Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 722 (21.1.1938)
- Date
- 1938-01-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Freitag-Ausgabe Dlescs Blatt Ist *1» 4 Uhr nachmittags M Asb Kolporteuren erhältlich V. b. b. 15g ^Stimme JÜDISCHE ZEITUNG Freitag, ai. JSnner 1938 19. Sehwat f*9S 11. Jahrgang Das rumänische Spiel Das ist Hakenkreuz-Gesinnung in ihrer praktischesten Form: Der rumänische Außenminister; gibt beruhigende Erklärungen, der Ministerpräsident versichert immer wieder die Legalität. Inzwischen erscheinen; raisenmäßig nuancierte Verfügungen — nicht in der offiziellen Presse, sondern in den antisemitischen Organen, nicht von Ministem, sondern von Staatssekretären unterfertigt Inzwischen geschehen bereits in die Hunderte von Ausweisungen, und der innere Zustand des Landes, in dem der Handel, die Bautätigkeit und der Grundverkehr ins Stocken geraten sind, zeigt deutlich, welche Ansichten das rumänische Volk von der Legalität der sich in aller Stille vollziehenden Akte: der neuen . Regierung hat Die Creme der antijüdischen Journalistik der ganzen Welt hat sich in Bukarest;versammelt und gibt in langen Berichten. Kunde . von dem Wiedererwachen . der rumänischen Nation, die ihr politisches Und wirtschaftliches Leben reinigen will —: und inzwischen redet der Außenminister in Genf davon, daß die Juden . die Geschehnisse aufbauschen. Alle Meldungen, die soviel Aufsehen hervorhifhn, . stammen aber nicht von jüdischer, sondern von antijftdüscher Smtwischen, während die Abt chungsbeteuenmgen noch erst gedruckt weiften, haben bereits die Ausweisungen bdgpnrierii Nun ist das Parlament aufgelöst worden und die Neuwahlen werden am 2. März stattfinden. Regierungen, die an der Macht sind, verstehen es immer, den Wahlapparat so spielen zu lassen, wie sie das brauchen. Das Kabinett Goga, das bisher -außer dem Antisemitismus der Tät kaum etwas geleistet hat, wird die fünf Wochen gut zu benützen wissen. Vielleicht wird es auch die Bezirks- und Gemeihdefunktionäre neu wählen lassen, tun sich dann, getreu dem Berliner Muster, als legitimierter Träger des einheitlichen Willens der Nation vorstellen zu können. Das Programm ist klar: Ausschaltung aller Juden. Bisher , ist schon einiges geschehen, was mit der Berufung auf die halbe Million ungesetzlich Eingebürgerter nicht in Einklang steht. Das Verbot der Beschäftigung christlicher Hausangestellten bei jüdischen' Dienstgebem trifft alle — freilich auch arbeitende nichtjüdische Menschen. Die Entfernung der jüdischen. Krankenkassenärzte, die Maßregelung jüdischer Journalisten, das Auftrittsverbot für jüdische Schauspieler und Künstler wird nicht weiter begründet. Die Streichung der Subventionen für die jüdischen Kultusgemeinden sind auch nicht aus der illegalen Zuwanderung zu begründen. Auf den Dörfern warten die Bauern auf die Aufteilung des jüdischen Besitzes, die ihnen versprochen worden ist. Die Judenfrage und wahrscheinlich die Frage der Minderheiten überhaupt wird die Wahlparole der Regierung und der hinter ihr stehenden Codreanu-Garde sein, deren junge Leute zwar nichts gelernt haben, aber postenhungrig sind. Und diese ganze Situation wird übertüncht mit der „illegalen Einwanderung“, die Herr Micescu auch vor dem Völkerbund beklagen will. Er tritt in Genf als der Wortführer der Kleinen Entente auf und nimmt wahrscheinlich an, daß er die Autorität dieser Ein Zentralrat der Juden Rumäniens Von unserem nach Rumänien entsandten Berichterstatter Bukarest, 16. Jänner. I Heute, Sonntag, wurde in einer gemeinsamen Beratung der Vertreter aller jüdi-| sehen Richtungen Rumäniens der neue: Zentral rat der Juden Rumäniens geschaffen. Er besteht