Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 676 (14.9.1937)
- Date
- 1937-09-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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^Siuttme y.b.b, 20 S JÜDISCHE ZEITUNG Nr. *7* Wien, Dienstag, 14. September 1937 * 9. Tischri 5698 11. Jahrgang Warner Bros, bringen: Flucht aus SAN QUENTIN PAT O’BRIEN, HUMPHREY BOGART Ab Freitag: Rotentutm-Kino, I. Schottenring-Kino, I. Masaryk Wien, 13. September. Thomas Garrigue Masaryk liegt im Sterben. Sein Tod bedeutet Schmerz für die Menschheit, soweit sie noch von den Grundsätzen beherrscht ist, nach denen der Weise, Gerechte, Ehrliche gelebt hat. Er war ein Bekenner und Verfechter der Wahrheit und in seinem Mund war das Wort vom Frieden und von der Verständigung lebende Tat. Nicht Macht, nicht Waffe, nicht Gewalt entscheidet, hat er verkündet, der Geist siegt, die ewige Idee vom Recht und der Freiheit. Und wer in der Welt noch an diese beiden Grundpfeiler des Lebens glaubt, hat heute Ursache zu tiefem Leid. Denn Masaryk ist einer von wenigen gewesen von denen, für die die Humanität die einzige Richtschnur für das Dasein bedeutet. Aus ärmlichsten Verhältnissen ist er hervorgegangen. Der Sohn einer Dienstmagd und eines Kutschers ist Universitätsprofessor, führender Gelehrter, Politiker, Diplomat und Staatspräsident geworden. Er hat eine Laufbahn durchmessen, die ungewöhnlich ist, aber doch nicht wie bei anderen, die heute im Vordergrund des Öffentlichen Interesses Stehen, den Eindruck der überraschend schnellen Entwicklung macht. Masaryk ist methodisch, nach den Lehrsätzen seiner soziologischen Wissenschaft, vorwärtsgeschritten, hat geduldig Rückschläge uni Anfeindungen ertragen, nie aber das Ziel, *u&. dm Augsji .verloren;, sein Volk für die Freiheit zu erziehen und in die Freiheit zu führen. Als er in die Politik eintrat, war der Kampf der Tschechen um ihre Geltung innerhalb der österreichischen Monarchie eher sozial als national akzentuiert. Es war der Kampf einer Proletariemation um den Weg zur Höhe, und so ist auch Masaryks erstes Wirken eine sozial getönte Verbindung zwischen Arbeitsreoht und Volksgefühl. Er hat den Traum seiner Jugend erfüllt. Er hat die tschechische Nation für die Demokratie vorbereitet, die Jugend geschult und ihren Idealismus angefacht — bis sie und er zu einer Einheit verwuchsen, die sich dann das Tor zur Freiheit öffnete. Ein unbeirrbares Rechtsempfinden, ein jedes Kompromiß ablehnendes Gefühl für Sauberkeit und Gerechtigkeit hat diesen Mann, diesen stillen, bescheidenen, anspruchslosen Forscher dazu getrieben, die Gelehrtenstube zu verlassen und sich mit allem Fanatismus in den Streit der Meinungen zu werfen. Popularität galt ihm nichts, nur das Gebot der Wahrheit. So trat er in dem Streit um die Königinhofer Handschrift gegen die ganze Nation auf und ließ sich nicht zurückhalten, mit dem ganzen Rüstzeug philologischer und historischer Analysen die Fälschung des Vaclav Hanka öffentlich nachzuweisen. So ging er auch in die Periode, die eigentlich den Beginn seiner politischen Tätigkeit darstellt, in die Hilsner-Affäre. Masaryk war kein Philosemit, wie ihm dies von den deutschen Antisemiten wie von den jüdischen AssimÜanten nachgesagt wurde. Er stand dem Judenproblem in vollster Unbefangenheit, in einer eher nicht wohlwollenden Objektivität gegenüber. Aber er konnte es nicht ertragen, welche Schmach für jede Rechtsübung und für jedwede Ehrlichkeit dieser Ritualmordprozeß bedeutete, in dem von Anfang an Indizien gefälscht, entstellt, willkürlich zusammengetragen worden waren, um den armseligen Schuster in Polna und mit ihm die gesamte jüdische Gemeinschaft zu diffamieren. Der Prozeß in Kuttenberg wurde auf der Basis einer total falsch instradierten Untersuchung geführt. Wichtiges Beweisjnaterial, dag zugunsten des Angeklag- Neue Palästinapläne England« Genf, 13. September. (JTA.) Die nichtöffentliche Sitzung, mit der die 39. Tagung des Völkerbundrates eingeleitet wurde, war der Festsetzung des Beratungsprogramms gewidmet. Der englische Außenminister, Sir Anthony Eden, teilte mit, daß er namens der britischen Regierung im Rate am Dienstag, 14. September, wenn der Palästina-Bericht der Mandatskommission zur Erörterung stehen wird, wichtige Mitteilungen abgeben werde. Der rumänische Außenminister