Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1907)
- Date
- 1907-10-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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i '»■ H l * iiii||iiM[ ii lymi Jul, n| 11,1111,11 iiiniiijiy imii>|iii<n^ijl';'i"i>n »l'VjA'O.i.”'j 'Uillli^ Feuilleton-Beilage zu Nr. 40 des „Israelit" ver knlrel. 'euilleton. Erzählung von Friedrich Rott. 8) (Fortsetzung.) „Lassen Sie uns weiter gehen," sagte der Arzt, auf dessen Arm die Halbohnmächtige schwer lehnte, indem er sie langsam vorwärts geleitete,* ihr Gatte stützte sie von der andern Seite. Sie waren bis dicht vor das Bett gekommen und ließen die unglüMche Mutter in den Sessel gleiten, der vor demselben sich befand. Man sah von dem Verwundeten nichts als von dem rechten Auge an die eine Hälfte des Gesichtes und die Hände, die auf der Decke lagen. Der Arzt neigte sich über ihn, legte den Finger auf das eine Handgelenk und sagte laut: „Herr Gotthold, Ihre Eltern sind gekommen." Der Kranke regte sich nicht. Ob er schlief? Das Auge war nur halb geschlossen. -,Sprechen Sie zu ihm, reden Sie ihn an, vielleicht erkennt er Ihre Stimme." Gotthold neigte sich über das Bett und ries: „Albert, mein Kind, wie geht es Dir?" Aber seine Stimme bebte, war heiser, vollständig unkenntlich. Der Kranke regte sich nicht. Da fuhr die Mutter mit ihren Fingern liebkosend über die bleiche Wange des Verwundeten. „Wie geht es Dir, liebes Kind?" Sie hatte nicht sehr laut gesprochen, aber ihre Stimme war klar und hatte den gewöhnlichen milden, liebreichen Klang. Wie ein Lächeln zuckte es um die feingespaltenen Lippen des Verwundeten. „Mama," flüsterte er, „Du bist hier?" „Freilich bin ich hier, Bubi, unt> der Papa ist auch hier." „Papa? — wo?" „Hier bin ich, Albert, sagte der Vater, indem er die Hand des Kranken leise drückte. „Wir müssen uns doch nach unserem Kleinen umsehen. - Wie geht es Dir, liebes Kind?" „Danke, gut." „Hast Du keine Schmerzen?" fragte die Mutter. „Schmerzen? — Ich weiß nicht." Die Eltern sahen einander an und dann auf den Arzt. Dieser zuckte die Achseln. „Sie dürfen zufrieden sein, daß er Sie erkannt hat." „Mama", flüsterte der Kranke, während seine Hand wie suchend über die Decke glitt. „Hier bin ich, liebes Kind, was wünschest Du?" „Wo ist der Papa?" „Hier bin ich, Albert, was möchtest Du, Kind?" „Wo ist Jda? — Jda! — Jda!" Wiederum sahen die Eltern einander an. „Wer ist Jda?" fragte Gotthold, indem er sich vergebens bemühte, das Zittern seiner Stimme zu unterdrücken. „Ja so — ich weiß schon — Ihr wollt nichts von ihr wissen —" „Aber Bubi, sei vernünftig," wieder streichelte sie ihm liebkosend die Wangen, „wir wissen doch nichts von ihr — Du hast uns nie von ihr gesprochen." „Ich weiß schon — ich weiß schon — Theodor hat gesagt — ich dürfte Euch nicht damit kommen — weil — weil —" „Strenge Dich nicht an, Kind. Trachte nur gesund zu werden, dann werden wir alles überlegen." „Dann werdet Ihr zugeben, daß ich .sie heirate?" Der Arzt zog den Zögernden zur Seite und flüsterte ihm ins Ohr: versprechen Sie ihm alles — seine Minuten sind gezählt. Nur mit übergroßen Anstrengungen unterdrückte der Unglückliche einen lauten Aufschrei, er neigte sich über das Bett und nahm eine der zuckenden Hände, die rastlos hin und her über die Decke glitten: „Werde nur gesund," stammelte er, „ dann darfst Du heiraten, wen Du willst." „Jda!" flüsterte der Verwundete „Jda! — Jda! —" Noch ein tiefer -Athemzug, dann lagen die Hände ruhig, nichts regte sich mehr. Mehrere Minuten verstrichen' lautlos, dann wandte sich Frau Gotthold leise flüsternd an den Arzt. „Er scheint eingeschlafen zn sein." Der Arzt nickte zustimmend. „Wir dürfen ihn nicht stören, kommen Sie." Auf feinen Wink nahm Gotthold den Arm seiner Frau. „Komm' liebes Kind, der Herr Doktor wünscht nicht, daß wirhier bleiben." Willenlos ließ sie sich aus dem Zimmer führen, doch als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, blieb sie stehen. „Er ist allein — niemand ist bei ihm — wenn er erwacht. —" „Sorgen