aus einem Präsidium, dem der Oberrabbiner Nieme-1 rower und die Präsidenten der Jüdischen Reichspartei sowie der Union rumänischer Juden (Assimilanten) angehören, ferner einem Exekutivkomitee, das sich aus je vier Mitgliedern der beiden genannten Parteien und weiteren vier Personen aus anderen jüdischen Kreisen . oder Korporationen sammensetzt, während das Plenum des Ge-' sie sich möglichst klein machten. Die Regierung werde alles tun, was sie zu tun imstande sei. Wieviel Widerstand man leisten könne, wisse man jetzt auf jüdischer Seite natürlich noch nicht, soviel sei aber sicher, daß man mit leidensvollem Dulden keineswegs etwa günstige Gefühle wecken werde. Der Generalrat wird seine Tätigkeit so wohl auf die politische Vertretung der jüdi sehen Interessen wie auf die Maßnahmen er strecken, die im Interesse der Juden zu treffen sein werden, die durch die antisemitische i Gesetzgebung um ihre Existenz gebracht j werden. Übrigens bleiben beide Parteien weiter bestehen, es kann aber keine ohne KOHLE KOKS ANTHRAZIT „Threc Star«“ .BUCHENHOLZ BASCH IV., Arge nt in i er Straße Ä3 U 47-5-40 ZWEIMAL TÄGLICH EILZUSTELLUNG IN ALLE BEZIRKE s audereh KröSeeh b&töfeii wild. Das Exekutivkomitee hat bereits heute seine erste Sitzung gehalten.. Es wurde zunächst beschlossen, in Memoranden gegen die bisherigen Maßnahmen der Regierung, nämlich gegen die Anordnung der Überprüfung der Berufsbereohtigung der jüdischen Advokaten, gegen die Konfiszierung der jüdischen Staatebürgerrechte und das Dienstbotengesetz energisch Protest einzulegen. Der Beschlußfassung über die Schaffung des Generalrats war eine lebhafte Debatte vorausgegangen. Die Union hatte sich gegen jede jüdische Aktivität ausgesprochen, indem sie die Meinung vertrat, es werde erstens nicht alles so schlimm werden, wie es augenblicklich aussehe, und es werde zweitens alles umso schneller vorübergehen, je weniger die Juden Anlaß zu neuer Aktivität des Antisemitismus geben. Die Vertreter der Reichspartei dagegen, die wohl! nicht nach ihrer Konstitution, aber faktisch zionistisch ist und von Zionisten geführt wird, traten entschieden für die sofortige Aufnahme des aktiven Kampfes mit allen gesetzlichen Mitteln eia. Sie wiesen darauf hin, daß der Antisemitismus nie eine Reaktion auf jüdisches Verhalten gewesen ist, und daß es darum falsch sei, anzunehmen, der Antisemitismus werde die Juden gleichsam vergessen, wenn . _ -drei- -MemeTawLirawerten schöh morgen den zuständigen Stellen übergeben werden. Das Dienstbotengesetz Das Gesetz, das den Juden das Halten von christlichen Dienstboten, von noch nicht vierzig Jahren verbietet, ist Samstag überraschend im Amtsblatt der Rcgi sURGimpfcft’fll. erschienen. Nachdem Georg C u z a es angekündigt hatte, wurde auf Grund von Protesten anderer Minister zunächst mit der Veröffentlichung gezögert, so daß man schon glaubte, das Gesetz werde nicht erlassen werden. Bald aber gingen verschiedene Präfekturen eigenmächtig in ihrem Gebiet an > Verwirklichung. Es war bereits in YVONAND Schüller - Gulllel am Neuenburger See (Schweiz) Französisch, sechs- und zwölfmonatige Haus- Transsylvanien und in Bessarabien in Kraft, als Arbeitsminister Cuza es im Amtsblatt publizieren ließ. Die offizielle Begründung des Gesetzes wiederholt die von Cuza ausgesprochene Beschuldigung, die Juden seien notorische Mädchenhänd- 1 e r, darum dürfe man ihnen keine jungen Mädchen anvertrauen. Cuza scheint sich zum wirklichen Herrn der Regierung entwickeln zu wollen. Er handelt in seinem Bereich vollkommen selbstherrlich. Er weigert sich, seine Verordnungen auch nur vor den Ministerrat zu bringen. Das Dienstbotengesetz trifft namentlich die ungarische