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Der Israelit · 1915-06-24 · Heft 27 (24.6.1915) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 27 (24.6.1915)
Date
1915-06-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Leuilleton-Bsiiage M Nr. 27 des „Israslit." Keuillrto«. »-nVy’1 3n Sibirien. Aus dem Polnischen des Adam Szymanski. Es war — aber was liegt an der Jahreszahl genug, daß es war und daß es sich in Jakutsk in Sibirien zutrug, ein paar Monate nach meiner Ankunft in jener Hauptstadt des Eises. Das Alkohol-Thermometer zeigte 35 Grad Kälte (Reaumur), und mit Schrecken dachte ich an die meiner Nase und meinen Ohren bevorstehende Zukunft) denn, erst ganz kürzlich aus dem Westen importiert, legten sie heftig gegen diese aufgedrungene Akklimatisation Verwahrung ein. Ein dichter Nebel, aus Eisklystallen gebildet, ruht wie ein undurchdringlicher Schleier über der Erde, und das Licht der Sonne selbst wurde ohnmächtig, diese fürchterliche Mauer zu durchdringen. Die Dichtigkeit der Luft war derartig, daß in der Stille der Straße meine Ohren die entferntesten Töne vernahmen. Bald war es das metallische Klingen des S.bnees, bald das Krachen der Balken, die in der Kälte aufsprangcn, bald das dumpfe Getöse der Erde, die sich spaltet'' und Trauertöne aussticß ähnlich dem Klagegesang eines Einwohners des Landes. Die Hauptfrostzeit von Jakute k fing an. So schrecklich aber ist dieser Frost, daß die tödliche Kälte des Nordpols dagegen erblaßt. Dann erfaßt der Schauder das lebende Wesen- Mensch oder Tieres hat Bewußtsein von seinem Nichts) kugelt sich in sich selbst zusammen, kauert sich furchtsam, wie ein elender Hund, der von schrecklichen Doggen angefallen, weiß, daß der Kampf unnütz ist, daß er früher oder später unterliegen muß. Seit einer Stunde, faß ich an meinem Tisch vor meiner Arbeit) aber mein Tagewerk wollte kaum voranschreiten, unmerklich hatte meine Hand die Feder finken lassen, und mein widerspenstiger Geist suchte weit weit weg zu fliegen über die Grenzen des Schnees und der eisigen Schollen. Ich mochte mich ausschelten, wie ich wollte, mir die Ratschläge meines Arztes zu Hülfe rufen, der mich beschwor, mich nicht der Entmutigung hinzugeben/ ich war ohnmächtig,mich zu besiegen, der Kummer, von meiner Heimat entfernt zu sein, verzehrte mich. Wie oft, in den Tagen der Stärke hatte ich unnützerweise gegen niemals zu verwirklichende Chimären angekänipft! Heule kam die Versuchung roch stärker an mich, und meine Energie war verschwunden. So verjagte ich die quälende Vision des ewigen Schnees und Eises) meine Feder flog weit weg, und indem ich mich in eine Wolke Rauch ein hüllte, gab ich mich dem Fieber meiner Einbildungskraft h n und ließ in gigantischem Ritt meine stürmischen Gedanken mich hinwegtragen durch Wälder, Berge, Steppen und Flüfle. Ich durcheilte Länder ohne Zahl und längs meiner Irrfahrt sah ich vor meinen Augen unerhörte Wunder sich entrollen) kein Elend war mehr, keine Bosheit der Menschen, nichts als die Natur, in allem Glanz ihrer Pracht) und der Friede herrschte an den Ufern meines heimatlichen Stromes. Aber wie den Zauber dieser Bilder beschreiben! Goldene Ernten sah ich, feenhafte Wiesen, Wälder mit hundertjährigen Bäumen, die mir f' T T- * l C\ t. < * ’ 1 '• Rauschen der Aehrenwellen, das Zwitschern der Vögel, und riesige Eichen flüsterten miteinander, der Stürme lachend. Ich berauschte