Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-10-08 · Heft 78-79 (8.10.1890) · page 24

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 78-79 (8.10.1890)
Date
1890-10-08
Page
– (sequence 24)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448098--30827-3519640
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Laubdaches war in einem (* “iH die sechsarmige, allerthümliche Sabbatlampe. An jeder der sechs Ecken des “H po hing abermals eine hellleuchtende Lampe, deren Licht sich in den an dem Lanbdache hängenden zahlreichen Glasprismen in den Farben des Regenbogens tausendfach brach. Buntes, glitzerndes Papier, zu Ketten und Körbchen verarbeitet, vermehrte noch die Farbcnbracht. Blumen und Früchte jeder Art, übergoldet und in natura hingen von der Decke herab. Da blinkt die goldne Traube im grünen Kranze; daneben blickt ein rothbackiger Apfel in stolzem Bewußtsein seiner Schönheit verächtlich auf eine gelbe Birne, die wiederum sich darin gefällt, sich immerwährend um sich selbst zu drehen. Mit sichtlicher Freude traten wir in die Laubhütte und ließen alle Sorgen draußen, denn cs steht geschrieben: „Usmaehtem lifnei adouai elaukeehem“, vollendete der Knabe schlagfertig. Ein Kuß war der Lohn feines Wissens. Dann fuhr die Mutter fort: „Ein köstliches Mahl wurde aufgetragen und als das Tischgebet gesprochen war, holte mein Onkel sein Mischnajoth und begann mit seinen Söhnen und meinen Brüdern zu lernen. Wir anderen hörten zu und freuten uns über den Eifer, mit welchem gelernt, gefragt und geantwortet wurde. Mein Bruder Max machte meinem Onkel durch seinen Scharfsinn besondere Freude, und dreimal mußte sich der Onkel, um die gestellten Fragen zu beantworten, Rathes in seiner Bibliothek holen. So war es fast zwölf Uhr geworden. Da tönten plötzlich drei rasch aufeinanderfolgende Kanonenschüsse, die sich in kurzer Zeit wiederholten, durch die Nacht, die Glocken fingen an zu stürmen und die ganze Stadt wurde lebendig. Schon bei dem ersten Schuß war mein Onkel leichenfahl aufgesprungen und hinausgestürzt; wir ihm nach. „Das Wasser!" gellte es uns von allen Seiten entgegen, „der Damm ist gebrochen!" Obschon D., welches auf einem ziemlich hohen Berge lag, nichts für feine Einwohner zu befürchten hatte, organisirte es rasch Hilssmaunschafteu und schickte dieselben ins Thal. Betend und zagend verbrachten wir die Nacht, und als des andern Morgens sich die Sonne erhob, zeigte sie unseren bangen Blicken das ganze Lchreckniß, das sich ereignet hatte. So weit das Auge reichte, erblickte es eine schmutziggelbe Wasserfläche, aus deren bewegtem Spiegel die Kirchthürme der umliegenden Dörfer wie Telegraphenstangen hervorragten. Hausgeräthe, Baumstämme, Balken, Scheunenthore, Cadaver von ertrunkenem Vieh trieben auf dem Wasser daher und da, wo der Landmann gestern noch gepflügt hatte, drehten sich heute die Schaufel der Räder der kleinen Rettungsdampfer, welche die Pioniere des nahegclcgcnen L. mitgebracht hatten. Drei Tage wuchs das Wasser. Wir konnten nichts ans unserem Hcimathsdorfe erfahren und hofften noch immer, daß das Wasser nicht so weit gedrungen sei. Vergebliche Hoffnung! Das Verderben war auch über umer Torf hereingebrochen und harte die ganze Habe meiner Eltern vernichtet. Der Knecht und die Magd, welche im Schlafe von dem Wasser überrascht worden waren, hatten kaum ihr nacktes Leben retten können. Sic waren aus dem Bette vor dem Wasser auf das Dach geflohen und hatten dort acht Stunden in Lebensgefahr zugcbracht, che mau die gänzlich Erschöpften herabholen konnte. Wären wir zu Hause gewesen, uns hätte die Fluth, da wir zu ebener Erde unsere Schlafzimmer halten, sicher überrascht und wir hätten unseren Tod in den Wellen gefunden. Nur dadurch, daß wir, um das Sukkothgebot erfüllen zu können, unseren Onkel aussuchten, entgingen wir