Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1882)
- Date
- 1882-05-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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458 rechte Brust abschnitt. Dann ließ man sie und ihr Kind hülflos liegen, den Mann schleppte man gefesselt hinweg; sie wußte bis zur Stunde nicht, ob er noch lebe. Neben diesen Unglücklichen, aus deren thränenlosen Augen der entsetzliche Seelenschmerz spricht, sitzt aufrecht in ihrem Bette eine alte, gramgebeugte Frau. Sie trägt eine Binde um den Kopf, der von einem Schwerthieb gespalten ist. Auf die Frage, warum sie nicht liege, antwortet sie, daß sie nicht liegen könne, der Rücken sei ihr mit Ruthen zerpeitfcht worden. „Warum?" Sie hatte, als eine wilde Horde in ihr Haus eindrang, ihre Enkelkinder im Keller versteckt; die Kinder wurden, als man sie gefunden, vor ihren Augen — geschlachtet, sie selbst nackt ausgezogen und mit Geißeln gezüchtigt. Im Nebensaale fällt uns das sympathische Gesicht eines jungen, selten-schönen Mädchens auf. Sie mag wohl kaum 12 bis 13 Jahre alt sein. Das arme Kind weiß nicht, was ihm geschehen ist; doch klagt und jammert es und meint, vor Schmerzen vergehen zu müssen. Der behandelnde Arzt sieht es theilnahmsvoll an und sagt uns, daß eine bestialischere Rohheit wohl nie verübt worden, daß das bedauernswerthe Geschöpf noch heute seinen Qualen erliegen werde. Nebenan jammert ein sechsjähriges Mädchen, es windet sich in furchtbaren Zuckungen, will den Verband, den man ihr um den Kopf gelegt, abreißen; die Wärterinnen wehren es ihr, halten ihr die Hände; da plötzlich streckt sich die Kleine lang hin, sie gibt keinen Laut von sich — sie hat ausgelitten. „Was ist mit der Narischa?" ruft eine gegenüberliegende junge Frau mit angsterfüllter Stimnie. Man sagt der Mutter, daß 'ihr Kind soeben gestorben. Ihre Schwäche nicht achtend, springt sie auf, sinkt an dem Lager des todten Kindes ohnmächtig zusammen. Dem Kinde waren, als es die kleine einjährige Schwester retten wollte, von einem Unmenschen die Ohren abgeschnitten worden; die Mutter hatte Kopfwunden erhalten, die sogar zeitweise fürchten ließen, daß auch das Gehirn erschüttert worden sei. Noch schrecklichere Scenen spielten sich im Männersaal ab. Da ein Greis, dem man den Arm dreimal gebrochen; er sehnt den Tod herbei, denn er hat sein Weib, seine Söhne und Schwiegertöchter in den Flammen umkommen sehen und hofft nun bald mit ihnen vereint zu sein. Gegenüber seinem Hause hatte man ihn an einen Pfahl gebunden, dann das Haus mit Petroleum übergossen und angezündet. Da zeigte uns der Arzt einen Mann, dem man die Füße abgesägt, dort einen Jüngling, dem man die Brust gespalten, ein Kind, dem man die Zähne ausgerissen — es ist entsetzlich all' dieses Jammer- und Wehgeheul mit anhören zu müssen, entsetzlich zu denken, daß so viele in gleicher Art Unglückliche draußen auf dem Bahnhof zu Balta, ohne Hülfeleistung, ohne Verband, ja ohne Labetrunk liegen. Schnelle ausgiebige Hülfe thut hier noth, denn es gilt nicht nur die dem sicheren Tode Geweihten zu! stützen, weit mehr noch all' den unglücklichen, ihrer l Eltern beraubten Kindern (man spricht von 3000) Unterkunft zu bieten, den hülflosen ihrer Ernährer beraubten Frauen eine Existenz zu schaffen, die aus ihrem Besitzthum verjagten Männer wieder, falls sie noch erwerbsfähig sind, aufzunehmen, daß sie in ruhigem, friedlichem Gemeinwesen arbeiten und für die Ihrigen sorgen können. Petersburg, 1. Mai. Die Versammlungen welche die Vertreter der jüdischen Gemeinden hier abgehalten sind im Ganzen ohne Resultat verlaufen; wenigstens wirft man den Herren in hiesigen israelitischen Kreisen vor, sie hätten doch zu wenig energisch gehandelt. Es war in der ersten Versammlung der Ihnen von mir telegraphisch mitgetheilte Beschluß gefaßt, der Regierung ein Ultimatum zu stellen. Es ist ja möglich, daß die Form, in der dies angeregt wurde, eine nicht ganz opportune war. Aber die Beschlüsse, welche die Herren in der zweiten Versammlung faßten, sind gar keiner Erwähnung werth, denn sie lassen Alles beim Alten. Indessen scheint sich auch ohne besondere Organisation eine Auswanderung überall anzubahnen. Im Innern des Reiches, besonders auf dem Lande, zwingt die Regierung dazu und wo den Juden weder von dieser noch von der Bevölkerung vor der Hand das Bleiben unmöglich gemacht wird, rüsten sie sich freiwillig zur Abreise. So wird mir versichert, daß bis Ende Juni mehr als dreihundert jüdische Familien Petersburg verlassen werden. Daß das schon jetzt eine Wirkung auf Handel und Wandel ausüben muß, ist klar. Ueberhaupt herrscht in Petersburg eine furchtbare geschäftliche Niedergeschlagenheit. Das Eis ist jetzt fort aus dem Ladogasee, die Schifffahrt unbehindert, aber die Schiffe liegen ohne Ladung im Hafen, weil Niemand die nöthige Freudigkeit zu Unternehmungen besitzt. Es wird wahrlich Zeit, daß bald eine Aenderung der Dinge eintritt. Petersburg, 4. Mai. Der „Regierungs- Anzeiger" meldet den Empfang Dannenhauer's und Newcombe's durch den Kaiser und berichtet über Juden-Krawalle in Gombine, Gouvernement Warschau, wo zwei Läden, eine Schenke, ferner in Jekaterinoslaw, wo drei Schenken und ein Laden zerstört wurden. In Gombine allein wurden 16 Personen verhaftet.