Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1882)
- Date
- 1882-11-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1148 nach Rom; auch hier gab es fortan nur Bürger, die nach den Principien der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit behandelt wurden. Die Juden durften das Ghetto verlassen und an dem allgemeinen Leben des Staates und der Gesellschaft als gleichberechtigte Bürger Theil nehmen. Nun war der Imperator gestürzt; die alten Zuständen kehrten wieder; welchem traurigen Geschicke gingen die Juden entgegen? Von dem Festeszuge kehrte ein älterer Mann in Begleitung eines jüngeren nach Hause zurück. „Glücklich," sagte der Jüngere, „waren unsere Voreltern, welches das Licht der Freiheit niemals geschaut haben. Sie wußten nicht anders, als daß ihr Leben mit Schmach bedeckt, in Niedrigkeit dahinfloß. Aber, wie sollen wir es ertragen, wenn die alten schrecklichen Zustände wiederkehren? Namentlich wir Jüngern, die wir uns gewöhnt haben, als freie Menschen zu leben und als solche uns zu betrachten!" „„Es wird wohl nicht ganz so schlimm werden, wie Du es befürchtest,"" entgegnete der ältere Mann, „„Du blickst manchmal zu trübe in die Zukunft, mein Raphael."" „Wollte Gott, Du habest Recht, lieber Onkel; aber ich fürchte das Schlimmste." ..„Du wirst sehen, daß ich Recht habe; man kann die Revolution von 1789 nicht ungeschehen machen. Wenn auch Napoleon gestürzt ist und die vertriebenen Herrscher in ihre Reiche zurückkehren, so lassen sich doch jene Ideen nicht unterdrücken, jene große Grundsätze nicht aus der Welt schaffen, welche die Revolution hervorgerufen haben. Das Vierteljahrhundert, das seitdem verflossen, hat eine Umwälzung in den Geistern der Menschen hervorgebracht, mit der selbst der Pabst rechnen muß."" „Da kennst Tu, lieber Onkel, diese Priester schlecht, die nichts gelernt und nichts vergessen haben." Die Beiden waren an der Wohnung des Aelteren von ihnen, des reichen Banguier Abraham del Monte, angelangt, in die sie eintraten. Hier wurden sie von Abrahams Frau und Tochter auf das Herzlichste begrüßt. Namentlich wurde Raphael von seiner Cousine Dinah mit einer Freude empfangen, die innigere als verwandtschaftliche Gefühle verrieth. Die beiden Männer nmßtcn erzählen von Allem, was sie gesehen hatten „Die großen Beweise von Demuth der gekrönten! Häupter," sagte Raphael am Schluffe seiner Erzäh-! lung, „sind mir ein schlimmes Vorzeichen. Unter solchem! Beistände wird man es wohl wagen, das wuchernde i Unkraut aller Neuerungen, die ja alle miteinander der Pabst in seinen Proclamationen von Eesena aus als gottlos bezeichnet hat, an der Wurzel zu packen, um es völlig auszurotten." „„Ich glaube nicht,"" sagte Dinah, „„daß der Pabst den kaum wicdererrungenen Thron auf's Neue gefährden wird. Die Ideen der Freiheit und Gleichheit haben zu tief in den Herzen des italienischen Volkes Wurzel geschlagen, als daß sie so leicht auszurotten wären. Da ist der über ganz Italien verbreitete Bund der Carbonari, welcher es sich zur Aufgabe gemacht hat, diese Ideen zu nähren und zu pflegen. Mit ihm wird jede Regierung rechnen müssen."" Ein älterer Herr trat in das Zimmer. Es war Gabriel Gozzi, der Vater des jungen Raphael, der Bruder der Frau del Monte. Alle erhoben sich und gingen ihm entgegen. _ „Sei mir gegrüßt, mein lieber Schwager," sagte Abraham. „Zu meinen: Schrecken sehe ich, daß kummervoll Dein Antlitz ist. Sprich, was gibt es Neues?" „ „Viel Neues," " antwortete der Angeredete, „„und wenig Gutes. Soeben ist ein Edict erschienen, welches die Gesellschaften der Carbonari auf das Strengste verbietet. Dieses Edict bezeichnet die Carbonari als solche, die sich über die kirchlichen Gesetze erhoben und gottlose Ideen von Freiheit und Menschenrechten durch ganz Italien zu verbreiten suchen. Das Edict nennt die Gesellschaften eine Seuche, welche den Thron und vorzüglich die christliche Religion bedrohen und die nun durch strenge geistliche und weltliche Strafen wcggeschafft werden müssen. — Auch spricht man davon, daß der Jesuitenorden, welchen Papst Clemens XIV. im Jahre 1773 aufgelöst hat, wieder eingeführt werden soll. Man will uns also weit hinter die Ideen von 1789 zurückführen. Ja, selbst die Inquisition soll in ihre alten Rechte wieder eingesetzt werden; man nennt sogar schon den Priester, der zum Oberrichter jenes furchtbaren Gerichtes ernannt ist worden. Daß wir Juden in das Ghetto zurück müssen und daß all' die alten Beschränkungen und Ausnahmsgesetze wieder hergestellt werden, ist zweifellos."" „Das sind traurige Nachrichten," sagte Abraham betrübt. „Was aber auch kommen mag — unser Erlöser lebt, unser Vater im Himmel wird uns nicht verlassen." (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaetion: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „JSraelit* große Bleiche 45. A. GottSleben'S Duchdruckerei (Mainzer Anzeiger).