Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 714 (3.1.1938)
- Date
- 1938-01-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Jfidfsdie Bevölkerungsstatistik In Österreich In dar letzten Zeit terwehei wieder einmal die antisemitischen Tageszeitungen und Wochenschriften Österreichs, der Bevölkerung eifisüredsn, daß Österreich veijadet sei und durch den steten Zustrom ausULndisober Juden einen noch stärkeren, jüdischen Einschlag erhalte. Jeder objektiv denkende Mensch in unserem Land, ja, jeder Mensch mit fünf gesunden Sinnen weiß, wes von solchen Behauptungen zu halten Mt; Sie sind, gelinde gesagt, unwahr and entbehren jeder realen Basis, um die «elf die Verbreiter antisemitischer Schauermärchen ja auoh nicht zu kümmern pflegen. Dennoch ist es gut, diese Biedermänner von Zeit tu Zeit mit Hilfe amtlichen ZUfernmateriale zu entlarven. Zu diesem Zweck sei hier einiges über die Bevölkerungsbewegung und die wirtschaftliche Struktur innerhalb der österreichischen Judenschaft mitgeteilt. Nach der Volkszählung vom Jahre 1684 gab es in ganz Österreich 181.481 Juden, von denen 176.034 in Wien, 15.447 in den Bundesländern wohnhaft waren. Auf die einzelnen Bundesländer verteilten sich die außerhalb Wiens lebenden Juden folgendermaßen: Niederösterreich 7716 (Baden 1879, Wr.-Neustadt 685, Mödling 530, Tulln 464, St Pölten 310, Mistelbach 808, Oberbollabrunn 851, Kreme 220, Melk 210): Burgenland 8652 (Oberpullendorf 1150, Mattersburg 628, Oberwarth 483, Elsenstadt 204); Steiermark 2195 (Graz 1720, Leoben 140, Bruck a. d. Mur 59); Oberösterreich 966 (Lite 671, Gmunden 116); Tirol 365 (Innsbruck 817); Kärnten 209 (Klagenfurt 180); Salzburg 289 (Stadt Salzburg 198); Vorarlberg 42 (in Hohenems bloß 8, ferner in Bludenz, Bregenz und Feldkirch). Aus diesen Ziffern ersieht man vor allem die Verlogenheit der antisemitischen Agitation, wie sie in den von Nazigeist beeinflußten judenfeindlichen Presseäußerungen Vorarlbergs zum Ausdruck gelangt. Gerade in diesem westlichsten Bundesland gibt es so gut wie keine Juden mehr, und von der ehrwürdigen Hohenemser Judengemeinde ist efgeatBdhnichts mehr vorhand«». Aber von Verjudung schreien die Antisemiten dort noch mehr als ihre GesinmingSgenoefm~& den östlichen Gebieten Österreichs. Fern« erkennt man ans den zitierten Zahlen, daß auch die übrigen Bundesländer keineswegs eine „Judenhige“ haben, wie es kürzlioh der „Tiroler Anzeiger" Offenherzig zugegeben hat Doch wie unbegründet dae Lamento der Antisemiten über die «jüdische Gefahr“ in Österreich ist, kenn «w» »och besser ermessen, wenn uU erah«, daß die jüdisch# Bevölkerung ans«« Staates von Jahr su Jahr in imr^ rascherem Tempo abnimmt In Wien beträgt der Abgang [Ihrlieh — an den letzten Jahren gerne—«i — durch den Überschuß an Todesfällen gegenüber den Geburten und durch das Überwiegen der Austritte über die Rücktritte etwa 2600 bis 2800 Seelen. Im Jahre 1623 lebten nach den Ermittinngea der Volkszählung in Wien über 260.000 Juden. Jetzt sind mindestens 24.000 weniger. Zum Überwiegen der Todesfälle — die Austritte spielen nicht eine besondere ßolle, es sind durchschnittlich 200 bis 800 im Jahr — tritt noch die Auswanderung hinzu. Bis 1937 sind etwa 1200 Juden nach Palästina ausgewandert, und auch 1987 nahmen noch einige hundert Menschen dorthin den Weg. Außerdem emigrieren zahlreiche österreichische Juden nach Südafrika und nach den südamerikaaiechen Staaten. Seit der Machtübernahme in Deutschland durch die Nationalsozialisten sind freilich deutsche Juden bisher zugewandert. Aber die Mehrzahl von ihnen betrachtete Wien nur als DurCbgangsstation, und wandert# seither wieder ab. Man schätzt nicht