Antonescu, der der Berichterstatter über das Palästinamandat ist, schlug die Wahl eines eigenen Ratskomitees vor, das sich eingehend mit dem Bericht der Mandatskommission zu befassen haben wird. Der Vorschlag Antonescus wurde von dem polnischen Außenminister Oberst Beck und von Eden unterstützt. Der Vorsitzende des Rates, N en, wurde vom Council einstimmig ermächtigt, innerhalb der nächsten Tage ein solches Komitee einzusetzen. gewissen Völkerbundkreisen will man Edens Ankündigung „wichtiger Mitteilungen“ so verstanden haben, daß der britische Außenminister am Dienstag mit einem neuen, konkretenPalästina-Plan hervortreten wird. Shertok zu den t Tel-Aviv, 13. September. (JTA.) I11 einer Tel-Aviv abgehaltenen Massenversammlung erklärte der Leiter des politischen Departements der Jewish Agency, Mosche Shertok, über die Ereignisse der vergangenen Woche in Palästina u. a.: Wir wissen nicht, wer die acht Araber ermordet hat, die in der Nähe jüdischer Städte, Stadtviertel und Kolonien tot aufgefunden worden sind. Unter allen Möglichkeiten, die 1 Unruhen: Selbstbeherrschung, aber nicht Untätigkeit diese Araber von jüdischer sind. Sind sie oder auch nur einige öder ein einziger von ihnen von Juden ermordet worden, dann müssen wir klar und unzweideutig erklären: Man kann die Gefühle, die eine jüdische Hand zu einer solchen Tat getrieben haben, verstehen, man kann diese Gefühle sogar rechtfertigen; wir haben es aber nicht mit Fragen des Gefühls, sondern mit der Schicksalsfrage eines Volkes zu tun. Wir sind eine Gemeinschaft, die eine schwere Verantwortung für ein ganzes Volk und für kommende Generationen trügt. Wir dürfen uns deshalb nicht von Augenbiicksinstinkten umnebeln lassen, die uns vom rechten Wege führen können. Das Jahr 1936, fuhr Shertok fort, haben wir im Zeichen der Selbstbeherrschung durchlebt; das bedeutet nicht, daß wir jeder Aktivität entsagten. Jeder Angriff stieß auf Widerstand, aber die Selbstbeherrschung ließ es nicht zu, daß man an einem Araber Rache nahm, weil er Araber ist. Shertok wies darauf hin, daß die Haltung der Juden im Jahre 1936 zu einer Reihe positiver Ergebnisse geführt hat, wie Aufrechterhaltung der Einwanderung und Aufstellung eines von der Regierung bestätigten bewaffneten Verteidigungskorps. Mit dieser Haltung habe man gezeigt, daß auf der einen Seite ein Volk steht, das nur den Frieden will, und auf der anderen Seite Elemente, die nur darauf ausgehen, ihn stören. > -SmaSi, <fe** wir gezeigt iMma, eagt»': Shertok, daß wir die Angegriffenen sind, haben wir nicht verlangt, daß andere uns schützen. Wir haben Selbstbewaffnung gefordert, un? uns zu verteidigen, um Angriffe zu verhindern, um Verbrecher zu verfolgen, nicht aber, um Unschuldige leiden zu lassen. Auch jetzt, selbst wenn Araber von jüdischer Hand gefallen sein sollten, kann man sagen, daß dies nur eine Reaktion war; aber es ist nicht gut, wenn man es so weit kommen läßt, daß man sich verantworten muß. Wir werden weder uns noch andere davon überzengen können, daß es für schön ist und unser Selbstvertrauen stärkt, wenn Araber sieh fürchten müssen, an einem jüdischen Stadtviertel vorbeizukommen. Solche Taten kann man nicht in eine. Reihe stellen mit den Heldentaten von Tel- 0 h a j, mit der Verteidigung von Jerusalem usw. Palästina hat eine Tradition der Wehrhaftigkeit, von Petach Tikwa und den Bilu-Kolonien angefangen bis zum Haschomer und der Hagana. Aber Angriffe auf unschuldige Araber in oder bei jüdisc' ten sprach, war verschwunden. Das Obduktionsprotokoll über die Leiche der Agnes Hruza, das von zwei Landärzten angefertigt war, wies handgreifliche Unrichtigkeiten auf. Ein voreingenommener Gendarm, ein getaufter Jude namens Aufrichtig, Geschwätz von tratschsüchtigen, stumpfen Hökerinnen legte die Behörde den Geschworenen vor und immer wieder wurde von dem Blut gesprochen. Eine „Kommission“ Wiener Christlichsozialer unter Führung des Gemeinderates Hans Arnold Schwer trieb sich in den Wäldern zwischen Iglau und Polna herum, sammelte Material und ließ den schwachsinnigen Bruder Hilsners im Alkoholrausch Dinge aussagen, „bei denen die Haare zu Berg stiegen". Die Figur eines rothaarigen, hinkenden Juden wurde erfunden, der mit einem Schächtmesser durch die Nächte des Dorfes geisterte. Hilsner wurde zum Tod verurteilt. Und das, was in der