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Der Israelit · 1893-07-06 · Heft 54 (6.7.1893) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 54 (6.7.1893)
Date
1893-07-06
Page
– (sequence 20)
Language
German
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1046 rrula erdrückenden Beweismaterial kam noch der Umstand, daß die Sehnula TagS zuvor sich zu einer Schumachersfrau geäußert hatte, die Tandlers wollten fie umbringen. Mit Rücksicht auf die sonnenklare Unwahrheit der Angaben der Sehnula verurtheilte der Gerichtshof sie wegen Verbrechens des Betruges und zugleich wegen Uebertretung des Diebstahls, begangen an einem ihrer früheren Dienstboten und einer Mitbediensteten, zu dreizehn Monaten schweren Kerkers; fie wurde sogleich in Haft behalten und in die Strafanstalt nach Walachtsch- Meserklsch eskorttrt. Rußland. Petersburg, 10. Juni. In der „Petersburgsktja Wjedomosti", welche anerkanntermaßen die russische Intelligenz und die academischen Kreise an der Newa vertreten, lesen wir: „In Sachen der Russifizirung unserer nordsüdwestlichen Grenzdistricte spielen die Städte offenbar eine besonders wichtige Rolle, und man wird deren Einfluß in der einen oder in der anderen Richtung als maßgebend nicht nur, sondern geradezu als entscheidend anerkennen müflen. Der Grund dafür ist sehr leicht ersichtlich, weil in den Städten die gesammten geistigen und materiellen Kräite des Landes sich concentrirt finden. Es ist ein allgemeines En>- wickelungsgefetz. das noch zu allen Zeiten und bei den verschiedensten Nation seine Gültigkeit bewährt hat, daß geistige Strömungen und politische Tendenzen immer Ö in den Städten zu keimen beginnen und dort auch zur gelangen E> st nachdem die Ideen und die Bestrebungen in der städtischen Bevölkerung feste Wurzeln geschlagen haben, fangen sie an, allmählich auch in das flache Land durchzusickern, und schließlich reißt der Strom auch die an sich träge Landbevölkerung mit, sofern sie sich überhaupt fähig erweist dem Fluge der Zeit zu folgen. Und wo immer es sich in der Geschichte um die politische Zuverlässigkeit und die ReichStreue eines wichtigen Grenzgebietes handelte, suchten die Staatsmänner vor Allem die städtische Bevölkerung zu gewinnen und diese für die Idee der Reichseinheit zu begeistern, in der richtigen Erwägung, daß die Landbevölkerung noch nie die politische Initiative ergriffen habe. Man nehme nun ein beliebiges statistisches Compendium zur Hand und man wird sehen, aus welchen Theilen die städtische Bevölkerung der fraglichen russischen Grenzgebiete besteht. Die Juden machen die große Mehrzahl aus. Zu Anfang der 80er Jahre, als die Juden noch auf dem flachen Lande daselbst wohnen durften, fetzte sich die Bevölkerung in den 67 Kreisstädten des sogenannten rechtmäßigen „AnsässtgkeitSgebietes aus 57 Prozent Juden und 43 Prozent Nichtjuden zusammen, unter welchen das eigentlich orthodoxe, nationalrussische Element eine verschwindende Minderheit bildete. Glaubt man etwa, daß es den russischen Juden ein besonderes Vergnügen macht, in diesem eigenartigen Ghetto eingespcrrt zu bleiben? Und klingt es nicht wie Hohn auf die Gerechtigkeit und auf den gesunden Menschenverstand, wenn man die judenf-efferischen Organe darüber jammern hört, die Juden hätten das Gebiet „in Beschlag genommen" und sie wären die „Herren" im Lande'. Dieser Borwurf ist thalsächlich mit dem Aerger darüber gleichbedeutend, daß die Geächteten allen grausamen Verfolgungen zum Trotz, doch