Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 55 (10.7.1893)
- Date
- 1893-07-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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•* -v«-. -r: •' ' . ' « ' - -~ --‘ " f XXXIV. Jahrgang. Jfo FF. Der Israelit. Sin Gentrat-Hrgan für das orlhodore IudentHum. Begründet von I>r. Lehmann in Mainz. Montag, den 1«. Juli 5653 (1893). Leitender Artikel. Sprüche der Waler. Viertes Buch. LXXXII. Mainz, 9. Juli. ]i*6 Tny Nim in ^>P tnn ,iy s'n ,pn «in Ist Gott der Bildner und Schöpfer, der alles merkt, dann ist er auch unser Richter. So unermeßlich hoch die bildende und schaffende Kraft Gottes, sowie seine alles durchdringende Intelligenz ihn über unsere irdische, menschliche Sphäre erhebt, so nahe und innig sind doch die Beziehungen zwischen Ihm und jedem seiner Geschöpfe. Gottes Allmacht und Allwissenheit kann auch der speculative Denker begreifen und anerkennen. Daß aber diese Waltungen Gottes im Dienste des Richteramts stehen, das er über alle seine Geschöpfe ausübt, das ist eine weitere Stufe, zu welcher sich die bloße Spekulation über Gott nur selten erhebt. Um so eindringlicher wiederholt daher unser heiliges Schriftthum diese Wahrheit und legt sie uns in den mannigfachen Coltsequenzen nahe, in welchen sie zu Tage tritt. Gerade Gott in seiner heiligen, unerreichbaren Höhe wird uns als Vater der Waisen und für das Recht der Wittwe eintretenden Richter gelehrt, um uns das Bewußtsein so recht geläufig zu machen, wie Gottes Erhabenheit seine uns fürsorgende, überwachende Ltebesnähc nicht ausschließt. itsnp pyoa 's nvobs pi ü’Dirv. „Vater der Waisen, Richter der Wittwen ist Gott in seiner heiligen Hochstätte." (Ps. 68, V. 6.) in 's i't>< In dem Begriff Gott liegt auch die Garantie seiner Eigenschaft als Richter. Seine unser ganzes Vorstellungsvermögen um Himmelsfernen überragende Höhe schließt seine herablassende Nähe und Fürsorge für unsere kleinen menschlichen Anliegen aber nicht nur nicht aus, sondern dieses auf das Geringste und Unscheinbarste gerichtete Augenmerk Gottes ist erst die vollendetste Besiegelung seiner unerforschlichen Größe. So gewiß die Herstellung einer ganz kleinen Uhr einen größeren Künstler erfordert, als die Verfertigung einer großen, so gewiß das Auge einer Fliege oder Ameise ein größeres Wunder repräsentirt, als das eines Pferdes oder Elephanten, so gewiß manifestirt sich Gottes vollendete Größe am ergreifendsten da, wo sie in unser kleines, menschliches Leben eingretft. In der Thora, in den Propheten und in den übrigen Schriften findet daher Rabbi Jochanan die Wahrheit ausgesprochen, wsno nnsw oipo boa vwnwy nw lempn bw, daß sich die Größe des Heiligen, gepriesen sei Er, da manifestirt, wo er sich in seiner Herablassung zeigt. Dieses Bewußtsein hat sich der jüdischen Anschauung so tief eingeprägt, daß wo den von ihr Durchdrungenen ein Leid trifft, er es als eine Strafe für die durch ihn verkannte und verletzte göttliche Wahrheit ansieht und er den Blick zu Gott erhebt, als zu dem die gekränkte Wahrheit vertretenden Richter, in dessen Schickung er sich willig mit den Worten fügt: ncwn p pu, „Segen und Preis. Dir, Richter der Wahrheit!" Freud und Leid, Wohl und Wehe, Glück und Unglück sind nichts als frei oder schuldig sprechende Urtheile, die Gott, als Richter der Welt, über jeden Einzelnen verhängt. Selbst die Verurtheilungen und Freisprechungen der irdischen Justiz werden nicht nur im Namen, sondern auch in Vertretung Gottes gefällt obw 's nyn 's mp dsj 's „Gott steht in jedem Goucscollegium, in der Mitte der Richter ist er es, der Gericht hält." (Ps. 82, V. 1.) Das Rechtsbewußtsein, nach welchem der irdische Richter Recht spricht, ist ihm von Gott geworden; cs steht im Dienste der richtenden, göttlichen Waltung. Himmel und Erde, Sonnenschein und Regen, Fülle und Mangel sind nichts als die Executoren des großen himmlischen Richters.