dem nassen Grab. -„Und Eure Ellern?" fragte der Knabe. „Da die Zeitungen detailliere Berichte überallhin trugen, *) Ein Pentagramm. telegraphieren wir an demselben Tage unseren Eltern, daß wir alle gesund und wohl in D. beim Onkel wären. Die Schreckensnachricht von der Wassersgefahr hatte eine gute Wirkung aus das Befinden meines Vaters ausgeübt. Schon am dritten Tage, Ehol hamoed, trafen die Eltern in D. ein. Tie Freude, welche unser aller Herzen bewegte, könnt' Ihr Euch denken. Mein Vater wollte uns gar nicht loslassen und sprach jeden Augenblick: „Ich danke Dir, o Gott, daß Tu mir diese errettet und erhalten." Unsere Mutter weinte Freudcthränen, als wir erzählten, welchem Umstande unser Besuch beim Onkel zuzuschreiben war, und sie sprach: „Seht Ihr, meine Kinder, die Erfüllung der Gebote Gottes errettet vom sicheren Tode!" „Aber," entgegnete der Knabe, „Deine Eltern waren nun arm." „Ja, so schien es," fuhr die Mutter fort. „Doch fürchteten wir die Armuth nicht. Meine Ellern waren noch kräftige Leute und es sollte ihnen im Verein mit ihren Kindern nicht schwer fallen, sich wieder emporzuarbeiten. Aber auch unsere Armuth wollte Gott in Reichthum wandeln. Nachdem das Wasser sich verlaufen, sah man erst, welchen Schaden es angerichtet hatte. Unser sämmtlichcs Vieh war ertrunken, unser Haus dem Einsturz nahe. Sofort machten meine Eltern Anstalten, es niederzureißcn und ein neues Haus an Stelle des alten erbauen zu lassen. Als eines Tages nun mein Vater den Schlamm, den das Wasser zurückgelafsen hatte, zusammcnsegte, stieß er an der Stelle, wo unsere Sukkoh gestanden hatte, auf einen verschlossenen eisernen Tops. Ein Schlag mit der Schaufel sprengte den Teckel ab und mit Erstaunen sah mein Vater, daß der Topf mit Papieren und Geld angefüllt war. Sorgsam trug er seinen Fund in seine Wohnung. Hier wollte er in Muße sehen, welchen Schatz ihm Golt bescheert hatte. Er fand sechs mit Goldstücken gefüllte Beutel, etwas Silbergeld und silberne Geräthschaften. Die Papiere waren Schuldverschreibungen und Staatspapiere. Oben auf lag ein Brief folgenden Inhalts: „Tie Verfolger sind da, um mein mit schwerer Mühe erworbenes Vermögen zu rauben. Sie werden nichs finden. Wer Dich einst finden mag, er soll mir einem Beutel Gold sich begnügen und den Rest meinen Kindern oder Enkeln zustellcn. Segen über ihn, wenn er also thut; Fluch ibm, wenn er sich mit fremdem Gute bereichert." Die Unterschrift war die meines Großvaters, der bei einem Judenkrawall der vierziger Jahre ermordet worden war. So hatte Gott uns unser Unglück in Segen verwandelt; der Schatz, den der Großvater vergraben, war zur rechten Zeit in die Hände des Enkels gekommen." „War es viel Geld?" fragte das kleine Mädchen. „Es war genug", erwiederte lächelnd die Mutter. „Mehr noch aber als alles Gold war für uns die Gewißheit Werth, daß die Erfüllung der Gebote unserer heiligen Religion unermeßlichen Segen über uns und unsere Familie gebracht har." „Gibt es denn auch Leute, die davon nichr überzeug! sind?" fragte der älteste Knabe. „O, ja," erwiederte der Vater. „Sieh einmal an wie die Leute heute ihre Sukkohs bauen und schmücken. Wie viele gibt es noch, die mit Liebe und Sorgfalt dieses bcrrliche Gebot unserer Religion erfüllen? Je größer und schöner die Sukkoh ist, um so tiefer hat die Religion unserer Väter im Herzen des Erbauers ihre Wurzeln." „Tann," schloß der kleine Knabe, „werde ich, wenn ich einmal groß bin, eine Sukkoh bauen, in welcher ganz Israel sich versammeln kann, die so schön ist wie der Palast des Kaisers. Und in dieser Sukkoh will ich wohnen und lernen, um das Gebot Gottes zu erfüllen: „Basukkaus teschwu sclmv’as jomim.“ „Das gebe Gott," fügte die Mutter hinzu, und ei" inniger Kuß lohnte die fromme Begeisterung ihres Lieblings. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.