Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 9 (10.3.1883)
- Date
- 1883-03-10
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Samuel, der blinde Geiger. Novelle von Alois Aul ko. Ein Beifallssturm durchbrauste den Concertsaal eines kleinen deutschen Landstädtchens; das Publicum war entzückt von dem herrlichen Spiele des.jungen Künstlers. ״Bravo! bravo!", so tonte es von allen Lippen, ״der Sohn unseres alten Cantors, der schöne Samuel, hat heute wahrhaft göttlich gespielt, er ist zum Künstler berufen" u. s. w., wie sie alle heißen mögen, die Lobesphrasen, mit denen die Kunstenthusiasten, angeregt von momentaner Begeisterung, den Tonkünstler und seine Leistung überzuckern; und noch berauscht von den seltenen musikalischen Genüssen, welche das Wohlthätigkeitsconcert in reicher Fülle darbot, entfernte sich das Publicum aus dem Concertsaäle. Aller übrigen Piecen vergessend, drehte sich die allgemeine Conversation einzig um Samuel's schöne und nach den engen Begriffen der kleinstädtischen Kunstrichter ausgezeichnete Variationen, welche derselbe als Erstlingscomposition auf seiner Violine gespielt hatte. Selbst die Kritik, welche hinter der Riesencravate des ersten Kunstkenners des Städtchens, eines alten bärbeißigen sogenannten ״Schoßberger Musikanten", der sich schon vor vielen Jahren im Städtchen angesiedelt hatte, mit einer Miene hervorblitzte, als wollte sie den Andern mitleidig lächelnd zunicken: ״Nur ich habe eine Stimme!" zwang sich zu einer beifälligen Stellung der Mundwinkel. Doch trotz dieser großen Triumphe konnte der Held des Abends nicht fröhlich werden. In der einsamen Lindenallee seufzte er vor sich hin und dachte an Röschen, die Tochter des reichen jüdischen Gemeindepräses. ..Sie war es," sprach er entzückt, ״aus deren Feuerblicke der zündende Funke in meine Brust sprang, und jene quälvolle und dennoch süße Gluth anfachte, die mir das Blut so heiß durch alle Adern wallen macht. Ich sah nur sie im bunten Kranze der Mädchenwelt, sie, die Krone, von deren Schimmer alle Anderen erbleichten und — so erschöpfte er sich in blumenreichen Lobeserhebungen aller Vorzüge Röschens, bis er, wie betäubt durch die Uebermacht seiner Gefühle, das Haupt auf die Hand gestützt, sich über die Rasenbank hinlehnte und mit dem Spazierstocke die ihm so innig liebgewordenen Namenszüge Röschens in den weichen Sand schrieb. Die blitzenden Augen, die bebenden Lippen, denen mehrmals unverständliches Gemurmel entquoll, die hochgerötheten Wangen ließen auf einen heftigen Gemüthskampf schließen, dessen unmittelbare Folge ein rascher Entschluß und ein eben so rasches Aufspringen war. Er schlang die Arme ineinander und stürmte die Allee auf und nieder. ״Ich muß die schwere Bürde vom ängstlich pochenden Herzen wälzen, sie soll, sie muß es erfahren, wie die Flamme der leidenschaftlichsten Liebe an dem Marke meines Lebens verzehrend leckt; vielleicht — o gräßliches vielleicht! — vermag die Wärme meiner Liebe die Eisdecke um ihr Herz zu schmelzen. Aus meinen Blicken konnte sie ja längst lesen, was für sie im Innern schlägt, — freundlich lächelte mir ja stets ihr Auge — nicht ganz unempfindlich nahm sie meinen vielsagenden Händedruck hin." Es glimmt mancher Funke von Hoffnung in der Asche von süßen Erinnerungen an längst entschwundene, im Grunde bedeutungslose Einzelheiten im Umgänge mit Jenen, für welche das lebhafteste Interesse