zu hoch, wenn man unter Berücksichtigung der Emigration annimmt, daß sich die Wiener Judengemeinde jährlich um 3500 bis 3800 Köpfe verringert. Ähnlich liegen die Verhältnisse in den Bundes- Gefahr der Vergreisung Da begreiflicherweise die jungen, gesunden Elemente ins Ausland, insbesondere nach Palästina gehen, und da die geringe Geburtenzahl nicht genügend Nachwuchs liefert, vergreist die jüdische Bevölkerung von Jahr zu Jahr immer m<gw.! Charakteristisch ist, daß es im Jahre »33 noch 1330 Kinder tat der ersten Völksechulklas«! gab, *337 aber nicht der Kuitusgemeind um 640 sein, das heißt im Verlaufe von sieben Jahren wird ihre Zahl auf weniger als die Hälfte gesunken sein. UM nun die andere Seite des jüdischen Problems, die wirtschaftliche. Erst dieser Tage leistete sich die „Hochschuiteitung“, das offizielle Organ der „Bochscbüierschäft Österreichs", welch« die anerkannte Vertretung der österreichischen Studentenschaft Mt folgende Bemerkungen: „Wir finden es unerträglich, daß die besten Arbeitsplätze im Lande von Juden besetzt sind. Wir finden es auch unerträglich, wenn einflußreiche Stellen des Staates und der Wirtschaft von Fremden bekleidet werden.“ Diese Auslassung ist auch nicht von des mindesten Sachkenntnis angekränkelt wem man nicht direkt Böswilligkeit annehmen will Wie schauen die Tatsachen aus? Unter 160.606 Angestellten des Bundes warn im Jahre 1034 nicht ganz 700 Juden. Die Zähl der jüdischen Bundeeangestetitea hat sich seither verringert da Inzwischen nahezu keine Neuaufnahmen von Juden erfolgt sind. Wie es bei den Gemeindeangestellten aussieht bat Bat der Stadt Wien Dr. Ehrlich vor kurzem mitgeteüt: Unter 22.611 aktiven Angestellten und 13.608 Pensionisten befinden eich alles in allem 154 Juden. In Wien ein eLnxlger jüdischer Besonders häufig und gern reden die Antisemiten davon, daß unser Hochschulwesen verjudet sei. Diese Verjudnng sieht so au«: Unter 15 ordentlichen Professoren der juristischen Fakultät gibt es nicht einen einzigen Juden, unter 4 außerordentlichen Professoren dieeer Fakultät 2 Juden, unter 8 Honorarprofessoren 1 Juden, unter 54 Dozenten 3 Juden. An der philosophischen Fakultät lauten die Ziffern: 39 ordentliche Profeesoren — kein Jude, 21 außerordentliche Professoren — 2 Juden, 155 Dozenten — 7 Juden; an der medizinischen Fakultät: 18 ordentliche Professoren —'t Jude, 18 außerordentliche Professoren — 4 Juden, 260 Dozenten — 71 Juden. Nur die medizinische Fakultät weist «ne den Leistungen jüdischer Forscher halbwegs entsprechende jüdische Besetzung auf. Im übrigen muß gerade mit Rücksicht auf die Äußerung der „Hoehsehuizeitung“ Über die „be|g j. Arbeitsplätze“ und die „einflußrei(,er, |tellen“ darauf Ungewissen werden, fife r« «KlMrtitehea Professat nicht mehr zulißt and sie, mögen sie «ich noch so hervorragende Wissenschaftler •ein, auf einfache Dozenturen verweist. Außerhalb Wien* gibt es unseres Wissens keinen einzigen jüdischen Hochschulprofessor mit Ausnahme de« Nobelpreisträgers Löwy in Graz, gelbst nach dm berüchtigten Numerus clausus müßten dw. Juden in der ordentlichen Professur stärker vertreten sein. Wir sprechen der so tragisch betroffenen Familie des kilrziieh allzufrüh verstorbensn ».MiiSimlta! unser allerlnnlgstes Mitgefühl aus. WIZOfrsundinnefl und zionistische Freunde. Schließlich sei noch vermerkt, daß die Sdiseben Ärzte seit Jahren in immer Mär* irem Maße aus den Fondsapitälern und aus der Kr&akfenkaseenpraxis verdrängt werden, und daß mit allen Mitteln darauf hingearbeitet wird, den Anteil der Juden am Anwaltsstand zu verkleinern, tun der gebührenden Prozentnörm" zu entsprechen» die man jedoch bei anderen, bisher