Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 27 (24.6.1915)
- Date
- 1915-06-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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/ Organ des Bundes gesefiesfreuer jödisdier Lehrer Deutschlands. i r/£ Die weitere Sehan-lung -er Vidlischen Geschichte auf -er Stufe -er Darbietung. 1.) „Die Kinder und das Volk lieben an der Geschichte besonders den epl'chen Gehalt, die an das Poetische grenzende Anschaulichkeit. Ihre mit poetischer Lebensauffassung gesättigte Phantasie versenkt sich ins einzelne... Sie verlangen von der Handlung Spannung, von der Darstellung epische Breite und plastische Zeichnung der Charaktere". •'•) Soweit der Bideltext in epischer Breite und plastischer Anschaulichkeit berichtet, ooer soweit die kindliche Anschauung für die volle Auffassung der vielfach auch in prägnanter Kürze gehaltenen Darstellungen reif ist, sind dem Lehrer Umfang und Wortlaut des Vortrages borgczeichnet. Wo aber die kindliche Phantasie mit dem reinen Bibeltexte noch keine klaren Porstellnngsbilder sich bauen kann — und das wird auf 'der Unterstufe öfter, aus der Mittelstufe bisweilen der Fall sein - da soll der darstellende Unterricht durch Uebersetzen des Abstrakten ins Konkrete, durch die Ausführung der Details, die die reifere Erfahrung des Lehrers „zwischen den Zeilen lesen" kann, dem kindlichen Auschauungsbedürsnis zu Hilfe kommen. Mit der Ausmalung des Quellenberichtes wird jedoch bis .zu einem gewissen Grade gegen die Treue des Textes verstoßen. Hält man hingegen an der Reinheit des Textes fest, so erfüllt die erste Darbietung (wenigstens in den unteren Klassen) ihren Zweck nicht. AuS diesem Konflikte befreit der folgende Ausweg: Wir halten daran fest ,daß die erste Darbietung eine phantasiemäßig-anschauliche Darstellung des Inhalts vermitteln soll, wobei wir uns klar darüber sind, daß alle erklärende Ausschmückung des Textes nur Vas Gerüste bildet, das zwar zur Ausführung des Baues notwendig ist, das aber sofort entbehrlich wird, wenn der Bau vollendet ist. In jenen Fällen ,in welchen wir aus pädagogischen Gründen, der Anschaulichkeit zuliebe, den Wortlaut des Bibeltextes wesentlich erweitert haben, lassen wir unmittelbar nach der ersten Darbietung eine Wiederholung des Vortrags durch den Lehrer folgen, welche sich im wesentlichen an "den Quellenbericht zu halten hat. Bei diesem Verfahren wird die ursprüngliche Abweichung vom Bibeltext umso unbedenklicher erscheinen, als ja auch die spätere Einprägung des Inhalts — und eventuell das nachträgliche Lesen der Geschichte im Buche — es nur mit dem reinen Quellenbericht zu tun haben, wobei nur die weitere Voraussetzung zu machen ist ,daß in die Hand der Kinder ausschließlich entweder die deutsche Bibel oder ein Geschichtsbuch gehört, das den wesentlichen Inhalt der biblischen Erzählungen nach dem objektiven Quellenbericht, unverfälscht durch subjektive Zusätze und Umschreibungen möglichst getreu wiedergibt. 2.) Nach der Darbietung des (relativ) reinen Qullenberichtes erfolgt die Wiedergabe der Erzählung durch die Kinder, was auf den untersten Stufen durch Abfragen des Inhalts, spätestens von der Mittelstufe ab, soweit möglich, durch sofortige freie Nacherzählung geschehen kann. Bei dieser Wiedergabe, ist abschnittsweise Behandlung am Platze. Innerhalb jedes Abschnittes erfolgt mit dem Abfragen des Inhalts (bei den Kleinen), beziehungsweise nach der ersten freien Darstellung eines Abschnittes durch die Kinder zugleich die Erklärung des Inhalts. Sie umfaßt a) den fachlichen (B o rstellungs-) Gehalt, d) den Gefühls - oder Stimmungsgehalt des biblischen Berichtes. Z A. Scheiblhuber, Kindlicher Geschichtsunterricht. Nürnberg, 1903. S. 131. > __ a* Die