Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1881)
- Date
- 1881-05-04
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
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464 kennen, wo die wenigen fruchtbaren Stellen schon bebaut sind. Aber hier, in Moab und Gilead, sind 3000 Fuß hohe Tafelländer, ans welchen dichte Wälder mit reichem Wiesenland abwechseln, von üppigen Thälern durchschnitten, welche sich allmählich zu einer Ebene von subtropischem Charakter oberhalb deZ Todten Meeres senken, das 1300 Fuß unter dem Meeresspiegel liegt. „Aber die Höhenverhältnisse," sagt Hr. Oliphant, „geben keinen genügenden Begriff von den klimatischen Verschiedenheiten, welche von den eigenthümlichen Verhältnissen des Jordan-Thales herrühren, dessen Lage unter dem Meeresspiegel die Ursache so großer Gegensätze der Vegetation von derjenigen der Berge von Gilead darbietet, als betrüge der Unterschied der relativen Höhe 10,000 Fuß, anstatt der Hälfte dieser Erhebung. Die Folge davon ist, daß an keinem Orte der Erde sich auf so kleinem Raum eine so große Abwechselung der Bodenerzeugnisse erzielen läßt. Das Thal des Jordan würde ein ungeheures Treibhaus für die neue Colouie abgeben. Hier könnten Palmen, Baumwolle, Indigo, Zucker, Reis, Sorgum angebaut werden, außerdem Bananen, Ananas, Aamswurzeln und andere Feld- und Garteufrüchte. Etwas höher eignet sich das Land für Tabak, Mais, Ricinus, Hirse, Flachs, Melonen, Kürbisse, Kümmel, Koriander, Anis, Granaten, Orangen, Feigen und so herauf bis zur Hochebene, wo Weizen, Gerste, Bohnen und Linsen verschiedener Art mit Oliven und Weintrauben die Hauptproducte bilden würden. Gilead besonders ist ein Land des Weins und des Oels; es eignet sich auch vorzüglich zum Seidenbau, während in den Wäldern der Johannisbrodbaum, die Pistazie, der Mandelbaum und viele balsamische und harzreiche Pflanzen in Menge wachsen. Alle Früchte des südlichen Europa, wie Aprikosen, Pfirsiche und Pflaumen, gedeihen trefflich, sowie besonders auf den Höhen Aepfel, Birnen und Quitten; hier würden auch die Früchte und Gemüse Englands fortkommen." „Die von Hrn. Oliphant projectirte Colonie würde im Westen vom Jordan und von dem westlichen Ufer des Todten Meeres begränzt werden, denn dieses merkwürdige Wasserbecken soll in die Gränzen des Landes eingeschlossen werden. Im Norden würde es an den Jabok, im Süden an den Arnon stoßen, während die Haj-Straße, auf welcher die Pilger nach Mekka ziehen, dicht an der Ostgränze vorbeiführen würde. Der Grund, weßhalb das Todte Meer mit eingeschlossen werden soll, ist der, daß dieses merkwürdige Gewässer eine Fundgrube großen Reichthums ist, und nur der Aufwendung von Capitalien und Arbeit bedarf, um ein höchst werthvoller Besitz zu werden. Der Reichthum an Kalum allein, wovon jährlich 200,000 Tons in England verbraucht werden, ist unerschöpflich, während Petroleum und Asphalt sich in großer Menge an seinen Ufern finden. Hr. Oliphant berechnet, daß ein Capital von 1 Mill. Pf. St. genügen würde, um die nöthigen Ländereien zu kaufen, da sie fast gänzlich unbewohnt sind. Wenn auch nur 50,000 aufgebracht und, wie er mit vieler Offenheit sagt, „zum Theil zu gut angebrachten Bestechungen m Konstantinopel, zum Theil zum Ankauf von Land, das nicht deni Staate gehört, verwendet würden, so könnte man dafür die ganze Provinz Ajlun kaufen, und die Anlage würde fabelhafte Zinsen bringen." Im Falle, daß das ganze Land Gilead und die Ebenen von Moab gewählt würden, wäre der westliche Theil der Colonie nur eine bequeme Tagereise von Jerusalem entfernt, von wo man sich im Anfang alles Nothwendige verschaffen könne; der Vermittelungsort für die Ausfuhr aber würde Haifa, am Fuße des Berges Karmel, sein. Hr. Oliphant schlägt dann ein höchst sinnreiches Eisenbahnnetz vor, welches, wie ein Blick auf die Karte zeigt, jedenfalls wnnschenswerth sein müßte, mag nun die Niederlassung zu Stande kommen oder nicht; denn es würde zu der näheren Kenntniß und Nutzbarmachung großer furchtbarer Landstriche führen, welche unter der türkischen Mißregierung zur Wildniß geworden sind. Die Hauptlinie würde von Damaskus nach Jsmailia am Suez-Canal gehen und sich dort mit den ägyptischen Bahnen vereinigen; diese Linie würde das Jordan-Thal entlang und durch die beabsichtigte Colonie gehen, eine Zweiglinie von Tiberias nach Haifa aber Damaskus mit dem Mittelländischen Meere verbinden. Eine noch kürzere Linie würde nach Jerusalem führen und vom Südende des Todten Meeres aus eine Eisenbahn über Petra nach Akabah gehen und so die Verbindung mit dem Rothen Meere Herstellen. Unabhängig von den großen Handelsvortheilen der letztgenannten Linie würde sie von großer Wichtigkeit für die nach Mekka Pilgernden sein, die so von Damaskus mit der Eisenbahn nach Akabah gelangen und von dort Dampfschiffe nach den Häfen von Medina und Mekka nehmen könnten. Die ganze Länge der Linie von dem Mittelländischen nach dem Rothen Meere würde etwa 260 (englische) Meilen betragen, von denen die ersten 150 durch ein reiches bevölkertes Land gehen. So wäre ein neuer Weg nach Indien gewonnen, dessen Herstellung leichter und minder kostspielig sein würde, als der Weg durch das Thal des Euphrat; zugleich würde die Bahn vermuthlich einträglicher sein, da Syrien und Palästina dadurch in directe Eisenbahnverbindung mit dem Rothen Meer und dem Handelsverkehr des Orients gebracht würden. Es ist überflüssig auf die besonderen Vortheile hinzuweisen, welche der Colonie in Gilead erwachsen müßten, die,