Untersuchung, in der Durchführung des Prozesses an kriminellen Verfälschungen geschehen war, was dann die tschechische Bevölkerung bis zum Wahnsinn trieb, fand Masaryk unerträgheh: Er ging nach Polna und nahm selbst eine Untersuchung vor. Ihr Ergebnis legte er in der Schrift „Die Notwendigkeit der Revision des Polnaer Prozesses“ dar. Die Revision wurde angeordnet. Aber da lastete man dem Hilsner einen zweiten Mord auf. Man entdeckte Knochen, die angeblich von einer verschwundenen Bauerndirn namens Klima stammten. Es kam zum Prozeß in Pisek und wieder wurde Hilsner verurteilt, dann zu lebenslänglichem Kerker begnadigt. Die Amnestie des Jahres 1919 öffnete ihm die Tore zur Freiheit. Masaryk aber war verfemt. Er wurde von seinen Studenten im Hörsaal des Prager Klementinums niedergeschrien. Seine Tochter wurde beleidigt. Schließlich verließ er Prag, aber nur für kurze Zeit. Er kam zurück und nahm mit allem Ungestüm den Kampf für die Reinigung das Rechtsgefühles auf. Dieser Idealist, der an das Gute im Menschen glaubt, nannte seine Partei die Realisten. Er verband - nach dem Vorbild der großen englischen Forscher, an denen er sich gebildet hatte, Wissenschaft, Wahrheit und Politik zu einer Einheit. Er trat für die Autonomie der Nationen Österreichs ein und nahm auch lebhaftestes Interesse an den nationaljüdischen Bestrebungen, die er Siedlungen würden diese Tradition verletzen. Wir werden dies nicht, zulassen. Die vor uns stehende schwierige Epoche erfordert, daß wir unsere Positionen mit ruhigem Mut wahren, nicht aber durcli unverantwortliche Taten gefährden. Jude aus Oesterreich ermordet Jerusalem, 12. September. (JTA.) Auf der Hauptstraße bei N a h a 1 a 1 wurde am 9. d. M. der 21jährige österreichische Jude Willi Weiß von Banditen getötet; der 30 jährige Michael Dubowsky wurde schwer verletzt. Das Auto, in dem sich Weiß als Passagier befand und das von Michael Dubowsky gelenkt wurde, wurde auf der Straße Haifa—Nazareth bei Nahaial von fünf bewaffneten arabischen Banditen angehalten, die den Insassen 30 Pfund abnahmen und sie dann passieren ließen. Kurz darauf wurde das Auto nochmals angehalten. Als Weiß und Dubowsky zu flüchten versuchten, wurden mehrere Schüsse auf sie abgegeben, durch die Weiß getötet und Dubowsky verwundet wurde. Die Regierung hat eine Prämie von 10 0 0 Pfund für die Eruierung der Mörder von Willi Weiß ausgesetzt. Jahren wandert« ein Wilhelm Weisz aus Wien nach Palästina ans. Er teilte, wie wir erfahren, seinem Bruder in Wien telegraphisch mit, daß es sich bei dem Mord an dem angeblichen österreichischen Juden Willy Weiß nicht um ihn handle. Ein. Willy Weiß aus Österreich ist. außer MATZNER & Co. Gegründet 1910 Bankgeschäfte aller Art Wien, I., Wipplingerstraße 25 Tel. U 22-4-63 Börse U 23-0-21 Der Tel'Avlver Haien Tel-Aviv, 10. September. (JTA.) Die Menge der im August 1937 im Hafen von Tel-Aviv gelöschten und verladenen Güter betrug 10.925 t. gegenüber 8985 t im vorangegangenen Monat und 2694 t, im August 1936. Eingeführt wurden im August 10.560 t, ausgeführt 365 t gegenüber 8544 t.. beziehungsweise 441 t im Juli. 51 Dampfer und 5 Segelschiffe mit einer Nettotonnage von 75.000 t haben im August im Hafen von Tel-Aviv geankert. von seinem hohen ethischen Empfinden aus für berechtigt erkannte. Und von da führte ihn der gerade Weg der Logik bis zur begeisterten Annahme der zionistischen Argumentation. Was er im Krieg für die tschechische Nation geleistet hat, ist bekannt. Als der umjubelte Führer, als das anerkannte Oberhaupt zog er an der Seite Beneschs in Prag ein. Und nun wollte er nur mehr der Demokratie, dem Frieden dienen. Ein tief sittlicher Mann wandelte er sich wijder, wie in seiner Jugend, zum Bürger der Welt, ein legendes Vorbild für alle, die noch an freie« Menschentum glauben. Sein Verhältnis zum jüdischen Volk hat. sieh vertieft. Er hat immer den Kan pf der Zionisten um Land und Freiheit und Recht verstanden, hat Palästina besucht und ist voll tiefer Freude durch die Siedlungen geschritten, insbesondre, durch Nuris und Chefzibab, wo Juden aus der Tschechoslowakei arbeiteten. Ihnen hat der alte, gute Mann, der große Europäer, seinen Segen erteilt und sie gen :ißcn, das ganze jüdische Volk zu grüßen. Auch für uns wird Masarvk.s Todestag ein Tag der Trauer. Das Andenken des Gerechten bleibe zum Segen.