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Die Stimme · 1937-12-24 · Heft 710 (24.12.1937) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
11 (1937-1938)
Issue
Heft 710 (24.12.1937)
Date
1937-12-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Wr. m — WSea, Fraltig, 84. Dezember 1937. Salt« 3 FÜR WEKEND UND REISEN DIE BESTEN WOESTE U. KONSERVEN VON EISEN Das jüdische Gewissen rührt sich Wir haben vor einigen Tagen eine Spende von S 1000.— mit folgendem Begleitschreiben erhalten: „An den Keren Kajemeth in Wien! Angeregt durch den Aufsatz von C. Z. Klötzel ,Palästina, wie es wirklich ist1 in der ,Stimme‘ vom 10. d. überweise ich Ihnen den Betrag von S 1000.— (eintausend), da ich mit der Ansicht des Autors, Voranzeige! Die Bezirkssektion u. WIZO- Gruppen IV, V und X zeigen ihren Gönnern und Freunden an, daß am 19. Jänner 1938, 7,9 Uhr abends, im Volksbildungshaus,^Wien, V., Stöbergasse Nr. 11 -15, zu ihren Gunsten die Aufführung von „URIEL ACOSTA" durch das Jüdische Kulturtheater, stattfindet Karten bei den Aussdiußmitgliedern daß ,es heute keine wichtigere Aufgabe für das Judentum in aller Welt gibt, als die, dem Keren Kajemeth die Mittel zur Beschaffung einer neuen, großen Bodenreserve zu geben1 vollkommen übereinstimme.“ Da« Präsidium des Keren Kajemeth steht für die Richtigkeit der Abschrift ein und appelliert an die jüdische Öffentlichkeit, diesem nachahmenswerten Beispiel zu folgen. Judiscbe Knast auf dem Index Die deutsche Reichet! ruokerei gibt sogenannte Reichsdrucke heraus, das eind besondere sorgfältig aufgeführte Reproduktionen von Meisterwerken der Graphik und Malerei. Wie die Reichsdruckerei jetzt mitteilt, werden folgende Reichsdrucke nicht mehr ausgeliefert werden: Reproduktionen der Bilder von Max Liebermann, darunter auch das Porträt des Reichspräsidenten Hindenburg, ferner das berühmte Porträt von L. Grimm: Heinrich Heine. Die Reichsmusikkammer, Berlin, veröffentlicht eine amtliche Bekanntmachung, durch die zum Schutze des Kulturlebens des deutschen Volkes „gegen die Einflüsse unerwünschter und schädlicher Musik“ ange- 1000 Bücher. . . . . S 1-- ordnet wird: „Alle ausländische Musik, die in Deutschland durch Musik Verleger oder Händler vertrieben werden soll, ist der Musikptüfetelle des Reiobspropaganda- Ministeriums vorzulegen. Der Vertrieb von Noten, deren Verbreitung als unerwünscht erklärt wird, ist verboten.“ Bis jetzt haben sich die Maßnahmen gegen den Einfluß jüdischer Musik in Deutschland als weit weniger wirksam erwiesen, als jene gegen die literarischen Erzeugnisse jüdischer Autoren. Kenner der Verhältnisse kommentieren die neueste Bekannlmachung der Reichsmusikkaimner als einen Versuch, nunmehr die deutschen Grenzen gegen das Eindringen der Musikschöpfungen von Juden hermetisch zu schließen. Die „ Arisierung"der deutschen Wirtschaft 1933 war da« Jahr der turbulenten Angriffe auf die Juden und der antijüdischen Gesetzgebung. 1934 war ein Jahr des Aufatmens und des Trugschlusses, es würde irgend ein Ausgleich zwischen den nationalsozialistischen Bestrebungen und den Juden möglich sein. 1935 ist charakterisiert durch das Auftreten der „kochenden Volksseele“ als Vorbereitung der Nürnberger Gesetze (Rassenschande und dergleichen). 1936 war das Olympiafeier ja<hr, in dem die Juden in Rücksicht auf die Olympiade igermaßen in Ruhe gelassen wurden. 