judeareln gehaltenen Berufen nicht gelten lassen will. Die Antisemiten sind nie auf gutem Fuß mit der Wahrheit und der Logik gestanden. Sie haben beide im Gegenteil stets gescheut, well durch sie die Unehriißhkeit ihrer Kampfesweise und die Hohlheit ihrer Phrasen dargetan wird. Ins neue Jahr Das neue bürgerliche Jahr scheint unter keinem günstigen Stern seinen Einzug su halten. In Spanien tobt der Bürgerkrieg weiter, der neue Krieg zwischen China und Japan hat die Unruhe in der Welt vermehrt und der Austritt Italiens aus dem Völkerbund hat zur Bildungzweier miteinander rivalisierender Mächtegruppen beigetragen. In den letzten Tagen hat die Umbildung 4« Regierung itt Sensation hervorgerufen. Der neue Ministerpräsident Goga hkt offiziell erklärt, er werde die ausländischen Juden aus den Wirtschatfspositioneö werfen. Damit sind aber in Wirklichkeit alle Juden gemeint. So hat nun auch in Rumänien die würdelose Anbiederungspöiitik der dortiges Ution an die Antisemiten«Hilft* “£räv*‘M.-o. rangen Schiffbruch erlitten,. Auch in Rttmä s; nien bereitet der aufdringlich bei allen senden und unpasawnlren Gelegenheiten Schau getragene Überpatriotisttus ,asd.d#s;. damit verb/oaden« Denunziation der ZjäSfc-/; tten dupefc die dortigen Unionißten keinen Teil der rumänischen Juden ein besseres „Der Purimspieier** im Auganen-Kmoi Abendländer und Morgenländer Zum 4. Todestag Jakob Wassermanns. ___ - Judentum, Abendland •— Morgenland, damit eind die beiden großen Extrempunkte gekennzeichnet, zwischen denen ein wesentlicher Teil der inneren Entwicklung unsere« Volkes in Mitteleuröpa verlief und verläuft: damit sind die Pole der fruchtbaren und tragischen Spannung genannt, die eine Anzahl bedeutender, schöpferischer, jüdischer Menschen bewegt. Aber eß gl« unter ihnen wohl ktum einen, dar diese Zweiheit in seinem Ljben so Ä zur äußersten Grenze durchlijtaa, in seinem Werk deren abgründige Pfoblematik so ganz zum Ausdruck ge* b-acht bst wie Jakob Wassermann. Der Jude unserer Tage hat eine gewisse heu vor aller Problematik. Er strebt ich dem Unverwiokelten, Klaren, nach un eindeutigen Ausweg, nach Umwälzung iner Wirklichkeit Aber es wäre verfehlt, rade in dar Zeit der Bedrängnis und des &«* Schicksal dauerhaft meistern «rill, ' b Verstrickung, Verlern Und jeder, der unverweigerlich mit erzueetzen. ein Geschaffene« Mt erstreckt und den wir kurz als die Zeit der] abeodlünlMchen, vor allem der mltteleuro-1 päisehen Kulturkrtee bezeichnen können; sie liegen in seiner Heimat, einem der Herz- und Kernstücke Deutschlands, dem Frankenland; eie liegen in seiner Herkunft aus dem deutschen Judentum der vollzogenen Emanzipation, aus einer Gemeinschaft, deren hie torische, religiöse und soziale Bindungen geborsten sind und die den Versuch der Auflösung im anderen Volk unternimmt. Seine Wurzeln liegen endlich in seiner Aufgabe, die er selbst formuliert hat als Erlösung von dem Übel durch die Ge>! stalt, Selbstbefreiung und Befreiung der anderen durch das Wort, Läuterung der; Welt durch ihre Darstellung; der Erzähler als Erlöser; diese Aufgabe hat Wassermann1 durch eine unsägliche Jugend, über di# etei-: tan Kehren und Abstürze seine« Lebens-! wegee getragen und mit einem Werk von! dreißig Bänden erhärtet. | Sein Werk Mt Fracht, aas jenen Wurzeln; Schsen, in ihm wird Zeit, Heimat, Herzu Bild und Frage. Die Zeit wird Bild, Maschinenherrsohaft, Geldvereklavung, Massenelend, Zerrüttung aller Daseineform, > Verödung der Seele, Verwirrung der Jugend, die Entgötterung, die drohende Wahnweit; von den „Juden von Zirndorf", über] „Renate Fuchs", „Moloch“, den Romanen des „Wendekreises“ bis su der vom „Fall Mauritius“ ausgehenden .Trilogie formt Band, um Band immer wieder das ungeheure | Thema: Krankheit des Abendlandes. — — Deutschland wird Bild: «eine reinen Quel-1 len, Landschaft und Musik, Märchen und Mythos, das Unzerstörbar in seinen »entehr, „Kaspar Hans«“ und „Junker Ente“, zugleich aber »heb seine Schatten und Dunkelheiten, alle Enge, alle Ver-, worrenheit, alle Dumpfheit, aller Baß. «* —1 Der Jude wljrd Süd: Der Jude ha der Epoche der Entwurzelung, vereinsamt und vereinzelt, ohne Boden, ohne Zusammenhänge, ans einer Gemeinschaft geschieden, unfähig sich in eine neu© zu fügen, unfähig ebensosehr kraft des Widerstandes der änderet, wie kraft des eigenen, ihm verborgenen Gesetzes; — — der Jude ohne Bindung, daher mehr noch als jeder andere ausgesetzt; der Krankheit de« heutigen Europa, die Bindungsloekkeit heißt. Und aufwühlend, bedrängend klingt in diesem Werk immer wieder die Frage: Wohin Europa, wohin Deutschland, wohin Jude? Wo ist der Weg, der uns zu Ziel Und Sinn, der uns zu fruchtbarer Ordnung, wo Mt der Weg, der uns zu Gott führt? Ist es Zufali, daß in Wassermann« ersten Roman der Jude Ag&ton Geyer, in seinem letzten der Jude Alexander Herzog diese Frage ausspricht? Bild einer zerrMsenen Welt und mesaianteche Sehnsucht nach einer andern, sinnvoll und gläubig geordneten, das ist das Werk Jakob Wassermanns, im Innern ebenso bestimmt und bewegt von jener Zweiheit: Deutschtum und Judentum, Morgen und Abendland, wie in der Form, in der sich deutsche Herbheit und Anmut, Linie und Bau der großen europäischen Romantradition mit orientalischer Fabulierlust und Farbe vermählen. Zweiheit Im Werk, Zweiheit im Leben. Deutscher Sprache, deutschem GeMt, deutscher Erda zu tiefst verbanden, turn doch nie dort völlig zu Hause, tarüokgestoßen von jenen, die ihm das Heimatrecht bestreiten, tu rückgestoßen aber auch mm Wesensarten des deutschen Volkes, die alle Liebe nicht bejahen und verteidigen kann, findet Wassermann ln der deutschen Gemeinschaft nicht jene ra%e, fragloee Verwurzelung, die Sr «acht. Item europäischen Juden, der ihm in seiner Loegelöetheit und seinem hemmungslosen Intellektualismus geradozu als Symbol der Zeltkrise erscheint, im innersten Wesen entgegengesetzt, bindet ihn anderseits doch über den zeitbedingten Gegensatz hinweg uraltes Blut und Ahneneibe. So steht Wassermann immer zwischen zwei Gemeinschaften: der deutschen, zu der ihn Wahl und Erleben drängt, und von der ihn kritisches Ethos wieder scheidet, der jüdMchen, die in seiner Zeit erst langsam wieder neu zu wachstet begann, deren Umrisse noch kaum sichtbar waren und auch von ihm nicht geahnt wurden, an die ihn aber dennoch ein unzerreißbares Baad knüpft. Er, dem Rechenschaft und Gewteeensprüftmg innerste Aufgabe waren, hat sich um die Löeung diese« seines großen Lebenszwiespalte denkend und gestaltend bemüht nnd in seinem Bekenntoisbuch: „Mein Weg aM Deutscher und Jude“ ihn auch zur Synthese und Löeung geführt: Durchdringung der beiden Sphären, orientalischer und abendländischer, setzte et als Ziel und als Beispiel. Durchdringung des Morgenländieehea und Abendländischen und auf dieser Bahn eia neuer Weg für die Welt, Verwurzelung da« Juden, eine neue Bindung an Boden, «a Gemeinschaft, an Gott, das wollte Wassermann. Es bleibt das Ziel. Aber es wird erreicht werden nicht in deutschem Raum, wo auf den Scheiterhaufen auch Bücher Wassermanns brannten, es wird nicht im europäischen Raum erreicht werden, der der Katastrophe «usteuert, sondern es wird dort zu reifen beginnen, wo der Jude überhaupt begann. Und auf dem Weg zu diesem fiS und am Eele seihst wind man nie Wassen omaas vergessen, der es uns gewie-^o hat, Georg Beer, ,