Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 690 (3.11.1937)
- Date
- 1937-11-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Ht. «66, — Wien, Mittwoch, 8, November 1037. DIE STIMME Seit« 5 gong des Keren Kajemeth statt. Beginn H10 Uhr vormittägig. Auf der Tagesordnung stahen Referate von Dr. E. M. Zweig Biber „Der Keren Kajemeth in diesen Tagen“, und Dr. ChaimTartakower: Bericht über die Arbeit im Jahre 5697“ und „Arbeihsprograimn des neuen Jahres 5698“. Bei der Tagung wird nach Abschluß der Aussprache die Wahl der Landeekommission vorgenommen. Es folgt dann die Verlesung der in den Pinkas des Keren Kajemeth wegen ihrer Leistungen eingetragenen Personen und Gruppen. Die Exzesse in Danzig Danzig, 1. November. (JTA.) Der Präsident des Danziger Senats, Greiser, empfing gestern eine Abordnung der jüdischen Kultusgemeinde von Danzig, welche bei ihm wegen der antisemitischen Ausschreitungen an dem vergangenen Samstag, Sonntag und Montag Beschwerde erhob. Bei diesen antijüdisohen Ausschreitungen wurden, wie festgestellt wurde, die Läden von 65 jüdischen Kaufleuten geplündert. Die Verwaltung der öffentlichen Bäder Danzigs hat verfügt, daß Juden nur an einem bestimmten Tage der Woche zu genau festgesetzten Stunden die Bäder benützen dürfen. Pat meldet, daß die Danziger Juden den Boykott mit Gegenboykott beantworten. Das Zoppoter Kasino wird von Juden nicht betteten, Juden kaufen keine deutschen Waren. Die Spannung dauert an. Die im Dritten Reiche durchgeffihrten antisemitischen Maßnahmen, die Kennzeichnung von Geschäften als arisch, das Aufenthaltsverbot für Juden.in bestimmten Lokalen, werden jetzt in Danzig mit Schärfe durchgeführt. Die Schließung von Geschäften infolge Abwanderung von Juden dauert in Danzig an. Polen protestiert Warschau, 1. November. (JTA.) Die offizielle polnische Telegraphen-Agentur meldet: Da im Verlaufe der aatijüdisehen Boykottaktion nationalsozialistischer Elemente in Danzig polnische Bürger Schaden erlitten haben, hat der polnische Generalkommissär im Senat des Freistaates eine Reihe von Protesten, unter anderem auch gegen die Passivität der Danziger Sicherheitsbehörden, eingebracht. Der Generalkommissär erhielt vom Senat die Versicherung, daß entsprechende Maßnahmen getroffen wurden, und daß die Fälle von Ausschreitungen gegen polnische Bürger schnell untersucht werden. Außer polnischen Bürgern jüdischer Abstammung sind unter den Opfern der Ausschreitungen auch christliche Polen, unter ihnen eine Reihe Eigentümer polnischer Geschäftsläden und Restaurationen. Völkerbundkommissär Inter* veniert nicht Warschau, 2. November. (JTA) Eine Reihe auswärtiger Persönlichkeiten ersuchte den Völkerbundkommissär für Danzig, Prof. Burekhardt, um Einschreiten ta Zusammenhang mit den Pogromen auf dem Gebiete des Freistaates. Der Hochkommissar ließ erklären, er sei außerstande, zu intervenieren, da es sieh um innere Angelegenheiten des Freistaates handelt, und lehnte es ab, die Delegation zu empfangen. Förster verlangt Boykott Nach Mitteilungen des Deutschen NachrichtenbttroB erklärte Gauleiter Albert Förster am Montag abends in mehreren Versammlungen, er komme eiben von Hitler und überbringe dessen Grüße an Danzig; bald werde das Hakenkreuz Staatsfahne Danzigs werden. Förster kündigte die weitere innere Angleichung Danzigs an die Gesetze des Dritten Reiches an. Man werde die Juden nicht durch Einschlagen von Fensterscheiben beseitigen, vor allem sei es notwendig, daß deutsche Hausfrauen nicht mehr bei Juden einkaufen. Warburgs Testament New York, 1. November. (JTA.) Da« vom Februar 1935 datierte Testament Felix M. Warburgs ist von dem Testaments- Verwahrer Sol. M. Stroock zur Eröffnung eingereidht worden. Das größte