1937 brachte im ersten Halbjahr gewisse neue und gefährliche Einschränkungen. Im Herbst 1937 tritt vielleicht der schlimmste und entscheidende Wendepunkt in der Judenpolitik ein: die planmäßige Vernichtung des deutschen Goerings Vierjahrsrezept i sei daran erinnert, daß der Führer selbst nach der Verkündung der Nürnberger Gesetze erklärt hat, die Judengesetzgebung sei im wesentlichen abgeschlossen. Das Judentum sei in seine Schranken zurückgewiesen, und man würde nunmehr ein Verhältnis zu diesem Judentum zu finden wissen. Früher hatten wiederholt nationalsozialistische Führer erklärt, es sei nicht beabsichtigt, das Judentum wirtschaftlich u treffen. Seit dem Bestehen des Vierjahrsplanes zeigt sich klar, daß man mit allen Mitteln darauf hinarbeitet, das Judentum, so schnell es nur geht, wirtschaftlich zugrunde zu richten, so daß damit das Ende der wirtschaftlichen Existenz, das heißt des Judentums überhaupt, ln bedenkliche Nähe rücken dürfte. Von glaubwürdiger Seite wird berichtet, ReichsministeT G o e r i n g habe Ende November in einer Besprechung im Reichswirtschaftsministerium angekündigt, die Ausschaltung der Nichtarier aus der Wirtschaft werde im Zuge des Vieriahrsplanes erfolgen. Es seien vielleicht zeitliche Kompromisse zu schließen, doch änderten diese nicht das geringste an dem Grundsatz, keinen Nichtarier in der deutschen Wirtschaft auf die Dauer zu dulden. Welche Wirkung auf die Auswanderung diese erbarmungslose Politik haben wird, ist noch nicht zu übersehen, darf aber mit allem Recht als verhängnisvoll angesehen werden. Streicher, Goebbels, Ley und j Rosenberg tonangebend Der Kampf gegen die Juden in der Wirtschaft wird durch mehrere Momente bestimmt: a) Schacht hat das Reicbsministerium endgültig verlassen. Er war derjenige, der die Möglichkeit und den Mut hatte, wirtschaftlichen Maßnahmen gegen die Juden entgegeuzutreten, weil er darin Gefahren für die deutsche Wirtschaft als solche sali, b) Seit einigen Monaten treten die radikal-antisemitischen Häupter in Deutschland in den Vordergrund und reißen Streicher, Ley, Rosenberg und Goebbels sind heute diejenigen, die auf diesem Gebiete bestimmend sind, und deren Einfluß täglich wächst. Der unbequeme künftige Juden* Dabei ist interessant, daß sich hie und da in jüngster Zeit in. der Partei Tendenzen bemerkbar machen, nicht mehr die Auswanderung nach Palästina zu ermutigen. Die Beweggründe für diese merkwürdige Einstellung sind nicht ganz durchsichtig: Man rechnet ersichtlich mit einem jüdischen Staat und möchte ihn nicht durch Auswanderung aus Deutschland stärken, weil man die politischen Rückwirkungen durch einen solchen Judenstaat fürchtet. Es ist sicher, daß den mittleren und u: teren Stellen der Partei weitgehende Vollmachten gegeben wurden, die wirtschaftlic Vernichtung der Juden in ihrem Bereiche auf jede geeignete Weise zu erzwingen. Unter den Einzelmethoden, den jüdischen Unternehmungen Schwierigkeiten zu bereiten, sei nur die eine noch hervorgehoben: Von Jänner 1938 ab wird keine Berliner Zeitung mehr irgend welche geschäftlichen Annoncen von Juden aufnehmen. Für Hamburg gilt das Gleiche in etwa einem halben Jahr. Jüdische Firmen, die Markenartikel hersteilen und verbreiten, werden dadurch binnen kurzem den schwersten Schaden erleiden, wenn sie nicht vorziehen, vorher ihren Betrieb zu schließen oder rechtzeitig zu verkaufen; denn ein Markenartikel kann ohne Reklame in der Presse auf die Dauer sich nicht halten. Antisemitismus in Südafrika Der Antisemitismus als solcher war bis vor kurzem wenig bekannt und wenig breitet in Südafrika. Natürlich gab es, überall in der Welt, auch hier einzelne Fanatiker und Judenfresser, die alles Schlechte, was geschah, den Juden in die Schuhe schieben wollten. Durch nationalsozialistische Emissäre wurde aber das Land mit den Hakenkreuzideen vergiftet. Die „Grey Shirts ( Eddie Cantor ln % Abenteuer hinter Haremsgittern I m l BURG-KINO | | IMPERIAL-KINO % Party“, mit W i c h a r d an der Spitze, und die „National Party“ (Führer Dr. M a 1 a n) verbreiteten diese Lügen. Sogar