mich an dem Duft dieser balsamischen Wälder, dieser Wiesen, dieser Felder, die mir wie eine Mosaik von Blumen funkelten. Allmählich durchdrang mich die Heimatluft, alle meine Fibern waren in Schwingung versetzt, die warmen Sonnenstrahlen belebten mich, und obgleich draußen der Frost immer noch drauflos knirschte und mir seine scheußlichen Zähne wies, stand der Kopf mir in Sonne, und wie hypnotisiert, schaute ich ohne zu sehen, lauschte ohne zu hören. So sah ich nicht, wie meine Zimmertür aufging und ein Mann zu mir hereinkam. Ich bemerkte ihn nicht im dichten weißen Dampf, der sowie man auch nur die Türe aufmacht, in so großer Menge in die Häuser etndrtngt, daß es unmöglich ist, den Ankömmling zu unterscheiden. Ich schauderte nicht einmal unter dem grausamen Biß der Kälte, die sich frech in eine menschliche Behausung einstahl. Erst als ich neben mir ein lebendes Wesen verspürte, warf ich ihm mechanisch die alltägliche Frage hin, die man in Jakutsk zu stellen pflegt! „loch nado? Was soll's?" „Verzeihung, Herr, ich bin's Z mielotchem — ich handele mit kleinen Waren!" wurde mir geantwortet. Ich hob die Augen auf. Ich hatte, daran war nicht zu zweifeln, einen polnischen Juden vor mir, und trotz der eigenartigen Gewandung aus Ochsen- und Elennhaut, in der er vermummt war, hätte ich ihn doch unter Tausenden erkannt, an jener den Juden unserer kleinen Stadt eigentümlichen Art. Aber seine Erscheinung hatte den Faden meiner Gedanken nicht allzu gewaltsam zerrissen, aus dem Grund, weil — weit entfernt einen heftigen Gegensatz zu bilden — das vertraute Bild eines Juden meiner Heimat sich im Gegenteil meinen Gedanken anfchloß. Und ich blickte Mit einer gewissen Freude auf seine mir so bekannten Züge, während die paar Worte Polnisch, die er vorhin hatte einfließen lasten, angenehm meinen Ohren schmeichelten und die Illusion fortsetzten. Der Jude betrachtete mich einen Augenblick ohne zu sprechen,' dann lief er nach der Türe und fing an, sich rasch seiner Pelze zu entledigen. Nun erst kam ich vollständig wieder zu mir, und da ich mir dachte, mein kluger Landsmann habe mein Stillschweigen für eine Einwilligung genommen und wolle mir seine Ware zeigen, so beeilte ich mich ihn zu enttäuschen. „Um Gottes Willen, was tust du, mein lieber Mann? . . . Aber ich kaufe ja nichts; leg' nicht unnützerweise deine Pelze ab, und Gott führe dich weiter!" Der Jude besann sich einen Augenblick, zog seine docha *) zurecht, dann sich mir nähernd, sagte er mir rasch und mit stockender Stimme: „Ich weiß, Sie werden nichts kaufen, Herr! aber sehen Sie, ich wohne in diesem Land schon lange, lange .... Bis heute hatte ich nicht gewußt, daß Sie angekommen wären, denn kurzum, Sie sind doch aus Warschau, nicht wahr, Herr? Gestern erst Hab' ich erfahren, daß Sie hier sind seit vier Monaten. Bür Monate, wie schade, daß man mir es so spät gesagt hat! Ich wäre gleich gekommen! Heute Hab' ich mich aufgemacht, Sie aufzuspüren) und seit einer Stunde lauf ich. Ich bin am andern Ende der Stadt gewesen und bei einer Kälte! . . . hol's der Teufel! Wenn Sie mir bloß erlauben wollten, Ihnen einige Worte zu sagen . . . Herr. Ich werde Sie nicht lange stören". „Was willst du von mir?" *) Winterkleid aus doppelter Elennshaut, so daß , „Ich wollte .... plaudern ein wenig mit Ihnen, Herr!" Das erstaunte mich kaum. Ich war ihrer schon so vielen begegnet, der Leute aus allen Klassen, die „ein wenig plaudern wollten" mit einem Menschen, der aus der Heimat kam. Sie interessierten sich über die verschiedensten Dinge: es gab einfache Neugierige und Schwätzer, solche, die nur Nachrichten von ihrer Familie wollten und dann Politiker) aber unter diesen hatten schon viele sehr konfuse Ideen. Indessen im Allgemeinen übte die Politik auf alle eine besondere Anziehung aus. Das Verlangen meines Besuches erstaunte mich also kaum) so bat ich ihn doch freundlich, sich seiner Pelze zu entledigen und sich zu setzen. Der Jude strahlte. Bald war er mir an der Seite,' und ich konnte ihn nach Muße betrachten. Alle charakteristischen Züge seines Stammes waren in seiner Person vereinigt. Er hatte die starke, sehr gebogene und etwas auf die Seite geneigte Nase, die durchdringenden Augen, den spitzen und rötlichen Bart, die niedrige mit dichten Haaren umsäumte Stirne. Aber dieses blasse Gesicht, in dem sich das Elend abspiegelte, war von einem so offenen, herzlichen Ausdruck erhellt, daß ich mich zu ihm htngezogen fühlte. „Erst sage mir deinen Stamm, was Du hier tust und worüber du mich fragen willst!" „Ich heiße Sroul, Herr, Sroul aus Lubartow, Ihnen zu dienen. Euer Ehren wiffen vielleicht, daß Lubartow, eine kleine Stadt ist ganz nahe bei Lublin. Ich sage ganz nahe, obwohl bei uns zu Hause jedermann denkt, es sei sehr weit, und ich auch, ehedem, ich glaubte es auch) aber jetzt — fügte er mit Ueberzeugung hinzu — jetzt kenne tdj die weiten Entfernungen, und ich weiß, daß Lubartow ganz nahe ist, ganz nahe bei Lublin, neben dran, so zu sagen." „Bist du schon lange hier?" „Oh, sehr, sehr lange Herr! Ungefähr drei Jahre! . . . „Drei Jahre! .... Aber das ist ja kurz .... Es sind hier Deportierte seit zwanzig Jahren) und auf meiner Reise traf ich einen aus Wilna, der ist fünzig Jahre in Sibirien. Di.' können von einer langen Verbannung reden." „Es ist möglich, ich kenne ihre Geschichten nicht, aber was ich weiß, das ist, ich bin hier feit sehr lange. . „Bist du allein, daß dir die Zeit so lang erscheint?" „Ich bin hier mit meiner Frau und meinem Kind, einer Tochter. Ich hatte vier Kinder, als ich hierher kam) aber eine solche Reise tun ... soll der gute Gott meinen Feind davor bewahren! Gehen ein ganzes Jahr! Herr, Sie wiffen nicht was es heißt. „Tagesmärsche! Unterwegs sind drei meiner Kinder gestorben ... in derselben Woche — so zu sagen alle zusammen . . . Drei Kinder, das ist leicht zu sagen, das . - . . Und nicht einmal wissen, wo sie beerdigen, denn es gab keinen israelitischen Friedhof. Ich, ich bin Chassid Herr, — und er fügte leiser hinzu: Sie wissen wohl, was das heißen will. Gott straft mich!" Er schwieg stille, sehr bewegt. — „Steh' mal, mein Freund, man darf auch nicht Alles so schwarz sehen, und dann — was liegt dran, wo wir beerdigt sind: ist die Erde nicht überall des lieben Gottes?" Der Jude sprang in die Höhe, wie eine verbrühte Katze. „Des lieben Gottes?" rief er ... . „Wie? Des lieben Gottes? Was sagen Sie, Herr? . . ..... Aber das ist ja ein Hundeland hier! Tfu! Tfu!.Land Gottes! Schämen Sie sich, das zu sagen, Herr. Ein Land Gottes, was niemals aufthaut! .... Hier ist der Boden verflucht. Gott will nicht, daß Menschenwesen hier wohnen,' wenn er es wollte, wär' es nicht so! Es ist ein elender Boden .... ein verdammter Boden . . f . Tfu! Tfu!" (S«bluß folgt.)

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