem Vorsitzenden des jüdischen Weltkongresses Stephen W i s e bei einer Audienz in Washington in diesen Tagen die Nichtbeachtung der Minoritätenverträge durch Rumänien scharf verurteilt hat. Juden aus dem diplomatischen Dienst entlassen Bukarest, 24. Jänner. (JTA.) ..Tzara No astra“, das Organ der Regierung, teilt mit daß die im diplomatischen und Konsulardienst beschäftigten Juden in kurzem lassen werden würden. Gegenwärtig gibt es b 1 o ß d r e i J u c die als rumänische Handelsattaches sind: Helphant in Portugal, Port Rom und B e r c o v i e i für Syrien Palästina. » Polens Judenpolitlk Im Budgetausschuß des Sejm hat am Dienstag der polnische Ministerpräsident über die Minoritäten- und die Judenfrage Erklärungen abgegeben. Er lehnt die Methode der physischen Gewaltanwendung ab, fordert aber von den Minderheiten, daß sie ihre Loyalität gegenüber dem Staat aktiv beweisen. Was darunter zu verstehen ist, ist nicht klar. Es ist doch selbstverständlich, daß die Angehörigen der Minderheiten Steuern zahlen und beim Militär dienen so wie alle Bürger über-, haupt. Daß sie in der Wahrnehmung ihrer nationalen und kulturellen Interessen nicht gegen die Lebensrechte des Staates verstoßen, dafür sorgt das Gesetz, das in solchen Staaten wie Polen die Stellung der Staatsnation mit mißtrauischer Wachsamkeit wahmimmt. übrigens bat sich Polen im Vorjahr vom Minderheitenschutsz- -ertrag losgesagt, der Völkerbund hat’s mit, leisem Protest hingenommen, und Herr Beck hat am letzten Sonntag in Cannes dem rumänischen Außenminister Mieescu den Rat gegeben, einfach das polnische Rezept zu befolgen. Ob der Völkerbund auch diesmal schweigend EUstimmen wird, muß sich noch zeigen. Ministerpräsident Sklarkowski ist dann auf die jüdische Frage eingegangen, und hat da die von Berlin aus verbreitete Methode der Doppelgeleisigkeit angeendet. Wenn man's so braucht, sind die Juden eine Minderheit, wenn man’s anders braucht, sind sie nicht vorhanden. Der Ministerpräsident akzeptiert nicht den Rassenkampf: der Kampf gegen die Juden. sagt er, ist ein Kampf um Brot, der dureli die Überbevölkerung entstanden ist. Das wäre also die Doktrin, daß die Juden den Christen das Brot; wegnehmen. Aber nein, das ist es auch nicht, denn, sagt Herr Sklarkowski, es gibt in Polen wirtschaftliche und soziale Vorgänge, die sich auch abspielen würden, wenn es keine Juden gäbe. Da würde demnach die Existenz oder die Ausweisung der Juden nichts ändern. Zudem gibt der Ministerpräsident zu, daß die Juden selbst seit .Jahrzehnten die Notwendigkeit betonen, das Lebensniveau ihrer Massen zu heben. Sie sind verarmt, sie kommen für die innere» agrarischen Probleme nicht in Betracht *—- waF also ist der San «nä Zweck dieser von der Regierung mit Handschuhen behandelten Agitation, die dme ganze Anzahl voii Judenmorden, 'on blutigen Aktionen und Verfolgungen und schließlich noch die Ghettobänke an den Hoch- und Mittelschulen, sowie das Verbot des ritueUen Schlachtern auf ihr Konto buchen kann? Es leben in Polen an drei Millionen Juden. Sie sind zahlenmäßig so Stark, daß man sie nicht als eine Metökenmasse behandeln darf. Sie sind eine Minderheit, die sich nach innen kraft ihres eigenen Willens entwickeln will und nach außen dem Staat nichts verweigert, was des Staates ist. Eine Nation von drei Millionen Angehörigen, die zur Republik Polen in einem durchaus positiven Verhältnis steht, dabei aber unter einem ungeheuerlichen Druck des fast allgemeinen Hasses steht, verlangt auch eine positive Einstellung des Staates zu ihren Lebensinteressen, und dies um so mehr, als ja, wde der Ministerpräsident selbst hervorhebt, die sozialen und wirtschaftlichen Probleme mit dieser Minderheit nichts zu tun haben und durch ihre Behandlung nicht; gelöst würden. Auch die historische Betrachtung, als hätte Polen die Juden aus Menschlichkeit aufgenommen, ist falsch. Die Juden sind im 12. bis 14. Jahrhundert ins Land gekommen und dies auf Einladung der polnischen Könige, die die fleißigen und tüchtigen Leute vom Rhein zur Belebung von Handel und Wandel herbeiholten. Aber die Geltung der Jahresringe ist ln der Politik überhaupt, nicht zu brauchen. Die Juden sind da, sie müssen als Teil der Bevölkerung behandelt, und berücksichtigt werden. Ein System, das drei Millionen Menschen ins Unglück stoßen will und ihnen tätlich mit Drohungen zusetzt. setzt sich seihst herab. Der Ministerpräsident, hat sieh schließlich auch gegen die ..unerwünschte'1 Ein- Uortnia Hotlian Bfslrltzby Mittwoch, den 26. d., 8 Uhr abends, spricht HatHan Bistritzky im Großen Musikvereinssaal über: „Der neue Akt der jüdischen Tragödie”.