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Der Israelit · 1892-03-14 · Heft 21 (14.3.1892) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 21 (14.3.1892)
Date
1892-03-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXHI. Jahrgang. Erste Beilage M M 21 des „Israelit“. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Frankfurt a. M., 23. Februar. Im Verein für jüdische ^Geschichte und Literatur hielt am verflossenen Montag Abend Herr Rabbiner Dr. Horovitz einen hochinteressanten Vortrag über „die ersten Amorajim, ein Zeitbild aus dem 3. Jahrhundert." In der Einleitung berührte der Redner kurz die Zeit der Tanaim, welche mit Rabbi Jehudah Hannasi ihren Abschluß fanden. In der Stadt Zipporim, fern vom Weltgetriebe, weilte Rabbi Jehuda Hannasi in stiller Abgeschlossenheit, und aus allen Gegenden strömten die Schüler herbei, um zu den Füßen des gefeierten Lehrers zu sitzen und aus seinem Munde die Worte der Thora zu vernehmen. Treten wir auf einen Augenblick in das Lehrhaus ein. Vor dem Rabbi sitzen in den vordersten Reihen die reiferen Schüler, die jüngeren und jüngsten bis ins zarte Kindesalter stehen hinter ihnen. Der Rabbi trägt eine Lehre vor und gibt das Zeichen, daß Jeder, der etwas zu bemerken hätte, das Wort nehmen könne. Einer der reiferen, Abba Areka, erhebt einen Einwand oder er bringt einen Beweis zu dem, was der Rabbi gelehrt. Andere erheben sich, um ihn zu widerlegen, und es entsteht nun ein wahres Sprübfeuer von Beweisen und Gegenbeweisen, aus denen der Rabbi dann die Schlußfolgerung zieht. — Alles ist wieder ruhig, da regt sichs in der jüngeren Schaar, und einer, vielleicht der jüngste, Jochanan, möchte dem Rabbi sagen, was er denkt. Es ist ein Waisenknabe, den Rabbi Jehuda zu sich genommen hat und für den er väterlich sorgt. Erfreut ruft der Rabbi aus: „Du, mein Sohn, wirst einst ein großer Lehrer in Israel werden!" — Das war der Schülerkreis, in welchem Rahbi Jehuda Hannasi sein großes Werk, die Zusammenüellung der Mischnah, vollendete. Die Mischnah wurde von Abba Areka, auch Rabh genannt, nach Babylonien gebracht. Man bot Rabh die Leitung der Schule in Rehardea an, er lehnte jedoch das Amt ab und überließ es seinem Freunde Samuel. Er suchte sich lieber noch unbebauten Boden aus und gründete die Schule in Sura. Um alle zum Thorastudium heranzuziehen, richtete er die beiden Monate Adar und Ellul zu den HtO TTr ein, weil um diese Zeit die Feldarbeit gewöhnlich ruhte. In diesen beiden Monaten wurden größere Versammlungen sbgehalten und alles kurz wiederholt, was in der Schule im Laufe des Halbjahres vorgetragen worden war. — Um jene Zeit wurde Artabanus, der bisher über die Parther geherrscht hatte und den Juden sehr freundlich gesinnt war, von den Magiern gestürzt, welche mehr die alte Religion Zoroasters betont wissen wollten. Doch behandelten auch sie die Juden nicht feindlich, und am Hofe des Königs Schabur genoß namentlich Samuel großes Ansehen. Samuel war ein höchst geistvoller, fast allseitig gebildeter Mann. Er war ein ebenso gefeierter Arzt, wie hervorragender Astronom, so daß er von sich sagen konnte: „Mir sind die Straßen vom Himmel so bekannt wie die Straßen von Nehardea!" Zugleich war er auch der scharfsinnigste Deuter des jüdischen Rechtes und seine Rechtsaussprüche sind stets maßgebend. Noch heute gilt für uns sein Grundsatz: „Staatsgesetz ist Religionsgesetz." Er war am meisten geeignet, den Juden Begeisterung für ihren Glauben einzuflößen und ihnen zugleich die Achtung der Andersgläubigen zu erringen. — Rabh und Samuel legten den Grund zum babylonischen Talmud. Zu derselben Zeit wurde in Palästina der jerusalemische Talmud