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Die Stimme · 1938-01-12 · Heft 718 (12.1.1938) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
11 (1937-1938)
Issue
Heft 718 (12.1.1938)
Date
1938-01-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Mtliiwot^-jJusgabe *Dic j I*t afc % ühr nachmittag* Kolportenren erhältlich oTiftfc; JÜDISCHE ZEITUNG tVica* Mittwoch, I*. JInner 193s lO. Schwat $698 ii. j^i>eang Oie englische Schaukel Das Weißbuch Ormsby Gores ist ein* Musterbeispiel englischer Diplomatie, die es stets vermeidet, sich auf starre Formeln festzulegen. Ormsby Gore bringt aber noch das Kunststück zuwege, auch ■dort die Sicht zu vernebeln, wo bisher wenigstens einigermaßen klare Sicht zu herrschen schien, so zum Beispiel in der Teilungsfrage. Niemand vermag im Augenblick zu sagen, wie die endgültige Entscheidung Englands über Palästina ausfallen wird. Es ist wohl keine Übertreibung, wenn man annimmt, daß England heute selbst noch nicht weiß, was es über’ die zukünftige Gestaltung Palästinas beschließen wird. Sicher ist nur, daß England die Juden und die Araber sozusagen als Reisegepäck mitgenominen hat, ohne daß sie im Augenblick in der Lage wären, die englische Schaukel abzustoppen. Ein wesentlicher Unterschied besteht aber zwischen der jüdischen und der arabischen Situation. Die Araber haben trotz der auch bei ihnen herrschenden divergierenden Ansichten in Ansehung! der Juden Disziplin gehalten. Ihr starres Nein hat sich nicht geändert. Der Bericht der Königlichen Kommisäübft hat Sie nicht schwankend gemacht und auch Ormsby Gores Weißbuch wird sie nicht erschüttern. Ihr Nein bleibt | ebenso unverrückt bestehen, wie ihr Terror. Anders bei den Juden. Der Bericht der Königlichen Kommission hat sie durcheinander und gegeneinander gewirbelt. Heribert Samuel, Neville Laski, der inzwischen verstorbene Felix Warburg und andere Antizionisten liefen gegen das einzige Aktivum des Peel-Berichtes — den Judenstaat — Sturm. Magnes und andere Brith-Schalomästen und verschiedene „Achad Haamisten“ lizitierten die zionistischen Forderungen in aller Öffentlichkeit herunter. Die „Nein-Sager“ sagten unbeugsam Nein und die „Ja- Sager“ erklärten in Zürich öffentlich, sie seien bereit, es billiger zu geben. Manche unter ihnen versuchten sogar noch zu beweisen, daß diese Verziehtspolitik der politischen Weisheit feinster und geistreichster Schluß sei. Das Weißbuch Ormsby Gores hat sich nun zwischen Arabern, Antizionisten, Britb-Schalomisten, Achad-Haamisten, Ja- Sagem und Nein-Sagem hindurchgeschlängelt. England hat sie alle in seine Schaukel mitgenommen. Ein halbes Jahr ist seit der Veröffentlichung des Peel- Berichtes verstrichen. Erst seit kurzer Zeit macht England Anstrengungen, um dem Terror ein Ende zu bereiten. Gleichzeitig aber läßt es die Drosselung der Einwanderung andauem. Trotz Edens Erklärung in Genf bleibt diese dem Prinzip der wirtschaftlichen Aufnahmsfähigkeit hohnsprechende Maßregel bestehen. Aber noch mehr. Ormsby Gore findet sich auch nicht veranlaßt, sich bezüglich der zukünftigen Gestaltung Palästinas irgendwie festzulegen. England sagt uns sein tradionelles: „We will see“, man Der Volkerbund und Rumänien: Pie Staatsbürgerschaft der Juden ~n diesem beklagenswerten Zustand. Gerade deswegen, weil wir nicht wie die Araber wertvolle ausländische Unterstützung hatten, wäre in Zürich eine