sachliche Erklärung wird umso leichter fallen je mehr der Lehrer bestrebt war, in der ersten, erweiterten Darbietung im Sinne der in den vor- I ausgegangenen Kapiteln geforderten Ausmalung di? Geschichte zu veranschaulichen. Denn auch in der Erklärung handelt es sich darum, die Auffassung zu vertiefen v alle begrifflich gegebenen Andeutungen sinnlich-lebendig zu machen, in die Sprache des konkreten Tatsächlichen zu übersetzen. Wir geben einige Beispiele: Abraham spricht zu den Männern: „Waschet Eure Füße!" (Würden wir so zu un,cren Gasten sprechen'?), weiter: „Ich will ein S t üAt Brot holen" — (das ist aber doch eine schlechte Bewiit'lng - Abraham scheint dockrecht geizig gewesen zu sein'.'?) Ich vermeide mit voller Absicht bei solchen Erörterungen die von der Didaktik geforderten sogenannten „formal-richtigen" Fragen. Die angeocutetcn Fragestellungen werden vielmehr in Ton und Mimik so von mir vorgetragen, als, ob ich selbst mich wundere über die Dinge, ^als ob ich selbst die Soche mir kaum erklären könne. Und die Wirkung? Es ist gar nicht zu sagen, welches Leben in die Klasse kommt, mit welchem Eifer alle bei der £mitD sind dem sinnenden Lehrer zu Hilfe zu kommen, lArt welcher Freude und mit welchem Mitteiluuasdraug ein jeder das „Problem" lösen Null. Und gerade das jst die rechte didaktische Kunst: Prnlem« so an die Kinder heranbringen, daß sie selbsttätig suchen und finden! Weitere Beispiele: Abraham bringt Milch und Fleisch; (zusammen?) - er steht bei ihnen, während sie essen — (hat wohl acht gegeben, wie sie essen, ihnen auf den Mund geichant?!) Welche Fülle reiner Beobachtungen läßt sich doch aus jeder Geschichte herauslesen, um damit in den kindlichen Erfahrungskreis hineinzuleuchten, zu klären, — und ber Gelegenheit zu belehren.' Ein anderes Beispiel: Lot bringt die Männer ins Haus, er bereitete ihnen das Mahl. (Und die Frau?) - sie aßen; (da wird doch wohl auch gesprochen worden sein? Wo kommt Ihr denn heute her? -- Von Abraham? Da wird doch Lot wohl auch etwas zu fragen haben!) Ein anderes Beispiel: Die Aeltesten von Jabes sprechen zu Nahas: gr'b uns sieben Tage Frist,... mir wollen Boten schicken. Die Boten kommen später wieder zurück. (Jabes war doch belagert! Wie ist es denn da möglich, daß die Aeltesten mit den Ammonitern sprechen und dje Boten durch den Ring der Belagerer kommen können?) Wir sehen das Volk bei seiner Arbeit auf dem Felde, in der Gerichtsverhandlung, im Kriege n.f.w. Alles Gelegenheiten, wo der Unterricht zu Vergleichen mit den gegenwärtigen Kulturverhältnissen und zur. Charakterisierung der damaligen geradezu drängt. Ob und inwieweit Erläuterungen schon durch die erweiterte erste Darbietung oder xrst in der nachfolgenden Besprechung unzubringen sind, das hängt von der jeweiligen Reise und dem Umfang der Erfahrung der Kinder ab. Jedenfalls soll das Detail, das die Kinder selbst finden können, dom Lehrer nicht gegeben werden. b.) Der Stimmungsgehalt der Geschichte soll in den Kindern lebendig werden. Die „vsychologische Vertiefung" rrilt in der herkömmlichen Stufentheorie erst nach der sachlichen Behandlung auf. Psychologisch ist dieses Verfahren jedoch nicht. Wenn nämlich der sinnliche Vorstellungsgehalt der Geschichte durch die Reflexion über die Motive der auftretenden Personen^ aus dem Bewußtsein verdrängt ist, steht das Kind nicht mehr mitempfiudend in der Situation drin. Zu vcrstandcsmäßiger Reflexion sind die Kinder im allgemeinen wenig fähig, sie erkennen ein Gefühl, ein seelisches Erlebnis, das als Motiv ausgesucht wird, am besten in dem Augenblick, in dem sie es eben erlebt haben, also wenn sie mitten im Nacherleben der Geschichte stehen. Das ist ober, wie bei der Darbietung, so noch einmal bei der anschließenden