Bevölkerung von Transsylvanien schwer. Die dortigen Neigung zu Krampfadern Q E£;irSAce'"‘wlrk— f,Vma iontioaen-lllTltBlBBch ’ Filderraann: Gogas Ziffern sind falsch „Parte-Soir“, der vor einigen Tagen die: Erklärung des rumänischen Ministerpräsidenten Goga veröffentlichte, nach welcher eine halbe Million zu Unrecht eingewandertex Juden das Land verlassen müssen, hat den gleichen Bukarester Sonderkorrespondenten zu dem ebema'igen Abgeordneten und Präsidenten der Israelitischen Union, Dr. F i 1 d e r m a n, der übrigens ein persönlicher Freund und Studiengenoese seine» schärfsten Gegners ist, des gegenwärtigen Außenminister Micescu, enteendet. Doktor Filderman sagte: Der Ministerpräsident stützt sich auf Ziffern, aber diese Ziffern sind falsch. Man braucht sie nur mit der offiziellen rumänischen Statistik zu vergleichen. Vor allem muß sich Goga mit seinen Freunden darüber einig werden, wie groß sie die Zahl der Juden in Rumänien einschätzen. Sie schwanken zwischen 3 Millionen, 2 Millionen, 1 A Millionen. Mission auch auf die Begründung der Judengesetze übertragen kann. Aber man muß ihm die Theorie und die Praxis entgegenhalten. Kann die Kleine Entente, und insbesondere die Tschechoslowakei, damit einverstanden sein, daß ihr Bundesgenosse sich in den Dienst des: Berliner Geistes begibt? Kann sie zustimmen, idaß im Südosten Europas » sich ein neuer | Feind Ungarns entwickelt, der ihr neue Konfliktsmöglichkeiten bringt? | Es ist sicher, daß der Vorstoß Rumä- Iniens, das ja nicht von Goga, sondern von Cuza regiert wird, mit den Attacken auf den Völkerbund zusammenhängt, die Genf seit Jahren duldet und die immer intensiver werden, je länger sie Genf duldet. Das Ziel der neuesten Vorgänge ist, auch den Minderheitenschutz aus der internationalen Sphäre zu entfernen und ihn zum Schacherobjekt der Rassenstaaten zu machen. Der Völkerbund, der, ob er dies will oder nicht, die Sache der angegriffenen Demokratie führen muß, hat jetzt noch eine Gelegenheit, seine Geltung zu wahren. des staatlich«: statistischen Instituts und dieses gibt die Zahl der Juden mit 763.000 an, Was soll man also nun glauben. Diese Statistik ist ja von 60.000 amtlichen Zählern, lauter rumänischen Beamten, angenommen worden. Wenn der Ministerpräsident die Zahl der nach dem Kriege eingewanderten Juden mit 500.000 angibt, die eich hauptsächlich in Siebenbürgen, derBukowinaund in Bessarabien befinden sollen, so genügt auch hier ein Blick in die Statistik zu einer sehr gründlichen Richtigstellung. In allen diesen drei „neuen Provinzen“ kt nämlich die Zahl der gesamten Einwohnerschaft seit dem Kriege überhaupt nur ganz unwesentlich gestiegen. Ich selbst schätze die Zahl der Neuhinzugekonunenen auf Zehntausend. Das ergibt genau der Vergleich der Vorkriegsstatistik mit der Nachkriegsstatistik. Der geringe Zuwachs verteilt sich auf Ungarn, Deutsche, Russen, Türken, Bulgaren und Juden, und selbst wenn man annchmen sollte, daß sich hinter den anderen Nationalitäten gleichfalls Angehörige der jüdischen Religion befinden, so sind sie alle zusammen weit entfernt von den Phantasieziffern, die genannt wurden. Die überwiegende Mehrzahl der rund Dreiviertel Millionen rumänischer Juden sind also erbeingesessen und fallen unter die Bestimmungen des Minoritätenvertrages vom Jahre 1919. Mittwoch, den 26. d., 8 Uhr abends, spricht Nathan Bistritzky im Großen Musikvereinssaa! über: „Der neue Akt der Jüdischen Tragödie". Karten ztun Preise von 2 Schilling bis SO Groschen sind erhältlich im: Ken Strafie B, Kartenbureau Oskar Gronner, I., Graben 28, Kartenbureau Richard Lanj (Löwit-Veriag), L, Wotlzeüe 6. Jüdische Kulturstelle, I., Franz-Josefs-Kai 3, Büc