einheitliche Stellungnahme des Kongresses .unbedingt notwendig gewesen. Dorj hat Genf, 11. Jänner. (JTA.) Auf der am 17. d. beginnenden 100. Tagung des Völkerbundrates wird die Frage der Staats- _en in den neuen Provinzen, sowie im Altreioh Gegenstand einer ernsten Diskuesein. Offiziell steht die Frage der itenlosen auf der Tagesordnung dieser Ratssession. Man zweifelt nicht daran, daß Rumänien mit allem Nachdruck darauf aufmerksam gemacht werden wird, daß das von Rumänien Unterzeichnete und von Frankreich1 und England gegengezeichnete M heitenabkommen vom 9. Dezember 1919 eindeutig Rumänien verpflichtet, alle auf rumänischem Territorium zu dies— Zeitpunkt wohnenden Juden, die eine dere Staatsbürgerschaft nicht nachweisen können, als gleichberechtigte Bürger anzuerkennen. Aus zuverlässiger Quelle erfährt der JTA. Vertreter, daß der Generalsekretär des Völ-j kerbundes Joseph Avenol während seines! Besuches in London in diesen Tagen neu Gesprächen mit den englischen Staatsmännern die juristische Seit» der Judenfragt Rumänien ausführlich erörtern wird. Ein Manöver Micescus In Vülkerbundkreisen hat man Informationen darüber, erhalten, daß ^uß^mjB^8te| Dem König wurde mitgeteilt Bukarest, 11. Jänner. (JTA.) König werden, sondern daß _ a r o 1 gewährte dem Sonderkorrespontisch deuten des Londoner „Daily Herald“, A. L. Eastermaa. ein Interview, in dessen Verlauf er sich zur Judenfrage in Rumänien äußerte. Der König erklärte, daß es in Rumänien eine Judenaustreibung geben werde; es werde aber eine allgemeine Überprüfung der Staatsbürgerschaft jener Personen durchgeführt werden, die nach dem Kriege in das Land gekommen sind. Ihm wurde mitgeteilt, daß in der Nachkriegszeit mehr als 250.000 Personen illegal m das Land gekommen sind. Die Staatsbürgerschaft der in Rumänien geborenen Juden wird nicht tangiert sein. Der König unterstrich, daß auch diejenigen Personen, denen die Staatsbürgerschaft aberkannt werden wird, nicht ausgewiesen es cu, der auf der Tagung die Kleine Entente vertreten wird, beauftragt ist, dem Widerstand der Mitglieder des Völkerbundrates gegen die antijüdische Gesetzgebung Rumänien den äußersten Gegendruck entgegenzusetzen. Micescu wird — so erklärt man in Völkerbundkreisen — seine Position als Berichterstatter über Mandatsfragen und somit auch über die Palästinafrage im Völkerbundrat dazu ausnutzen, um einen Druck auf die zionistischen Führer dabin auszuüben, daß sie ihre Kritik an antljüdischen Maßnahmen rumänischenRegierung mäßigen.1 Falls die zionistischen Führer eine der Regierung Goga erwünschte Haltung ejnnehmen werden, wolle Micescu als Entgelt dafür im Völkerbundrat eine der Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina günstige Stimmung schaffen. In Völkerbundkreieen ist man jedoch der Ansicht, daß dieses Manöver kaum irgendwelchen Erfolg haben wird. Rumänien-Konferenz in Jerusalem Jerusalem, 11. Jänner. (JTA.) Die E kutive der Jewish Agency und der WaadLeumi berieten in einer gern samen Sitzung über die Situation der Juden in Rumänien und faßten entsprechende jB^phlüsge,,, .............. h r e p o 15c h t e lieren würden. Auf die Frage des Korrespondenten nach seiner persönlichen Haltung gegenüber dem Antisemitismus in Rumänien erklärte der König, die Existenz einer antitreffend die Zukunft ausländischer Unternehmungen in Rumänien zum Ausdruck. Goga versicherte der