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Der Israelit · 1882-05-10 · Heft 19 (10.5.1882) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 19 (10.5.1882)
Date
1882-05-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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455 setzung*) dem deutschen Publikum zugänglich gemacht worden sind, halten wir nicht allein sür eine nützliche, sondern auch für eine gute That. Das Verdienst dieser Briefe ist es, weniger uns eine Menge unmenschlicher Thaten vorzuführen, wie Mord, Plünderung, Raub, Brand, Schändung und uns zu zeigen, wie die Behörden durch zuschauende Unthätigkeit geradezu die Verbrechen gefördert, und daß die angeblich zum Schutz der Juden aufgebotenen Soldaten durch Theilnahme am Raube und an Schändung von Frauen Cumpane der Verbrecher geworden sind, als es vielmehr darin besteht, uns den Nachweis geliefert zu haben, daß auch jeder noch so entfernte Vorwand fehlt, die Juden hätten durch unredliche Manipulationen oder durch Gewerbe, deren Blüthe auf Entsittlichung der Consumenten berechnet sein könnte, den Zorn der Bauern gegen sich zu den Excessen gereizt. Klar und deutlich wird durch die vorliegenden Briefe erwiesen, daß die Hauptexcesse gerade da stattgefunden, wo die Juden weder Besitzer von Branntweinschenken waren, noch Geldgeschäfte treiben, daß vielmehr die Bauern ursprünglich mit den Juden im besten Einvernehmen lebend, von außen her durch wohlorganisirte Vorbereitungen fanatisirt worden sind. All das Blut und all das Elend, von dem unsere armen Brüder heimgesucht worden sind, fällt aus jene elenden Agitatoren, die in ihrer Blindheit geweiht worden, daß sie auf den Ruin ihres Vaterlandes hinarbeiten. Wir glauben dem Leser einen Gefallen zu erweisen, wenn wir aus dem letzten Briefe einige Sätze folgen lassen, sie werden ihm am Besten über die Ursachen der dortigen Excesse Aufklärung geben. Berditschew, das Hauptquartier des südrussischen „Rabbinismus," ist die letzte russische Stadt, die ich besuche. Ich will deßhalb von hier aus einResumtz über die jüngsten Judenverfolgungen geben und deren Ursachen nach meinen Erfahrungen beleuchten: Von oben herab wird als Ursache der unüberwindliche Haß der Bauern gegen die Juden wegen ihrer verderblichen Praktiken angegeben. Mit andern Worten, die Erhebung soll ein spontaner Protest gegen das „Schinden" durch die Juden gewesen sein. So äußerte sich sogar der öffentliche Ankläger — nicht der Vertheidiger — der Ruhestörer in Kiew. Das Elend und die Armuth der enormen Mehrheit der südrussischen Juden ist ganz unbeschreiblich. Dörfer auf Dörfer sind voll von solchen, die für ihren Unterhalt auf die 5 oder 10 Kopeken angewiesen sind, die der Mann durch den Kleinhandel täglich zu erschwingen vermag. Die Männer gehen in Lumpen, Frauen und Kinder verbergen sich in ihren *) Die russischen Judenverfolgungen. Fünfzehn Briese aus Süd-Rußland. Frankfurt a. M. 1882. (Kauffmann.) Erdlöchern oder Holzschuppen, weil sie keine Kleider anzuziehen haben und sich, ungleich den Bäuerinnen schämen, ihr Elend zu zeigen. Vielleicht auf der ganzen Erde gibt es keine Elenderen, als die 272 Millionen unter den 3 Millionen Juden in Rußland. Daß die Ausbrüche nicht spontan waren, ist! über allem Zweifel erhaben. Ich will einige Beweise dafür anführen. Erstens begannen die Unruhen stets in den größeren Städten, wo Bauern gar nicht existiren. Dann waren die Agitatoren und Anführer gar nicht aus dem Distrikt, worin die Unruhen ausbrachen, es waren nicht Kleinrussen, sondern Altrussen aus dem Norden. „Banden dieser Rothhemden," heißt es in dem gedruckten Bericht eines Advokaten, „kamen herunter mit der Eisenbahn, mit bezahlter Fahrt und Geld in der Tasche von Kursk, Kharkow, Pultawa und via Jekaterinoslaw und Krementschug, lediglich um die Aufstände in Kiew und Elisabethgrad und Umgegend zu organisiren und zu leiten. Und wie die gerichtlichen Untersuchungen bewiesen haben, sobald der Unfug an einem Platz zu Ende war, gingen dieselben Menschen zur nächsten Stadt in regelmäßiger Ordnung, was den Umstand erklärt, daß niemals zwei Ortschaften an ein und demselben Tag angegriffen worden sind. Und weiter. Bei jeder offiziellen Untersuchung stellte es sich heraus, daß die Bauern betrogen worden waren, daß Agitatoren dem unwissenden Volke den Glauben beibrachten, der Czar habe einen Ukas erlassen, der den Angriff und die Plünderung der Juden befehle. Erst vor zehn Tagen wurde eine Anzahl Bauern aus Czarekonstantinow, Woskreschenka, Nowosielkow und Hassarki vor dem Tribunal in Gulaipol abgeurtheilt, welche auf die Frage, was sie veranlaßt hätte, die Juden in den Ackerbau- . kolonieen zu Grunde zu richten, erwiderten: „Sie hätten niemals etwas gegen die Juden gehabt und hätten auch jetzt nichts gegen sie, der einzige Grund ihres Benehmens wäre gewesen, daß es geheißen hätte, die Erlaubniß zur Plünderung der Juden sei ertheilt worden, und daß sie sich beeilt hätten, dem allerhöchsten Ukas zu gehorchen." Wenn die Erhebung wirklich durch jüdische Ausbeutung, Wucher oder Branntweinverkauf hervorgerufen worden wäre, würde sie sich auf diejenigen Distrikte beschränkt haben, wo diese Nebel existiren, und die andern davon befreit geblieben sein. Aber gerade das Gegentheil war der Fall. In den Ackerbaudistrikten von Gulaipol, wo den Juden der Branntweinverkauf bei zweijähriger Gefängnißstrafe verboten ist, wo jüdische Wucherer unbekannt sind, wurden sie noch schändlicher mißhandelt, als anderwärts, wurden sie vollständig ruinirt. In einer Unterredung, die Graf Kutaisoff mit dem Oberrabbiner Dr. Pesker in £ 'i . »

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