Legat, das Warburg für eine öffentliche Einrichtung bestimmt hat, beträgt 50.000 Dollar. Diesen Betrag soll der Verband der jüdischen WoMfahrtsgesellschaften in New York erhalten. Außerdem sind neun weitere Institutionen mit insgesamt 57.000 Dollar bedacht Warburg hat in den letzten 15 Jahren etwa J2 MÜBenen Dollar Über Institutionen? | und Gesellschaften in den verschiedenen Ländern zugeführt. Die Witwe erhält den Grundbesitz, die- Gegenstände seines persönlichen Gebrauchs und seine graphische Sammlung. Für jedes Kind sind 250.000, für jedes der acht Enkelkinder 100.000 Dollar bestimmt. Der Schwiegersohn Walter Rothschild erhält 50.000 Dollar. Testamentsvollstrecker sind die Witwe und die beiden Söhne Frederic und Paul. Andere Mitglieder der Familie Warburg erhalten 150.000 Dollar. Die B eamten des Bankhauses Kuhn, Löb & Co. bekommen je nach der Länge der Dienstzeit Beträge bis zu 2000 Dollar. Polnische Kulturbilder: Jüdischer Arzt bei der Operation mißhandelt Warschau, 1. November. (JTA.) In der Kinderklinik des Professors M i c h a 1 ow i c z hat sich ein bisher in der Geschichte der Hochsohulexzesse nicht dagewesener Fall zugetragen. Der Assistent Dr. Altermann hatte eine Operation durchzuführen. Das Kind lag bereits auf dem Operationstisch, der Operateur wollte in Gummihandschuhen und Maske eben mit der Operation beginnen, als die Türen des Operationssaals aufgerissen wurden und eine Bande von Nationalradikalen sich auf den Operateur stürzte. Dr. Altermann wurde d i e Maske abgerissen und er wurde mit Stöcken blutig mißhandelt. Die Exzedenten riefen: „Ein schmutziger Jude darf in Polen nicht operieren!“ Unter den Patienten und dem Pflegepersonal der Abteilung brach eine Panik aus. mehrere Schwestern fielen in Ohnmacht. In höchster Erregung stürzte der Leiter der Klinik, Prof. Michalowicz, herbei und forderte die Eindringlinge auf, das Haus sofort zu verlassen. Er begab sich sodann zum Unterrichtsminister, um Beschwerde zu erheben und Zusicherungen gegen eine Wiederholung derartiger Ausschreitungen zu erlangen. „Kurier Powszechny“ in Wilna meldet, daß der Chemieprofessor an der dortigen Universität, M i c h a 1 s k i, den jüdischen Studenten, die mit ihren nichtjüdischen Kollegen zusammensaßen, zu Beginn seiner Vorlesung zurief: „Juden, hinweg von den christlichen Bänken.“ Rektor der Universität Lemberg zoriiekgetreten Der Rektor der Universität Lemberg, Professor Kulszinski, hat sein Amt niedergelegt. Der Umversitätssenat hat seinen Rücktritt vorläufig nicht zur Kenntnis genommen. Prof. Kulszinski hat sieh zu seinem Schritt infolge schwerer judenfeindlicher Ausschreitungen an der Lemberger Universität veranlaßt gesehen. Der Rektor hatte den engeren Senat einberufen, um über Strafmaßnahmen gegen die nationaldemokratische Studentenschaft zu beraten. Als es sich zeigte, daß ein Teil der Mitglieder des Senates gegen derartige Maßnahmen war, erklärte der Rektor seinen Rücktritt Prof. Kulszynsk] hatte sich gegen die Einführung des Hochschulghettos ausgesprochen und wurde deswegen von den nationalistischen Studenten in Flugblättern bekämpft. SO Professoren protestieren Warschau, 2. November. (JTA.) Fünfzig Professoren und Dozenten der Warschauer Hochschulen, unter ihnen eine große Zahl hervorragender Gelehrter, haben eine Protest.versammhmg gegen das Hochschulghetto abgehaiten. Viele andere Professoren haben schriftlich ihre Zustimmung gegeben. Der pädagogische Rat der humanistischen Abteilung auf der Warschauer Universität, hat den Rektor aufgefordert, die Verordnung über die Einführung der Ghetto-Bänke zurückzuziehen, da diese Verordnung der Verfassung widerspreche und unsittlich sei In der Vorlesung des Prof. S u c h a r d t, auf