herrscht und solche Funken sind es oft, welche die Liebe zur Hellen Flamme anfachen. Und so tröstete sich Samuel mit lieblichen Träumereien; er hatte Röschen ein Lied versprochen. Dies sollte ihm Gelegenheit bieten, ihr die Geheimnisse seines Herzens zu entfalten. Er eilte schnell nach seinem stillen Zimmer, das Lied lag längst schon bereit, doch wie die Sache einkleiden? wie ihr so zart und innig als möglich entdecken, was sein Heiligstes, was er so lange verschwiegen, um dem Witze einer Kleinstadt keine Nahrung zu bieten, der nach solchen Dingen gierig schnapt? Jetzt aber glaubte er stark genug zu sein, um alle Hindernisse, die sich seiner Liebe entgegenstellteu. zu überwinden. Hatte fich ihm doch heute eine glückverheißende Aussicht für seine Zukunft eröffnet! Begeistert von diesen seligen Gefühlen wollte er seiner Liebe für Röschen Ausdruck geben und — dichtete ein Sonett. Lassen wir den plötzlich zum Poeten umgewandelten Violinspieler, und werfen wir einen lauschenden Blick zu Röschens Stickrahmen, an welchem sie, tiefer als je in Gedanken versunken, die Nadel tactmäßig auf- und niedergleiten ließ. Auch sie war in dem Concerte gewesen und hatte den großen Beifall, den der junge Künstler geerntet, mit angehört- Sie nahm innigen Antheil an seinen Triumphen, denn die aufkeimende Leidenschaft in Samuells Herzen war ihr nicht entgangen. Doch sie wagte es sich selbst nicht zu gestehen, wie wenig gleichgiltig ihr der düstere Schwärmer war, sie wollte kräftig ihr Gefühl verleugnen — aus Furcht vor der Lästerzunge der Klatscherei, aus Furcht vor dem ersten Vetospruche eines Vaters, einer Mutter, denen die vertrautere Verbindung mit dem Sohne des — Cantors, dessen glückliche Zukunft allein auf den bis jetzt noch geringen Anzeichen von Talent für die Tonkunst beruhte, nicht sehr angenehm fallen möchte. Eben solchen unfreundlichen Erwägungen nachhüngend, seufzte das blonde blauäugige, reizend schöne Röschen vor sich hin, da hüpften ihre jüngeren Schwestern fröhlich herbei und legten ein Packetchen auf ihre Stickerei. Hastig und mit naiver Neugierde erbrach sie dasselbe, indeß sich die nicht minder neugierigen Schwesterchen an sie anschmiegten und über ihre Schultern in das entfaltete Papier schielten. Es war die Com- Position Samuel's zierlich geschrieben, begleitet von einem netten Briefchen, die herzliche Widmung des Liedes enthaltend Da erblickte sie auch aus der zweiten Seite Schriftzüge, und seltsam befangen, als ahnte sie ein unerklärliches Etwas, schob sie das Billet schnell unter ihre Schürze, um es den neugierigen Blicken der Schwestern zn entziehen. Als sie aber allein am Flügel saß, um das Lied zu singen, öffnete sie rasch das Billet und las die Zeilen mit gesteigertem Interesse, versank dann in Träumen, und erst als ihre Hand, mit der sie, wie vor sich selbst erröthend, das Haar von der glühenden Stirne gestrichen hatte, unwillkürlich über die Tasten des Flügels hiugleitete, erinnerte sie sich an das Lied, um dessentwillen sie sich von der Arbeit entfernt hatte. Mit zitternden Händen spielte sie die kurze Einleitung; chre glockenhelle Stimme bebte diesmal, als sie den Klagegesang eines liebenden Herzens singen sollte. Endlich gelang es ihr, ihres Organes Herrin zu werden, und je mehr sie in der einfach-rührenden Composition vordrang, desto mehr schien ihr' alles aus der Seele gesprochen. (Fortsetzung folgt.)