Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1882)
- Date
- 1882-05-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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456 Cherson hatte, betonte Ersterer gleichfalls die Mißstimmung gegen die Juden wegen ihrer schlechten Aufführung als Ursache der Unruhen. „Wenn dies richtig wäre," erwiderte Dr. Pesker, „wie lassen sich denn die Verfolgungen zu Berezowka und Umgebung erklären? Dort gibt es nur jüdische Ackerbauer; jüdische Schenken sind unbekannt; und dennoch zeichnete sich die dortige Erhebung durch ganz besondere Rohheit aus." Der Graf fand die Antwort nicht unbegründet. Es müssen eben andere Faktoren int Spiel sein. Der Haß gegen die Juden entstand in den Mittelklassen, wie ich mit Beispielen belegen kann, aus der jüdischen Konkurrenz; der Neid ging zuletzt in offene Feindschaft über. Der Bauer ließ sich nur gebrauchen. Ich habe bereits erwähnt, daß aus Moskau, Kursk und Kharkow bezahlte Banden kamen; ich habe ferner erzählt, daß in Elisabethgrad der jüdische Banquier Kohon auf telegraphische Ordre aus Moskau hin dem Haupträdelsführer Grebenyuk das Geld zur Aufhetzung auszahlte; ich will noch hinzufügen, was noch wenige russische Blätter veröffentlicht haben, daß der Bürgermeister von Kiew, Herr Eismann, wie ihm öffentlich bewiesen worden ist, die Agitatoren in der Stadt mit baarem Geld und mit dein Versprechen der Plünderung zum Ueberfall auf die Juden bestochen hat. Dies ist die neueste Enthüllung in Angelegenheiten der Unruhen; der Leser mag seine eigenen'Schlüsse heraus ziehen. Der Russe ist ein ebenso tüchtiger Geschäftsmann wie der Jude; Peter der Große sagte, ein russischer Kaufmann dürfte einem jüdischen viel vorgeben und würde ihn doch schlagen. Aber Trinken und Spielen bringt ihn in Nachtheil, und anstatt dies einzugestehen, gibt er dem Juden schuld an seinem Rückgang, und so haben wir eine jüdische Frage. Hierin wird er durch die panslaviftische Presse, namentlich den Moskauer „Ruß" unterstützt, denn die Moskauer Kauflcute und Fabrikanten wissen sehr gut, daß, wenn den Juden gleiche Rechte eingeräumt, und jüdisches Eigenthum sicher wäre, sie bald um ihr Monopol in Südrußland gebracht wären, und der Panslavismus haßt die Juden und möchte sie unterdrücken — russifiziren nennen sie es — weil sie eine Erbschaft von Polen sind. Die russisch-jüdische Frage ist einfach eine Frage des Freihandels gegen Schutzzoll. Es fragt sich: soll der russische Händler auf Kosten seines jüdischen Konkurrenten geschützt werden? wobei natürlich Muschik den Schutz schließlich bezahlen muß. Die Haltung der Regierung ist leicht zu verstehen. Der Schlüssel liegt in den panslavistischen Ideen, von welchen die offiziellen und höheren Kreise der russischen Gesellschaft durchdrungen sind. Moskau ist die Heimath, das Centrum und die Brutstätte des Panslavismus, des leitenden Prinzips der auswärtigen und inneren russischen Diplomatie. „Rußland für die Russen," ertönt der Ruf und der Jude ist kein Russe. Was haben die Juden unter diesem Regime zu erwarten? Niemand kann es sagen. Aber die Tendenz der herrschenden Politik kann ich andeuten Der Vorkämpfer des Panslavismus ist Aksakow, der persönliche Freund des Czaren, sein vertrauter Rathgeber. Er ist die Verkörperung der slavischen Idee. Wie betrachtet er die Judenfrage? „Die Juden in Rußland," schreibt er, „sind ein Erbstück von Polen Es darf nicht geduldet werden, daß wir unter dem Einfluß sogenannter liberaler Doktrinen Experimente versuchen, die für die Freiheiten des russischen Volkes gefährlich werden. Freiheit für die Juden bedeutet Sklaverei für die russischen Massen. Eine solche Handlung, übereinstimmend mit den angeblichen Begriffen von Fortschritt, würde den Wall zerstören, welcher die Juden abhält, Rußland zu überfluthcn, würde das russische Volk zurückwerfen, indem es seine selbstständige Entwicklung hinderte. Die Austreibung der Juden würde nur eine zeitweilige wirthschaftliche Störung Hervorrufen, welche durch die spätere glänzende Lage Rußlands mehr als ausgeglichen werden würde. Von einer Gleichstellnng der Juden kann keine Rede sein, denn diese würde einfach das Recht, Wirthschaften in den Dörfern zu halten, bedeuten. Wenn die Judenfrage durch die Negierung geprüft wird, kann die Lösung nicht in der Richtung gefunden werden, die Rechte der Juden zu erweitern, sondern das Volk vom Joch der Hebräer zu befreien. Gegenwärtig ist es nur ein wirthschaftliches Jo h. Sollten den Juden aber gleiche Rechte gewährt werden, so würde das Joch vollständig werden." Dies sind die Ansichten des mächtigsten Organes in Rußland. Dies sind die Ansichten, welche in militärischen und offiziellen Kreisen vorherrschen. Dies sind die Ansichten welche den Hof und die kaiserliche Umgebung beherrschen, llnd aus diesen inspirirten Aeußerungen muß man auf die Zukunft der russischen Juden schließen. Wir glauben, daß gerade vorliegende Broschüre dazu dient, über die sogenannte „russische Judenfrage" das richtige Licht zu verbreiten und daß sie gerade dazu anspörnt, alle Kräfte zur Rettung unserer Brüder einzusetzen. Dort im Lande werden unsere Brüder keine Ruhe finden, so lange der Panslavismus Oberwasser behält, und daß er sobald zurückgedrängt werde, dazu sind die Aussichten für's Erste nicht vorhanden. Wir müssen also unsern Brüdern die Hand reichen, sich ein neues Vaterland zu suchen, vielleicht wird man dort bald einsehen, daß ein Land nicht ungestraft betriebsame und treue Söhne von sich stößt, und diese Erkenntniß wird