sachlichen Behandlung der ^äll. Also benenne man die Gefühle, Gesinnungen, Motive der Personen auch dann, wenn sie dem Kinde anschaulich find, d. i. also mitten in der sachlichen Behandlung, wenn die Gefühle erlebt werden. Da man Gefühle gar nicht erzeugen kann durch Reflexion über Gefühle, sondern nur durch sinnlich-rebendige Erlebnisse, gehört die Ausschöpsung des Ltimmungsgehaltes einer Geschichte zur unmittelbar anschließenden Besprechung, in welcher die bereits in der Darbietung erzeugte Stimmung noch einmal durchlebt, vielleicht vertieft wird. Neben diesen psychologischen Erwägungen spricht auch ein stofflich-sachliches Argument für die Verbindung von sachlicher und psychologischer Vertiefung. Die Gesinnung steht mit der Aeußerung oder Handlung der Personen in kausalem Zusammenhänge. Sauls Verhalten nach Ankunft der Boten von Jabes ist die Folge seines Mutes, die Reden, welche die zurückgekehrteu Boten gegenüber dem Belagerer führen, sind nur verständlich, wenn man weiß, was sie damit beabsichtigen. Gesinnung und Tat gehören also auch stofflich-sachlich zusammen wie Ursache und Wirkung; es ist nicht möglich, die Geschichte sachlich vertiefen zu wollen, wenn die Motive der handelnden Personen nicht bekannt sind. 3.) In der Behandlung der Geschichte wird vielfach so verfahren, daß nach der Erklärung eines Abschnittes, für diesen ein Dispositionspunkt gesucht und an die Tafel geschrieben wird. Man glaubt damit die Geschichte übersichtlicher zu gestalten und die Einprägung zu erleichtern. Auch diese methodische Forderung dürfte mehr nur für die prvfangeschichtlichev Derstellungen, welchen die straffe Einheitlichkeit der Handlung fehlt, am Platze sein; in der Biblischen Geschichte erübrigt fick das Entwerfen einer Disposition vielfach, weil das Geschehen in den Episoden des biblischen Berichtes, die wir als eine Erzählung bieten, in solch inniger Verkettung und in einem solchen Spannung erregenden Zusammenhang steht, daß eine Zerteilung der Erzählung in drei bis vier Abschnitte mehr ein Zerreißen eines, natürlichen Zusammenhanges bedeuter und hier die erkünstelte Disposition die Etüheil des Uederblicks nur stört und das Gedächtnis da, wo die Handlung von selbst vorwärts drängt, gar keine Hilfe braucht. Sollen Elisas Wundertaten in einer Erzählung, beziehungsweise i» einer Stunde geboten werden, so ist das eine Aneinanderreihung verschiedener Episoden, deren jede einzelne mit einem Stichwort überschrieben werde» mag. „Naamans Heilung vom Aussatz" oder „die Hungersnot in Samaria" werden die Kinder schon nach der ersten Darbietung im Zusammenhang erfassen, daß der Faden der Erzählung ihnen auch bei der Wiederholung nicht abreißt; hier ist eine Austeilung in Abschnitte nicht nötig. Handelt es sich um Aneinanderreihung statistischer Daten, wie z. B. bei einer Aufstellung der Reihe der Könige, dann sind Uebersichtstabellen zu empfehlen. 4? Mit der Ausschöpsung des sachlichen und gefühlsmäßigen Gehaltes der Geschichte durch die erläuternde Besprechung, an die sich entweder nach jedem Abschnitte oder erst nach der Gesamtgeschichte eine einmalige zusammenhängende Wiedergabe durch die Kinder anschließcn kann, ist derApperzeptions- P r o z e ß , zu Ende. Eine sofortige Einprägung der Geschichte durch wiederholtes Nacherzählen ist nur dann am Platze, wenn die Stufe der „Abstraktion" (ethische Vertiefung — Lehre) und damit zugleich die „Anwendung" sich erübrigt, andernfalls tritt dis Einübung aus noch zu erörternden Gründen zweckmäßig ans Ende der methodischen Behandlung. Wir möchten selbst die einmalige Wiedergabe nach der Erklärung unterlassen, wenn aus Grund der freien Nacherzählung nach der Darbietung der Beweis erbracht ... v.. ' -• ■ ' H :V: :r'Vt i L: .i 4 : r;(