begründet. Rabbi Jehuda Hannasi war am Ende seiner Tage nach Liberias auSgewandert, nach seinem Tode jedoch wurde Zipporino wieder der Sammelpunkt der Gelehrten. Unter diesen ist zunächst Rabbi Ganina zu nennen, der noch in seinen alten Tagen den ärztlichen Beruf mit dem Lehrberufe vertauschte. Allen voran aber strahlte Rabbi Jochanan. Längst hatte er sein väterliches Erbe, einen Weinberg in Zipporim, hingegeben, um sich dem Erbe Israels widmen zu können. Er wurde in Zipporim zum Lehrer gewählt und bald erzählte man weil und breit von seinem Ruhme. Der zweite Rabbi Jehuda Hannasi berief ihn nach Liberias, und nun wurde Liberias das Ziel aller Wißbegierigen, die von ihm, dem schärfsten Ausleger der Mischnah, Belehrung empfangen wollten. Schon das Aeußere Rabbi Jochanan's war ehrfurchtgebietend. Er war eine mächtige Erscheinung, von wunderbarer Schönheit; seine Augen sprühten Geist, und das Wort, das er sprach, belebte seine Züge, die von einem zarten Hauch umflossen waren. Der Ernst, der in seinem Wesen lag, war mit Milde gepaart. — Gewissermaßen das Gegenstück zu ihm bildete Rabbi Simon ben Lakisch, sein Jugendfreund und Genosse. Er war heiter, lebenslustig, gerne einen Scherz gebrauchend. Die beiden Freunde waren nicht immer dieselben Wege gegangen. R. Simon ben Lakisch hatte sich eine Zeit lang vom Studium des Gesetzes zurückgezogen und sich den Künsten zugewendet, welche damals als ritterlich galten. Da begegneten sich einmal die Freunde nach langer Trennung, und R. Jochanan suchte den früheren Genossen wieder für die Thora zu gewinnen. Es gelang ihm und zwischen beiden entwickelte sich jenes Verhältniß, welchem die jüdische Wissenschaft so unendlich viel verdankt. — In seinem häuslichen Leben hatte R. Jochanan die schwersten Prüfungen zu ertragen. Zehn hoffnungsvolle Söhne sah er ins Grab sinken. Aber alles Leid war vergessen, wenn er mit seinem Freunde im Lehrhause war. — Die Verschiedenheit ihrer Anlagen, die sich gegenseitig ergänzten, drückt der Talmud treffend mit den Worten aus: Resch Lakisch riß Berge aus und zermalmte sie aneinander, und R. Jochanan ebnete wieder den Pfad." Die beiden Gesetzeslehrer beschäftigten sich auch mit Weltweisheit, und es ist bezeichnend, daß gerade zu der Zeit, da Rom einem trostlosen Weltschmerze huldigte, die Besiegten es waren, welche die Lebensfreude predigten. Während Mark Aurel seine Weltverachtung dadurch kundgab, daß er sagte, er wisse keinen Unterschied zwischen Alexander dem Großen und seinem Reitknechte, während Lucian das Dasein verspottete und Tertullian ausrief: „Das Volksleben ist mir einerlei", that R. Jochanan den Ausspruch: „Ein Weiser, von dem die Welt nichts weiß, ist wie eine Myrthe in der Wüste; sie duftet, aber wen erquickt sie!'" — R. Jochanan war ein eifriger Bewunderer der griechischen Sprache und des griechischen Geistes; dagegen war er vom glühendsten Hasse gegen die Römer erfüllt. In Bezug auf die damaligen römischen Kaiser sagte Resch Lakisch: „Die Könige sind die Schwingender Völker; aberlieber wächserneSchwingen, als einen lasterhaften Herrscher; denn mit jenen kann man nur bis zur Erde fallen; dieser aber erniedrigt einen noch tiefer." — Von R. Jochanan stammt auch die Erzählung, daß die Engel beim Untergang der Egypter im rothen Meere ein Loblied anstimmen wollten. Aber der Herr antwortete ihnen: „Das Werk meiner Hände ist hinabgesunken ins Meer und ihr wollt mir ein Loblied singen?" Bis ins späte Greisenalter arbeitete R. Jochanan mit unermüdlicher Thatkraft. Da trat das Furchtbarste ein, was ihn treffen konnte: er verlor seinen Freund Resch La-

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