die Weisen von Zion fanden in der Sprache der Afrikaner Eingang bei den Massen. Vor zwei Jahren wurde Wiehard von Juden der Prozeß gemacht; er hatte dann Zeit und Muße, hinter Schloß und Riege! über seine Verleumdungen nachzudenken. Wie man Juden Geld herauslocken will Seit, einiger Zeit predigt und arbeitet Minister Dr. Malan (einst, ein sogenannter Judenfreund) mit allen Schlichen gegen die Juden, weil er hofft, auf diese Weise an die SWING Spitze der Regierung zu gelangen und Diktator zu werden. Aber er will auch von den Juden Geld für seine Partei bekommen. Deshalb hat er in seinem Parteistatut, das sich sonst mit dem Nationalsozialismus identifiziert, folgende Klausel: Diejenigen Juden, die sich taufen und zur christlichen Religion, bekennen, können. Parteimitglieder werden. Wunderbar loyal! Diese Bestimmung wird wohl solange Gültigkeit haben, bis die Nationalisten genug Geld in ihrer Kasse haben und dann, ja dann Jud, kannst gehen... Die gemeinsten antisemitischen Artikel stehen in den afrikanisch geschriebenen Zeitungen. Natürlich haben die jüdische^ Geschäftsleute ihre Annoncen aus diesen Blättern zurückgezogen, so daß die Zeitungen aus Geldmangel nicht existieren können, Letzthin war eine Warnung in einer solchen Zeitung, die lautete: Wenn die Juden in unseren Zeitungen nicht annoncieren, werden wir Pogrome arrangieren. Noch ist aber die Regierung stark genug, die Juden zu verteidigen. Aber es gibt viele anständige Menschen im freien Südafrika. So wurde vor einigen Wochen eine Bewegung „The Society of Jews and Christians“ gegründet. Angeregt von P. Runge schuf der Bergwerksminister Hofmcyr diese. Bewegung. Dem Vorstand gehören außer Hofmeyr und P. Runge der Bischof von Johannesburg, C 1 a y t o n, einige Professoren der Witwatersrand Universität. zahlreiche prominente Christen und Juden von Johannesburg, darunter Professor Rab. Dr. Landau, an. Die erste Ver- Die „Chuetas“ Seit dem Beginn der spanischen Wirren wird von den Balearen, der Inselgruppe im Mittelländischen Meer, westlich von Spanien, viel gesprochen. Die Gruppe besteht aus zwei großen Inseln, Mallorca und Minor ca, sowie drei kleineren Inseln, Cabrera, Dragonera und Conejera, und einer Anzahl unbewohnter Inselchen. Am bekanntesten von ihnen ist M a 11 o r c a. Diese Insel hat eine bedeutsame Vergangenheit, die auch für uns Juden sehr interessant ist. Mallorca war im XIII. und XIV. Jahrhundert ein Königreich, in dem jüdische Kaufleute und Gelehrte eine hervorragende Rolle spielten. Vom spanischen Festland herübergetragener Judenhaß und die Inquisition bereiteten jedoch dem blühenden jüdischen Gemeinwesen auf Mallorca ein Ende. Leidensgeschichte der Juden von Mallorca Die Geschichte der Juden von Mallorca ist erfüllt mit Episoden des Schreckens und des Grauens. Sie ist aber auch voll der Majestät heroisch ertragenen Leidens. Im August 1391 drangen Banden in das Judenviertel von Palma, der Hauptstadt von Mallorca, und richteten ein Blutbad an. Zu Ostern des Jahres 1435 veranstalteten die Judenfeinde unter dem Vorwand, die Juden hätten einen maurischen Sklaven kreuzigen wollen, wieder einen Pogrom, vor dem die Mehrzahl der Juden von der Insel floh. Was übrig blieb, wurde zwangsweise getauft. Mit dem Verschwinden der jüdischen Bevölkerung büßte Mallorca, das dank seiner günstigen Lage im Mittelländischen Meer ein wichtiger Handelsplatz gewesen war, jede kommerzielle Bedeutung ein. Es ist später behauptet worden, die Entdeckung Amerikas habe den Niedergang der Wirtschaft auf Mallorca bewirkt. Aber diese Behauptung ist falsch, denn Amerika wurde 1492 entdeckt und der Handel Malloreas war schon 57 Jahre früher, seit 1435, tot. Während man in Spanien und in