der chemischen Fakultät wurden jüdische Studenten von Nationaldemokraten überfallen und mit Eisenstangen mißhandelt. Drei jüdische Studenten wurden so schwer verletzt, daß sie i n s Krankenhaus gebracht werden mußten. An einem von ihnen, Abraham Brunnwa s s e r. mußte sofort eine Operation vorgenommen werden. Sein Zustnad ist lebensgefährlich. Prof. Jost, der Zeuge der Ausschreitungen war, schritt nicht ein. Sechzig jüdische Schüler der B r u nschen Handelsschule sind wegen Teilnalune an dem allgemeinen jüdischen Proteststreik gegen die Ghettobänke ausgeschlossen worden. Die ausgeschlossenen Schüler können Individuen um ihre Wiederaufnahme ansuchen, müssen aber Einschreibegebühren und Schulgeld neu entrichten. Würdige Haltung der Eltern* schaft Nach dem Proteststreik gegen das Hochsehulghetto waren die jüdischen Schüler der Handelsakademie vom weiteren Unterricht suspendiert worden. Den vorgeladenen Eltern erklärte der Direktor, er sei bereit, die Schüler wieder aufzunehmen, jedoch unter der Bedingung, daß sie sich den Anordnungen des pädagogischen Rates fügen- Daraufhin gaben die Eltern zur Antwort, daß die Schüler sich solchen Anordnungen nicht fügen würden, falls sie für die Juden beleidigend sind. Ein grausames Schicksal hat uns einen unserer Besten, unseren lieben Freund EDWIN BRÜCKNER >ih entrissen. Wir werden das Andenken an Dich stets ehren und Dir ein bleibendes Denkmal setzen I Wien, am 30. Oktober 1937. Brith-Bilu Blau-Weiß Hechalux Das „Schwarze Korps11 droht den Wiener Juden Das Berliner „Schwarze Korps“, das Organ der SS., hat einen Sonderberichterstatter nach Österreich entsandt, der über die Juden folgendes berichtet: „Die Juden finanzieren je nach Bedarf vaterlandslose oder vaterländische Fronten. An der Wiener Universität bevölkern 5000 Judenjünglinge die Hörsäie. Im zweiten Bezirk wird Heulen und Zähneklappern sein unter den heutigen heimlichen Herrschern des Donaustaates und sie werden die Frechheit bereuen, daß sie nicht rechtzeitig einen Auslandspaß neben das Mitgliedsbuch der Vaterländischen Front gelegt haben.“ Weitere Einengung des Lebensraums der deutschen Juden Am 30. Oktober begann in Berlin unter der Führung des nationalsozialistischen Wirtechaftspolitikere Bernhard Köhler dm große gemeinschaftliche Tagung aller NSDAP-Wirtscäaftsstellen, Im Vordergrund steht ehe Judenfrage, die in den letzten Tagen schon in der Berliner und der Provinzpresse eingehend erörtert worden ist. Der „Völkische Beobachter“ tritt gegen eine zu weite Auslegung des Grundsatzes auf, daß die wirtsehötliche Betätigung der Juden ungestört bleiben soll. Juden dürfen nicht Handelsagenten sein, da diese mit allen Volksteilen in Berührung kommen. Die Thüringer „Gauzeitung“ berichtet über die bereits weit vorgeschrittene Ausschaltung der Juden aus dem Getreidehandel. Die Essener „Nationalzeitung“ wendet sich gegen die jüdischen Auslandsvertreter der deutschen Exporteure. Diese Blättersttamen geben einen erschütternden Rahmen für die Diskussion der Judenfrage bei der Tagung. „Mathilde“, Verein zur Bekleidung armer jüdischer Schulkinder, veranstaltet am Samstag, den 8. d-M., 8 Uhr abends, im Festsaal des Hotel Continental, Taborstraße 6, eine Wohltätigkeitsafcademie mit Tanz. Beginn der Vorträge K9 Uhr abends. Das Reinerträgnls dient zur BefcWfcmg armer jüdiecäjet Kinder, Jüdischer Kranz im Berliner Ehrenmal Berlin, 1. November. (JTA.) Seit Donnerstag nachmittags lieut am Ehrenmal Unter den Li n d e a. unweit des von Mussolini dort niedprgelegten Kranzes, ein neuer Kranz, dessen Bänder in englischer Sprache die Aufschrift tragen „Jüdische Kriegsveteranen. Posten Nr. 18, Maurice Krumholtz“. Dieser Kranz wurde vorgestern von dem jüdischen Mitglied