Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 30-31 (12.4.1900)
- Date
- 1900-04-12
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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649 tdel fei der Mensch, hilfreich and gut! Dem 5eben nacherzählt von Klärchen Kahn, Wiesbaden. Der Rüsttag zum Sabbat war angebrochen. In den meisten jüdischen Häusern der Kurstadt wurden Vorbereitungen zu dem der Ruhe geweihten Tage getroffen. In einer ärmlichen, von den Reichen gern gemiedenen Gasse wohnte Frau Blümele. In deren Wohnung ging es traurig zu. — Ach, sie hätte so gerne, wi? in früheren Zeiten, ihrem kleinen Paul eine Sabüatfreude bereitet. Doch woher die Mittel nehmen? Sie hätte ja zu den reichen Leuten der Gemeinde gehen können, die waren wohl im Stande, von dem vielen herrlichen Spielzeug, welches ihre verwöhnten Kinder längst nicht mehr gebrauchten, etwas zu entbehren! Doch darum betteln— oder, wie der gebräuchliche Ansdruck heißt — schnorren — wollte Blümele nicht. Ja, wenn der freundliche Herr, welcher sie während ihrer langen Krankheit behandelt und nicht nur das, auch für kräftige Kost und Arznei gesorgt, wieder käme, der würde ihr rathen — helfen! Doch wozu nüch unnützen Gedanken hingrben, denkt di^ junge Wittwe, lieber sehen, daß ich etwas verkaufen kann, daß Paul wenigstens am morgigen Sabbat ein Stückchen Brod bei seinem Erwachen vorsindet. Auch hätte er ja ein warmes Winterjäckchen so nöthig — doch da muß ich erst viel verkaufen, bis ich das anschaffen kann. Frau Blümele küßt den schlafenden Kleinen, den sie der Obhut der Flurnachbarin anvertraut, nimmt ihren Pack und macht sich auf den Weg! Vergeblich steigt sie in vielen Häusern die Treppen hinan! „Wir brauchen nichts" und „kommen Sie wieder, wir haben jetzt keine Zeit," war die Antwort auf ihre Bitte, ihr etwas abzukaufen. „Sie wissen ja nicht, wie es einer armen, verlassenen Wittwe zu Muthe ist," sagte Frau Blümele vor sich hin, und ohne Groll geht sie weiter, treppauf — treppab. — Doch halt, war der Name auf diesem kleinen Schildchen nicht mit demjenigen ihres Wohlthäters identisch? Freudig zuckt es auf in dem verhärmten Gesichte der Armen, noch einmal liest sie den Namen, dann drückt sie auf die Schelle. Ein freundliches Mädchen öffnet! Einen Moment ist Blümele noch im Ungewissen, doch da öffnet sich eine Thüre und freundlich grüßend tritt ihr Derjenige entgegen, den sie so oft in Fieberträuinen und in wachem Zustande als rettenden Helfer gesegnet hat. Sie tritt ein — bringt stockend ihre Bitte vor. Durch den liebenswürdigen Arzt ausgefor'.ert, erzählt sie ihre ganze Leidensgeschichte! Wie sie in den ersten Jahren ihrer Ehe glücklich mit ihrem Manne gelebt, dieser jedoch später von Freunden zum „Spielen" verleitet, ihr bischen Vermögen durchgebracht, und dann in der Verzweiflung sich dem Trünke ergeben und schließlich im Elend gestorben sei, und wie sie nun durch ihrer Hände Arbeit sich und den kleinen Paul zu ernähren suche, was ihr aber sehr schwer falle. Gerührt durch die traurige Erzählung der Wittwe, verspricht der Arzt, ihr nach Kräften beizustehen. Dankend entfernt sich Blümele, nachdem ihr Wohlthäter ihr ein größeres Geldstück in die Hand gedrückt hatte, „lekowaud Schabbes," um Vorräthe für den Sabbat einzukaufen! Als sie nun zwar hungrig, aber doch freudig zu Hause ankommt, springt ihr Liebling ihr glückstrahlend entgegen. Er läßt seine Mutter kaum zu Worte kommen und erzählt in seiner kindlichen, treuherzigen Weise, daß in Blümeles Abwesenheit ein Herr dagewesen sei, der viele gute Sachen gebracht und auch ein beschriebenes Papier — keinen Brief — fügt der kleine Schelm noch hinzu, dazu gelegt habe. Der jungen Wittwe Freude war groß, als sie in dem Papier den so sehnlichst gewünschten, ihr von der Behörde versagt gebliebenen „Gewerbeschein" erkannte. Ihr Herz sagte ihr, wer der freundliche Geber sei und sie segnete im Stillen Gottes weise, unerforschliche Wege. Jetzt war sie geborgen. Mittels dieses Scheines und des ihr von dem menschenfreundlichen Arzte gespendeten Gelde konnte sie einen kleinen Laden eröff-