Portugal die konvertierten Juden Maranos nannte, bezeichnete man auf Mallorca die getauften Juden als „Chuetas“, was eine schmähende Benennung ist und soviel wie „Jüdlein“ bedeutet. Das Ghetto existiert heute nicht mehr, aber die Call, das Viertel, in dem einst die Juden wohnten, beherbergt noch immer Chuetas, die man jetzt, fünfhundert Jahre später, ihre Herkunft von Juden spüren läßt Man erkennt aber auch heute noch in den Chuetas die jüdische Abstammung. Das ist begreiflich, denn die Chuetas heiraten gewöhnlich untereinander. Bis vot kurzem war jede Vermischung mit der übrigen Bevölkerung streng verboten. Daher kommt es auch, daß die Art des Sprechens und der Gesichtsausdruck rein jüdisch sind. Es gibt Straßen in Palma, wo fast jedes Geschäft ein Juwelenladen ist. Der Juwelenhandel war ein Geschäftszweig, dem sich die Juden stets gern widmeten. Sieht man auf den Schwellen der Juwelenladen von Palma die Lokalbesitzer stehen, so könnte man glauben, im East End London oder in der Essex Street in New York zu sein. Wiedererwachen des Interesses für das Judentun: Der Klerus ist denn auch noch' immer mißtrauisch gegen die Chuetas, obwohl diese sich bemühen, sich als gute Katholiken zu zeigen, und fleißig die Kirche besuchen. Argwöhnisch gehen die Geistlichen in die Geschäfte der Chuetas am Samstagvormittag und an Tagen, die jüdische Feiertage sind. Man kann ja nicht wissen! Tatsache ist, daß die Chuetas sich wieder für das Judentum zu interessieren anfangen. Die Mittelklasse unter ihnen will sich über jüdische Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft informieren und macht kein Hehl aus ihrem Interesse. Lionel Isaacs, der Verfasser eines Aufsatzes über die Juden von Mallorca in der „Revue Juive“, teilt mit, daß er in Barcelona den Brief eines Chueta empfing, der ihm schrieb, daß seine Vorfahren Juden waren und daß er die Geschichte dieses Volkes kennenlernen möchte. Der Mann bat ferner um eine Grammatik der hebräischen Sprache und des Jiddischen. Weltberühmte Männer Die Geschichte der Juden von Mallorca vermag die Chuetas mit Stolz zu erfüllen. Im XIV. Jahrhundert brachte die dortigel jüdische Gemeinschaft eine Anzahl berühmter Gelehrter hervor. Davon ist Rabbi Simon ben Zemach Daran zu erwähnen, der mit Vater und Schwester vor dem Mas- , saker von 1391 nach Algier floh. Er wurde | dort Großrabbiner und übte bedeutenden Ein- I fluß auf das Schicksal der Juden in Nord- | afrika dank seinem diplomatischen Ge- | schick, seinem Wissen und seinem hohen Gerechtigkeitssinn. Zahlreiche Werke stammen! aus seiner Feder. Werke über Philosophie, , Theologie. Rechtswissenschaften und auch Medizin, denn Rabbi Simon ben Zemach Duran war ein erfolgreicher Arzt. Eine Weltberühmtheit in jenen fernen Tagen war Jeiiuda Cresques. ein Kartograph. Er schuf eine Karte der Welt, die vom König Juan dem französischen König Karl VI. zum Geschenk gemacht wurde; das Werk befindet sich heute noch in der Pariser Nationalbibliothek. Cresques wurde später der erste Direktor der Marineschulen von Sagres in Portugal. Sein Vater Abraham. den° König Pedro IV. mit Ehren überhäufte, verfaßte nicht nur Landkarten, sondern erzeugte auch nautische Instrumente. Schließlich sei noch Juda Leon ben Mosconi hervorgehoben, der viele Jahre auf Mallorca lebte und dort starb; er war ein großer Gelehrter und hroteriieß eine prachtvolle Bibliothek. Die großen Männer, die Mallorca in späteren Jahrhunderten hervorbrachte, waren Chuetas, so Jose Taronji, ein Priester, der im XVII. Jahrhundert energische Streitschriften zur Verteidigung der Rechte der Chuetas verfaßte, und der große spanische Staatsmann Antonio M a u r a.

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