Abordnung, daß ausländische Staatsbürger keinen Beschränkungen unterworfen sein werden; im übrigen verwies er auf den bevorstehenden esuch König Carols in London. Erschütterung der Wirtschaft Bukarest, 10. Jänner. Die aatijüdiscbe Politik des neuen rumänischen Kabinetts hat schon jetzt, vor ihrer Verwirklichung, unangenehme Folgen für die Finanz- und Wirtschaftslage des Landes. Nicht allein Juden, sondern auch in sehr großer Zahl Nichtjuden ziehen aus Besorgnis wegen eineT allzu radikalen Politik Kapital aus den Banken zurück. Die nichtjüdischen Industriellen klagen darüber, daß infolge der berechtigten Angst der jüdischen Kaufleute, weitere Kapitalien zu investieren, der Absatz zurückgeht. Man schätzt, daß bisher aus 138 Banken mindestens 4 Milliarden Lei — davon der größte Teil von Nichtjuden und nur ein kleinerer Teil von Juden — behoben worden sind. Die Grenzbeamten sind angewiesen woren, das Gepäck der nach dem Ausland sich begebenden Juden sorgfältig zu durchsuchen, damit nicht Kapital oder Schmuck ins Ausland kommt. In französischen Finanzkreisen verlautet, daß die französische Regierung ihre Kreditgarantie für Rumänien zurückgezogen habe, man spricht von einer Unterbrechung des französischen Zinsendienstes für die rumänische Anleihe. Goga* Salsche Ziffern „Paris Soir“ bringt ein Interview der Brüder T h a r a u d mit dem Ministerpräsidenten Octavian Goga. Die Brüder Tharaud sind bekannte antisemitische Schriftsteller. Von ihnen stammt der blutrünstige Roman „Im Schatten des Kreuzes“ und die Schrift „Wo Israel herrscht“, die bekanntlich jüngst vom österreichischen Antisemitenbund als jüdische Zeitung zitiert worden ist. Goga sagte den Brüdern, wie sie mitteilen, folgendes: „Ich schätze die Zahl der seit 1914 nach Rumänien eingewanderten Juden auf eine halbe Million. Niemand kann uns zwingen, sie bei uns zu behalten, denn der Vgrgailler Vertrag hat,, jias ,«««•, die, Pffiebt auferlegt, denjenigen Juden, die im Augenblick der Unterzeichnung des Vertrages in Rumänien ansässig waren, das Bürgerrecht zu verleihen. Aber der Versailler Vertrag verlangt nicht von uns, die später zugekommenen zu behalten. WTir werden die Frage in einigen Tagen auf der bevorstehenden Tagung des Völkerbundrates in Genf aufwerfen.“ fügte hinzu, er glaube, daß für die jüdisch eingestellten Regierung könne Juden neue Niederlassungsmöglichkeiten auf nicht geleugnet werden; er als Landes- Madagaskar oder in Afrika gesucht werden herrscher habe keine andere Wahl sollten. als der öffentlichen Meinung Rechnung z tragen. Goga schätzte ferner die Zahl der seit 1933 aus Deutschland nach Rumänien geflüchteten Juden auf 30.000. Bei seinem letzten Besuch in Berlin hätte Hitler zu ihm gesagt: „Es tut mir leid, daß ich unsere Juden zu Ihnen geschickt habe, aber ich bin Bukarest, 11. Jänner. (JTA.) Eine Abordfroh, sie nicht mehr bei mir zu haben.“ nung englischer Wirtschaf tsmän-1 Es ist unerfindlich, aus welchem Maten e r sprach beim Ministerpräsidenten Goga! rial der Ministerpräsident Goga seine Zifvor und brachte ihre Befürchtungen be-1 fern betreffend 500.000 eingewanderte König Carol fährt nach London wird ja sehen. Alle Zionisten, wie immer sie S?n ”?Tddi™jr «lr sa». Sch.nk.l verwende». man aber dem einheitlichen arabischen Nein eine Unzahl von Meinungen entgegengehalten: Nein, Ja — letzteres in allen möglichen und unmöglichen Variationen — sagten die Zionisten, und die Brith-Schalomisten und Judenstaatsgegner machten das Tohuwabohu vollständig. Die Folge davon ist das Weißbuch Ormsby Gores. Es ist in dieser krisenhaften Zeit schwer, auch nur den rückwärts schauenden Propheten zu spielen. Eines kann aber mit großer Wahrscheinlichkeit als sicher angenommen werden: Der Kongreß hat zu früh gesprochen. Wollte er aber unbedingt sprechen, dann hätte er Nein sagen müssen. Hätte er Nein gesagt, klar und eindeutig nein, dann wäre unsere Situation heute besser. England hätte uns Zionisten nicht gegeneinander ausspielen können. Auch ohne Antiterror wären wir eine beachtliche politische Kraft gewesen, die dem arabischen Nein adäquat hätte sein können. So aber konnte uns England als Trieb- Das sind die Folgen von Zürich, wo wir uns selbst die Hände gebunden haben. Lebten wir heute in einer geruhsamen Zeit, man könnte unsere Situation für So paradox das vielleicht klingen mag: j unserer Mithilfe Gerade die ungeklärte und teilweise! herabgewürdigt turbulente Situation der Welt ist unser!Linie des sein größtes Aktivum. über kurz oder lang muß die englische Schaukel zum Stillstand kommen. Die vom Ausland her besorgte Verhetzung der arabischen Massen ist so weit gediehen, daß England erkennen muß, daß es im vorderen Orient an den Arabern, insbesondere in Palästina, keinen verläßlichen Bundesgenossen haben kann. Unser Jischuw mag schwach, insbesondere wirtschaftlich schwach sein. Einmal aber wird der Tag kommen, an dem England seine Schaukel zu unseren Gunsten wird abstoppen müssen. Dieser Tag wird aber kaum heranbrechen, wenn wir Zionisten uns nicht ralliieren, der politischen Zersplitterung ein Ende bereiten und der geschlossenen arabischen Front eine geschlossene .jüdische Front entgegenwerfen. Darüber hinaus müssen wir entschlossen gegen die mandatswidrige Politik Englands ankämpfen. Wir müssen alle unsere moralischen und materiellen Kräfte mobilisieren, die Fonds stärken und unserem Recht mit aller Entschiedenheit Nach- , druck verleihen. Unsere tausendjährigen bedrohlich und die Liquidierung der I Rechte, das Mandat und die Balfour- Balfpur-ßeklaration für möglich halten. | Deklaration dürfen nicht weiter mit einem Handelsobjekt rden. Wir müssen die 'hsten Widerstands aufgeben und die Linie des härtesten Widerstands beziehen. Es kommt nicht darauf an, ob wir dann unmittelbare Vorteile erzielen werden. Wir suchen aucli keine Politik des nächsten Vorteils, die uns nur in eine Sackgasse führen kann. Wir wollen ans Endziel, sei es noch so schwer zu erreichen. Wir dürfen weder Millionen Juden, noch auch nur einen einzigen Juden preisgeben. Unsere Pflicht vielmehr ist es, alle Juden für uns zu mobilisieren. Wir müssen es ihnen begreiflich machen, daß wir ihren Kampf ausfechten. Nur der härteste Widerstand des ganzen jüdischen Volkes kann die englische Schaukel in Palästina zu unseren Gunsten abbremsen und damit gleichzeitig die arabischen Forderungen auf das gebührende Maß reduzieren. Damit wird auch die Situation geschaffen sein, die eine gerechte Lösung des Palästinaproblems ermöglichen wird. Dann erst werden wir der beachtenswerte Partner sein, dessen Gewicht die zukünftige Gestaltung Palästinas entscheidend beeinflussen und Englands Schaukelpolitik in i Palästina zum Stillstao'!, bringen kann.

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