Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 22 (17.3.1892)
- Date
- 1892-03-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448241--33840-3519708- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXIII. Jahr,«,,. M 22. Der Israelit. Ein Henlrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. Lehmann in Main;. Donnerstag, den 17. März 5G52 (1802). Leitende Artikel. Kagadaß fchek Weßach. Sechste Serie II Mainz, den 15. März. TtV’H pn ^3 'USNJIP HDD □ ’J3H 1*>X lJ^Dy HX1 .prin nan lma^n rntNM „Unsere Mühseligke i t: Das sind die Kinder, wie es gesagt ist: Jeden geborenen Sohn sollt ihr in den Fluß werfen und jede Tochter leben lassen." Das Elend ihres verkümmerten Ehelebens steigerte sich zu unerträglicher Mühseligkeit im Hinblick auf das Schicksal ihrer Kinder. Zuerst gab Pharao den Hebammen den Befehl, jeden neugeborenen Sohn zu tödten. Diese Weisung wurde aber niemals ausgeführt. Ihr Vollzug scheiterte an der Gottesfurcht der damit betrauten Frauen. Darauf erging die Aufforderung an das ganze Volk mit den Worten, welche die Peßach-Hagada zur Jllustrirung der Mühsal, unter der unsere Väter und Mütter seufzten, anführt. Auffallend erscheint hierbei der letzte Theil dieses Satzes. Denn offenbar lag die ganze Mühseligkeit doch in dem Tödten der Knaben, aber nicht in dem Leben der Mädchen. Indem aber auch dieses Moment betont wird, werden wir darauf hingcwiesen, wie selbst in dem, was die Rohheit der Tyrannen ihnen ließ, die Bitterkeit ihres mächtigen Sclavenlooses sich fühlbar machte. Die Versorgung der Töchter ist nicht erst seit heute und gestern Gegenstand nieturdrückender Sorge für auf die Zukunft ihrer Kinder bedachte Eltern. Welche trostlose Perspective mag sich aber erst unseren Vätern und Müttern für ihre am Leben erhaltenen Töchter gerade dadurch eröffnet haben, daß mit dem Hinmorden der Knaben auch jede Möglichkeit für die Zukunft der Töchter abgeschnitten schien! Woher sollten die am Leben gebliebenen Töchter Israels einst Männer finden, wenn die Söhne sofort nach ihrer Geburt dem Tod verfallen waren! Sie wären auf die eheliche Verbindung mit den Egyptern angewiesen gewesen, und die auf solche Weise anzubahnende Vermischung mit den entarteten Chamiten scheint vielleicht eines der Ziele des Befehls gewesen zu sein, welcher sich nicht auf den Mord der Knaben beschränkt, sondern die Erhaltung der Mädchen besonders betont. Und all dieser Mühseligkeit gegenüber, die in ihrer ganzen Wucht auf bem wehrlosen Volke lastete, konnten die Unglücklichen nichts, gar nichts zur Besserung ihrer Lage thun. Da sah Gott diese unsere Mühseligkeit und dieser Blick verscheuchte das schwere Gewölk, das sich über den Häuptern seines Volkes zufammengezogen hatte. Wie der an die Hebammen gerichtete Blutbefehl niemals zur Ausführung gelangte, so scheint auch seine Verschärfung, welche die jüdischen Knaben dem ganzen Volke gegenüber vogelfret erklärte, nur ganz kurze Zeit in Kraft bestanden zu haben, worauf bereits i"3vi (zu II B. M. C. I. 10) aufmerksam macht. — Das Wort: ü’jan 'hx l^cy nw „Unsere Mühseligkeit, das sind die Kinder!" ist bis auf den heutigen Tag eine nach vielen Seiten sich geltend machende Wahrheit geblieben. Unsere Kinder, ihre Erziehung, ihre einstige Versorgung sind in allen Zeit der Probirstein für die geistige Energie, für bte sittliche Widerstandskraft, welche wir den Widerwärtigkeiten und Mühseligkeiten des Lebens entgegen stellen. Die Sederabende, die ja den eigentlichen Zweck haben, uns unsere Kinder zuzuführen, um durch ihre Fragen und unsere Antworten. das Bewußtsein unserer großen Vergangenheit und der darauf sich gründenden Zukunst in jeder Gegenwart lebendig zu erhalten, legen uns diese Wahrheit mehr als ein anderes Moment des ganzen Jahres nahe. Wenn an diesen Abenden die Kinder sich zu den Eltern erheben, um sie zu fragen, warum diese Nacht sich vor allen anderen Nächten auszeichnet, und die Väter sich zu ihren Kindern herablassen,