der American Legion, Isidor Gennett aus NewY ork-Bronx. niedcrgelegt der sich hierzu nicht nur die Zustimmung der Berliner Militärstellen, sondern auch die Stellung einer Ehreneskorte verschafft hatte. Als man dann die jüdischen Bänderaufschriften entdeckte, wurde Gennett zur Polizeistation beordert, dort drei Stunden lang verhört, dann aber freigelassen. Gennett ist nach Paris abgereist. Bisher wurde der Kranz nicht entfernt. Antisemitenversammlung in Innsbruck verboten Wie das „Vorarlberger Tagblatt,“ meldet, ißt am 25. Oktober eine vom Antisemitcnbund in Innebruck einberufene Versammlung verboten worden. Die aus Wien angekommenen Redner Karl Peter und Hubert. Endetnann wurden schon auf dem Bahnhof von dem Verbot verständigt und zur Rückfahrt mit dem nächsten Zug aufgefordert. Das zitierte Blatt fügt der Meldung eine, längere Betrachtung bei, in der Innsbrucker jüdische Geschäftsleute mit Namen und deutlicher Ortsbezeic-hnung angeführt werden. Diesen Steuerzahlern kann nichts weiter vorgeworfen werden, als daß sie keine Arier sind. Das Bregenzer Blatt allerdings sieht in ihrem Dasein den Beweis, daß es in Tirol eine Judenfrage gibt und schließt mit der Bemerkung: „Es ist schon an und für »ich ein erschreckender Umstand, daß die jüdischen Kreise in Tirol so viel Einfluß haben, daß sich Männer dazu hergeben, die jüdischen Interessen gegen ihre eigenen Volkszugehörigen zu vertreten, und zwar noch so radikal. Diese Handlungsweise gibt wohl Raum zu Bch—limmen Befürchtungen. Dieser Tatbestand allein schon beweist, wie dringend es wäre, auch in der Provinz die Juden frage aufm werfen.“ * Bürgermeister Schmitz zur Rassentheorie Anläßlich der Budget-Beratung erklärte der Wiener Bürgermeister Schmitz im Stadtrat: „Wir stehen nicht, auf dem Standpunkt der radikalen Rassenlehre; wir sind vielmehr der Überzeugung, daß es möglich ist, mit Hilfe geistiger und moralischer Kräfte die meisten Menschen dazu zu bringen, gewisse ererbte Schwächen zu überwinden.“ Die Volksschule der Kultus* gemeinde Die Eltemvereinigung an der Volksschule der Israelitischen Kultusgemeinde, II., Castelligasse 35, hat iu der kürzlich stattgefundenen Generalversammlung folgende Resolution beschlossen: Am Beginne des dritten Jahres des Bestandes der Jüdischen Volksschule fühlt sich die Elternschaft bemüßigt, dem Vorstände der IsraelitischenKultusgemeind e als dem Schulerhalter ihren wärmsten und herzlichsten Dank dafür auszusprechen, daß er diese Schule in mtistcrgültiger Weise eingerichtet, für die Anstellung tüchtiger und gewissenhafter Lehrkräfte gesorgt und alle übrigen für einen modernen Schulbetrieb notwendigen Mittel beigestellt hat. Die Elternschaft ist stolz auf die Volksschule der Kultusgemekie und ist überzeugt, daß dieselbe nicht nur für die unmittelbar an ihr interessierten Eltern, sondern auch für das übrige jüdische Wien einen großen Gewinn bedeutet. Die Schaffung dieser Schule, in welcher in so vorbildliche Erziehungs- und Unterrichtsarbeit in jüdischem Geiste geleistet wird, gehört zu den unvergänglichen Verdiensten der Wiener jüdischen Gemeinde. Diese harmonische Entwicklung uns. res Schulwesens berechtigt, die Elternschaft zu der Hoffnung, daß der Kultusvorstand den weiteren Aufbau der Schule in der bisher gcHodhnhten Wiese vollenden wird, um die kulturelle und erzieherische Wirksamkeit des jüdischen Schulwerkns auf die Höhe zu bringen, welche den Bedürfnissen der großen jüdischen Gemeinde Wiens entspricht. Vortrag Dr. E. N. Zweig in der WIZO. Mittwoch, den 10. November 1937, 5 Uhr in der _tag 25. Thema* „Die jetege gituatkm im Lande“, nachmittags, spricht Dr. E. N. Zweig Zentrale WIZO fan Heime I.. 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