Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1892)
- Date
- 1892-03-17
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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XXXLLI. Jahrgang. Zweite Beilage ju M 22 des „Israelit? Leitender Artikel. Km ofstziell'er Bericht über die ruff. Iudenauslreibungen. Washington, 25. Febr. Der bereits mehrfach erwähnte Bericht der vom Kongreß nach Europa gesandten Ver. Staaten Kommissare Oberst John Weber und Dr. Walter K e m p st e r, über die Lage der Juden in Rußland liegt jetzt dem Einwanderungsausschusse des Repräsentantenhauses vor. Das Urtheil dieser beiden Männer ist jedenfalls von großemWerthe. Während noch im Jahre 1882, nachdem in Rußland die von Jgnatiew ausgesonnenen „Maigesetze" gegen die Juden erlassen worden waren, die Einwanderung in den Ver. Staaten aus Rußland nur 15,900 betrug, ist diese Ziffer im Jahre 1891 auf 52,092 gestiegen. Dieser Umstand hat den Kongreß bewogen, seine besondere Aufmerksamkeit den russischen Juden zuzuwenden. Die Kommissare kommen, wie wir einem Berichte der „Newyork Times" entnehmen, zu dem Schluffe, daß die Art, wie die russische Regierung ihre jüdischen Unterthanen aus dem Lande treibt, einen Protest der Ver. Staaten hiergegen vollständig gerechtfertigt erscheinen lassen würde. Am 17. August vorigen Jahres trafen die beiden Kommissare in Petersburg ein, allein es gelang ihnen nicht, eine Unterredung mit dem Minister des Innern zu erhalten und erst als sie bereits in Moskau waren, erhielten sie die Mittheilung, daß dieser Herr sie am folgenden Tage empfangen wolle, was natürlich nicht zu ermöglichen war. Das auswärtige Amt zeigte sich ebenso wenig entgegenkommend. Die Kommissare schildern eingehend die gegen die Juden in Moskau gerichteten Chicanen und die Ausweisung derselben. Schwer erkrankten Personen, so erzählen die Kommissare, wurde die Aufnahme in die Hospitäler verweigert, weil sie — Juden waren. Junge Mädchen können außerhalb des Judenrayons nur leben, wenn sie zur griechischen Kirche übertreten oder sich das „gelbe Papier" verschaffen, d. h. Protistuirte werden. Die Kommissare verzeichnen u. A. folgenden Fall aus Petersburg: Dort lebte ein jüdischer Kürschner, Namens Dimenstein. Seine Papiere waren in Ordnung, allein als die Polizei ihn einmal zum Ausgehen bereit und ein anderes Mal gar nicht zu Hause vorfand, erklärte sie, daß der Mann nicht arbeite. Er erhielt deßhalb den Befehl binnen einem Monat die Stadt zu verlassen, obgleich eine Anzahl Christen bezeugten, daß der Mann für fie gearbeitet habe. Er bat, weil sich seine Frau in gesegneten Umständen befand, um Aufschub — vergeblich. Rach Ablauf der Frist trat Dimenstein die Reife nach Leipzig an, wo er Arbeit zu finden hoffte und zwar mit seiner Frau, welcher man ihre Niederkunft abzuwarten nicht gestattete. Auf der Fahrt genas sie auf einer Station eines Kindes, mußte aber schon nach einigen Stunden bis Wilna weiterfahren, wo sie die Kommissare besuchten. Dieselben fanden in ihr eine gut unterrichtete Dame. In Moskau wurde während der nächtlichen Ueberfälle, welche die Polizei gegen die Juden unternahm, eine Frau Epstein von ihrem Manne und einem Kinde getrennt. Sie floh auf einen Kirchhof, wo man sie anr anderen Morgen bewußtlos daliegend fand, neben ihr ein todtgeborenes Kind. Die Kommissare bestätigen, daß die ausgewiesenen Juden per Etappe wie Verbrecher mit Handschellen versehen, befördert worden sind und sie theilen den Wortlaut von Befehlen in einzelnen Fällen mit, wo das einzige Verbrechen der Mißhandelten darin bestand, daß sie sich nicht taufen lassen wollten. Die aus Moskau ausgewiefenen Juden waren fast alle Leute, welche ein regelmäßiges Geschäft und Einkommen hatten. Sie wurden ruinirt, einzig und allein, weil sie Juden waren. Die Brutalität der Polizei wird durch die Darstellung der Behandlung eines Kaufmannes erster Gilde treffend illustrirt, mit welchem die Kommissare in Moskau eine Unterredung hatten. Derselbe war mir einem regelrechten Paß versehen, auf einige Tage nach Petersburg gereist, dort aber, weil er nicht sofort vom Gasthofe angemeldet worden war, schon am zweiten Tage in Haft genommen, mit gemeinen Verbrechern einige Wochen eingesperrt und per Etappe über Dünaberg nach einem Orte des Gouvernements Witebsk gebracht, wo er endlich freigelassen wurde, um nach Moskau zu reisen. Der Eindruck, welchen die Kommissare bei ihrem Besuche des sogen. Judenrayons empfingen, war ein sehr ungünstiger. Sie begreifen nicht, wie die Juden dort unter dem Drucke und in den ärmlichen Verhältnissen überhaupt leben können. Dr. Kempster besuchte die jüdischen Ackerbaukolonien in der Nähe von Wilna, Kowno, Grodno und in Wolhynien. Im Gouvernement Minsk lebten über 5000 Juden auf 5500 Acres, in Kowno und Grodno 4000 auf 85,000 bezw. 6000 Acres. In Wolhynien bebauten die Juden bis zum Jahre 1882 mehr