Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 6 (1918-1919)
- Issue
- 2 (9.1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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der Fluß, wie in schwere, graue Schleier gehüllt. An den äußersten . Stellen der Stadt schlugen Flammen ans. Zaghaft blickte ich die graue Gestalt an meiner Seite an, ihr Kleid schien gewebt aus den Schleiern, die die Stadt verhüllten. Ich wollte sprechen, aber kein Wort kam über meine Lippen. Das Leid jedoch hob seinen Arm nnd sprach: „Die Stadt sollst Du sehen mit meinen Augen, denn heute bist Du in meiner Macht, da Du mir gestern ins Antlitz gesehen. Das Grane ist mein und die Flammen gehören meinem Bruder, dem Haß. So sieht Deine geliebte, sonnige Stadt ans. Doch nicht ich habe das verschuldet. Denn weit von hier wohnte ich auf meiner Insel, als die Menschen unter der Herrschaft der Liebe lebten. Da kanr eine Zeit, wo Feinde der Liebe nahten. Ich sah den Ueberfluß goldbeladen auf seinem Schimmel vorbeireiten, hörte die Macht mit trotzig aufgeworfenen Lippen mit der Lüge, deren Körper glatt ist wie der eines Aales, böse Pläne schmieden. Und eines Tages sah ich über das Meer nach dem Lande der Menschen. Ich kannte sie nicht, und es begehrte mich nicht nach ihnen. Doch da scholl es klagend durch die Luft und iibers Meer schwebte zitternd die Gerechtigkeit. Ihr zarter Körper war entblößt und blutbesudelt. Sie aber sank zu meinen Füßen, hob klagend ihre Hände gen Himmel und rief: „Sic taten mir wehe, die Menschen, sie rissen mir das Gewand von meinen Gliedern und sagten, es geschehe in meinem Namen. Sieh! sieh!, ich wurde tödlich wund und nie mehr kehre ich zu ihnen znrück." Und weinend hob sie ihre»: gesenkten Kopf, starrte mit ängstlicher: Augen über das blaue Meer und schrie auf: „Weh, wehe, auch der Liebe haben sie den Krieg erklärt!" Und wie sie zitternd zn meinen Füßen lag, kam gebrochen die Liebe über das Meer geschwebt. Sie sagte nichts, sah mich nicht an, sank hin am Strande, kraftlos vor Verzwciflrmg. Wir zwei' standen lange und warteten, doch reglos blieb die Liebe, denn ihr Schmerz war groß. Am dritten Tage erhob sie sich nnd tonlos sagte sie: „Sie haben mich verstoßen. Ich bin heimatlos!" Das Leid erschauerte nnd sprach dann weiter: „Da erfaßte mich ein großes Mitleid und ich tröstete die Liebe: „Ich räume Dir meine Insel ein samt meinem Schlosse und gehe selbst unter die Menschen. Ich will bei ihnen bleiben, bis sie Dich in erlösen kommen." ltnb so kam ich" erzählte das Leid „und wohne unter den Menschen, denn sie haben die Liebe nicht gewollt." Als ich das Leid der Stadt an sah und die Flammen des Hasses, da erfaßte mich ein brennender Schmerz und heiß stiegen mir die Tränen in die Augen: „Verlasse, verlasse die Stadt, verlasse die Menschheit!" flehte ich. Doch das Leid schüttelte^ den Kopf nnd sagte nur: „Bis die Menschen die Liebe erläsen werden." Doch da geschah es, daß die Stadt unterhalb des Berges sich zn bewegen begann und alle die Straßen und Häuser, der mächtige Dom, sie alle wunderten immer weiter von mir und weiter. . Doch ich fühlte keinen Schmerz mehr, denn alles dort unten war mir fremd geworden; es war grau und voll des Leides. Und gleichgültig drehte ich mich um und wollte gehen. Doch das Leid neben mir zeigte auf ein Beet, daß ich nie vorher gesehen: Rote Blumen blühten darauf und grellblau waren die Früchte. Und das Leid erklärte: „Not blühen die Blüten des Lebens und blau leuchtet die Frucht des Todes. Wähle zwischen den beiden" Ich aber sah noch einmal hinab zu der einst so geliebten Stadt. Die aber war verschwunden Und grau klaffte ein großer, riesengroßer Spalt, umzüngelt von lohenden Flammen. Weit, in der weitesten Ferne saß die Liebe gebrochen und trostlos. 4«