Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 54 (6.7.1893)
- Date
- 1893-07-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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„Das mag sein, denn als ich es hörte, ward mir ein Gespräch klar, dessen unfreiwilliger Zeuge ich gewesen und das sich auf den Einbruch wohl bezogen hatte." Und Louise erzählte nun, was sie an jenem Tage auf dem Friedhofe gehört hatte. „Aber weßhalb haben Sie Herrn Caro nicht gewarnt?" fragte der erstaunte Richter. „Mein Mann hatte Tags zuvor eine Differenz mit ihm und da mochte ich nicht; und außerdem hielt ich das Ganze für Scherz." Louise sagte aus, was sie wußte und immer mehr befestigte sich in dem Richter die Ansicht, daß der Einbruch ein antisemitisches Bubenstück gewesen sei, dem der Müller vielleicht doch nicht so ferne stehe. Da öffnete sich die Thüre des Zimmers und der Verwalter trat ein. Als er die Herren sah, stutzte er und wollte sich zurückziehen. Da trat einer der Geheimpolizisten zwischen ihn und die Thüre und indem er ihm den Ausgang verstellte, sagte er zu dem Richter: „Ei, Herr Richter, da läuft uns der Fuchs in's Garn. Diesen Monsieur suchen wir schon lange. Sie erlauben, daß ich ihn verhafte." Ehe noch der Richter eine Antwort geben konnte, war der Verwalter auf das niedrige Fenster zugestürzt, hatte es aufgerissen und war mit einem mächtigen Satze in den Hof gesprungen, während er rief: „Erst haben, dann hängen." Dies alles war so rasch geschehen, daß als der Polizist, um ihn zu verfolgen, in den Hof kam, nichts mehr von ihm zu sehen und zu hören war. Er hatte durch die Scheune das freie Feld und den nahen Wald gewonnen, in welchem eine Verfolgung jedenfalls ohne Erfolg geblieben wäre. Verstimmt kam der Detecttve wieder. Er sprach einige Worte mit dem Untersuchungsrichter, worauf sich dieser einige Notizen machte. Nun wandte er sich zu dem Müller. „In welchem Verhältniß standen Sie zu dem Flüchtigen?" „Er ist mein Verwalter!" Der Richter und der Polizist warfen sich einen Blick des Einverständnisses zu. „Seit wann steht er in Ihrem Dienste?" Der Müller gab den gewünschten Bescheid. „Sie haben doch Ihr Dienstpersonal und selbstverständlich auch den Herrn Verwalter bei der Ortspolizei angemeldet?" „Das thun meine Leute selbst; darum quäle ich mich nicht." „Aber Sie sind dafür mit verantwortlich." „Das wußte ich nicht." „Sie scheinen manches, was Sie wissen sollen, nicht zu wissen oder nicht wiffen zu wollen. Zeigen Sie uns das Zimmer des Herrn Verwalters." Der Müller ging voran und die Beamten folgten. Auch Louise schloß sich ihnen an. Der Verwalter hatte ein nach dem Garten hinaus liegendes Zimmer im ersten Stock des Wohngebäudes inne. Von diesem Zimmer aus konnte man den Garten, den geräumigen Hof und die Ställe übersehen, und eine Treppe führte herab in das Comptoir. Das Zimmer war einfach aber schön möbltrt. Ein schöner Schreibtisch stand zwischen den beiden Fenstern, welche nach den Garten Aussicht boten, an der gegenüberliegenden Wand stand das Sopha, der Tisch stand in der Mitte und die übrigen Mobilien an ihren Zweck entsprechenden Stellen. Der Schreibtisch war es, der zuerst die Aufmerksamkeit der Herren erregte. „Wo sind die Schlüssel zu diesem Schreibtisch?" fragte der Richter. „Die sind in den Händeu des Verwalters." „Und besitzen Sie keine zweiten Exemplaren'?" „Daß ich nicht wüßte; doch wozu bedürfen Sie derselben?" „Um uns die Durchsuchung Ihres Comptoirs vielleicht zu ersparen." Der Müller erbleichte. Standen die Dinge so, daß man sich berechtigt hielt, bei ihm Haussuchung zu halten, so war, wenn man auch nichts fand, seine Ehre und sein guter Name dahin. Ein tiefer Haß gegen den Juden, die vermeintliche Ursache der ganzen Sache, erfüllte sein Herz und spottend sagte er: „Mein ganzes Haus steht zu Ihrer Verfügung; doch wüßte ich nicht, was Sie darin zu finden hoffen." Der Richter erwiederte nichts. Auf sein Geheiß versuchte der Detectiv das Schloß zu öffnen, aber es gelang ihm trotz all seiner Mühe und Geschicklichkeit nicht. Schon wollte der Richter zum Schlosser senden, da sagte Louise: „Ich glaube, wir besitzen noch einen Schlüssel und wenn Sie sich einen Augenblick gedulden wollen, will ich denselben suchen." Sie entfernte sich und kam nach einigen Augenblicken mit einem Schlüsselbund herbei. Diese Schlüssel gehören zum Secretär hier", sagte sie. „Mein Mann wußte nichts von der Existenz derselben." Der Detectiv nahm die Schlüssel aus ihrer Hand und in kurzer Zeit waren alle Schlöffer geöffnet, alle Schiebladen und Schränkchen ihres Inhaltes entleert. „Hat der Schreibtisch ein Geheimfach?" fragte der Richter die Müllerin, und als diese verneinte,