Sie nicht, gnädige Frau, er wird nicht erwachen." Sie blickte ihn betroffen an. „Wie können Sie das wissen?" Einen Moment zögerte er, dann aber sagte er mit Bestimmtheit: „Ich weiß es — und Sie können Gott danken, der ihn erlöst hat von den unsäglichen Qualen." Ein schriller markerschütternder Schrei entfuhr ihren Lippen, dann brach sie ohnmächtig zusammen. $ * * Als sie mit Bewußtsein die Augen wieder aufschlug, waren Stunden vergangen^ Sie lag auf einem Ruhebette, neben demselben saß. ihr zweiter Sohn und hielt ihre Hand. „Fühlst Du Dich jetzt besser, liebe Mama?" Ein schlecht unterdrücktes Aechzen war ihre Antwort: „Seit wann bist Du hier?" fragte sie leise. „Seit ungefähr andetthalb Stunden. Ich habe von Eurer Herreise erst erfahren als Ihr schon fort wäret. Ich mußte daher bis zum Abgang des nächsten Zuges warten. — Malwine wollte durchaus mit, aber ihr Vater hat es nicht zugegeben. — Ach, sie hat soviel geweint." Die Mutter wollte einige Worte erwidern, ihre Lippen bebten, aber, sie brachte keinen Laut hervor. Seltsam, seltsam! Das fremde junge Mädchen konnte weinen, aber sie, die Mutter und der Vater fänden keine Thränen, ihr Schmerz war allzu groß. — Und doch wären Thränen eine Wohltat für beide gewesen. Mit weit aufgerissenen Augen lag sie da und starrte ins Leere, mit wenigen, kurzen Worten die Fragen beantwortend, die ihr Sohn hin und wieder an sie richtete. Ihr Gatte aber schien noch mehr zu leiden als sie. Der baumstarke Mann war nahezu unkenntlich. Stumm schlich er umher, von einem Raum in den andern, Stunden verbrachte er in dem Laboratorium und starrte auf die Trümmer, die noch umher lagen. — Er schien wie abwesend, wenn man eine Frage an chn richtete schien er dieselbe nicht zu verstehen, wenn er' antwortete, hatte die Antwort meistens keinen Sinn. Es schien in ihm ein Etwas gebrochen, eine Saite gesprungen zu sein, oft hielt er die Hand gegen die Stirn gepreßt, sinnend, grübelnd — und doch außerstande das, worüber er sann, zu erfassen. Theodor wußte nicht, für wen er mehr zu fürchten hatte, ob für seinen Vater oder für seine Mutter. Doch als er den Vater ersuchte zu seiner Mütter zu kommen, da er in einer wichtigen Angelegenheit fortgehen müsse, da entsprach Gotthold der Aufforderung, setzte sich zu seiner Frau und nahm ihre Hand — doch keines sprach ein Wort. Am dritten Tag fand die Beerdigung statt. Malwine hatte es durchgesetzt, ihr Vater hatte mit ihr herfahren müssen, damit sie als Leidtragende sich an an der Begräbnisfeier beteiligen konnten. Laut schluchzend hing sie an der Mutter Hals, die noch immer keine Thräne finden konnte, der die aufrichtige Teilnahme des jungen Mädchens dennoch ersichtlich Wohltat. Es war Malwine auch gelungen, den Eltern das Versprechen zu entlocken, statt ihrer ursprünglichen Absicht die sieben Trauettage im Sterbehause zu verbringen, .schon am folgenden Tage die Heimreise anzutteten. Gern wäre sie inzwischen bei ihnen geblieben, doch das hatte ihr Vater nicht zugegeben, sie hatte mit ihm reisen müssen^ während ihr Bräutigam bei seinen Eltern ge-' blieben war, die erst am Nachmittag des folgenden Tages abreisen wollten. Frau Gotthold hatte darauf bestanden Vormittags das Grab des Sohnes zu besuchen.(Fortsetzung folgt). Für den Inseratenteil ist die Redaktion nicht verantwortlich,* insbesondere Ist es ansschllessllch Sache der Leser, die in Inseratenteil enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder sonstige Angaben rellglonsgesetzllchen Charakters auf ihre Zuverlässigkeit znprtfen. Jsraelitische StellenrermittlnngS'Centrale, Frankfurt a. Main. In folgenden Branchen sind bei uns z. Z. eine größere Anzahl offener Stellen von am Sabbath geschloffen haltenden Geschäften gemeldet: Mrtrchawdtwwge«, iMftumattn, Getreide nsb Ka«dr»prod«ktr, Mamrfaktirrivare». Geeignete Bewerber/wollen sich sofort melden. Die Vermittlung erfolgt kostenlos. f8978 Jsp. Stellenvarmittlungs-Centrale (Verein zur Versicherung gegen Stellenlosigkeit) Frankfurt a. HM.. Schfitzenetrasse 14.