noch zu leben und selbst sich fortzupflanzen wagen, statt en ma88e Selbstmorde zu begehen. Man drehe und wende sich, wie man wolle: die für die russischen Staatsinteressen so eminent wichtige Frage von der „moralischen Eroberung" der nord- und südwestlichen Grenzgebiete, welche heute an der Feier ihrer hundertjährigen Eroberung durch das Schwert dem national-russischen Staate so fremd sind, wie zur Zeit der Polenherrschaft, ist von der rationellen Lösung der Judenfrage schlechterdings unzertrennlich, und will der russischen Staat jene „Reichslande" wirklich gewinnen und dauernd an sich fesseln, so muß er sich zur vollen Emancipation und rückhaltlosen Gleichberechtigung der Juden im Reiche entschließen. Der erste und unumgängliche Schritt dazu ist die Aushebung der Sperre: die Oeffnung des Riesenkäfigs, des „rechtmäßigen Ansässigkeitsgebiets der Juden." „Rußkaja Schtza", welche die größte Popularität an der Newa besitzt und welcher selbst die „Nowoja Wremja" das Zeugniß der unbestechlichen Redlichkeit und der wärmsten Vaterlandsliebe nicht versagen kann, schreibt: „Die Frage von der wirksamen Verschmelzung unserer westlichen Grenzmarken mit dem Inneren des Reiches ist mit der Lösung der viel discutirten Judenfrage identisch und die Russifizirung der Reichslande wird ohne die Proclamirung der vollsten Gleichberechtigung der Juden nie und nimmer gelingen." Die „Rußktja Wjedomosti", das Organ der Moskauer Universität, lassen sich in derselben An« gelegenheit wie folgt vernehmen: „Das ernste Bestreben, unser westliches Gebiet in Wahrheit russisch zu machen und das zähe Festhalten an dem alten Unrecht gegenüber den Juden schließen sich gegenseitig aus, und wer kein Heuchler und Phrasendrescher ist, muß gestehen, daß unsere eigenen Lebensinteressen es gebieterisch erheischen, jenes Unrecht endlich einmal wett zu machen." Die „Nedjelja", bekanntlich das älteste Wochenblatt im Zarenreich, veröffentlicht aus demselben Anlaß einen längeren Leitartikel, „das hysterische Element in der Politik" überschrieben, in welchem es u. A. heißt: Es ist unser nationalrussisches Unglück, in den wichtigsten Fragen des Staatslebens die überlegende Vernunft nicht zum Worte kommen zu lassen, vielmehr sich lediglich durch die dunklen Gefühle der erregten Leidenschaft und durch hysterische Launen leiten zu lassen. Mag man mit den Publicisten im „Graschdanin" und in der Nowoja" Wremja" sechs Tage lange herumdisputiren und ihnen sonnenklar beweisen, wie sehr sie durch ihre wüste Judenhatze die besten Interessen des Vaterlandes schädigen, am siebenten Tcge bekommt man doch den brutalen Machtspruch zur Anwort: „Wir wollen keine Juden! Die müssen von der heiligen russischen Erde ausgerottet werden!" Und — damit Punktum. Es ist überflüssig, erst des Längern zu beweisen, daß wichtige politische Fragen nicht nach Maßgabe der Eingebung hysterischer Anfälle und krankhaften Leidenschaften beurtheilt oder gar behandelt werden können! Auf die „Ausrottung" der Juden werden die braven Patrioten noch lange zu warten haben und inzwischen stehen die Räder des weltgeschichtlichen Fortschritts trotz alledem nicht still." vermischtes. AugermÜnde. 6. Juni. Das überaus seltene Fest der diamantenen Hochzeit beging das Kunstmann'sche Ehepaar, von denen der Jubelbräutigam im 93., die Jubelbraut im 83. Lebensjahre steht. Schon am Morgen strömten Verwandte und Bekannte herbei, um dem Jubelpaar ihre Glück-

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